hr-iNFO Büchercheck: Lauren Groff „Licht und Zorn“

Sie könnten nicht unterschiedlicher sein: der in Reichtum hinein geborene Lotto, Schwarm aller Mädchen und Sunnyboy. Und Mathilde, lieblos aufgewachsen, reizvoll aber einsam und beziehungsgestört, vom Leben vernachlässigt. Auf einer Party erblicken sie sich. Und es funkt, sofort. Sie begehren sich, sie lieben sich, sie brauchen sich.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Nach kurzer Zeit heiraten die beiden, gegen den Willen von Lottos Mutter. Sie bestraft ihn für die unerwünschte Hochzeit mit Geldentzug und Abwesenheit. Dafür entwickelt sich die Ehe mit Mathilde zur Symbiose. Sie wird zur Ernährerin, als Lotto als Schauspieler scheitert. Sie unterstützt ihn, als er anfängt Theaterstücke zu schreiben und ein Star wird. Er ist der bewunderte Autor, sie die immer lächelnde Ehefrau, die ihm die praktischen Aufgaben des Lebens abnimmt und seine Eskapaden und Verletzungen mit einem Lächeln erträgt. Ein Narziss und sein Engel, so scheint es. Aber von Anfang an gibt es ganz feine Risse in diesem Glamourbild. Schon am Tag ihrer Hochzeit. Nach einem intensiven Liebesspiel am Strand redet Lotto im Überschwang seiner Gefühle von ihr, als sei sie sein Besitz. Mathilde protestiert.
„Gewissheit, meint Lotto. Aber es fehlt ihm die Empathie, die Doppelbödigkeit hinter Mathildes Lächeln zu erkennen. Erst kurz vor seinem Tod mit 46 Jahren kommen ihm Zweifel. Was Lotto nicht mehr erfährt, der Leser bekommt es im zweiten Teil des Buchs geliefert. Eine Dekonstruktion von Mathilde und dieser Ehe, in der von Anfang an nichts so war wie es schien. Eine Ehe, in der sich zwei ganz unterschiedliche Menschen gaben, was sie jeweils brauchten und sich alleine nicht geben konnten. So kann Ehe funktionieren.“

Wie ist es geschrieben?
Licht und Zorn – das sind die beiden Teile des Buchs. Licht ist aus der Perspektive Lottos geschrieben, Zorn aus der Perspektive Mathildes. Hin und wieder schaltet sich in eckigen Klammern noch eine allwissende Erzählerfigur ein, die die Darstellung des jeweiligen Protagonisten konterkariert. Für uns Leser sind das subversive Hinweise, dass Schein und Sein in dieser Story weit auseinanderklaffen können. Der erste Teil lullt ein wenig ein und streut sanfte Zweifel, der zweite Teil stellt den ersten auf den Kopf, das Erzähltempo steigt, aus der Story vom Eheglück wird ein Psychodrama, aus dem Eheroman ein Enthüllungsroman. Totschlag, Betrug, Manipulationen, Rachsucht treten zutage, aber auch tiefgreifende Traumata.

Wie gefällt es?
Ich finde, Licht und Zorn ist ein interessantes, unterhaltendes, ja spannendes Buch. Nicht über alle 430 Seiten hinweg. Der erste Teil ist mir zu lang. Es passiert zu wenig. Der zweite Teil zieht deutlich an. Da wird geradezu ein Enthüllungsfeuerwerk gezündet. Das hat mich gefesselt. Besonders interessant ist, dass Schein und Sein mehrfach gebrochen werden, dass sich überraschend immer wieder Neues auftut und sich so vermeintliche Gewissheiten auflösen. Licht und Zorn ist eben viel mehr als ein Eheroman.

Lauren Groff: Licht und Zorn, Hanser-Berlin Verlag, 24 EUR, ISBN: 9783446253162

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