hr-iNFO-Büchercheck: Anna Katharina Hahn “Das Kleid meiner Mutter”

Madrid im Sommer 2012: Anita, Mitte Zwanzig, lebt wieder im Kinderzimmer bei ihren Eltern. So wie viele ihrer Freunde. Sie haben keine Arbeit, kein Geld und keine Hoffnung. Also ein Gesellschaftsroman zur Eurokrise? Nein, das ist nur die Kulisse.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Im Grunde geht es in „Das Kleid meiner Mutter“ darum, dass Anita ihre Eltern eines Tages tot im Bett findet und ihr ihre unbändige Vorstellungskraft dabei hilft, dieses einschneidende Erlebnis zu bewältigen. Darum wirft sie sich auch in die prächtigen, altmodischen Kleider ihrer Mutter. Hahn überspitzt das bis ins Surreale. Sie lässt Anitas Camouflage perfekt gelingen. So, dass die neugierige Nachbarin, der Arbeitskollege des Vaters, alle, Anita wahrnehmen als ihre Mutter Blanca. Das führt zu skurrilen Situationen und ist bei aller Traurigkeit des Themas äußerst amüsant.
“Natürlich roch es im Schlafzimmer nicht nach Verwesung. Die Eltern waren tatsächlich da. Sie saßen immer noch auf den beiden Sesseln am Fenster. Anzug und Kleid schlotterten ihnen um die Glieder. Die Hände meines Vaters waren in seinen Manschetten verschwunden, unter dem geblümten Rock meiner Mutter lugten nur die Schuhspitzen hervor, nicht mehr, wie gestern noch, die nackten Knie. Kein Fuß berührte den Boden. Alles an ihnen war kleiner geworden, über Nacht geschrumpft.“
Alles scheint möglich in Anitas bunt schillernder Gegenwelt. Aber dann entdeckt sie, dass ihre Mutter eine Affäre mit einem geheimnisvollen deutschen Schriftsteller hatte.

Wie ist es geschrieben?

Fantasievoll, anrührend, witzig und spannend. Die junge Ich-Erzählerin erzählt flapsig und direkt. Sie begibt sich immer tiefer in die Nachforschungen über den Geliebten ihrer Mutter und bereitet sich auf ein Treffen vor.

Wie gefällt es?

So gut mir „Das Kleid meiner Mutter“ gefällt, leider will Anna Katharina Hahn zu viel auf einmal. Sie überfrachtet den Roman mit der Nazi-Geschichte des Schriftstellers und der Frage nach der deutschen Schuld. Trotzdem habe ich das Buch an zwei Tagen hintereinander durchgelesen. Genial und sehr poetisch finde ich z.B. die Idee, dass Hahn die verstorbenen Eltern immer weiter schrumpfen lässt, bis sie zwei kleine Puppen sind, die Anita am Ende einem fremden Mädchen auf dem Spielplatz schenkt.

Anna Katharina Hahn: Das Kleid meiner Mutter, Suhrkamp Verlag, Berlin, Euro 21,95,
ISBN 9783518425169

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