Die besondere Empfehlung von Thomas Calliebe: Bodo Kirchhoff “Widerfahrnis”

Es wäre ein Leichtes, einfach nur den aktuellen Träger des Deutschen Buchpreises als besondere Empfehlung weiterzugeben. Tatsächlich habe ich mich in den letzten Jahren eher schwer mit den Gewinnern getan – 2016 hat die Jury aber meinen Geschmack voll getroffen!

Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ enthält alles, was gute, zeitgenössische Literatur ausmacht. Er beschreibt in einer klaren und kraftvollen Sprache das Zwischenmenschliche, er greift wie nebenbei ein aktuelles Thema auf und führt die diversen Ebenen zu einer fein komponierten Gesamtaussage. Für mich ist das eines der wichtigsten Bücher dieses Jahres.

Aus dem Klappentext:

Reither, bis vor kurzem Kleinverleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Aber noch stärker verbindet die beiden, dass sie nicht mehr auf die große Liebe vorbereitet zu sein scheinen. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet, nur da ist …
Kirchhoff erzählt in seiner großartigen Novelle von der Möglichkeit einer Liebe sowie die Parabel von einem doppelten Sturz: in die Liebe, ohne ausreichend lieben zu können, und in das Mitmenschliche, ohne ausreichend gut zu sein. »Aber wo wären wir ohne etwas Selbstüberschätzung«, sagt der Protagonist Reither, um sich Mut zu machen für den ersten Kuss mit Leonie Palm, »jeder wäre nur in seinem Gehäuse, ein Flüchtling vor dem Leben.«

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