hr-iNFO Büchercheck: Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes

hr-iNFO Büchercheck vom 31.03.2016

Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes

Michael Kumpfmüller, 1961 in München geboren, arbeitete erst als Journalist, bevor er begann, Romane zu schreiben. Sein neues Buch
„Die Erziehung des Mannes“ könnte man als Erziehungs- oder Entwicklungsroman bezeichnen.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Georg heißt der Erzähler. Am Anfang des Buches ist er Mitte zwanzig, am Schluss um die sechzig Jahre alt. Georg ist Komponist und erzählt uns sein Leben. Von der Kindheit, in der er fürchterlich unter seinem autoritären Vater gelitten hat, bis ins Alter, wo er mit seiner Jugendliebe zusammen gezogen ist und ein erfülltes, zufriedenes Leben führt. Die Jahrzehnte dazwischen wurden zwar beruflich immer erfolgreicher, waren privat aber oft sehr schwierig: Ehe und Scheidung, Rosenkrieg und Patchwork-Familie, eine große Liebe, die sich nicht leben lässt, die wechselhafte Beziehung zu den drei Kindern. Georg musste viele Federn lassen, aber er hat auch viel Glück erlebt, wozu Frauen einen wichtigen Beitrag geleistet haben.

Wie ist es geschrieben?

Georg erzählt in der Ich-Form, in einem kühlen und klaren Ton, manchmal direkt ein wenig spröde. Wir erfahren unzählige Episoden und Erlebnisse aus seinem Leben, vieles wird fast bürokratisch-präzise registriert. Das wirkt auf die Dauer etwas eintönig. Georg neigt auch zu Schwarz-Weiß-Zeichnungen: der böse Vater, die gute, arme Mutter, die zänkische Ex-Frau, er selbst der liebevolle Vater. Das ist menschlich verständlich, literarisch aber problematisch. Wobei es Kumpfmüller auch immer wieder gelingt, seinen Figuren in messerscharfen Sätzen die Maske abzureißen. Dem Vater zum Beispiel:

“Manchmal hasste ich ihn. Wahrscheinlich meinte er es noch gut, wenn er meine Mutter wochenlang keines Blickes würdigte oder zu seinen Geliebten ging und bei nächster Gelegenheit vor Dritten so tat, als sei er der allerglücklichste Familienmensch. Dabei waren wir nur Staffage für die seit Jahren selbe Inszenierung, mit der er sich vor allen versteckte, seine Müdigkeiten, seine Angst zu scheitern, seine Unersättlichkeit.“

Wie gefällt es?

Mich hat Michael Kumpfmüllers „Die Erziehung des Mannes“ nicht so fasziniert wie seine früheren Romane. Er ist ein sehr kluger Kopf und ein großartiger Schriftsteller, in seinem neuen Roman fehlte mir aber eine innere Spannung, die entweder aus der Sprache kommt oder aus den Geheimnissen, die die Protagonisten mit sich herum tragen. Ich hätte so gerne mehr Tiefenstrukturen und gegenläufige Stimmen entdeckt.

Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, Euro 19,99, ISBN 9783462044812

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