hr-iNFO Büchercheck: Thomas Melle: „Die Welt im Rücken“

Der Schriftsteller Thomas Melle kommt am nächsten Montag ins Frankfurter Literaturhaus – sein Buch „Die Welt im Rücken“ stand im vergangenen Herbst auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis und war einer der großen Favoriten für die Auszeichnung zum besten Roman des Jahres.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat das Buch gelesen.

Worum geht es?
Thomas Melle ist manisch-depressiv, er leidet unter einer bipolaren Störung, und das bedeutet, dass sein Selbst in mindestens drei Phasen zerfällt: Da ist der Maniker, der von grenzenloser Energie angetrieben wird, dessen Neuronen gnadenlos feuern, der Wahnvorstellungen hat, Freunde beleidigt, Schulden macht und seine Zukunft verspielt. Da ist der depressive Thomas Melle, der ins andere Extrem fällt, und mehrere Selbstmordversuche unternimmt, und da ist der Autor dieses Buches – Thomas Melle, der nach drei, immer verheerender werdenden Schüben dieser Krankheit herausfinden will, herausfinden muss, wer er überhaupt ist, wie diese Extremausschläge seiner Persönlichkeit mit ihm zusammenhängen, und wie er damit leben, arbeiten und sich der Zukunft stellen kann – immer von der Gewissheit bedroht, dass der nächste Schub diese Zukunft vollständig zerstören wird.

Wie ist es geschrieben?
Thomas Melle schreibt so, wie es seine Krankheit diktiert – in Extremen. Den ruhigen, sich kaum von der Stelle bewegenden Passagen über seine Depressionen stehen die hyperaktiven Phasen des Manikers gegenüber. Das ist eine Achterbahnfahrt, auf die Thomas Melle auch uns Leser mitnimmt. Das kann quälend sein, das kann atemberaubend sein, das ist mitunter sogar wahnsinnig komisch – wenn etwa der Maniker alles, aber auch alles auf sich bezieht – das diabolische Lächeln Wolfgang Schäubles auf dem Bildschirm, oder Sexgeständnisse von Madonna und Björk. Die beeindruckendsten Passagen in diesen Buch sind diejenigen, in denen er sich vollkommen ganz direkt der zerstörerischen Kraft dieser Krankheit stellt – Passagen, aus denen klar wird, dass es hier nicht nur um Literatur, sondern um das Ganze einer gefährdeten Existenz geht:
„Die bipolare Störung hat sich zwischen mich und alles gestellt, was ich sein wollte. Sie hat das Leben verunmöglicht, das ich leben wollte. Sie hat die Bücher durchgeschüttelt, die ich schrieb. Und wenn sich jetzt einer vielleicht fragt, wieso der Typ so narzisstisch viel von seinen Texten labert, dann ist die Antwort: weil die Text inzwischen mein Leben sind. Sonst habe ich nämlich kaum eines. Vielleicht bessert sich das irgendwann, vielleicht nicht.“

Wie gefällt es?
Dieses Buch ist nicht leicht zu ertragen – aber wie sollte es das auch sein? Hier nimmt mich ein Autor mit in die tiefsten Abgründe seiner gefährdeten Existenz. Ich habe dabei viel darüber erfahren, wie leicht ein Leben aus der Bahn geraten kann und wie mühsam der Versuch ist, wieder in die Spur zu kommen. Normalität, das ist mir beim Lesen klar geworden, ist eine äußert prekäre Fiktion. Schwer zu ertragen, aber gerade deshalb so lesenswert.

Thomas Melle: Die Welt im Rücken, Rowohlt Verlag, 19,95 EUR, ISBN: 9783871341700

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