hr-iNFO Büchercheck: Joyce Carol Oates: „Pik-Bube“

Die US-amerikanische Autorin Joyce Carol Oates ist in diesem Jahr 80 geworden. Immer wieder war sie als Kandidatin für den Literatur-Nobelpreis im Gespräch. Jetzt hat sie einen Kriminalroman über einen Krimi-Autor geschrieben.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Andrew Rush ist ein erfolgreicher Schriftsteller von gehobenen Kriminalromanen. Er verdient damit gutes Geld, ist glücklich mit seiner Frau Irina verheiratet und hat drei Kinder. Nur manchmal, da wurmt es ihn, dass er den Glanz seines Idols Stephen King nie erreicht hat. Und dann bezeichnet man ihn auch noch als „Stephen King für Bildungsbürger“! Als Ausgleich schreibt er unter dem Pseudonym Pik-Bube auch ganz andere Krimis: simpel, gewalttätig, kurz: Horrorgeschichten. Niemand weiß von Pik-Bube, und diese Seite seines Lebens soll auch niemand kennenlernen. Er schämt sich geradezu dafür, braucht diese zweite Identität aber auch. Alles ist soweit im Gleichgewicht, bis eine erfolglose Schriftstellerin ihn wegen Diebstahls und Plagiats verklagt. Die Klage wird zwar abgewiesen, die Frau in die Psychiatrie eingewiesen, aber der bis dahin so selbstsichere Schriftsteller gerät nach und nach aus dem Gleichgewicht. Die böse Stimme von Pik-Bube nimmt überhand, flüstert ihm ein, seine Frau hätte einen Liebhaber, seine Kinder würden ihn nicht respektieren. Rasend vor Wut lässt sich Andrew Rush zu einem Mord hinreißen.
„In dieser Nacht und einen großen Teil des nächsten Tages ging Irina mir aus dem Weg. In meinem Arbeitszimmer über dem ehemaligen Stall war ich nicht fähig zu arbeiten. Krank an Herz und Magen. Allein der Gedanke an Pik-Bube erschreckte mich. „Ich muss aufhören. Kein Pik-Bube mehr.“ Ich wartete bang. Wie jemand, der Herzstechen spürt und auf den nächsten Stich wartet, auf die Infarktkatastrophe. Wartete auf die höhnische, drohende Stimme.“

Wie ist es geschrieben?
An der literarischen Qualität von Joyce Carol Oates besteht kein Zweifel. Bestechend, wie sie Satz um Satz, Seite um Seite aus einem selbstbewussten Mann einen haltlosen, unsicheren und brutalen Menschen werden lässt. Diese Verwandlung passiert nur im Kopf des Schriftstellers, in seinen Gedanken, in seinen inneren Zwiegesprächen mit seinem zweiten Ich als Pik-Bube. So wird anschaulich und nacherlebbar, wie die dunklen Gedanken immer größere Macht über Andrew Rush ausüben.

Wie gefällt es?
Mich hat es fasziniert, die unheimliche Wandlung dieses selbstgefälligen und erfolgsverwöhnten Schriftstellers zu verfolgen, der – höchst eitel – unfähig ist, seine Grenzen und Minderwertigkeits-komplexe zu erkennen. Bis dann das Böse die Macht übernimmt. Die Wandlung passiert in Mini-Schritten, so dass ich zunächst kaum glauben wollte, zu welchen Taten sich dieser Mann hinreißen lässt. Oder, anders gesagt: wer ist eigentlich der wahre Andrew Rush? Ist Pik-Bube vielleicht sein echtes Ich? Ein kurzer, leichter Thriller, eine spannende Lektüre…

Joyce Carol Oates: „Pik-Bube“, Droemer , 19,99 EUR, ISBN: 978-3-426-28187-1

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