hr-iNFO Büchercheck: Julia Kissina “Elephantinas Moskauer Jahre”

Heute stellen wir Ihnen den neuen Roman von Julia Kissina vor.
Er heißt „Elephantinas Moskauer Jahre“.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Elephantina ist komplett durchgeknallt. Das junge Mädchen will sich von niemandem mehr etwas sagen lassen. Sie beschließt, ihr Leben ganz der Kunst zu widmen und verlässt das „piefige“ Kiew, um nach Moskau zu gehen. Da ist auch schon ihr Schwarm hin, ein berühmter Dichter der Avantgarde, der sowas wie ihr Guru wird.
„Elephantinas Moskauer Jahre“ handelt von Julia Kissinas eigener Entwicklung zur Künstlerin. Heute arbeitet sie vor allem im Bereich Performance und Fotografie. In den 80er Jahren gehörte Kissina zum Kreis der russischen Avantgarde, zu den Konzeptualisten um Wladimir Sorokin. Alle wollen andauernd die Kunst neu erfinden, schreiben Manifeste, ringen um künstlerische Freiheit und feiern natürlich wilde Parties. Und Elephantina ist mittendrin. Sie hat kein Einkommen und zieht wie eine Nomadin von einer Freundin zur Nächsten, schläft in Treppenhäusern, Theatergarderoben und dem Puschkin-Museum. So lange, bis sie wieder rausgeworfen wird. Dieses Vagabundieren, diese „Unbehaustheit“, spiegelt Julia Kissinas Weg zur Künstlerin.

Wie ist es geschrieben?
Julia Kissina überzeichnet alles. Der angebetete Dichter zum Beispiel ist so rundlich und rot im Gesicht, dass Elephantina ihn nur „Tomaterich“ nennt. So entlockt sie jeder Situation, jeder Begegnung, das größtmögliche satirische Potential. Es ist ein Vergnügen, das zu lesen, und es scheint ein bisschen, als hätte die Moskauer Kunstszene der 80er zum größten Teil aus selbstverliebten Schaumschlägern bestanden. Zum Beispiel, wenn die Moskauer Schriftsteller-Elite auf den Beat-Poeten Allen Ginsberg trifft.
“Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand ein rüstiger kahlköpfiger Opa, der wie ein Trainer aussah. Das Wort Ginsberg knisterte im Raum. Auf dem Gipfel des schwungvollen Gesprächs mit dem Amerikaner fragte mein Tomaterich den Buckligen, der vor Lachen fast erstickte: Verstehst du eigentlich, was die da reden? Ehrlich gesagt, ich verstehe Null. Dieser verdammte amerikanische Akzent!“

Wie gefällt es?
Ich mag den absurden Witz des Romans. Und ich mag Elephantina, diese Anarchin, die am liebsten geschlechtslos wäre und eine begnadete Poetin ist. Denn der Roman ist auch voll von ungewöhnlichen, bezaubernden Beobachtungen und Metaphern. Wenn das ginge, würde ich Elephantina glatt bei mir einziehen lassen.

Julia Kassina: Elephantinas Moskauer Jahre, Suhrkamp Verlag, Berlin, Euro 22,95,
ISBN 9783518425329

Zum hr-iNFO Büchercheck

BESTELLEN

Leave a Comment