hr-iNFO Büchercheck: Tilmann Rammstedt „Morgen mehr“

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Für den Erzähler seines neuesten Romans besteht die Herausforderung darin, dass er seine Eltern dazu bringen muss, einander zu finden und ihn exakt am 30. Juni 1972 zu zeugen. Das klingt ein wenig nach dem 80er-Jahre-Kinoklassiker „Zurück in die Zukunft“, ist aber viel lustiger und vertrackter.

Denn zu Beginn des Romans ist die Mutter des Erzählers drauf und dran, sich von einem schwermütigen Franzosen verführen zu lassen, während sein Vater kurz davor steht, mit einbetonierten Füßen in den Main geworfen zu werden. Wie es dem Erzähler trotz dieser denkbar schlechten Voraussetzungen gelingt, seine Eltern zusammen zu bringen– das erzählt Tilman Rammstedt in einem aberwitzigen Roadmovie-Roman, der von Frankfurt über München nach Paris führt.
Wie ist es geschrieben?
Dieser Roman ist rasant, witzig, voller Überraschungen – und das ist noch untertrieben. In 68 Kapiteln folgt ein absurder Einfall dem anderen. Das Tempo ist dementsprechend hoch, und der Text bewegt sich von Cliffhanger und Cliffhanger. Dazu kommen wunderbar skurrile Figuren, die man einfach liebgewinnen muss, allen voran der liebeskranke Vater des Erzählers, der seinen Schmerz in erhabenen Gedichtzeilen wie diesen auszudrücken versucht:
„Die leere Dose schon Halb voller Tränen Und mit dem rechten Auge Habe ich noch gar Nicht angefangen“
Oder Dimitri, der Frankfurts neuer Unterweltkönig werden will – und das, obwohl er eigentlich Uwe heißt und seiner Dialektfärbung nach zu schließen wahrscheinlich aus Offenbach kommt. Dafür verdanken wir ihm aber eine der schönsten Dialogstellen des Romans:
„Wir wissen dass Dimitri von Claudias Mutter erfahren hatte, wohin die Hochzeitsreise gehen sollte, nämlich in die „Stadt der Liebe“. Und wir wissen, dass Dimitri daraufhin „also Hanau, oder?“ gesagt hatte.“
Wie gefällt es?
Das fragen Sie noch? – „Morgen Mehr“ ist der witzigste Roman, den ich in diesem Jahr gelesen habe. Und wenn Sie jetzt befürchten, dass das alles vielleicht doch zu klamaukig sein könnte – auch da kann ich Sie beruhigen. Bei all dem Quatsch, den Tilman Rammstedt virtuos in Szene setzt – so stellt er doch auch ganz grundsätzliche Fragen nach dem Wesen der Zeit oder des
Erzählens – nur dass er das eben auf eine herzerfrischend witzige Weise macht. Philosophie zum Mitlachen eben. Was will man mehr?
Tilman Rammstedt: Morgen mehr, Hanser Verlag, EUR 20 Euro, ISBN: 9783446250963

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