hr-iNFO Büchercheck: Marco Balzano „Das Leben wartet nicht“

Ninetto ist neun. Er lebt in einem Dorf auf Sizilien. Seine Familie ist arm. Zu essen gibt es oft nur Brot mit Sardellen. Wenn überhaupt. Ninetto ist abgemagert. Sein Spitznamen beschreibt das treffend: Haut und Knochen. Ninetto liebt seine Mutter, aber nach einem Schlaganfall muss sie in ein Heim. Ninetto bleibt beim Vater, der schickt ihn weg. Mit einem Bekannten aus dem Ort fährt er nach Mailand, um dort einen Job zu finden.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Marco Balzano erzählt in seinem Roman am Beispiel Ninettos die Geschichte der italienischen Kinderemigranten. Männer, die heute Ende 60 sind, wurden aus ihren Familien heraus gerissen und fanden sich nach langer Zugfahrt irgendwo in der Industrieregion um Turin, Mailand und Genua wieder. Dort lebten sie in mehr oder weniger prekären Wohnverhältnissen. Vom ersten Tag an mussten diese Kinder für ihr Überleben arbeiten. Ninetto findet einen Job als Fahrradbote bei einer Wäscherei. Natürlich wird er ausgebeutet. Als er älter wird, arbeitet er bei Alfa Romeo.
„Die Geschichte ist in zwei Minuten erzählt, da brauche ich nicht nach Wörtern zu suchen, die ich kenne. Vier Jahre am Fließband die Drehmaschine überwachen und weitere achtundzwanzig auf einem Gabelstapler – das bin ich. Jeden Tag neun Stunden pro Tag Motorteile hochhieven und sie von einem Ort zum anderen transportieren, Ende. Stopp. Ein Roboter, kein Mensch. Ein mechanischer Arm, kein schlagendes Herz…“
Ein Leben voller Enttäuschungen und Abstumpfungen, getrieben von ein wenig Hoffnung. Er heiratet, bekommt eine Tochter, setzt sich in der Gewerkschaft ein. Doch dann, als er die Tochter in den Armen eines Mannes sieht, gehen seine Emotionen mit ihm durch. Er sticht auf den jungen Mann ein, kommt ins Gefängnis. Als er wieder rauskommt, findet er sich nicht mehr zurecht.

Wie ist es geschrieben?
Marco Balzano erzählt die Geschichte konsequent aus der Perspektive Ninettos in der Gegenwart und in Rückblenden. Es ist ein einfaches und direktes Erzählen, aber dieser Ich-Erzähler hat Distanz zu sich und er ist ein poetischer Mensch. Dadurch entstehen sehr atmosphärische und zugleich dokumentarisch genaue Bilder. Es ist ein authentisches und reizvolles Erzählen. Seite für Seite gewinnt die Figur an Tiefe. Mitleid verdient sie ohnehin.

Wie gefällt es?
Ich habe „Das Leben wartet nicht“ sehr gerne gelesen. Es ist ein Roman voller Wahrheiten und echten Gefühlen. Er ist gut recherchiert. Und er hat mir ein Fenster geöffnet auf eine Welt, die ich vorher nicht kannte. Eine Welt übrigens, in der die Hoffnung bleibt. Ich finde, das ist – unterm Strich – viel.

Marco Balzano: „Das Leben wartet nicht“, Diogenes Verlag, 22 EUR, ISBN: 9783257069839

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