hr-iNFO Büchercheck: Dirk Stermann „Der Junge bekommt das Gute zuletzt“

Der Autor Dirk Stermann ist Deutscher, lebt aber seit rund 30 Jahren in Österreich. Dort ist er aus dem Fernsehen als Moderator und Kabarettist bekannt. Aber er schreibt auch Romane. In seinem jüngsten beweist er, dass Wortwitz und Traurigkeit bestens zusammen passen.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Der 13jährige Claude lebt mit seiner Mutter, eine Ethnologin, seinem Vater, einem Posaunisten, und seinem jüngeren Bruder in einer großen Wohnung in Wien. Die Mutter verliebt sich in einen peruanischen Straßenmusiker und will sich in dieser Liebe selbst verwirklichen. Die Wohnung wird mit einer Wand geteilt. Auf der einen Seite wohnen Claude und sein Vater, auf der anderen die Mutter mit dem Bruder und ihrem Peruaner. Der Vater verliebt sich in eine Musikstudentin. Claude bleibt mehr und mehr sich selbst überlassen. Er hat nur noch Minako, seine Freundin und Dirko, einen kroatischen Taxifahrer und Lebenskünstler, der an MS erkrankt ist. Der fährt ihn nicht nur täglich zur Schule, sondern bringt Claude auch so manche Lebensweisheit bei.
„Das Leben halte Überraschungen bereit, wenn auch vielleicht ausschließlich furchtbare. Vielleicht ausschließlich unpackbar furchtbare. Aber vielleicht wird es dem Leben irgendwann fad, nur zuzuschlagen, und plötzlich dreht sich ein Lüftchen und wird zu einem Wind, der dir von hinten den Rücken stärkt. Ich will, dass Dirko recht hat. Aber dem Leben scheint bisher nicht fad zu werden.“
So ist es leider. Das Leben wird für Claude stetig schlechter. Die Mutter will nichts mehr von ihm wissen. Sie haut ab nach Peru und nimmt den Bruder mit. Der Vater zieht mit seiner Freundin, mit der er ein Kind bekommt, nach Linz. Claude allein zu Haus. Ob das Gute zuletzt doch noch kommt, lasse ich hier mal offen.

Wie ist es geschrieben?
Dirk Stermann erzählt eine schlimme, ja furchtbare Geschichte. Kapitel für Kapitel wird sie schlimmer. Die Überschriften der Kapitel geben in Zahlen die Stärke des Schmerzes an, wie auf einer Skala. Man könnte an diesem traurigen Leben verzweifeln. Aber Stermann setzt dem Plot auch positive und lustige Begebenheiten entgegen und eine Sprache, die Farbe ins Grau bringt. Originelle Wortschöpfungen gehören dazu, Sprachwitz und Bilder, die das Schöne im Leben beschreiben. Irgendwo am Horizont blitzt sie dann doch durch, die Sonne.

Wie gefällt es?
Zugegeben, diese Geschichte ist schon sehr bizarr und auch abenteuerlich. Es wird so etwas in unserer westeuropäischen Realität vermutlich nur ganz, ganz selten geben. Aber ich habe sie gerne gelesen. Mit passte dieser Roman gut in die gefühlsduselige Weihnachtszeit. Er ist so etwas wie ein Kontrapunkt. Der Wechsel zwischen Traurigem und Lustigem funktioniert. Wenn man nicht gerade depressionsgefährdet ist, ist dieses Buch vielleicht sogar eine gute Starthilfe ins neue Jahr. Es macht Hoffnung, dass nach dem Schlimmsten vielleicht doch wieder etwas Gutes kommt.

Dirk Stermann: Der Junge bekommt das Gute zuletzt, Rowohlt, 19,95EUR, ISBN: 9783498064389

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