hr-iNFO Büchercheck: Hanya Yanagihara „Ein wenig Leben“

Selten gibt es für ein Buch schon Wochen vor dem Erscheinen so viel Aufmerksamkeit wie für diesen Roman. Dabei war Hanya Yanagihara bislang noch gar keine Größe am literarischen Himmel. Aber in den USA stürmte ihr Buch die Verkaufslisten und war auch medial ein Thema.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat das Buch gelesen.

Worum geht es?
„Ein wenig Leben“ beginnt als Roman über die Freundschaft von vier College-Jungen in New York. Im Mittelpunkt steht Jude, der Begabteste von ihnen. Er trägt Geheimnisse mit sich. Jude hinkt, leidet an Schmerzattacken, er ritzt sich obsessiv. Warum tut er das? Wie gehen die Freunde damit um? Seite für Seite bekommt man davon eine Vorstellung. Zunächst erste hingeworfene Bemerkungen der Erzählerstimme, dann Wahrnehmungen der Freunde, schließlich Erinnerungen Judes. So entsteht langsam ein Bild, ein schockierendes Bild. Jude ist ein ausgesetztes Kind und wuchs in einem Kloster auf. Er wurde Opfer von Gewalt, Missbrauch und sexueller Ausbeutung. Ein zutiefst verletzter Mensch, der seine Traumata nicht überwinden kann, sich gegen sein eigenes Leben wendet und nicht davon reden will. Und seine Freunde? Sie fragen ihn nicht. Aus Respekt und aus Liebe, meinen sie. Und können ihm dadurch nicht wirklich helfen.
„Sein Schweigen war sowohl Notwendigkeit als auch Schutz und hatte den zusätzlichen Vorteil, ihn mysteriöser und interessanter wirken zu lassen, als er es in Wahrheit war. ‚Wie ist das bei dir gewesen, Jude?‘, war er zu Beginn des Semesters manchmal gefragt worden, doch da war er bereits klug genug gewesen – er lernte schnell -, lediglich mit den Schultern zu zucken und lächelnd zu sagen: ‚Zu langweilig, um davon zu erzählen‘. Er war erstaunt, aber auch erleichtert darüber, wie bereitwillig sie das akzeptierten, und dankbar für ihre Ichbezogenheit. Keiner von ihnen interessierte sich für die Geschichten der anderen; jeder wollte nur seine eigene erzählen.“

Wie ist es geschrieben?
Alles dreht sich um die zentrale Figur Jude. In Rückblenden wird Ungeheuerliches erzählt. Aber eigentlich hat dieser Roman keine Handlung. Es fehlt auch die konkrete zeithistorische Einbettung. Weil die Erzählerstimme die Erlebnisse der Figuren zu unterschiedlichsten Zeiten und an verschiedenen Orten ständig montiert und irgendwann zwischendurch auch noch ein Ich-Erzähler auftaucht, werden sogar Raum und Zeit aufgehoben. In der Wirkung entsteht beim
Lesen ein Sog. Man bleibt an diesen tausend Seiten dran: Tage, vielleicht sogar Wochen. Man will wissen, wie geht das in der nächsten Schleife weiter?

Wie gefällt es?
Dieser Sog ist natürlich eine grandiose Wirkung. Aber: ab und zu gibt es auch Längen, Wiederholungen. Manchmal gibt es auch Klischees oder kitschige Bilder. Die eigentliche Schwäche des Romans ist aber, dass er nicht ganz logisch ist. Warum sprechen die Freunde Jude nicht nachhaltig auf sein Leiden an? Warum akzeptieren sie über Jahrzehnte sein Schweigen und sein Verstellen? Das ist einfach nicht realistisch. Und damit steht die auf Wirkung getrimmte Geschichte, so toll sie in vielen Details zu lesen ist, als Konstruktion letztlich auf wackligen Füßen. Es sei denn, man liest sie als Märchen.
Hanya Yanagihara: „Ein wenig Leben“ , Verlag Hanser-Berlin, 28 EUR, ISBN: 9783446254718

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