hr-iNFO Büchercheck: Julien Barnes „Der Lärm der Zeit“

Julien Barnes ist einer der erfolgreichsten und renommiertesten englischen Gegenwartsautoren. Zweimal hat der 1946 in Leicester geborene Schriftsteller schon den wichtigsten britischen Literaturpreis, den Booker-Preis gewonnen.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Julien Barnes neuster Roman ist ein Roman über Macht und Kunst. Im Zentrum des Romans steht Dimitri Schostakowitsch, einer der, wenn nicht der wichtigste russische Komponist im 20. Jahrhundert, und Barnes erzählt sein Geschichte anhand von drei entscheidenden Situationen. Es beginnt im Jahr 1936, als der eigentlich gefeierte Komponist, sich mit einem kritischen, offenbar von Stalin autorisierten Prawda-Artikel konfrontiert sieht und von da an stündlich mit seiner Verhaftung und Schlimmerem rechnen muss. 12 Jahr später – 1948 – reist Schostakowitsch als Mitglied einer russischen Delegation in die USA und wird genötigt, sowohl seine eigene Musik wie auch die von bewunderten Kollegen öffentlich in den Schmutz zu ziehen, und wiederum 12 Jahre später, als er meint, Stalin glücklich überlebt zu haben, gelingt es dem Sowjetregime, ihm noch eine letzte Demütigung zu zufügen. Seine Musik, so muss Schostakowitsch ein ums andere Mal einsehen, ist machtlos gegen den Lärm der Zeit.

Wie ist es geschrieben?
Man muss kein Kenner der klassischen Musik sein, um von diesem Buch gepackt zu werden. Julien Barnes konzentriert sich auf das allgemein menschliche Drama, das er in Schostakowitschs Kampf mit Stalin und seinen Schatten erkennt. Das Faszinierende und auch Spannende an diesem gerade mal 240 Seiten kurzen Roman, ist die Kühnheit, mit der Barnes dieses Drama auf drei einzelne Lebensmomente reduziert. Etwa wenn er im Jahr 1960 – konfrontiert mit seiner Ohnmacht und seinem Opportunismus zu dieser Schlussfolgerung kommt:
„Das war die letzte unwiderlegbare Ironie seines Lebens. Indem sie ihn leben ließen, hatten sie ihn umgebracht. … Seine Hoffnung war, der Tod werde seine Musik befreien: befreien von seinem Leben.“

Wie gefällt es?
Dieses Buch ist eine ergreifende Darstellung der Schwäche des Einzelnen in der Konfrontation mit der Macht. Aber diese Schwäche kann – je nachdem, womit die Macht droht, verschiedene Gesichter haben – und das arbeitet Julien Barnes sehr genau heraus. Er zeigt uns die Ängste Schostakowitschs, aber auch die Rechtfertigungsversuche ebenso wie die Verzweiflung dieses Mannes, der schließlich erkennen muss, dass er seine Seele verkauft hat, um seine Musik zu retten. Julien Barnes urteilt nicht über dieses Mann, die Entscheidung, ob man sich auch anders hätte verhalten können, überlässt er jedem von uns – und genau das macht diesen Roman so allgemeingültig und so überzeugend. Julien Barnes ist einmal mehr ein Meisterwerk gelungen.

Julien Barnes: „Der Lärm der Zeit“, Kiepenheuer und Witsch, 20 EUR, ISBN: 9783462048889

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