hr-iNFO Büchercheck: Benjamin Lebert „Die Dunkelheit zwischen den Sternen“

Benjamin Lebert war einer der Stars der deutschen Popliteratur. Sein autobiografischer Roman „Crazy“ war 1999 ein Bestseller. Mit „Die Dunkelheit zwischen den Sternen“ hat er jetzt einen neuen Roman vorgelegt.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Im Frühjahr 2015, das erzählt Benjamin Lebert im Nachwort zu seinem Buch, im Frühjahr 2015 war er einige Wochen in Nepal, um dort für ein Kinderhilfsprojekt zu arbeiten und diese Erfahrungen waren der Auslöser für diesen Roman. Darin erzählt er von drei Kindern, die von ihren Eltern nach Indien verkauft worden waren, wo sie als Arbeits- oder Sexsklaven arbeiten mussten. Das sind der fünfzehnjährige Achanda, die vierzehnjährige Shaki und der zehnjährige Tarun. Alle drei sind traumatisiert und träumen verzweifelt von einer besseren Zukunft. Gerade dadurch werden sie zu Opfern von neuer Gewalt, Verrat und Missbrauch.

Wie ist es geschrieben?
Benjamin Lebert lässt die drei Kinder immer wieder abwechselnd zu Wort kommen. Dadurch erhält der Roman eine scheinbar leichte kindliche Direktheit. Diese Kinder sprechen zu uns über ihre Hoffnungen, Träume und Ängste, genauso wie sie ihre tiefsitzenden Gewaltfantasien formulieren, die vor allem aus dem zehnjährigen Tarun immer wieder hervorbrechen.
Tatsächlich ist die Gewalt in diesem Roman nicht nur eine soziale Gewalt, es ist auch die Gewalt der Natur und die hat Benjamin Lebert noch auf eine andere, raffinierte Weise in seinen Text integriert. Er selbst hat Nepal 2015 genau neun Tage vor dem verheerenden Erdbeben verlassen, dem mehr als 8000 Menschen zum Opfer fielen und in neun Tagen wird jetzt auch das Geschehen dieses Romans erzählt. Es sind die letzten neun Tage vor der Katastrophe, die sich unterschwellig immer stärker ankündigt, in kleinen Beobachtungen der Kinder, aber vor allem durch die empfindliche Wahrnehmung eines Straßenhundes, dem Lebert immer wieder eine Stimme gibt:
„Es zieht ihn zu der Stelle, an der er die Kraft zu ersten Mal gespürt hat. Die gewaltige Kraft aus der Tiefe: anders als alles, was er in seinem zornigen, keifenden Hundeleben jemals wahrgenommen hat. Er tritt langsam auf, vorsichtig, jede Berührung seiner rissigen Pfoten mit dem Boden schmerzt. Und doch sind alle Sinne aufmerksam auf den Grund gerichtet. Auf die Erdmassen unter ihm. Endlich erreicht er die Stelle und legt sich nieder. Wartet. Stunde um Stunde wartet er. Auf die gewaltige Kraft aus der Tiefe. Vergeblich.“

Wie gefällt es?
„Die Dunkelheit zwischen den Sternen“ ist ein Buch, das mich als Leser am Anfang kaum und dann doch immer mehr gepackt hat. Zunächst ist da die scheinbar naive und unschuldige Kinderwelt, die aber nach und nach ihre Abgründe offenbart, und wenn man dann begreift, dass Lebert hier unerbittlich den Countdown zur schrecklichen Katastrophe erzählt, ist es zu spät und man kann sich dem Sog des Buches nicht mehr entziehen. Benjamin Lebert ist ein spannender Roman gelungen, mit viel Gespür für Zwischentöne und gleichzeitig ein sensibles, ein eindringliches Porträt einer geschundenen und zerrissenen Gesellschaft.

Benjamin Lebert: „Die Dunkelheit zwischen den Sternen“, S. Fischer, 20 EUR, ISBN: 9783103973129

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