hr-iNFO Büchercheck: Michael Krüger “Das Irrenhaus”

Michael Krüger gilt als deutsche „Verlegerlegende“. Einen Namen gemacht hat er sich auch als Kritiker, Lektor, Herausgeber, Übersetzer, Lyriker und Erzähler. Mittlerweile ist der 73-Jährige im Ruhestand. Literatur kann er trotzdem nicht lassen. „Das Irrenhaus“ so heißt sein neuer Roman.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Nicht in einem „echten“ Irrenhaus spielt Michael Krügers neuer Roman, sondern in einem großen Mietshaus. Das wird bewohnt von „lauter Irren“, wie der 40jährige Ich-Erzähler nicht müde wird zu betonen. Bewohnt von „gemeinen, banalen, widerlichen Missgeburten“. Diese Missgeburten schildert der Erzähler dann aber doch genüsslich, mit Akribie und großer Komik.
Früher war der Erzähler Archivar, das heißt, jemand, für den Fakten zählen. Aber den Job hängt er an den Nagel, als er auf dubiose Art ein ganzes Mietshaus in München erbt. Dort quartiert er sich inkognito ein, bewohnt eine fast leere 6-Zimmer-Wohnung und entschließt sich, mit seinem vielen Geld ein neues Leben zu beginnen.

Wie ist es geschrieben?
Mir erscheint Michael Krügers Roman wie ein ironisches Spiel mit Lebensentwürfen, Lesererwartungen, literarischen Formen und komischen Figuren. Ein Spiel auch mit philosophischen Maximen – die Welt als Irrenhaus – und mit literarischen, auch musikalischen Motiven. Schließlich ist „Das Irrenhaus“ auch ein Spiel mit dem Thema Schreiben und der Identität des Schriftstellers. Denn der Dichter Georg Faust hat Gedichte geschrieben, die denen des Dichters Michael Krüger ähneln bzw. sogar von ihm stammen. Und der Ich-Erzähler wiederum spielt ja die Rolle des Georg Faust. Krügers „Irrenhaus“ ist ein hintersinniges Vexierspiel mit der Autorschaft und dem Erzählen.
„Wer mit seinem Leben nichts anfängt, hatte ich auf einem meiner Streifzüge durch die Buchhandlungen bei einem Franzosen gelesen, schreibt, dass er nichts mit ihm anfangen kann, und so ist immerhin etwas getan. Wer sich durch die flüchtigen Geschehnisse des Alltags vom Schreiben abhalten lässt, wendet sich diesen Flüchtigkeiten zu und erzählt vonihnen, indem er sie als Flüchtigkeiten bezeichnet oder Spaß an ihnen findet, und schon ist sein Tag ausgefüllt.“

Wie gefällt es?
Michael Krüger bietet uns intelligente Unterhaltung. Die habe ich einerseits genossen, wirklich gefesselt hat mich dieser Roman aber nicht. Dafür ist er mir zu konstruiert, auch zu klamaukig.
An einigen Stellen allerdings schimmert eine ganz persönliche Betroffenheit durch. Da sagt z.B. ein alter Türke zum Erzähler: „Ich sehe dir an, dass du nicht aufgeben kannst.“ An solchen Stellen wird deutlich: Hier geht es auch um Michael Krüger selbst, um den erfolgreichen Verleger, der jetzt 73 Jahre alt ist. Und auf der Suche nach einer Haltung dem Alter gegenüber, nach einem neuen Sinn. Aber den hat er ja jetzt gefunden: im Schreiben.

Michael Krüger: Das Irrenhaus, Haymon Verlag 2016, 19,90 Euro, ISBN: 9783709972526

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