hr-iNFO Büchercheck: Juli Zeh “Neujahr”

Juli Zeh gehört zu den erfolgreichsten und produktivsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Jetzt ist ihr neuer Roman „Neujahr“ erschienen.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Neujahrsmorgen 2018: Henning, ein mittelmäßig erfolgreicher Verlagsmitarbeiter strampelt auf seinem viel zu schweren Fahrrad den steilen Anstieg auf der Vulkaninsel Lanzarote hinauf. Es ist ein verbissener Kampf mit der Topografie und der Schwerkraft, aber auch mit den Erinnerungen an den verkorksten Silvesterabend und dem Gefühl der permanenten Überforderung als Vater und Ehepartner. Und dann sind da noch die Dämonen der Vergangenheit, die ihn diesen Steilhang hinaufzuziehen scheinen – denn als er völlig entkräftet ein Gehöft auf einem Plateau erreicht, holt ihn plötzlich die Erinnerung ein – die Erinnerung, schon einmal hier gewesen zu sein, mit seinen Eltern und seiner Schwester; die Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis, das ihm hier zugestoßen ist und das Gefühl, dass in diesem Haus der Schlüssel für seine wiederkehrenden Panikattacken zu finden sein könnte.

Wie ist es geschrieben?
Juli Zeh ist keine Freundin des literarischen Schnickschnacks – sie schreibt direkt, sie schreibt auf Wirkung, und mit einer Sprache, die ohne Umwege dorthin geht, wo es wehtut: Wenn sie uns mit Henning den Berg auf Lanzarote hinauftreibt, dann spüren wir unmittelbar das Pulsieren der Muskeln und das Ziehen hinter den Schläfen, aber auch die Wut auf den Berg, in die sich Hennings Wut über die Familie, die Frau, die Kinder und über sich selbst mischt. Da stimmt jeder Satz, da ist kein Wort zu viel, da wird mit gnadenloser Präzision das Psychogramm eines Getriebenen gezeichnet – um dann, wenn Henning sich an das Trauma seiner Kindheit erinnert, den Ton radikal zu wechseln und sich in die bedrohliche Vorstellungswelt eines von seinen Eltern verlassenen Jungen zu versetzen. Das klingt dann so: „Henning denkt, dass Mama und Papa weg sind, weil er auf die Ritzen zwischen den Fliesen getreten ist. Auf der Terrasse hat er manchmal „nicht auf die Ritzen treten“ gespielt und dabei zu sich selbst gesagt: „Wenn ich es nicht schaffe, auf die andere Seite zu kommen, ohne auf eine Ritze zu treten, wird etwas Schreckliches passieren.“ Das war nur Spaß. Ein Spiel. Dachte er. … Er würde gerne weinen, aber seine Tränen haben auch Angst und bleiben lieber in den Augen.“
Das ist ebenso anrührend wie unheimlich und lässt uns als Leser genauso mitleiden wie im Fall des atem- und kraftraubenden Berganstiegs.

Wie gefällt es?
„Neujahr“ ist ein packendes Leseerlebnis – ein Roman, der bei aller scheinbaren Gradlinigkeit dunkle Abgründe enthüllt – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Was als Urlaubsdrama einer stressgeplagten und überforderten Mittelstandsfamilie beginnt, bekommt plötzlich einen Dreh ins Unheimliche – und das ist ebenso überraschend wie überzeugend. Und apropos Überraschung: „Neujahr“ ist wahrscheinlich der erste Roman, in dem Martin Schulz und Würselen Erwähnung finden. Aber das ist wahrlich nicht der einzige und beileibe nicht der wichtigste Grund, warum dieser Roman zu empfehlen ist.

Juli Zeh: „Neujahr“, Luchterhand, 20 EUR, ISBN: 978-3630875729

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