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hr-iNFO Büchercheck: Gert Loschütz „Ein schönes Paar“

Der Schriftsteller Gert Loschütz hat eine bewegte Familiengeschichte. 1946 im sachsen-anhalthinischen Genthin geboren, übersiedelte er 1957 mit seiner Familie ins hessische Dillenburg . Diese Geschichte um die Flucht aus der DDR und das Ankommen im Westen hat Loschütz immer wieder literarisch verarbeitet – so auch in seinem neusten Roman: „Ein schönes Paar“.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Es ist ein Roman über eine Liebe im Schatten der deutsch-deutschen Teilung. Die Hauptfigur ist ein Fotograf namens Philip. Als dessen Eltern kurz nacheinander sterben und er ihre Hinterlassenschaften ordnet, stellt er fest, dass die beiden– obwohl seit Jahrzehnten getrennt – auf merkwürdige und intensive Weise miteinander verbunden geblieben waren.
„Es war ein Totentanz, denke ich noch jetzt, Jahre danach. Dieses Festhalten, Loslassen, Heranziehen, Abstoßen war wie ein Totentanz. Sie lebten noch, sie waren zusammen, sie hielten sich am Arm, aber zwischen ihnen ging ein Dritter, der Abschied. Er war es, der sich bei ihnen eingehakt hatte.“
Philip rekonstruiert die Geschichte seiner Eltern vom Kennenlernen 1939, über das prekäre Leben in der DDR, bis zur Flucht in den Westen und zum Zerbrechen der Ehe unter dramatischen Umständen. So ergibt sich nach und nach das Bild zweier Menschen, die zusammengehörten, aber nicht zusammen sein durften, das Bild einer Liebe, die – wie es im Roman heißt – durch die Liebe selbst zerstört wurde.

Wie ist es geschrieben?
Der Ton dieses Romans ist nicht laut oder dramatisch, sondern eher intensiv und spannungsgeladen. Loschütz hat ein präzises Gespür für die enttäuschten Hoffnungen und gescheiterten Ansprüche seiner Figuren. Da ist die Mutter, deren Kleiderschrank vollgestopft ist mit selbstgeschneiderten, aber nie getragenen Kleidern; oder da sind die Werbestrategen der DDR, die ihre realsozialistischen Fernsehgeräte großspurig „Rembrandt“ und „Rubens“ nennen.
Das besondere dieses Romans ergibt sich aber dadurch, dass seine Hauptfigur ein Fotograf ist – einer, der Welt in Bildern wahrnimmt, und zwar immer wieder in Bildern, die urplötzlich ins Abgründige kippen – wie zum Beispiel in dieser Badesee-Szene: „Das Wasser selbst war so schwarz, dass man nicht hindurchzuschauen vermochte, so dass jemand, der bis zum Bauch darinstand, wie ein Torso aussah, wie ein Halbierter.“ Mit solchen Bildern gelingt es Loschütz immer, die merkwürdige Spannung sinnfällig werden zu lassen, die die Eltern des Erzählers miteinander verbindet und gleichzeitig voneinander trennt.

Wie gefällt es?
Gert Loschütz zeichnet mit diesem Roman ein eindringliches Portrait deutsch-deutscher Zerrissenheit. Man kann diese Geschichte als Allegorie der deutschen Teilung lesen. Man kann sie aber auch als Hommage des Autors an die außergewöhnliche Liebe seiner Eltern begreifen – einer Liebe, die man so noch nicht erzählt bekommen hat, und die von daher ein ganz anderes, ein ganz neues, ein außergewöhnliches Licht auf die jüngere deutsche Geschichte wirft. 4 Sterne!

Gert Loschütz: „Ein schönes Paar“, Schöffling Verlag, 22 EUR, ISBN: 978-3-89561-156-8

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hr-iNFO Büchercheck: Ralf Rothmann “Der Gott jenes Sommers”

Luisa ist 12. Sie lebt mit Mutter und einer ihrer Schwestern auf einem Landgut nahe Kiel. Ab und zu kommt auch der Vater vorbei. Er betreibt das Offizierskasino einer Marinekaserne in Kiel. Die Stadt selbst ist nahezu unbewohnbar, von britischen Bombern zerstört. Das Landgut gehört Luisas Schwager, einer SS-Größe. Aufgrund dieser Verwandtschaft geht es Luisas Familie deutlich besser als zum Beispiel den Flüchtlingen aus dem Osten, von denen Tag für Tag mehr kommen. Es sind die letzten Kriegswochen. Ralf Rothmann schildert sie aus Luisas Perspektive.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Es herrscht Endzeitstimmung. Der Vater trinkt, die Mutter ist in sich versunken, die Schwester ist erotisch umtriebig und verflucht die Nazis, die andere Schwester ist Teil des Regimes. Luisa dagegen vergräbt sich in Bücher. Sie liest, was sie kriegen kann. Ein empathisches, etwas frühpubertäres Mädchen, das scharf beobachtet. Sie fragt sich, woher das Menschenhaar kommt, das die Perückenmacherin im Dorf verarbeitet. Sie stromert im Gelände rum und macht auch vor dem Zaun des Zwangsarbeiterlagers nicht halt. Und sie horcht, wenn die Flüchtlingsfrauen von ihren Erlebnissen berichten. “Wenn wir den Krieg verloren haben und die asiatischen Horden kommen”, sagte sie beiläufig, “erschießen sie übrigens die Kapitalisten. Das hat mir eine Flüchtlingsfrau aus Schlesien erzählt, die hatte noch Blut am Schuh. Und wir werden brutal vergewaltigt – Mama, Gudrun, Billie, alle. Zerkratzt euch schon mal den Mund, dann denken die, ihr habt Syphilis, und lassen euch vielleicht in Frieden.”
Tag für Tag reichert sich Luisas Leben mit Erfahrenem und Erlebtem an: Hass und Mordlust der untergehenden Nazischergen, die Not der Flüchtlinge, die Depression und Angst der Zivilbevölkerung. Und sie erleidet tiefe persönliche Einschläge. Sie wird zum Missbrauchsopfer ihres Schwagers. Sie erkrankt an Typhus und überlebt gerade so. Ihr Vater erhängt sich oder wird vielleicht auch erhängt. Am Ende will Luisa ins Kloster. Einer Nonne sagt sie: “Ich habe alles erlebt”.

Wie ist es geschrieben?

Rothmann erzählt chronologisch aus dem Erleben Luisas. In einer zweiten Erzählebene lässt er eine fiktive Chronik des 30jährigen Krieges einfließen. So macht er das Leiden, das Grauen, die Unmenschlichkeit des Krieges als immer wieder kehrenden Faktor des Lebens deutlich. Er schreibt nicht analytisch, sondern eher reportagehaft. Er folgt den Beobachtungen seiner Heldin, und erzeugt dabei starke Bilder. Aber: diese Zwölfjährige ist mit viel Wissen oder zumindest Gespür für historische Wahrheiten ausgestattet. Das ist dann eher die Perspektive des Autors als die des jungen Mädchens.

Wie gefällt es?

Ja, die Figur des Mädchens und die Spiegelung des Themas Krieg in der barocken Chronik sind konstruiert. Auch erfährt man nichts Neues über diese Zeit, wenn man sich vorher schon mal damit befasst hat. Und doch ein unterhaltendes, auch anregendes und durch seine Bildsprache nachhaltiges Buch.

Ralf Rothmann: “Der Gott jenes Sommers”, Suhrkamp Verlag, 22 EUR, ISBN: 978-3518427934

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hr-iNFO Büchercheck: Jakob Hein „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“

Jakob Hein ist der zweite Sohn des Schriftstellers Christoph Hein, aber schon lange ein Autor eigenen Ranges. 14 Bücher hat der 1971 in Leipzig geborene Jakob Hein mittlerweile veröffentlicht. Sein jüngster Roman heißt „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Jakob Hein erzählt in diesem Roman eine tolldreiste Episode aus dem Ersten Weltkrieg, die sich so tatsächlich zugetragen hat. Edgar Stern war ein in Frankfurt geborener deutsch-jüdischer Leutnant, der im November 1914 eine Gruppe von 14 muslimischen Kriegsgefangenen, getarnt als Zirkustruppe, quer durch Feindesland von Berlin nach Istanbul bringen sollte. Das hört sich verrückt an, geht aber auf einen Plan der deutschen Heeresführung zurück: Man hatte die Idee, Muslime der Welt unter Führung des türkischen Sultans zum Heiligen Krieg, also zum Dschihad, aufzustacheln, um so die Kolonialmächte Frankreich und England im Kampf gegen Deutschland zu schwächen. Ein Plan, der allerdings einige Schwachstellen hatte – und so heißt es im Roman: „Der Sultan konnte oder wollte das deutsche Anliegen anfangs nicht verstehen. Die Aufgabe des Freiherrn bestand also darin, dem Sultan die Vorstellung eines Dschihad so zu suggerieren, dass der Sultan die Idee am Ende für die seine hielt.“
Um den türkischen Sultan doch noch von der Teilnahme am heiligen Krieg zu überzeugen, sollten die Kriegsgefangenen nach Istanbul gebracht und dort freigelassen werden. Das ist „Die Orientmission des Leutnant Stern“.

Wie ist es geschrieben?
Der Roman liest sich wie eine Satire, wobei Jakob Hein dem historischen Material wahrscheinlich gar nicht viel hinzufügen musste, so absurd war das ganze Unternehmen. Aber man merkt, wie viel Spaß es dem Autor gemacht hat, diese irrsinnige Geschichte zu erzählen: „In den kommenden Wochen hatte Stern das zweifelhafte Vergnügen, den Plan, entstanden in seinem Kopf und ausgearbeitet mit einer Handvoll Pionieren bei vielen Gläsern Wein, in die knochentrockene Realität des preußischen Militärwesens übersetzen zu müssen, was sich anfühlte, als versuche man, einer Lokomotive den Walzer beizubringen.“
Jakob Hein erzählt mit hörbarer Lust an der Pointe und nimmt sich doch gleichzeitig als Autor sehr zurück. Er präsentiert diese Geschichte nicht nur aus dem Blickwinkel Sterns, sondern auch aus Sicht der anderen Beteiligten, und dieses und Mit- und Gegeneinander von kulturell ganz unterschiedlichen Perspektiven lässt das Ganze nochmal witziger werden.

Wie gefällt es?
Es ist eine tolle Geschichte, unterhaltsam und witzig erzählt, ohne dass der Sinn für die Abgründigkeit des Geschehens verloren gegangen wäre. Wenn Edgar Stern etwa in Istanbul die in Brand gesteckten Kirchen der Armenier sieht, dann wird klar, dass diese aberwitzige Orientmission vor dem Hintergrund schlimmster Tragödien geschieht. Darüber hinaus erzählt Jakob Hein aber auch eine Geschichte, die zeigt: Vor einhundert Jahren fühlte sich Deutschland durchaus dem Islam verbunden. Und das ist doch eine welthistorische Pointe, die zu denken gibt.

Jakob Hein: „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“, Galiani, 18 EUR, ISBN: 9783869711720

hr-iNFO Büchercheck: Ian McGuire „Nordwasser“

Nordwasser – das ist der zweite Roman des englischen Schriftstellers Ian McGuire – und der Roman, mit dem er 2016 für den Britischen Booker Prize nominiert war. Ian McGuire ist Jahrgang 1964 lebt in Manchester, lehrt kreatives Schreiben an der Universität von Manchester.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Dieser Roman beginnt in der nordostenglischen Hafenstadt Hull, Mitte des 19. Jahrhunderts: an Bord des Walfangschiffes „Volunteer“ treffen zwei Menschen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine – der Harpunier Henry Drax – ist ein Mann wie eine Naturgewalt und gleichzeitig das personifizierte Böse. Der andere – der Schiffsarzt Patrick Sumner – schleppt eine traumatische Vergangenheit mit sich herum, versucht aber, auf den Schiff die Standards von Recht und Menschlichkeit aufrecht zu halten – und wird dadurch zum erbitterten Gegenspieler des rücksichtslosen Drax. Die Auseinandersetzung der beiden nimmt dramatische Ausmaße an, als eines Tages an Bord ein Schiffsjunge erst missbraucht und dann ermordet wird. Schiffsarzt Sumner kann Drax der Tat überführen – was ihm aber erst einmal wenig bringt, denn die „Volunteer“ bleibt plötzlich im Packeis stecken – und der verzweifelte Kampf der Crew mit den Naturelementen, mit Eis, Sturm und Hunger überlagert alles andere.

Wie ist es geschrieben?
Ian McGuire beherzigt beim Schreiben das, was Billy Wilder mal als perfekte Filmdramaturgie empfohlen hat: „Mit einem Erbeben beginnen und dann das Ganze langsam steigern.“ „Nordwasser“ packt den Leser von der ersten Seite an und lässt ihn nicht mehr los: Das liegt zum einen an der spannenden und immer dramatischer werdenden Handlung; das liegt aber auch an der Sprache McGuires, die alle Sinn anspricht, und zwar von der ersten Zeile an! Mit diesen Sätzen beginnt der Roman : „Sehet den Menschen. Er schlurft aus Clappison’s Courtyard heraus auf die Sykes Street und schnüffelt die vielschichtige Luft – Terpentin, Fischmehl, Senf, Grafit, der übliche durchdringende morgendliche Pissegestank geleerter Nachttöpfe. Er schnaubt einmal, streicht sich über den borstigen Kopf und rückt sich den Schritt zurecht. Er riecht an den Fingern, dann lutscht er langsam jeden einzelnen und leckt die letzten Reste ab, um auch wirklich alles für sein Geld zu bekommen.“
In diesem Roman riecht, schmeckt und spürt man die Welt der Seeleute und Walfänger hautnah – das ist nicht immer angenehm – aber fesselnd von Anfang an.

Wie gefällt es?
Ich muss zugeben, ich habe ein Faible für Romane, die vom Meer und von den Urgewalten der Natur handeln – und ich mag Kriminalgeschichten, also Geschichten, die von den Abgründen der menschlichen Natur handeln. Beides bringt dieser Roman auf spannende Weise zusammen. Das ist mitunter drastisch, das ist manchmal auch schwer zu verdaulich, aber in letzter Konsequenz mitreißend geschrieben und mitreißend erzählt – ein fantastischer Roman.

Ian McGuire: „Nordwasser“, übers. von Joachim Körber, mare, 22 EUR, ISBN: 978-3866482678

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hr-iNFO Büchercheck: Jesmyn Ward „Singt ihr Lebenden und ihr Toten, singt“

Der 13jährige Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben im Haus der Großeltern in Mississippi. Der Großvater züchtet Ziegen, ist eine Art Selbstversorger. Die Großmutter dämmert krebskrank dem Tod entgegen. Die Mutter jobbt in einer Kneipe, schluckt Drogen, wenn sie sie kriegen kann und hat keine Empathie für ihre Kinder. Der Vater, ein Weißer, sitzt im Knast. Seine Eltern lehnen ihre Enkel und deren Mutter ab, es sind ja Schwarze. Und der Cousin des Vaters hat einst den Bruder der Mutter erschossen, weil der eine Wette gegen ihn gewonnen hatte. Die Tat wurde als Jagdunfall vertuscht.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner den Roman gelesen.

Worum geht es?
Das Setting macht schon klar, es geht um soziales Elend, um tief verwurzelten Rassismus, um Gewalt und Unrecht. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Es gibt noch Hoffnung für eine bessere Zukunft. Dafür stehen die fürsorglichen Großeltern, die für die beiden Kinder die eigentlichen Eltern sind, dafür steht auch die symbiotische Beziehung der beiden Kinder zueinander. Sie kleben wie Kletten aneinander, stützen sich gegenseitig. Und: diese Menschen verfügen über Kräfte, die ihnen helfen, dem Alltag stand zu halten und nach vorne zu gucken. In ihrer Wahrnehmung tauchen immer wieder Geister von Verstorbenen auf. Jojo, Kayla und ihre Mutter erkennen sie und reden mit ihnen. Es sind der ermordete Bruder der Mutter und ein Junge, der einst im Gefängnis zu Tode kam, weil der Großvater, der dort auch Zwangsarbeit leisten musste, ihn nicht retten konnte. Diese Figuren heben Raum und Zeit auf, verknüpfen die Vergangenheit mit der Gegenwart. Die Großmutter wiederum, eine Art Heilerin, glaubt nach wie vor an die Götter ihrer nigerianischen Vorfahren. Sie kann erst sterben, wenn diese Götter ihr in einem Ritual den Weg ins friedliche Jenseits weisen. Reale Welt und magische Parallelwelt vermischen sich so ständig. Es ist das Panorama einer schwarzen Südstaatenfamilie.

Wie ist es geschrieben?
Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive Jojos und seiner Mutter. Diese Perspektiven prallen hart aufeinander. Hier der empathische Sohn, dort die egoistische Mutter. Schon daraus ergeben sich dramatische Situationen. Ward erzählt sie mit großer sprachlicher Ausdruckskraft, mit Bildern in fetten und leuchtenden Farben. Ein intensives Erzählen. Das Drama spitzt sich zu, als der Geist des Jungen aus dem Gefängnis darauf drängt, seinen Tod aufzuklären. Der Großvater offenbart schließlich seine tragische Schuld. Er hatte den Jungen aufgespürt, als ein Trupp gewaltbereiter Weißer ihn nach einem Ausbruch suchte.
Er tötete ihn, weil ihn sonst die weißen Häscher brutal zu Tode gefoltert hätten.

Wie gefällt es?
Ich finde, Jesmyn Ward hat ein gleichermaßen zeitkritisches wie phantastisches und vor allem hochemotionales Buch geschrieben. Man muss sich nur darauf einlassen, die magische Einheit von Vergangenheit und Gegenwart als subjektive Realität zuzulassen. Dann wird man dieses Buch als tolle Entdeckung empfinden.

Jesmyn Ward: „Singt ihr Lebenden und ihr Toten, singt“, Verlag Antje Kunstmann, 22 EUR, ISBN: 978-3956142246

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hr-iNFO Büchercheck: Jan Weiler „Kühn hat Ärger“

Jan Weiler ist ein bekannter und sehr erfolgreicher deutscher Autor. So wurden z.B. seine Romane „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ und „Und ewig schläft das Pubertier“ verfilmt. Nun hat sich Jan Weiler auch auf das Krimi-Schreiben verlegt.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
An einer Münchener Straßenbahnhaltestelle wird Amir Bilal, Sohn libanesischer Einwanderer, tot aufgefunden. Brutal zusammengeschlagen und –getreten, abgelegt wie Abfall. Kriminalhauptkommissar Martin Kühn, nach einem burn-out wieder im Dienst, ermittelt. Und erfährt, dass Amir bei der Polizei als Intensivtäter bekannt war, aber in den letzten Monaten eine Verwandlung durchlebt hatte: er war freundlich und fleißig geworden, wollte etwas aus seinem Leben machen. Der Grund: Julia van Hauten, die Tochter einer sehr reichen Familie. Zwei Welten haben sich getroffen, so erfährt es Kühn bei einer Befragung im Haus der van Hautens:
„Dann erzählte van Hauten, wie Bilal in ihrem Leben aufgetaucht war. Wie sie ihn gemocht hatten, wie glücklich sie über die bereichernde Beziehung ihrer Tochter mit Amir waren. Wie gern sie ihn um sich hatten. Dass Amir auch mit Julias Bruder Florin eine gute Beziehung hatte. Man habe miteinander Urlaub gemacht, Amir habe ihn auch mal um Rat gefragt und sei in den paar Monaten unglaublich aufgeblüht. Ein netter, kluger und reflektierter Junge sei er gewesen. Dazu wissbegierig und liebevoll mit seiner Tochter. Himmelherrgott noch mal, ist das alles dufte hier. Das war ein Heiliger unter lauter Heiligen. Aber warum nicht? Was ist daran verkehrt? Sie haben dem Jungen offenbar gutgetan. Und sie haben es gern gemacht. Wenn es mehr Menschen wie diesen Mann gäbe, wäre die Welt ein besserer Ort.“

Wie ist es geschrieben?
Jan Weiler hat einen neuen, eigenen, für einen Krimi ungewöhnlichen Ton. Da ist der Polizist Martin Kühn, der oft am Leben und den Ungerechtigkeiten verzweifelt, der grübelt, nachdenkt und sich fremd fühlt in Gegenwart der wohlhabenden, aber äußerste zuvorkommenden van Hautens. Weiler schildert das mal skeptisch, mal amüsiert, oft aber auch bissig. Nur manchmal schimmert das eher humoristische Potential des Autors durch, das man aus seinen anderen Büchern kennt. Weiler hat „Kühn hat Ärger“ mit viel Einfühlungsvermögen für sein Personal und mit Interesse für deren Schicksale geschrieben und entwickelt dabei auch einen Roman über den Zustand in unseren Städten.

Wie gefällt es?
Jan Weiler hat mich als Krimi-Autor restlos überzeugt. „Kühn hat Ärger“ ist ein politisches, ein spannendes, ein aufrührendes und überzeugendes Buch. Jan Weiler geht tief hinein in die gesellschaftlichen Probleme, in die Welt der Migranten und der Super-Reichen. Diesen Kontrast hält Polizist Kühn kaum aus – und Weiler schildert dabei auch eine moralische Wohlstandsverwahrlosung, die mich fast sprachlos gemacht hat. Wer aber denkt, diese Geschichte gehe nur um den Konflikt zwischen arm und reich, und dies sei auch der Grund für den Mord, der hat zu kurz gedacht. Das Buch ist deutlich vielschichtiger, als man auf den ersten Blick denkt…

Jan Weiler: „Kühn hat Ärger“, Verlag Piper, 20 EUR, ISBN: 978-3492057578

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Ein großartiger Schottland-Roman: Lewis Grassic Gibbon “Lied vom Abendrot”

Lewis Grassic Gibbon, der bürgerlich James Leslie Mitchell hieß (1901 – 1935), hat sich ganz besonders mit der Hauptfigur Chris so tief in die Herzen seiner Leser eingeschrieben, dass sie “Lied vom Abendrot” bis heute immer wieder zum größten schottischen Roman aller Zeiten wählen. Erzählt wird die Geschichte von Chris Guthrie, die unter ihrem strengen Vater leidet. Sie darf das College besuchen, bis die Mutter stirbt und Chris auf den Hof zurückkehren muss. Nach dem plötzlichen Tod auch des Vaters führt Chris jedoch nicht ihr Studium weiter fort, sondern verschreibt sich ganz dem kleinen elterlichen Anwesen am Fuße der rauen Mearns. Ihr Leben bleibt geprägt vom Konflikt zwischen der “englischen Chris” der Bildung und der “Kinraddier Chris” mit ihrer Liebe zur regionalen Sprache und Landschaft. Das belastet auch die junge Ehe mit dem Landarbeiter Ewan, bis der Ausbruch des Ersten Weltkriegs das Leben der ganzen Gemeinschaft unwiderruflich verändert.

Was “Lied vom Abendrot” neben dieser mitreißenden Geschichte zu einem Ereignis macht, sind die Sprachkraft und vor allem Sprachmelodie Gibbons. Wie ein nie versiegendes, vom Lauf der Jahreszeiten in Gang gehaltenes Lied bringt der Ton der Erzählung Menschen, Natur und Landschaft zum Klingen. Die Welt – mit ihren alltäglichen Mühen und ihrer Sprödigkeit – besitzt eine Schönheit, die nur Lewis Grassic Gibbon einzufangen in der Lage ist. Und Esther Kinsky, die eine deutsche Sprache gefunden hat, die “Lied vom Abendrot” in seinem vielgestaltigen, tiefen Reichtum und seiner Zuneigung zu den Menschen uns deutschen Lesern zugänglich macht.

Zum wundervollen Programm des Guggolz Verlages

 

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Städte mal anders…

Der Mandelbaum Verlag hat diese wundervollen Reiseführer im Programm, die Städte aus einem anderen Blickwinkel, nämlich dem jüdischen zeigen. Wir haben diese und eine ganze Reihe weiterer Bücher aus dem Verlag (siehe Link) derzeit und auch in Zukunft zu Gast.

Ein Beispiel:

Andreas Nachama, Ulrich Eckhardt


Jüdisches Berlin

Mit Fotografien von Elke Nord
Dieser Wegweiser zu den jüdischen Orten in Berlin – mit 400 Fotografien illustriert – lässt jüdische Vergangenheit und Gegenwart in Berlin lebendig werden.
Die hier in 29 Kapiteln beschriebenen Spaziergänge durch die jüdische Berliner Geschichte führen deutlich vor Augen, wie stark die Stadt von jüdischen Traditionen geprägt war und in welchem Maße diese fruchtbare Verbindung zertrümmert worden ist. In nur zwölf Jahren ging zugrunde, was innerhalb von zwei Jahrhunderten als eine europäische Hoffnung entstanden war.
Die erhalten gebliebenen jüdischen Orte mussten dem planerischen Neubeginn weichen, sodass dieser von Verdrängung begleitet war. So entstanden die Un-Orte jüdischen Lebens, die sich nur noch schwer entziffern lassen und der regelmäßig erneuerten Erklärung bedürfen. Die vielen kleinen Geschichten und Begebenheiten, die am jeweiligen authentischen Ort oder Un-Ort im Buch erzählt werden, schaffen mehr Bewusstsein und Gedächtnis als jedes Denkmal oder Mahnmal. Folglich gilt es, viele Denkorte zu schaffen statt großer Denkmäler, die die Erinnerung neutralisieren.
Mit Adressen zum jüdischen Leben und jüdischer Kultur heute.

Zum Verlagsprogramm

 

Bücher aus dem Mandelbaum Verlag bestellen

 

“Banker, Bordelle & Bohème” von Klaus Janke, Markus Häfner

Das Frankfurter Bahnhofsviertel, Ende des 19. Jahrhunderts zwischen Altstadt und Centralbahnhof entstanden, hat sich im Laufe von 130 Jahren radikal gewandelt: vom einst mondänen Übernachtungs-, Amüsier- und Einkaufsquartier zum internationalen Pelzhandelszentrum und vor allem zur Basis des Frankfurter Rotlichtmilieus. Heute ist das multikulturelle Bahnhofsviertel mit seiner Gründerzeitbebauung vor allem bei jungen Leuten angesagt.

Das Buch skizziert die wechselvolle Geschichte des Bahnhofsviertels und stellt dabei auch Protagonisten und “Typen” des Viertels vor.
“Banker, Bordelle & Bohème” ist das Begleitbuch zu einer Ausstellung des Instituts für Stadtgeschichte.

Liv: Wulf Dorn “Die Kinder”

Das Buch beginnt mitten in der Geschichte, was mir sehr gut gefallen hat. Der Anfang ist fesselnd und es wird viel Spannung aufgebaut. Daraufhin erfährt man aus der Sicht der Überlebenden, was passiert und wie sie in diese Situation gekommen ist. Ein Psychiater soll daraus ein Gutachten erstellen und den mysteriösen Fall aufklären, wie die Einwohner eines ganzen Dorfes innerhalb einer Nacht unauffindbar verschwinden konnten.

Allgemein wurde das Buch gut geschrieben und es gibt mehrere Anhaltspunkte über die Geschichte verteilt, die einen zum Weiterlesen verleiten. Man wird in gewisser Weise über den Mittelteil des Buches hin gefesselt, aber leider nicht mit enormer Spannung, sondern mit mysteriösen Vorfällen und sprunghaften Ortswechseln, welche sich im Laufe des Lesens noch aufklären.

Doch ist das Buch für mich kein Thriller im klassischen Sinne, da der Anfang dafür nicht genug Spannung liefert und das Ende, welches spannend wird, zu kurz ist. Der Nervenkitzel fehlt. Außerdem finde ich die Bezeichnung “Der neue Meister des psychischen Thrillers” nicht passend, da das Erzählte der Überlebenden keine Halluzination ist, die der Leser mit zu entschlüsseln versuchen kann, sondern auf der unrealistischen Wirklichkeit des Buches basiert. Zudem schneidet die Geschichte auch ein großes Problem auf der Welt an, führt es aber nicht weiter aus oder zeigt, wie man helfen kann.

Zusammenfassend kann ich dieses Buch denjenigen empfehlen, die gerne spannende Bücher lesen, welche aber nicht zu realistisch sein müssen, sondern eher mysteriös bleiben dürfen.

Wir danken Liv für diese Rezension!

 

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