hr-iNFO Büchercheck: Harry Parker: „Anatomie eines Soldaten“

Was würde eine Patrone sagen, kurz bevor sie abgeschossen wird? Oder die Turnschuhe eines Taliban im Kriegsgebiet? Was würde eine Knochensäge erzählen, während sie einem Mann den Oberschenkelknochen durchtrennt? – damit er überlebt. Das erzählen uns in Harry Parkers Debüt-Roman die Gegenstände selbst.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Harry Parker hat als britischer Soldat durch eine Sprengfalle beide Beine verloren. Wie das passierte – und wie er sich nach dieser verheerenden Verwundung mühsam wieder zurück ins Leben gekämpft hat, davon handelt sein Debüt-Roman. Sein alter ego im Roman heißt Tom Barnes, oder im Einsatz: BA5799. Seine Geschichte erzählen zum Beispiel seine Stiefel, die er noch zu Hause anzieht, bevor er ins Kriegsgebiet fliegt. Ein anderes Kapitel erzählt das grüne Fahrrad eines Jungen, der versehentlich bei einem Drohnen-Angriff von Tomas Armee getötet wird. Die Plastik-Uhr am Handgelenk eines Aufständischen berichtet, wie dieser Sprengfallen baut und im gesamten Gebiet in der Erde versteckt. Objekt für Objekt ergibt sich eine größere Erzählung; in 45 Kapiteln, locker neben einander gestellt – große Zeitsprünge inklusive. Ihr Zentrum aber ist der Schlüsselmoment im Leben des Soldaten: als unter seinen Füßen die Sprengfalle explodiert.

Wie ist es geschrieben?
Die Übersetzung aus dem Englischen liest sich manchmal etwas ungelenk – das ist schade. Doch trotz aller Schönheitsfehler hat mich die Erzählung berührt und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. – „Anatomie eines Soldaten“ ist ein expliziter Anti-Kriegsroman, der aufwühlt; der umso erschreckender wirkt, weil die Gegenstände völlig sachlich, bis ins kleinste Detail berichten. Vom unmenschlichen Horror, von der kühlen, präzise arbeitenden Mechanik des Krieges. Von seiner Sinnlosigkeit und Banalität, in der alles und jeder zum Objekt wird.
Durch den Unfall wird aus BA5799 wieder Tom Barnes. Doch vor ihm liegt ein langer Weg: Viele Operationen, Selbstmordgedanken, schmerzhafte Reha. Aber am Ende steht ein Lichtblick.
„Du sahst auf uns herunter. Wir stellten deine Proportionen wieder richtig, und du lächeltest. Wir bestanden aus Metall und einer Ansammlung von Schrauben, Kohlefaserröhren, Plastik und Gummi. Wir füllten den alten Platz von Muskeln und Fleisch nicht aus, dazu waren wir zu dünn und kantig, aber da, an meinem Ende, gab es auf einmal wieder einen Schuh.“

Wie gefällt es?
Der Roman hat eine große Wucht! Vor allem weil er eine wahre Geschichte erzählt. Ich war noch nie für Krieg. Aber ich bin jetzt noch mehr dagegen – weil mir Harry Parker das, was Krieg im Detail und im großen Ganzen bedeutet, nachvollziehbar und richtig spürbar gemacht hat.
Dass ein Mensch – durch diesen ganzen Horror hindurch – doch wieder ins Leben zurückfindet – das hat mich tief beeindruckt! Dass Harry Parker das auch noch auf eine so ungewöhnliche Weise erzählt, macht den Roman doppelt lesenswert.

Harry Parker: Anatomie eines Soldaten, Benevento Verlag, 24 EUR, ISBN: 9783710900020

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