hr-iNFO Büchercheck: Ian McEwan „Nussschale“

Ein Fötus, wenige Tage vor seiner Geburt, erzählt uns, wie sich ihm die Welt darstellt. Eine Welt, die er sehr gut kennt aus zahlreichen Podcasts, die seine Mutter hört. Und was er sich in intelligenten Assoziationen und mit gehöriger Phantasie erschließt. Es ist im Großen eine Welt in Krisen und im Kleinen die Welt eines Mordkomplotts der Mutter und des Onkels gegen seinen Vater. (Willkommen im Leben.)
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Der Fötus hört alles, weiß alles, kann seinen Vater aber nicht retten. Er sinniert über Rache, er fürchtet im Gefängnis oder bei Pflegeeltern in prekären Verhältnissen auf zu wachsen. Und am Ende findet er sogar einen Weg, die Flucht der beiden vor der Polizei zu sabotieren: er zerreißt die Fruchtblase und kommt einfach auf die Welt. So nimmt man sein Schicksal in die Hand.
„Ein glitschiger Moment, ein wachsweiches, ächzendes Ploppen, und da bin ich, nackt in meinem Königreich. Ich blicke nach unten und schaue voll Staunen und Vorfreude auf die rauhe Oberfläche eines blauen Badehandtuchs. Blau. Die Farbe habe ich schon immer gekannt, zumindest das Wort dafür, und schon immer habe ich ableiten können, was blau ist – Meer, Himmel, Lapislazuli, Enzian – bloße Abstraktionen. Jetzt aber ist die Farbe endlich mein, sie gehört mir, so wie ich ihr gehöre.“
Sein oder Nichtsein – der Hamlet Plot Shakespeares lässt grüßen und stand hier Pate.

Wie ist es geschrieben?
Ein Fötus als Ich Erzähler – ganz schön gewagt diese Konstruktion. Aber McEwan ist ein äußerst versierter und kunstfertiger Autor mit einer unbändigen Lust am Fabulieren. Der lässt er hier freien Lauf, denn seine Konstruktion ist geradezu ein Nährboden für Phantasie und Witz. Ein Ungeborener, der mit hoher Kenntnis den Wein analysiert, den die Mutter in sich rein kippt, der mit analytischer Sicherheit die politischen Krisen der Welt und die jüngsten Erscheinungen unseres Zusammenlebens reflektiert und sich dann auch noch zu philosophischen Erörterungen des Themas Rache und Sinn steigert – das darf man nicht auf die Waage der Logik legen. Aber man darf solche Einfälle genießen. Zumal dann, wenn sie wie hier in einem ironischen bis süffisanten Ton daherkommen, in einer reichen und ausgesprochen eleganten Sprache.

Wie gefällt es?
Eine Geschichte mit shakespeareschem Format: die Story bizarr, gewalttätig und eigentlich kaum glaubhaft. Die Hamlet Mord- und Rachegeschichte katapultiert ins Brexit-Land. Die Form gewagt und von geradezu artistischer Kunstfertigkeit. Man kann dieses Buch als McEwans Beitrag zum Shakespeare-Jahr verstehen, zum 400. Todestag. Für uns Leser ist es allemal ein Gewinn. Spannend, witzig, virtuos. Ich meine: Große Unterhaltung, hier und da mit Tiefgang.

Ian McEwan: Nussschale, Diogenes Verlag, 22 EUR, ISBN: 9783257069822

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