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hr-iNFO Büchercheck: Michael Lüders “Never say anything”

Der Nahost-Experte Michael Lüders hat einen Krimi geschrieben mit dem Titel „Never say anything“, kurz NSA.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Polit-Krimi gelesen.

Worum geht es?

Die deutsche Journalistin Sophie Schelling fliegt für eine Reportage nach Marokko. Mitten in der Wüste wird sie Augenzeugin eines Drohnen-angriffs. Ein ganzes Dorf wird unter Beschuss genommen.
“Sophie, panisch, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, duckte sich an die Rückseite der Häuser. Laserblitze durchzogen weiterhin die Landschaft. Der kleinere der beiden Hubschrauber landete kurz und entlud weitere Soldaten. Sie durchkämmten Haus um Haus. Noch immer schrien Menschen. Auf der Straße lagen regungslose Körper. Vereinzelt fielen Schüsse. Sophie robbte auf allen vieren, um nicht ins Blickfeld zu geraten. Dabei beobachtete sie, was ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Auf dem Boden lagen tote Frauen. Darüber hatten sich zwei Soldaten gebeugt. Fluchend unternahmen sie, was sich Sophie nicht sofort erschloss. Dann aber verstand sie, was sie taten. Mit einem Messer entfernten sie die Kugeln aus den Leichen. Fast hätte sie aufgeschrien. Mein Gott, das waren Profis. Bäuerinnen, von amerikanischen Kugeln durchsiebt, keine gute Werbung.“
Sophie Schelling überlebt als einzige diesen Angriff, wird schwer verletzt gerettet und von Unbekannten zur deutschen Botschaft gebracht. Das Massaker hat bereits weltweit Schlagzeilen gemacht und wird algerischen Islamisten zugeschrieben. Doch
Sophie Schelling ist sich sicher, an einem Raketen-Überrest amerikanische Aufschriften gesehen zu haben.

Wie ist es geschrieben?

Michael Lüders ist kein Literat, aber er kann schreiben. Was an stilistischer Finesse fehlt, gleicht er mit einer spannenden, verwickelten Handlung und detaillierten Fachkenntnissen aus. Mit Hilfe der Kriminalhandlung will Lüders darauf aufmerksam machen, was westliche Politik im Nahen Osten anrichten kann.

Wie gefällt es?

Michael Lüders führt in den Drohnenkrieg der US-Amerikaner. Er schildert den Einsatz von Spezialkräften und die Methoden und Machenschaften der Geheimdienste. Ich habe mir beim Lesen häufiger gewünscht, dass das doch alles nur erfunden sei, Fiktion. Aber der Autor Michael Lüders kennt sich aus, und so steht zu befürchten, dass ein Fall wie das Massaker in der marokkanischen Wüste so oder so ähnlich tatsächlich passiert sein kann.

Michael Lüders: Never say anything, C. H. Beck Verlag, München, Euro 14,95,
ISBN 9783406688928

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hr-iNFO Büchercheck David Grossmann “Kommt ein Pferd in die Bar”

David Grossmann: Kommt ein Pferd in die Bar David Grossman, Jahrgang 54, gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen israelischen Schriftstellern. Jetzt hat er einen neuen Roman veröffentlicht. Er trägt den merkwürdigen Titel „Kommt ein Pferd in die Bar.“ hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Der Roman handelt von einem Auftritt des Stand-Up-Comedian Dovele Grindstein in der israelischen Küstenstadt Natanja. Er ist in die Jahre gekommen und wahrscheinlich todkrank. Der Abend, den wir hier erleben, könnte seine Abschiedsvorstellung sein. Sein Programm wird immer mehr zu einer Reise in die eigene Geschichte, seine persönliche Tragödie, zu der ein Verrat durch einen Jugendfreund genauso gehört wie das Trauma der Shoa, das seine Eltern auf ihn vererbt haben. Was mit einigen Slapstickeinlagen beginnt, wird zu einer Art Tribunal, in dem der Komiker Grinstein Kläger und Angeklagter in einer Person ist.

Wie ist es geschrieben?

Erzählt wird das Ganze aus der Sicht eines pensionierten Richters, der im Publikum sitzt. Er ist jener Freund aus Kindertagen. Grinstein hat ihn extra zu dieser Vorstellung eingeladen. Es bleibt lange Zeit in der Schwebe, ob dieser Abend Anklage oder Versöhnungsangebot sein soll. Ein ums andere Mal geht er bis an die Grenze des Erträglichen, etwa,  wenn er seine Witze über den Auschwitz-Arzt Josef Mengele macht:
“Also, ich möchte mal sagen, auf gewisse Weise war der für uns, was man einen family doctor nennt. Kann man doch so sehen, oder? Er klimpert treuherzig mit den Lidern in Richtung Publikum, das sich immer mehr verkrampft. Schon mal überlegt, wie viel der zu tun hatte, dieser Doktor? Sie sind ja aus ganz Europa zum ihm gereist, die sind in den Zügen übereinander geklettert, um zu ihm zu kommen, und trotzdem hat er sich Zeit genommen, sich jeden Einzelnen von uns genau anzusehen. Bloß eine zweite Meinung einholen, durften wir nicht, unter keinen Umständen. Allein sein Wort galt! Und das Gespräch war kurz: Rechts, links, links, links, links.“

Wie gefällt es?

Gerade weil dieser Roman sich ganz konsequent auf diesen einen Abend an diesem einen Ort konzentriert, entwickelt er eine ungeheure Sogwirkung. Es ist kein einfach zu lesender Roman, weil er uns immer wieder zur Entscheidung zwingt, ob wir noch mit der Hauptfigur lachen dürfen oder uns schon über sie empören müssen. Genau solche Fragen stellt große, riskante Literatur, und dieser Roman ist für mich ein ganz großer.

David Grossmann: Kommt ein Pferd in die Bar, Hanser Verlag, München, Euro 19,90, ISBN 9783446250505

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hr-iNFO-Büchercheck: Anna Katharina Hahn “Das Kleid meiner Mutter”

Madrid im Sommer 2012: Anita, Mitte Zwanzig, lebt wieder im Kinderzimmer bei ihren Eltern. So wie viele ihrer Freunde. Sie haben keine Arbeit, kein Geld und keine Hoffnung. Also ein Gesellschaftsroman zur Eurokrise? Nein, das ist nur die Kulisse.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Im Grunde geht es in „Das Kleid meiner Mutter“ darum, dass Anita ihre Eltern eines Tages tot im Bett findet und ihr ihre unbändige Vorstellungskraft dabei hilft, dieses einschneidende Erlebnis zu bewältigen. Darum wirft sie sich auch in die prächtigen, altmodischen Kleider ihrer Mutter. Hahn überspitzt das bis ins Surreale. Sie lässt Anitas Camouflage perfekt gelingen. So, dass die neugierige Nachbarin, der Arbeitskollege des Vaters, alle, Anita wahrnehmen als ihre Mutter Blanca. Das führt zu skurrilen Situationen und ist bei aller Traurigkeit des Themas äußerst amüsant.
“Natürlich roch es im Schlafzimmer nicht nach Verwesung. Die Eltern waren tatsächlich da. Sie saßen immer noch auf den beiden Sesseln am Fenster. Anzug und Kleid schlotterten ihnen um die Glieder. Die Hände meines Vaters waren in seinen Manschetten verschwunden, unter dem geblümten Rock meiner Mutter lugten nur die Schuhspitzen hervor, nicht mehr, wie gestern noch, die nackten Knie. Kein Fuß berührte den Boden. Alles an ihnen war kleiner geworden, über Nacht geschrumpft.“
Alles scheint möglich in Anitas bunt schillernder Gegenwelt. Aber dann entdeckt sie, dass ihre Mutter eine Affäre mit einem geheimnisvollen deutschen Schriftsteller hatte.

Wie ist es geschrieben?

Fantasievoll, anrührend, witzig und spannend. Die junge Ich-Erzählerin erzählt flapsig und direkt. Sie begibt sich immer tiefer in die Nachforschungen über den Geliebten ihrer Mutter und bereitet sich auf ein Treffen vor.

Wie gefällt es?

So gut mir „Das Kleid meiner Mutter“ gefällt, leider will Anna Katharina Hahn zu viel auf einmal. Sie überfrachtet den Roman mit der Nazi-Geschichte des Schriftstellers und der Frage nach der deutschen Schuld. Trotzdem habe ich das Buch an zwei Tagen hintereinander durchgelesen. Genial und sehr poetisch finde ich z.B. die Idee, dass Hahn die verstorbenen Eltern immer weiter schrumpfen lässt, bis sie zwei kleine Puppen sind, die Anita am Ende einem fremden Mädchen auf dem Spielplatz schenkt.

Anna Katharina Hahn: Das Kleid meiner Mutter, Suhrkamp Verlag, Berlin, Euro 21,95,
ISBN 9783518425169

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@hr-iNFO Büchercheck: Benedict Wells “Vom Ende der Einsamkeit”

Benedict Wells ist 31 Jahre alt und schon ein sehr erfolgreicher Autor. Sein neuester Roman, „Vom Ende der Einsamkeit“, ist wieder unter den Top Ten der Bestseller. In der vergangenen Woche wurde das Buch mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Jules wächst behütet und glücklich auf, bis seine Eltern bei einem Autounfall sterben. Da ist er gerade zehn. Jules landet mit seinem älteren Bruder und seiner älteren Schwester in einem Internat und verliert dort den Kontakt zu seinen Geschwistern. Mit der familiären Geborgenheit verliert er auch sein Selbstbewusstsein. Die Einsamkeit, die er verspürt, nimmt ihm den Elan. Wäre da nicht die Mitschülerin Alva. Die beiden ziehen sich immer wieder an und stoßen sich wieder ab. Warum das so war, verstehen sie erst zwanzig Jahre später, als sie sich wieder treffen, heiraten, Kinder kriegen. Leider kein happy end. Denn Alva stirbt an Krebs, und Jules fährt mit dem Motorrad gegen einen Baum. Im letzten Moment denkt er an seine Kinder und reißt das Steuer noch herum. Im Krankenhaus läuft dann der Film seines Lebens nochmal ab, in Rückblenden erfahren wir davon. Ein tieftrauriges Leben.
“Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren, wie sie passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt. Ich zog dem Schicksal die Maske vom Gesicht und fand darunter nur den Zufall.“

Wie ist es geschrieben?

Man könnte verzweifeln an Jules Lebenserfahrungen. Trotzdem ist „Das Ende der Einsamkeit“ auch heiter und fesselnd. Das liegt an der Konstruktion des Rückblicks, der immer wieder von Jules Gegenwart durchbrochen wird. Im Leid schimmern Strahlen des Glücks durch, auch wenn es nicht dauerhaft ist. Neben dieser Konstruktion findet Benedict Wells eine Sprache, die sensibel ist und locker zugleich. Er erzählt faktisch und nicht pathetisch. Das schützt ihn vor Kitsch. Die Figuren sind nicht fest gefügt, sie entwickeln sich. Weil das so ist, finden sie am Ende Lösungen für ihre Probleme.

Wie gefällt es?

Das Leben geht weiter, mal so, mal so. Man kann sich gut mit diesen Figuren identifizieren. Am Ende birgt dieser Roman viel Trost und auch Hoffnung. Seine Botschaft: Auch wenn der Tod jederzeit anklopfen kann, bis dahin haben wir das Leben in der Hand.

Benedict Wells: Das Ende der Einsamkeit, Diogenes Verlag, Zürich, Euro 22,00,
ISBN 9783257069587

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hr-iNFO Büchercheck: “Der Anruf”

Es ist mal wieder Zeit für einen Krimi in unserer Büchercheck-Rubrik. In die Welt der Geheimdienste und der Terroranschläge führt uns der neue Kriminalroman des US- Amerikaners Olen Steinhauer mit dem Titel „Der Anruf“. Und der Titel, dieser Anruf, führt schon mittenhinein in das Geschehen. Karin Trappe hat den Spionagethriller „Der Anruf“ für hr-info gelesen.

Bewertung

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Worum geht es?

Flughafen Wien im Jahr 2006: Terroristen haben ein Flugzeug mit 210 Menschen gekapert und fordern die Freilassung von Gesinnungsgenossen. Zufällig sitzt ein Kurier der CIA in der Maschine und versorgt sein Geheimdienstbüro in Wien mit Informationen über die Lage im Flugzeug. Bis zu einem Anruf von diesem CIA- Büro mit einem führenden Terroristen… Der Kurier ist enttarnt, die Pläne der CIA sind aufgeflogen. Die Terroristen töten alle 210 Insassen des Flugzeugs. Jahre später soll der CIA-Agent Henry Pelham, damals an der Aktion beteiligt, die letzten Zweifel an dem Drama in Wien ausräumen. Wer hat damals von dem CIA-Büro aus die Terroristen angerufen? Wer hat den Verrat begangen? Wer ist schuld am Tod von 210 Menschen? Henry fährt zu seiner damaligen Kollegin Celia, mit der er in Wien eine Liebesbeziehung hatte. Bis sie, direkt nach dem Fiasko auf dem Flughafen, Wien und ihrer Agentenarbeit den Rücken kehrte, heiratete und sich in den USA niederließ. Henry liebt Celia immer noch, doch jetzt treibt ihn nur noch der unbedingte Wille, das damalige Geschehen aufzuklären. Denn er weiß: Celia wusste von dem Anruf, hat ihn jedoch verheimlicht. Ist sie also schuld? Und so sitzen sich Henry und Celia in einem Restaurant in Kalifornien gegenüber…

Wie ist es geschrieben?

„Der Anruf“ von Olen Steinhauer ist in weiten Teilen ein Kammerspiel. Ein Restaurant, zwei Menschen, ein langes Gespräch. Es entspinnt sich ein packendes, wechselseitiges Verhör. Wir lesen von Henrys und von Celias Erinnerungen. Henry scheint sich sicher zu sein, dass Celia die Verräterin ist. Er will wissen, warum sie es getan hat. Celia dagegen wirkt arglos, selbstsicher, unbekümmert.

Zitat: Ungeduldig winke ich ab. „Celia, ich möchte ganz ehrlich sein. Das sieht überhaupt nicht gut aus. Alle wissen, dass das Büro an diesem Tag nur von zwei Leuten benutzt wurde. Von Bill und von dir. Und die Tatsache, dass du deine Erkenntnisse verschwiegen hast, spricht nicht unbedingt für dich. Du musst mir einen Grund nennen – einen guten, plausiblen Grund -, weshalb du die Beweise vor uns allen versteckt hast.“
Ihr stehen Tränen in den Augen, doch sie hält sie zurück. Auch die Arme hat sie abwehrend verschränkt. Weil sie nicht antworten will, fahre ich fort.
„Für Interpol kämen da nur zwei Möglichkeiten infrage. A) Du wolltest Bill schützen, den du wie einen Vater geliebt hast. B) Du wolltest dich selber schützen. Also, Cee, was trifft zu? A oder B?“

Wer ist schuld, wer hat mit den Terroristen kooperiert und damit 210 Menschen auf dem Gewissen? Von Kapitel zu Kapitel, von Seite zu Seite, von Zeile zu Zeile steigert sich die Dramatik – und endet in einem Knall. Was natürlich jetzt hier nicht verraten werden kann.

Wie gefällt es?

Gegen Ende konnte ich nicht mehr loslassen. Ich war mir so sicher, und dann schwankte ich wieder. War es wirklich Celia? Aber warum sollte sie? Oder deckt sie jemanden? Aber wen? Gibt es noch eine andere Möglichkeit? „Der Anruf“ von Olen Steinhauer ist ein Buch, das mich völlig in Beschlag genommen hat. Ich wollte, ich musste wissen, wer es war, wer damals den Terroristen angerufen, damit die Geheimdienste verraten und 210 Menschen bewusst in den Tod geschickt hat. Eine irre Geschichte, eine spannende Erzählung, ein realistisches Setting. Extrem empfehlenswert.

 

hr-iNFO Büchercheck: Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes

hr-iNFO Büchercheck vom 31.03.2016

Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes

Michael Kumpfmüller, 1961 in München geboren, arbeitete erst als Journalist, bevor er begann, Romane zu schreiben. Sein neues Buch
„Die Erziehung des Mannes“ könnte man als Erziehungs- oder Entwicklungsroman bezeichnen.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Georg heißt der Erzähler. Am Anfang des Buches ist er Mitte zwanzig, am Schluss um die sechzig Jahre alt. Georg ist Komponist und erzählt uns sein Leben. Von der Kindheit, in der er fürchterlich unter seinem autoritären Vater gelitten hat, bis ins Alter, wo er mit seiner Jugendliebe zusammen gezogen ist und ein erfülltes, zufriedenes Leben führt. Die Jahrzehnte dazwischen wurden zwar beruflich immer erfolgreicher, waren privat aber oft sehr schwierig: Ehe und Scheidung, Rosenkrieg und Patchwork-Familie, eine große Liebe, die sich nicht leben lässt, die wechselhafte Beziehung zu den drei Kindern. Georg musste viele Federn lassen, aber er hat auch viel Glück erlebt, wozu Frauen einen wichtigen Beitrag geleistet haben.

Wie ist es geschrieben?

Georg erzählt in der Ich-Form, in einem kühlen und klaren Ton, manchmal direkt ein wenig spröde. Wir erfahren unzählige Episoden und Erlebnisse aus seinem Leben, vieles wird fast bürokratisch-präzise registriert. Das wirkt auf die Dauer etwas eintönig. Georg neigt auch zu Schwarz-Weiß-Zeichnungen: der böse Vater, die gute, arme Mutter, die zänkische Ex-Frau, er selbst der liebevolle Vater. Das ist menschlich verständlich, literarisch aber problematisch. Wobei es Kumpfmüller auch immer wieder gelingt, seinen Figuren in messerscharfen Sätzen die Maske abzureißen. Dem Vater zum Beispiel:

“Manchmal hasste ich ihn. Wahrscheinlich meinte er es noch gut, wenn er meine Mutter wochenlang keines Blickes würdigte oder zu seinen Geliebten ging und bei nächster Gelegenheit vor Dritten so tat, als sei er der allerglücklichste Familienmensch. Dabei waren wir nur Staffage für die seit Jahren selbe Inszenierung, mit der er sich vor allen versteckte, seine Müdigkeiten, seine Angst zu scheitern, seine Unersättlichkeit.“

Wie gefällt es?

Mich hat Michael Kumpfmüllers „Die Erziehung des Mannes“ nicht so fasziniert wie seine früheren Romane. Er ist ein sehr kluger Kopf und ein großartiger Schriftsteller, in seinem neuen Roman fehlte mir aber eine innere Spannung, die entweder aus der Sprache kommt oder aus den Geheimnissen, die die Protagonisten mit sich herum tragen. Ich hätte so gerne mehr Tiefenstrukturen und gegenläufige Stimmen entdeckt.

Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, Euro 19,99, ISBN 9783462044812

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hr-iNFO Büchercheck: Kamel Daoud “Der Fall Meursault”

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

Um den algerischen Journalisten und Schriftsteller Kamel Daoud ist ein richtiger Hype entstanden, nachdem sein Buch „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ auf dem Markt ist und nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen. Worum geht es?
Albert Camus schildert in seinem Roman „Der Fremde“ den sinnlosen Mord eines Franzosen an einem Algerier, die Gleichgültigkeit des Täters, seine Gottlosigkeit, seine Verlorenheit. Das war 1942. Der Mörder heißt Meursault. Das Opfer bleibt in dem Buch des Nobelpreisträgers dagegen namenlos und heißt lediglich „der Araber“.
Nun, über 50 Jahre nach dem Zusammenbruch der französischen Herrschaft in Algerien, hat der Algerier Kamel Daoud diesen Mordfall neu aufgerollt. Der Araber bekommt einen Namen. Moussa. Sein Bruder erzählt die Geschichte weiter. Aus seiner Sicht.

Wie ist es geschrieben?
Daoud deklariert sein Buch als Roman und als Gegendarstellung zu Camus Roman. Beides stimmt nicht. In der Form handelt es sich um einen Monolog, in der Sache eher um eine Ergänzung des Fremden von Camus. Der Täterperspektive folgt jetzt die Sicht der Opferfamilie. Der Bruder lässt noch einmal die Empörung aufleben und beschreibt lamentierend den Weg in seine eigene Gleichgültigkeit. Dabei nimmt er immer wieder auch Bezug zum Werk Camus, an dem er sich gewissermaßen intellektuell abarbeitet.
„Ich persönlich mag einfach nicht, was sich in den Himmel erhebt, sondern nur, was Schwere und Schwerkraft teilt. Ja, ich wage, es dir zu sagen, mir graut vor den Religionen. Vor allen! Weil sie das Gewicht der Welt verfälschen. Manchmal habe ich Lust, die Mauer einzureißen, die mich von meinem Nachbarn trennt, ihm an den Hals zu gehen und ihn anzubrüllen, mit seinen heulenden Rezitationen aufzuhören, die Welt zu akzeptieren, wie sie ist, seine Augen auf seine eigene Kraft und Würde zu richten und damit aufzuhören, hinter einem Vater herzurennen, der in den Himmel abgehauen ist und nie wiederkommen wird.“

Wie gefällt es?
Weil Daoud die Geschichte Camus weiter spinnt, ist der zeitliche Horizont hier ein gänzlich anderer. Er reicht bis zur Gegenwart. Im Kern ist es die Kritik an der algerischen Gesellschaft, von den Unabhängigkeitskriegen bis heute. Für uns im Westen, die Zeitgenossen der Silvesternacht in Köln und anderswo, macht Daoud damit nochmal sehr deutlich: Araber ist nicht gleich Araber.

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung, Kiepenheuer&Witsch,
Euro 17,99, ISBN: 9783462047981

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