hr-iNFO Büchercheck: Jennifer Egan: „Manhattan Beach“

New York, Brooklyn, in den 30er und 40er Jahren. Hafen, Werften, Strände. Clubs, Arbeitslose, Gangster. Und dann nach Kriegseintritt der USA: Marinewerften, Kriegsschiffe, Frauenarbeit. Und immer: viel Wasser. Mittendrin ist Anna, erst als Mädchen mit Mutter, Vater und behinderter Schwester. Dann junge Frau und ohne Vater, denn der ist auf mysteriöse Weise verschwunden.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Man kann dieses Buch als Emanzipationsroman lesen. Anna setzt in einer Marinewerkstatt Bauteile für Kriegsschiffe zusammen. Immer dieselben. Aber sie träumt davon, Taucherin zu werden. Schiffe unter Wasser zu reparieren, zu schweißen. Nur, Frauen will man in diesem Job nicht. Bis der Männerwelt die geeigneten Männer ausgehen. Da darf dann auch Anna in den schweren Anzug mit Kuppel steigen und wird gegen alle Widerstände ein Vorbild. Man kann das Buch zumindest teilweise auch als schwarzen Krimi lesen. Wie bei der Tauchergeschichte gibt es auch hier viel zu lernen. Wie Geschäfte gemacht wurden in der Zeit der Prohibition, wie Bars funktionierten, wie Gangster dachten und agierten und auch in der feinen Gesellschaft ihre Rolle hatten, sogar, welche weichen Seiten sie hinter ihrer rauen Schale verbargen. Man kann das Buch aber auch als Kriegsroman, Familienroman oder noch viel mehr: als Vater-Tochter Roman lesen. Denn der abrupte Verlust des Vaters, der sich mit Gangstern eingelassen hatte, verfolgt Anna dauerhaft.

„Nach jahrelanger Abwesenheit kehrte Annas Vater zurück. Sie hatte ihn nicht vor Augen, erinnerte sich aber an den leisen Schmerz, den sie verspürt hatte, wenn er sie hochgehoben hatte, um sie zu tragen. Sie hatte das gedämpfte Klimpern des Kleingelds in seinen Hosentaschen im Ohr. Seine Hand glich einer Steckdose, mit der sie ihre Hand verband, egal, wohin es ging, manchmal unbewusst. Anna blieb stehen, durch die Eindringlichkeit dieser Bilder wie vor den Kopf gestoßen. Sie hob ihre Finger gedankenlos vor ihr Gesicht und erwartete halb, den warmen, bitteren Geruch seines Tabaks in der Nase zu haben.“

Wie ist es geschrieben?
Man kennt Egan als experimentierfreudige Schriftstellerin. In „Manhattan Beach“ ist sie es nicht. Jetzt erzählt Sie konventionell, von Rückblenden und Perspektivwechseln abgesehen. Kapitel für Kapitel entsteht das historische Panorama einer Stadt zwischen den Wassern und den Menschen in ihr, deren Alltagsproblemen und Träumen.

Wie gefällt es?
Literaturwissenschaftler werden vielleicht enttäuscht sein von Jennifer Egans neuem Buch. Leser müssen es nicht. Es ist eine spannende Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite, mit interessanten und differenziert angelegten Protagonisten, in einem zeithistorisch aufwändig recherchierten detaillierten Setting, atmosphärisch dicht gewoben, gut geschrieben, sogar lehrreich und eben auch überraschend. Das macht Spaß.

Jennifer Egan: „Manhattan Beach“, S. Fischer Verlag, 22 EUR, ISBN: 978-3103973587

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