hr-iNFO Büchercheck: Shida Bazyar ,,Nachts ist es leise in Teheran”

Shida Bazyar wurde 1988 in Deutschland geboren, als Tochter von Immigranten aus dem Iran. Sie studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und zog dann nach Berlin. „Nachts ist es leise in Teheran“ ist ihr erster Roman. Er speist sich aus ihrer eigenen Familiengeschichte, aber autobiographisch ist er deshalb nicht. Vieles ist verfremdet und fiktionalisiert. hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Shida Bazyar erzählt von einer iranischen Familie, die 1986 auf der Flucht vor dem Khomeini-Regime nach Deutschland kam. Der Vater, ein stiller, mutiger Mann, war dort Oppositioneller, doch die Lage wurde irgendwann unerträglich. Wir lesen von der Ankunft in Deutschland, von den endlosen Behördengängen der Eltern, den fehlenden Jobs, dem Versuch, sich zu integrieren und doch seinen Wurzeln treu zu bleiben. Und dann von den drei Kindern und ihrer Integration in deutschen Schulen, Unis, Freundeskreisen. Und natürlich auch von der nie nachlassenden Sehnsucht der Eltern nach dem Iran, die sich auf die Kinder überträgt, ob die das wollen oder nicht.

Wie ist es geschrieben?

Interessant ist, wie Shida Bazyar ihren Roman strukturiert hat: chronologisch, in fünf Kapiteln, die im Zehn-Jahres-Abstand spielen. Es erzählt jeweils ein anderer Protagonist. Erst der Vater, dann die Mutter, dann die drei Kinder. Durch diese Vielstimmigkeit wirkt der Roman sofort sehr authentisch. Der Vater zum Beispiel kommt nie mehr los von seinen Jahren im Untergrund.
“Das Evin-Gefängnis, der Ort, an dem wir all die Jahre im Kampf gegen die Monarchie unsere Schwestern und Brüder verloren, eigentlich ein Ort, der nie ein Ort war, sondern eine Parallelwelt, eine Parallelhölle, wer rauskam, erzählte nicht, was drinnen passiert war, wer rauskam, hatte drinnen erzählt, und das war fast das Unheimlichste daran. Das Evin-Gefängnis, ein Ort, der Menschen frisst, fast ein Ort, zu oft besprochen, um wahr zu sein.“
Wie gefällt es?

Ich habe Shida Bazyars Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ gerne gelesen, weil er literarisch sehr ansprechend ist. Die Geschichten der fünf Erzähler haben nichts mit meiner zu tun, aber sie erweitern mein Blickfeld und bieten ein sehr originelles Lese-Erlebnis. So schrecklich viele Flüchtlings-Schicksale auch sind, mit ihnen kommen viele neue Erzählmuster und Erzähltraditionen nach Deutschland.

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln,
Euro 19,99, ISBN 9783462048919

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