hr-iNFO Büchercheck: Juan Marsé “Gute Nachrichten auf Papierfliegern”

Juan Marsé: Gute Nachrichten auf Papierfliegern
„Gute Nachrichten auf Papierfliegern“ heißt ein Buch des katalanischen Schriftstellers Juan Marsé.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Bruno ist 15. Er lebt mit seiner Mutter in einem Mietshaus in Barcelona. Im 2. Stock lebt Frau Pawlikowska, genannt Frau Pauli. Sie stammt aus Polen, kam im Zuge des 2. Weltkriegs nach Spanien, arbeitete als Varietétänzerin und sitzt nun einsam in ihrer Wohnung. Sonderbar ist sie. Sie wirft Papierflieger auf die Straße. Manche Texte sind angestrichen, wie Botschaften. Manchmal wirft sie aber auch Lebensmittel herunter oder Gebrauchsgegenstände. Die Alte spinnt, meint Bruno. Aber seine Mutter redet ihm gut zu, Frau Pauli zu unterstützen. So kommt es, dass er nicht nur für sie einkaufen geht, sondern für ein paar Pesetas auch Zeitungen besorgt, für weitere Papierflieger. Was treibt Frau Pauli an? Das will Bruno wissen. Mit jedem Tag, den er in ihre Wohnung hochsteigt, kommt er des Rätsels Lösung näher. In der Tat schickt sie Botschaften runter auf die Straße, positive Nachrichten, zum Beispiel für die Kinder. „Träume können sehr oft fliegen“, erklärt sie Bruno. Am Ende weiß man, es sind Gestalten aus der Erinnerungswelt der Frau Pauli. Und auch Bruno ist in diese Welt gedanklich eingetaucht. Im Alter hat ihr Lebenstrauma Frau Pauli eingeholt, das Warschauer Getto, dem sie knapp entkommen ist.

Wie ist es geschrieben?
Juan Marsé hat eine tragische Geschichte geschrieben, die zugleich bezaubernd ist. Seine Sprache ist leichtfüßig, bildhaft und empfindsam, nahezu impressionistisch. Sie erzeugt flimmernde Atmosphären, zum Beispiel, als Bruno die beiden Gettojungen halluziniert.
“Bruno rieb sich abermals die Augen und musterte erneut das Bild, das die auf dem Gehsteig gefläzten Brüder boten. Selbst in dem knalligen Mittagslicht, wenn die Sonne die Straße entzündet und die Farben hervorlocken will, wirkten die beiden eintönig grau, wie zwei aus einem Schwarzweißfilm entsprungene Jungen unter dem Schattenschleier einer vorüberziehenden Wolke.“

Wie gefällt es?
Nur 90 Seiten hat diese Erzählung. Aber das hat Juan Marsé gereicht, ein komplexes und tiefgründiges Werk zu schaffen. Mich hat dieses Buch sehr berührt. Dass das Vergangene nicht vorbei ist, dass es weiter wirken kann. Dass Realität eine Frage von Wahrnehmung ist und damit zutiefst subjektiv. Ja sicher, alles schon mal gesagt. Aber wie hellsichtig und einfallsreich Marsé es im Alter von über 80 Jahren erzählt, finde ich großartig.

Juan Marsé: Gute Nachrichten auf Papierfliegern, Klaus Wagenbach Verlag, Berlin,
Euro 14,90, ISBN 9783803113153

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