hr-iNFO Büchercheck: Michela Murgia Chirú

Mutter, Geliebte, Lehrerin – all das ist Eleonora für den jungen Chirú. Und keine
der drei darf in dieser ungewöhnlichen Beziehung die Oberhand gewinnen.
Was sich zwischen Eleonora und Chirú abspielt, ist sinnlich, lehrreich und
emotional höchst brisant.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Eleonora ist eine renommierte, erfolgreiche Theaterschauspielerin Ende dreißig. Sie ist attraktiv,
gebildet und weltgewandt. – Und hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Männer mit einem
besonderen Talent zu fördern. Ihr neuester Schüler ist der 18jährige Chirú, ein begabter junger
Geiger. Eleonora führt ihn in ihre schillernde Welt ein und macht ihn mit Künstlern und
Intellektuellen bekannt. Sie lehrt ihn Menschen zu lesen, ihr Verhalten, ihre Aussagen – und auf
die Details ihrer Kleidung zu achten. Sie zeigt ihm, wie wichtig es ist, sein Lebensziel zu kennen,
darauf fokussiert zu sein – und wie man es – notfalls durch Verstellung – erreicht. Aber Chirú ist
nicht der einzige, der durch diese Beziehung lernt. Denn die beiden entwickeln eine innige,
körperliche Vertrautheit, die Chirú so sehr von Eleonora abhängig macht, wie umgekehrt.

Wie ist es geschrieben?
Michela Murgia ist eine scharfsichtige Beobachterin von Menschen und Situationen – mit einem
feinen Gespür für abgründige Dialoge. Das hat sie auch ihrer Hauptfigur Eleonora mitgegeben –
ebenso wie einen ziemlich amüsanten zynischen Unterton. Perfekt geeignet um zum Beispiel die
frivole Party-Gesellschaft in der Prachtvilla eines römischen Produzenten auseinander zu
nehmen.
“Während wir weiter hineingingen, wies ich ihn diskret auf die Flut von Presseleuten auf der
Suche nach Kontakten hin, von Kritikern, Zulieferern verschiedener Presseerzeugnisse, und vor
allem auf die Dutzende kräftiger, junger Männerkörper, zweifelhafte Talente mit
unzweifelhaften Deltamuskeln, die wahllos und in alle Richtungen ihre Verführungskraft
verströmten.”

Wie gefällt es?
„Chirù“ ist die Demontage einer asymmetrischen Beziehung. Die zwischen Mentor und Schüler.
Und eine aufschlussreiche Geschichte über die Formung von Menschen. Wie werden wir zu dem,
der wir sind? Wie sehr beeinflussen uns dabei andere Personen in unserem Leben? Wenn man
Michela Murgia folgt, ist der Einfluss erschreckend groß – und manchmal fatal.
„Chirù“ ist ein kurzer und kurzweiliger Roman, der mich immer wieder zum Lächeln gebracht hat
– und zum „Mehrfach-Lesen“ von besonders geistreichen Analysen. Der leichte Hang zu Kitsch
und Pathos ist geschenkt: schließlich ist die Autorin Michela Murgia Sardin – und da ticken die
Leidenschaften nicht nur etwas anders -: kulturelle Unterschiede beleben auch den emotionalen
Lesehorizont.

Michela Murgia: „Chirú“, Verlag Klaus Wagenbach, 20 EUR, ISBN: 9783803132871

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