hr-iNFO Büchercheck Natascha Wodin „Sie kam aus Mariupol“

Es ist ein magischer Moment. Natascha Wodin, die Autorin, sitzt in ihrem Haus an einem See in Mecklenburg am Computer und tippt den Namen ihrer Mutter in eine Suchmaschine. Und das Internet spuckt tatsächlich rudimentäre Informationen über die Mutter aus, von der Wodin bis dahin so gut wie nichts wusste. Nur, dass sie aus dem ukrainischen Mariupol stammte und in Bayern starb, wo sie verzweifelt am eigenen Leben ins Wasser ging. Ihre Tochter Natascha war damals noch in der Grundschule.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Die Tochter forscht weiter, findet in Russland in einem Familienforscher einen Unterstützer, der ihr weiter hilft. Woche für Woche treten neue Details zutage. Noch lebende Verwandte tauchen auf, weitere Dokumente, Tagebücher und Fotos. Natascha Wodin rekonstruiert die Geschichte ihrer Familie. Und damit gleichzeitig das Schicksal einer Familie des 20. Jahrhunderts zwischen Reichtum und Verelendung. Zunächst ein glanzvolles Leben im Zarenreich. Doch dann kommen die russische Revolution und mit ihr Enteignung und Demütigung. Die Familie verliert sich. Und schließlich die Ausbeutung durch das nationalsozialistische Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Die Eltern Nataschas landen als Zwangsarbeiter in Leipzig. Es gelingt ihnen nach Kriegsende in Süddeutschland zu bleiben. In Bayern leben sie zunächst in einem Schuppen, schließlich in Lagerunterkünften für ehemalige Zwangsarbeiter. Dort wächst Natascha Wodin auf. Erst nach diesen Recherchen hat sie Gewissheit über ihre eigene Geschichte und ihre Wurzeln.
„Die längste Zeit meines Lebens hatte ich gar nicht gewusst, dass ich ein Kind von Zwangsarbeitern bin. Niemand hatte es mir gesagt, nicht meine Eltern, nicht die deutsche Umwelt, in deren Erinnerungskultur das Massenphänomen der Zwangsarbeit nicht vorkam. Jahrzehntelang wusste ich nichts von meinem eigenen Leben. Ich wusste nur, dass ich zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war.“

Wie ist es geschrieben?
Das Buch ist weder Dokumentation, noch Autobiografie oder gar Roman. Es vereint Elemente von alledem und führt sie zusammen. Wodin erzählt die Schreckensgeschichte ihrer Familie anhand vieler Dokumente oder anhand von Forschungsergebnissen. Manches erdenkt sie sich aber auch, erschließt sie sich auf der Basis des Vorgefundenen. Auch wenn die Sprache eher sachlich ist, fließt ein poetischer Grundton von Seite zu Seite. Dadurch sticht das Ungeheuerliche dieser Leben umso wirkungsvoller hervor und bleibt doch erträglich beim Lesen.

Wie gefällt es?
Ich finde, „Sie kam aus Mariupol“ ist ein großartiges Buch. Es ist so wirkungsvoll, weil es eben nicht eine auf maximale Wirkung getrimmte Fiktion präsentiert, sondern literarisch verdichtetes reales Leben. Ein Leben, das vor allem aus Leiden besteht, bis zur bitteren Konsequenz, dem Freitod. Es ist ein Buch, das vergessene und verdrängte Schicksale unsterblich macht und denen, die sie erlitten haben, ein Denkmal setzt. Also ein wichtiges Buch für den deutschen Literaturkanon. Es schließt eine Lücke.

Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“, Rowohlt, 19,95 EUR, ISBN: 9783498073893

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