hr-iNFO Büchercheck: T.C. Boyle „Die Terranauten“

Acht Menschen zwei Jahre unter einer Glaskuppel. Das gab es tatsächlich. Anfang der neunziger Jahre in Arizona. Dahinter stand die Frage: können Menschen in einer künstlichen Umwelt überleben. Das reale Projekt scheiterte. T.C. Boyle spinnt die Geschichte weiter.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Nein, es ist kein Wissenschaftsroman, den Boyle geschrieben hat. Es ist eher ein Gesellschaftsroman, fokussiert auf zwei besondere Gruppen. Zum einen die acht Terranauten in ihren roten Anzügen. Zum anderen das Team draußen. Die Terranauten fühlen sich berufen, Wege der Menschheit in außerirdische Welten zu finden. Pioniere sozusagen, wenn nicht Helden, wie auch Astronauten in ihren weißen Anzügen. Allerdings gibt es einen feinen Unterschied. Die roten Anzüge sind nur die Galauniform. Am Ende sind sie eher jämmerliche, narzisstische Gestalten in zerschlissenen Klamotten. So empfindet es auch einer der Terranauten.
„Das war es, was in diesem grimmigen November des Jahres 2 aus uns geworden war, als alle zu wenig zu essen bekamen und einander auf die Nerven gingen. Wir waren schon zu lange miteinander eingesperrt und kannten einander zu gut, jede Eigenart und Geste, jede Phrase, jede Sprechgewohnheit, jede hundertmal gehörte Geschichte zerrte an unseren Nerven, bis das Prinzip der Kameradschaft nur noch ein schlechter Witz war.“
Dass das so ist, hat auch etwas mit den anderen zu tun, die draußen sind und das Projekt steuern. Auch sie sind nicht wirklich Wissenschaftler, sondern Marketing- und PR-Leute. Also solche, die Kohle machen wollen mit denen, die drinnen sind. Deswegen werden die, die drinnen sind von denen, die draußen sind, gesteuert. Sie müssen sich ähnlich wie im Big Brother Container ständig beobachten lassen, Interviews geben, ja sogar absurde Theaterstücke spielen. Das Pionierprojekt entpuppt sich als groteskes Heldenschauspiel, als brüchige Glamourwelt.

Wie ist es geschrieben?
Boyle erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive dreier Personen. Die beiden Liebenden drinnen unter der Glaskuppel, die Freundin der werdenden Mutter draußen. Letztere ist aber auch die neidische unterlegene Konkurrentin der Mutter. Sie durfte nicht rein und muss draußen Hilfsdienste leisten. Dieser ständige Perspektivwechsel ganz unterschiedlich motivierter Leute treibt die Geschichte voran und reichert sie mit einigen menschlichen Abgründen an.

Wie gefällt es?
Ich finde, Terranauten ist ein ordentlicher Unterhaltungsroman. Es gibt einiges zu grinsen. Mir fehlt aber die Tiefe. Die Figuren bleiben blass oder im Klischee, sie spielen Rollen und leben sie nicht. Überraschungen fehlen. Das passt nicht zum Setting des abgeschlossenen Ortes. Da müsste sich doch viel mehr Dynamik entwickeln. Für eine Satire auf die Eitelkeiten und den Kommerz eines Pseudo-Wissenschaftsbetriebs fehlt mir der Biss.

T.C. Boyle: „Die Terranauten“, Hanser Verlag, 26 EUR, ISBN: 9783446253865

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