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hr-iNFO Büchercheck: Liza Cody „Miss Terry“

Es geht nach London, zu einer jungen Lehrerin, in England geboren, mit pakistanischen Wurzeln. Sie lebt in einer Eigentumswohnung, müht sich redlich, nirgendwo anzuecken – und wird dann doch unvermutet in eine Mordermittlung hineingezogen.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Miss Terry heißt eigentlich Nita Tehri und lebt ein zurückgezogenes Leben. Seit einigen Tagen werden ihre Blicke von einem Müllcontainer angezogen, der auf ihrer Straße abgestellt wurde, und der sich mit Abfall jeglicher Art füllt. Da klingelt die Polizei an ihrer Tür und will wissen, ob sie Leute an dem Container beobachtet habe. Und ihre Nachbarn hätten erzählt, sie hätte in letzter Zeit einiges an Gewicht verloren? Nita sind diese Fragen zu intim, sie wirft den Polizisten raus. Später erfährt sie, dass eine Babyleiche in dem Container gefunden wurde. Und dass die Polizei glaubt, sie habe ihren Säugling umgebracht. Zunächst fühlt sie sich sicher, ist sie doch unschuldig, doch die Polizei bedrängt sie weiter. Ihre Welt ist aus den Fugen geraten.
Wie ist es geschrieben?
Die Krimis von Liza Cody verdienen eine große Öffentlichkeit – es ist ein Vergnügen, ihr neuestes Werk mit dem Titel „Miss Terry“ zu lesen. Das Buch ist geschrieben aus der Sicht von Nita Tehri, einer jungen Frau, an deren Naivität man verzweifelt, mit der man leidet, der man beispringen möchte angesichts ihrer Unsicherheit und Verzweiflung.
„Das ist so zeitgemäß, dachte Nita stolz, zwei schwule Jungs in meiner Küche, zwei Männer in meiner Küche. Ich koche für zwei Kerle, die nicht mit mir verwandt sind. Es ist ganz normal. … „Ich sag’s ihr“, verkündete Toby. … „Ich weiß nicht“, sagte Leo und nahm einen Schluck aus seiner Flasche. … „Himmel, nun kommt schon!“ „Also schön“, sagte Toby rasch. „Sergeant Cutler wollte Folgendes wissen: Wie lange wohnst du hier schon? Kennen wir deinen Mann? Und haben wir dir geholfen, das Baby zu kriegen?“ „Was?“ „Natürlich haben wir ihm geantwortet, seit sechs Monaten, und nein, und wovon zum Teufel reden Sie denn da. Bist du verheiratet, Nita? Bisher hab ich hier noch nie auch nur den Hauch von einem Kerl gewittert.“
Wie gefällt es?
„Miss Terry“ von Liza Cody ist ein leiser Krimi, eine Geschichte, die anfangs viele Rätsel aufstellt und nach und nach die Wahrheit entblättert. Der Sog, in den Nita Tehri gerät, ist auch ein Sog, den ich beim Lesen bis zur letzten Seite empfunden habe. Dabei wird die Diskriminierung fremd aussehender Menschen thematisiert, aber auch die frauenfeindlichen Traditionen anderer Kulturen. Das alles ist aber nicht bitterernst, sondern mit Witz und Komik geschrieben – und dazu kommt ein durchaus skurriles Personal, das mein Lesevergnügen noch gesteigert hat.
Liza Cody: Miss Terry, Ariadne Argument Verlag, 17 Euro, ISBN: 9783867542197

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hr-iNFO Büchercheck: Andreas Meier “Der Kreis”

Mit einem elfbändigen Romanwerk setzt der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Andreas Maier der Wetterau eine Art Denkmal. Maier wurde in Bad Nauheim geboren und beschreibt in seinem Romanprojekt das Aufwachsen seiner Ich-Figur in der Provinz. Nach „das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“ und „Der Ort“ ist jetzt ist Band 5 erschienen: „Der Kreis“.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Wann und wie entdeckt ein Mensch in sich den Drang zur Kunst oder Künstler zu werden? Darum geht es im Roman, der im Bücherzimmer der Mutter beginnt, wo der Junge staunend eine andere Welt wahrnimmt als draußen, hinter der Fensterscheibe. Eine Welt von Wissen, Philosophie und Poesie. Aus der Kindperspektive nimmt Maiers Ich-Figur die Existenz dieser zweiten Welt als „Durchwehen“ wahr. Mit zunehmendem Alter weitet sich der Kreis und am Ende dieses 5. Bandes ist ein Künstler geboren.
Wie ist es geschrieben?
Der Titel des Buchs beschreibt die Struktur des Romans. Maier kreist um die einzelnen Erlebniswelten seiner Figur. Er beschreibt sehr sensibel und genau Phänomene ihres Lebens. So kann er die Stufen der Sensibilisierung für die Kunst detailreich darstellen. Das wirkt sehr authentisch, alltäglich und doch auch scharf analysiert.
„Ich hatte immer nach dem Wesen gesucht, das im Bücherzimmer beherbergt sein müsse. Ein Wesen, das auch bei Usinger ein und aus geht, und das Zimmer im ersten Stock war vielleicht nur eingerichtet, um dieses Wesen auch in unserem Haus empfangen zu können. Ein für dieses Geistwesen gebauter Tempel. Das Zimmer schien dieses Wesen herbeirufen zu wollen … und verursachte dieses Durchwehen des Raumes, wie ein zeitweiliger Besucher.“
Wie gefällt es?
Ich finde, Band 5 ist in Andreas Maiers Romanprojekt ein Höhepunkt. Das Konzept, das Ich in seinem Verhältnis zur Gesellschaft und damit die Gesellschaft an sich zu analysieren, wird hier nochmal erweitert. Eben durch die Frage, wie der Mensch die Kunst entdeckt und sie sich aneignet. Das ist eine neue Dimension. Sehr interessant. Vor allem, weil Maier dabei nicht akademisch bleibt, sondern diese Frage eng an reales Leben knüpft und aus den Beobachtungen beziehungsweise Erinnerungen an seine eigene Kindheit die Antworten ableitet. Schade nur, dass die Spannungskurve nicht ganz bis zum Ende hält. Aber trotzdem war die Lektüre für mich ein Gewinn.

Andreas Maier: Der Kreis, Suhrkamp Verlag, Euro 20, ISBN 9783518425473

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hr-iNFO Büchercheck: Michael Krüger “Das Irrenhaus”

Michael Krüger gilt als deutsche „Verlegerlegende“. Einen Namen gemacht hat er sich auch als Kritiker, Lektor, Herausgeber, Übersetzer, Lyriker und Erzähler. Mittlerweile ist der 73-Jährige im Ruhestand. Literatur kann er trotzdem nicht lassen. „Das Irrenhaus“ so heißt sein neuer Roman.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Nicht in einem „echten“ Irrenhaus spielt Michael Krügers neuer Roman, sondern in einem großen Mietshaus. Das wird bewohnt von „lauter Irren“, wie der 40jährige Ich-Erzähler nicht müde wird zu betonen. Bewohnt von „gemeinen, banalen, widerlichen Missgeburten“. Diese Missgeburten schildert der Erzähler dann aber doch genüsslich, mit Akribie und großer Komik.
Früher war der Erzähler Archivar, das heißt, jemand, für den Fakten zählen. Aber den Job hängt er an den Nagel, als er auf dubiose Art ein ganzes Mietshaus in München erbt. Dort quartiert er sich inkognito ein, bewohnt eine fast leere 6-Zimmer-Wohnung und entschließt sich, mit seinem vielen Geld ein neues Leben zu beginnen.

Wie ist es geschrieben?
Mir erscheint Michael Krügers Roman wie ein ironisches Spiel mit Lebensentwürfen, Lesererwartungen, literarischen Formen und komischen Figuren. Ein Spiel auch mit philosophischen Maximen – die Welt als Irrenhaus – und mit literarischen, auch musikalischen Motiven. Schließlich ist „Das Irrenhaus“ auch ein Spiel mit dem Thema Schreiben und der Identität des Schriftstellers. Denn der Dichter Georg Faust hat Gedichte geschrieben, die denen des Dichters Michael Krüger ähneln bzw. sogar von ihm stammen. Und der Ich-Erzähler wiederum spielt ja die Rolle des Georg Faust. Krügers „Irrenhaus“ ist ein hintersinniges Vexierspiel mit der Autorschaft und dem Erzählen.
„Wer mit seinem Leben nichts anfängt, hatte ich auf einem meiner Streifzüge durch die Buchhandlungen bei einem Franzosen gelesen, schreibt, dass er nichts mit ihm anfangen kann, und so ist immerhin etwas getan. Wer sich durch die flüchtigen Geschehnisse des Alltags vom Schreiben abhalten lässt, wendet sich diesen Flüchtigkeiten zu und erzählt vonihnen, indem er sie als Flüchtigkeiten bezeichnet oder Spaß an ihnen findet, und schon ist sein Tag ausgefüllt.“

Wie gefällt es?
Michael Krüger bietet uns intelligente Unterhaltung. Die habe ich einerseits genossen, wirklich gefesselt hat mich dieser Roman aber nicht. Dafür ist er mir zu konstruiert, auch zu klamaukig.
An einigen Stellen allerdings schimmert eine ganz persönliche Betroffenheit durch. Da sagt z.B. ein alter Türke zum Erzähler: „Ich sehe dir an, dass du nicht aufgeben kannst.“ An solchen Stellen wird deutlich: Hier geht es auch um Michael Krüger selbst, um den erfolgreichen Verleger, der jetzt 73 Jahre alt ist. Und auf der Suche nach einer Haltung dem Alter gegenüber, nach einem neuen Sinn. Aber den hat er ja jetzt gefunden: im Schreiben.

Michael Krüger: Das Irrenhaus, Haymon Verlag 2016, 19,90 Euro, ISBN: 9783709972526

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hr-iNFO Büchercheck: Jari Järvelä „Weiss für Wut“

Das Buch „Weiss für Wut“ von Jari Järvelä ist kein klassischer Krimi, hier sucht kein Kommissar nach einem Mörder. „Weiss für Wut“ ist ein Spannungsroman um Street-Art-Künstler in Finnland.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Während der interna0tionale Graffiti-Star Banksy weltweit gefeiert wird, ist die Welt für die normalen Sprayer und Street-Art-Künstler doch wesentlich anstrengender. Metro ist eine 19jährige Frau, die mit ihrem Freund nächstens unterwegs ist, um sich an ungewöhnlichen Orten mit heimlich gesprayten Kunstwerken zu verewigen. Immer auf der Hut vor den Sicherheitsdiensten, die sie Ratten nennen. An einem Abend auf dem Rangierbahnhof werden sie entdeckt – Metro kann fliehen, doch ihr Freund Rust wird von den Sicherheitskräften verfolgt und schließlich auf einem Dach in die Enge getrieben.

„Rust schob sich ein paar Meter höher in Richtung der beiden Ratten auf dem Dach. Schließlich streckte er die Hand aus, damit die Ratte sie ergreifen konnte. Einen Augenblick lang sahen die beiden aus wie Adam und Gott auf Michelangelos Fresko an der Decke der Sixtinischen Kapelle. …Doch urplötzlich zog der Rattengott seine Hand zurück und stieß Rust den Teleskopstock gegen die Brust. In diesem Augenblick blieb meine innere Uhr stehen.“

Danach ist Metro nur noch von Rache getrieben. Sie findet heraus, welche Sicherheitsleute an dem Abend Dienst hatten, sie glaubt, den Täter gefunden zu haben und schikaniert ihn. Stellt ihn öffentlich bloß. Ruiniert ihn. Und setzt damit eine neue Welle der Gewalt in Gang.

Wie ist es geschrieben?
Rasant und sehr spannend – „Weiss für Wut“ von Jari Järvelä ist ein dramatisches Buch, geschrieben aus zwei Perspektiven: von Metro, der jungen Frau, die nach dem Mord an ihrem Freund keinen anderen Weg kennt, als ihre Trauer in Rache umzuwandeln. Und von Jere, dem Sicherheitsmann, dem das Leben zur Hölle gemacht wird, und der nun alles daransetzt, diese Qualen zu beenden. Diese eskalierende Gewalt ist roh, brutal und direkt beschrieben – doch „Weiss für Wut“ ist kein düsteres Werk, kein pessimistischer Buch – der Krimi ist auch leicht und manchmal sogar humorvoll.

Wie gefällt es?
„Weiss für Wut“ ist ein Krimi, in dem mehr steckt als nur die oberflächliche Auseinandersetzung zwischen zwei Gegenspielern, den Sprayern und dem Sicherheitsdienst. Mir hat die gut recherchierte Geschichte um die europäische Street-Art-Szene sehr gut gefallen, bei der erörtert wird, wem eigentlich der öffentliche Raum gehört, warum in Finnland Graffitis so heftig verfolgt und bestraft werden, während alle Straßen voller Werbung und Reklametafeln sind. Ein Einblick in eine Szene, die ich so noch nicht gekannt habe.

Jari Järvelä: Weiss für Wut, carl’s books, 14,99 Euro, ISBN: 9783570585528

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hr-iNFO Büchercheck: Donal Ryan „Gesichter der Wahrheit“

Irland nach dem Boom, Irland in der Wirtschaftskrise. Die Gesellschaft hat sich verändert, ihre Werte haben sich verändert. Es gibt ein paar Gewinner und viele Verlierer. Was geht in den Menschen vor? Das ist das Thema von Donal Ryans Roman.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Der deutsche Titel des Buchs „Die Gesichter der Wahrheit“ ist Programm. Wir lernen 21 Menschen kennen, die uns erzählen, wie es ihnen geht. Ökonomische Probleme, persönliche Probleme, Enttäuschungen, Wut, Verzweiflung, Fatalismus. Alle sind sie irgendwie Opfer. Einige haben für einen Bauunternehmer aus dem Ort gearbeitet, der eine Siedlung nach der anderen hochzog und sich mit dem Geld davon machte, als die Immobilienblase platzte. Zurück bleiben die Arbeiter, die nicht nur keinen Lohn mehr haben, sondern auch noch entdecken müssen, dass der Bauunternehmer ihre Sozialbeiträge unterschlug. Und sie müssen lernen, dass die Behörden nicht weiterhelfen. Allesamt Menschen, die durch ihr Schicksal nachhaltig verunsichert und mehr oder weniger sprachlos geworden sind. Jeder versucht sich irgendwie durch zu schlagen, die Gemeinschaft bleibt dabei auf der Strecke.

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hr-iNFO Büchercheck: Horst Eckert “Wolfsspinne”

Der neue Krimi „Wolfsspinne“ von Horst Eckert spielt vor dem Hintergrund der Morde des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat das Buch gelesen.

Worum geht es?
Im November 2015 wird die Wirtin eines Düsseldorfer Szene-Restaurants brutal ermordet. Vincent Veih leitet die Ermittlung. Er findet heraus, dass die Frau drogenabhängig war. Bei der Suche nach den Dealern stößt Veih auf einen entfernten Cousin, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Dieser Ronny ist verdeckter Ermittler beim Landeskriminalamt, eingesetzt im Drogenmilieu. Er hat aber auch noch starke Kontakte zur Neonazi-Szene, der er früher als Mitglied und dann als V-Mann in Thüringen angehört hat.

Wie ist es geschrieben?
Der Krimi fängt fast harmlos an. Dann aber nimmt die Geschichte Fahrt auf. Horst Eckert erzählt in sehr realistischen Dialogen eine glaubwürdige und spannende Geschichte. Dabei verquickt er reale Ereignisse der Rechts-Terroristen des sogenannten National-sozialistischen Untergrundes mit fiktiven Elementen. Die Geschichte von V-Mann Ronny ist in Rückblenden erzählt. Im Dezember 2011 hat er den NSU beobachtet, deren mörderisches Wirken erst durch den angeblichen doppelten Selbstmord von
Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem Wohnmobil in Eisenach aufgedeckt wurde. Im Krimi ist Ronny mit im Wohnmobil. Die Namen der beiden Täter sind hier andere.

“Ronny feuerte aus der Hüfte. Das schwere Flintengeschoss riss einen Krater in Gerris linke Schläfe. Die andere Kopfhälfte explodierte. Der Kamerad schlug gegen die Seitentür und sackte zu Boden. Der Rückstoß war heftig gewesen. Die Wand des Wohnmobils war völlig besudelt. Ronny zitterte und hätte die Pumpgun am liebsten fallen gelassen. Doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Was soll der Scheiß? schrie Max. Das fragst Du? brüllte Ronny zurück. Warum fangt ihr wieder mit den verdammten Überfällen an? Warum hört ihr nicht auf mich? Sie werden uns nicht kriegen. Hast du eine Ahnung. Kamerad, lass mich abhauen, bitte. Max ging heulend auf die Knie. Warum? Ich meine, wie kannst du ausgerechnet du, wir sind doch ….“

Wie gefällt es?
„Wolfsspinne“ ist ein mit Fakten gespickter Krimi, der aber natürlich Fiktion ist. Die Zweifel vieler Experten daran, dass sich die beiden Täter des sogenannten National-sozialistischen Untergrundes selbst in einem Wohnwagen in Eisenach ermordet haben sollen, ist Grundlage für eine Geschichte, die weitergesponnen wird. „Wolfsspinne“ ist ein politischer Krimi auf höchstem Niveau.

Horst Eckert: Wolfsspinne, Wunderlich Verlag, Reinbek, Euro 19,95, ISBN 9783805250993

hr-iNFO Büchercheck: Nina Weijers “Die Konsequenzen”

Wenn man auf den Knopf drückt, kommt der Fahrstuhl. Das ist einfach. Leider ist es im Leben oft viel schwerer abzusehen, welche Konsequenzen unser Handeln oder Nicht-Handeln haben wird. – Darum geht es in Nina Weijers Roman „Die Konsequenzen“. Und um eine merkwürdige Künstlerin.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Minnie Panis gibt Rätsel auf. – Als Baby wollte sie partout nicht schreien. Und heute, mit Ende zwanzig, ist sie eine Künstlerin, die keine Künstlerin sein will – und gerade dafür von der Kunstwelt gefeiert wird. Sie macht ihr Leben zur Kunst. Zum Beispiel, indem sie alles verkauft, was sie besitzt, bis auf die eigenen Milchzähne. Eine Arbeit über das Loslassen.

„Tausende von Augen blinzelten erstaunt beim Anblick des unwahrscheinlichen, grandiosen Lichts, das plötzlich auf die Welt herabgesunken war und die Atmosphäre blau tönte. (…) Es bleibt die Frage, warum Minnie gegen zwei Uhr mittags mutwillig das zu dünne Eis betrat und dort stehen blieb, während es brach, lediglich leicht erstaunt, als sie sich unter ihren Füßen vollzog, diese Transformation von fest zu flüssig.“

Wie ist es geschrieben?
Es ist spannend, allmählich Minnies ungewöhnlicher Geschichte und ihrer Kunst auf die Schliche zu kommen – Rückblick für Rückblick setzt sich das Puzzle zusammen. Weijers schreibt aus Minnies Perspektive – und findet treffsichere Worte für ihre interessanten Beobachtungen: zum Wesen der Kunst – und zum widersprüchlichen Wesen der Menschen. Das ist so witzig wie klug!

Wie gefällt es?
Es gibt Romane, die trägt man immer bei sich. „Die Konsequenzen“ von Ninja Weiers ist so einer. Für mich ein Kleinod. Die schräge, witzige, kluge Minnie hat mich so gut unterhalten, dass ich nach der letzten Seite wehmütig wurde. Sie wird mir fehlen.
Niña Weijers: Die Konsequenzen Roman. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp, ET: 08.08.2016, 359 Seiten, 22,- Euro,
ISBN: 978-3518425589

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hr-iNFO Büchercheck: Stewart O’Nan “Westlich des Sunset”

Der US-Autor Stewart ONan hat den Kampf des amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald gegen den Untergang zum Thema seines Romans „Westlich des Sunset gemacht.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat das Buch gelesen.

Worum geht es?

Fitzgerald ist finanziell mehr als klamm. Die Krankheit seiner Frau verschlingt Geld, das Studium von Tochter Scottie auch. Er selbst trinkt, hat Herzprobleme. Da seine Stories bei den Zeitschriften nichts mehr abwerfen, seine Romane nicht mehr ankommen, verdingt er sich in Hollywood. Er lebt in einem Hotelappartement. Am Pool trifft er einige der Größen seiner Zeit. Aber das sind nur letzte Früchte des vergangenen Ruhms.

Diesmal war es mehr als ein Stechen. Das Zimmer flimmerte, wurde langsam dunkel. Er verlor den Halt und spürte, wie er stürzte und wild herumfuchtelte, und bevor die Finsternis ihn verschluckte, beteuerte er mit dem letzten hilflosen Gedanken: Aber ich bin noch nicht fertig.

Das ist wohl das Thema dieses Buchs: immer weiter machen, nicht aufgeben, auch wenn das Glück auf immer verloren ist.

Wie ist es geschrieben?

Es ist ein melancholischer Erzählton, den O‘Nan anschlägt.  Andererseits wirkt vieles protokollarisch und distanziert. Dabei gibt es durchaus starke atmosphärische Szenen.

Wie gefällt es?

Wer sich für Schriftsteller interessiert, für Menschen im aussichtslosen Kampf mit sich selbst, für schillerndes Szeneleben oder für Hollywood Ende der dreißiger Jahre, der ist hier richtig.

Stewart ONan: Westlich des Sunset, Rowohlt Verlag, Reinbek, Euro 19,95,

ISBN 9783498050450

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hr-iNFO-Büchercheck: Denise Mina “Die tote Stunde”

Denise Mina: Die tote Stunde
Der neue Krimi der schottischen Autorin Denise Mina spielt in Glasgow Mitte der 1980er Jahre: „Die tote Stunde“. Es sind die Jahre des wirtschaftlichen Niedergangs.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat das Buch gelesen.

Worum geht es?
Paddy Meehan ist eine junge Journalistin bei den Scottish Daily News. Seit Wochen hat sie Nachtschicht. Überfälle, Unfälle, Schlägereien, Gewalt, das sind ihre Themen. Der Polizeifunk führt sie diesmal in einen reichen Vorort. Eine Frau wurde übel zugerichtet. Paddy sieht sie einen kurzen Moment durch den Türspalt. Die Polizei will die Sache nicht weiter verfolgen, die Frau selbst habe darum gebeten, und auch Paddy lässt sich vom Hausbesitzer abwimmeln. Trotzdem hat sie Gewissensbisse, erst recht, als am nächsten Morgen die Leiche der Frau gefunden wird.

Wie ist es geschrieben?
Denise Mina hat in ihrem Krimi „Die tote Stunde“ eine starke Protagonistin geschaffen. Die Reporterin Paddy liebt ihren Job, hat aber auch ständig Angst um ihn, leidet unter den Kollegen, hat aber dennoch einige Verbündete. In ihrer Arbeit ist sie manchmal halt- und orientierungslos wie im Leben überhaupt, und das schafft die Autorin stilistisch überzeugend darzustellen. Dass Denise Mina die Arbeiterklasse am Herzen liegt, schwingt dabei immer mit. Nicht aber, ohne die Spannung zu vernachlässigen. Ganz im Gegenteil. Bald wird Paddy nicht nur von den Mördern, sondern auch von der Polizei unter Druck gesetzt. Wirklich Angst bekommt sie, als ein Brandanschlag auf ihr Redaktionsauto mit Fahrer Billy verübt wird.

“Ein glühender Ball aus orangerotem Licht verbrannte die empfindliche Hornhaut von Paddys Augen, bevor sie auch nur Zeit hatte, zu blinzeln. Sie fiel nach hinten, hielt sich die Hand vor Augen und stolperte über die Treppe. Sie hörte das Feuer im Auto aufflammen und knistern. Jede Scheibe im Auto war geplatzt und zersplittert, wütende orangefarbene Flammen züngelten bis zum Dach. Die Fahrertür stand offen. Billy lag auf dem Boden, doch ihr Blick auf ihn war verstellt durch Ärzte und Schwestern. Zwischen den Beinen der Mediziner sah man einen verkohlten Arm, die rohen roten Finger zu einer Klaue zusammengekrümmt.“

Wie gefällt es?
„Die tote Stunde“ von Denise Mina hat so vieles, das mich beeindruckt hat. Es ist ein fesselnder Krimi und eine einfühlsame Sozialreportage. Das Skandalöse wird unaufgeregt beschrieben. Das ist manchmal hart bis an die Schmerzgrenze, aber glaubwürdig. Korruption bei der Polizei ist das große Thema dieses überaus spannenden Krimis.

Denise Mina: Die tote Stunde, Heyne Verlag, München, Euro 9,99, ISBN 9783453434929

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