hr-iNFO Büchercheck: Donal Ryan „Gesichter der Wahrheit“

Irland nach dem Boom, Irland in der Wirtschaftskrise. Die Gesellschaft hat sich verändert, ihre Werte haben sich verändert. Es gibt ein paar Gewinner und viele Verlierer. Was geht in den Menschen vor? Das ist das Thema von Donal Ryans Roman.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Der deutsche Titel des Buchs „Die Gesichter der Wahrheit“ ist Programm. Wir lernen 21 Menschen kennen, die uns erzählen, wie es ihnen geht. Ökonomische Probleme, persönliche Probleme, Enttäuschungen, Wut, Verzweiflung, Fatalismus. Alle sind sie irgendwie Opfer. Einige haben für einen Bauunternehmer aus dem Ort gearbeitet, der eine Siedlung nach der anderen hochzog und sich mit dem Geld davon machte, als die Immobilienblase platzte. Zurück bleiben die Arbeiter, die nicht nur keinen Lohn mehr haben, sondern auch noch entdecken müssen, dass der Bauunternehmer ihre Sozialbeiträge unterschlug. Und sie müssen lernen, dass die Behörden nicht weiterhelfen. Allesamt Menschen, die durch ihr Schicksal nachhaltig verunsichert und mehr oder weniger sprachlos geworden sind. Jeder versucht sich irgendwie durch zu schlagen, die Gemeinschaft bleibt dabei auf der Strecke.


Wie ist es geschrieben?
21 Menschen im Umfeld eines Ortes, 21 Kapitel eines Romans. Jeder erzählt seine Geschichte aus seiner Perspektive, die einzelnen Sichtweisen ergänzen sich zu einer Gesamtsicht im Kopf des Lesers. Analog zu dieser Konstruktion ist auch die Sprache der Protagonisten höchst unterschiedlich. Mal zum Beispiel sensibel und elaboriert, mal blaffender Jargon. Dieser Wechsel der Sprache von Kapitel zu Kapitel ist nicht nur kurzweilig, er schafft auch Atmosphäre im gesamten Buch. Verstärkt werden diese Monologe durch einfache, aber sehr bildhafte Beschreibungen. Donal Ryan ist damit ganz nah bei seinen Figuren. Zum Beispiel bei Bobby, dem Vorarbeiter.
„Ich hätte wissen müssen, das was nicht stimmt, als Mickey Briars letztes Jahr ankam und nach seiner Betriebsrente fragte. Jungs, wusstet ihr, dass wir alle Anspruch auf ‘ne Betriebsrente haben? Wussten wir nich, Mickey. Is so, bei ‘nem Verein namens SIF. So ‘ne richtige Betriebsrente, nich nur die von Vater Staat. Die ist extra.“
Wie gefällt es?
Ich finde, Donal Ryan ist eine meisterliche Mischung gelungen. Das Erzählen aus der Perspektive der Figuren erzeugt eine Unmittelbarkeit, die ich berührend finde. Und durch die mosaikartige Gesamtperspektive, in der die Figuren und ihr Erleben in den unterschiedlichsten Sichtweisen auftauchen, entsteht eine facettenreiche gesellschaftliche Analyse. Als Leser gewinnt man dadurch einen scharfen Blick auf ein zeitgenössisches Irland, zumindest eins von 2012. Dass Ryan dabei auch irische Archetypen durchscheinen lässt, die man aus der irischen Literatur zu kennen glaubt, das macht für mich noch einen zusätzlichen Reiz aus.
Donal Ryan: Gesichter der Wahrheit, Diogenes Verlag, 22 Euro, ISBN: 9783257069631

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