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@hr-iNFO Büchercheck: Benedict Wells “Vom Ende der Einsamkeit”

Benedict Wells ist 31 Jahre alt und schon ein sehr erfolgreicher Autor. Sein neuester Roman, „Vom Ende der Einsamkeit“, ist wieder unter den Top Ten der Bestseller. In der vergangenen Woche wurde das Buch mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Jules wächst behütet und glücklich auf, bis seine Eltern bei einem Autounfall sterben. Da ist er gerade zehn. Jules landet mit seinem älteren Bruder und seiner älteren Schwester in einem Internat und verliert dort den Kontakt zu seinen Geschwistern. Mit der familiären Geborgenheit verliert er auch sein Selbstbewusstsein. Die Einsamkeit, die er verspürt, nimmt ihm den Elan. Wäre da nicht die Mitschülerin Alva. Die beiden ziehen sich immer wieder an und stoßen sich wieder ab. Warum das so war, verstehen sie erst zwanzig Jahre später, als sie sich wieder treffen, heiraten, Kinder kriegen. Leider kein happy end. Denn Alva stirbt an Krebs, und Jules fährt mit dem Motorrad gegen einen Baum. Im letzten Moment denkt er an seine Kinder und reißt das Steuer noch herum. Im Krankenhaus läuft dann der Film seines Lebens nochmal ab, in Rückblenden erfahren wir davon. Ein tieftrauriges Leben.
“Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren, wie sie passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt. Ich zog dem Schicksal die Maske vom Gesicht und fand darunter nur den Zufall.“

Wie ist es geschrieben?

Man könnte verzweifeln an Jules Lebenserfahrungen. Trotzdem ist „Das Ende der Einsamkeit“ auch heiter und fesselnd. Das liegt an der Konstruktion des Rückblicks, der immer wieder von Jules Gegenwart durchbrochen wird. Im Leid schimmern Strahlen des Glücks durch, auch wenn es nicht dauerhaft ist. Neben dieser Konstruktion findet Benedict Wells eine Sprache, die sensibel ist und locker zugleich. Er erzählt faktisch und nicht pathetisch. Das schützt ihn vor Kitsch. Die Figuren sind nicht fest gefügt, sie entwickeln sich. Weil das so ist, finden sie am Ende Lösungen für ihre Probleme.

Wie gefällt es?

Das Leben geht weiter, mal so, mal so. Man kann sich gut mit diesen Figuren identifizieren. Am Ende birgt dieser Roman viel Trost und auch Hoffnung. Seine Botschaft: Auch wenn der Tod jederzeit anklopfen kann, bis dahin haben wir das Leben in der Hand.

Benedict Wells: Das Ende der Einsamkeit, Diogenes Verlag, Zürich, Euro 22,00,
ISBN 9783257069587

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hr-iNFO Büchercheck: “Der Anruf”

Es ist mal wieder Zeit für einen Krimi in unserer Büchercheck-Rubrik. In die Welt der Geheimdienste und der Terroranschläge führt uns der neue Kriminalroman des US- Amerikaners Olen Steinhauer mit dem Titel „Der Anruf“. Und der Titel, dieser Anruf, führt schon mittenhinein in das Geschehen. Karin Trappe hat den Spionagethriller „Der Anruf“ für hr-info gelesen.

Bewertung

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Worum geht es?

Flughafen Wien im Jahr 2006: Terroristen haben ein Flugzeug mit 210 Menschen gekapert und fordern die Freilassung von Gesinnungsgenossen. Zufällig sitzt ein Kurier der CIA in der Maschine und versorgt sein Geheimdienstbüro in Wien mit Informationen über die Lage im Flugzeug. Bis zu einem Anruf von diesem CIA- Büro mit einem führenden Terroristen… Der Kurier ist enttarnt, die Pläne der CIA sind aufgeflogen. Die Terroristen töten alle 210 Insassen des Flugzeugs. Jahre später soll der CIA-Agent Henry Pelham, damals an der Aktion beteiligt, die letzten Zweifel an dem Drama in Wien ausräumen. Wer hat damals von dem CIA-Büro aus die Terroristen angerufen? Wer hat den Verrat begangen? Wer ist schuld am Tod von 210 Menschen? Henry fährt zu seiner damaligen Kollegin Celia, mit der er in Wien eine Liebesbeziehung hatte. Bis sie, direkt nach dem Fiasko auf dem Flughafen, Wien und ihrer Agentenarbeit den Rücken kehrte, heiratete und sich in den USA niederließ. Henry liebt Celia immer noch, doch jetzt treibt ihn nur noch der unbedingte Wille, das damalige Geschehen aufzuklären. Denn er weiß: Celia wusste von dem Anruf, hat ihn jedoch verheimlicht. Ist sie also schuld? Und so sitzen sich Henry und Celia in einem Restaurant in Kalifornien gegenüber…

Wie ist es geschrieben?

„Der Anruf“ von Olen Steinhauer ist in weiten Teilen ein Kammerspiel. Ein Restaurant, zwei Menschen, ein langes Gespräch. Es entspinnt sich ein packendes, wechselseitiges Verhör. Wir lesen von Henrys und von Celias Erinnerungen. Henry scheint sich sicher zu sein, dass Celia die Verräterin ist. Er will wissen, warum sie es getan hat. Celia dagegen wirkt arglos, selbstsicher, unbekümmert.

Zitat: Ungeduldig winke ich ab. „Celia, ich möchte ganz ehrlich sein. Das sieht überhaupt nicht gut aus. Alle wissen, dass das Büro an diesem Tag nur von zwei Leuten benutzt wurde. Von Bill und von dir. Und die Tatsache, dass du deine Erkenntnisse verschwiegen hast, spricht nicht unbedingt für dich. Du musst mir einen Grund nennen – einen guten, plausiblen Grund -, weshalb du die Beweise vor uns allen versteckt hast.“
Ihr stehen Tränen in den Augen, doch sie hält sie zurück. Auch die Arme hat sie abwehrend verschränkt. Weil sie nicht antworten will, fahre ich fort.
„Für Interpol kämen da nur zwei Möglichkeiten infrage. A) Du wolltest Bill schützen, den du wie einen Vater geliebt hast. B) Du wolltest dich selber schützen. Also, Cee, was trifft zu? A oder B?“

Wer ist schuld, wer hat mit den Terroristen kooperiert und damit 210 Menschen auf dem Gewissen? Von Kapitel zu Kapitel, von Seite zu Seite, von Zeile zu Zeile steigert sich die Dramatik – und endet in einem Knall. Was natürlich jetzt hier nicht verraten werden kann.

Wie gefällt es?

Gegen Ende konnte ich nicht mehr loslassen. Ich war mir so sicher, und dann schwankte ich wieder. War es wirklich Celia? Aber warum sollte sie? Oder deckt sie jemanden? Aber wen? Gibt es noch eine andere Möglichkeit? „Der Anruf“ von Olen Steinhauer ist ein Buch, das mich völlig in Beschlag genommen hat. Ich wollte, ich musste wissen, wer es war, wer damals den Terroristen angerufen, damit die Geheimdienste verraten und 210 Menschen bewusst in den Tod geschickt hat. Eine irre Geschichte, eine spannende Erzählung, ein realistisches Setting. Extrem empfehlenswert.

 

hr-iNFO Büchercheck: Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes

hr-iNFO Büchercheck vom 31.03.2016

Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes

Michael Kumpfmüller, 1961 in München geboren, arbeitete erst als Journalist, bevor er begann, Romane zu schreiben. Sein neues Buch
„Die Erziehung des Mannes“ könnte man als Erziehungs- oder Entwicklungsroman bezeichnen.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Georg heißt der Erzähler. Am Anfang des Buches ist er Mitte zwanzig, am Schluss um die sechzig Jahre alt. Georg ist Komponist und erzählt uns sein Leben. Von der Kindheit, in der er fürchterlich unter seinem autoritären Vater gelitten hat, bis ins Alter, wo er mit seiner Jugendliebe zusammen gezogen ist und ein erfülltes, zufriedenes Leben führt. Die Jahrzehnte dazwischen wurden zwar beruflich immer erfolgreicher, waren privat aber oft sehr schwierig: Ehe und Scheidung, Rosenkrieg und Patchwork-Familie, eine große Liebe, die sich nicht leben lässt, die wechselhafte Beziehung zu den drei Kindern. Georg musste viele Federn lassen, aber er hat auch viel Glück erlebt, wozu Frauen einen wichtigen Beitrag geleistet haben.

Wie ist es geschrieben?

Georg erzählt in der Ich-Form, in einem kühlen und klaren Ton, manchmal direkt ein wenig spröde. Wir erfahren unzählige Episoden und Erlebnisse aus seinem Leben, vieles wird fast bürokratisch-präzise registriert. Das wirkt auf die Dauer etwas eintönig. Georg neigt auch zu Schwarz-Weiß-Zeichnungen: der böse Vater, die gute, arme Mutter, die zänkische Ex-Frau, er selbst der liebevolle Vater. Das ist menschlich verständlich, literarisch aber problematisch. Wobei es Kumpfmüller auch immer wieder gelingt, seinen Figuren in messerscharfen Sätzen die Maske abzureißen. Dem Vater zum Beispiel:

“Manchmal hasste ich ihn. Wahrscheinlich meinte er es noch gut, wenn er meine Mutter wochenlang keines Blickes würdigte oder zu seinen Geliebten ging und bei nächster Gelegenheit vor Dritten so tat, als sei er der allerglücklichste Familienmensch. Dabei waren wir nur Staffage für die seit Jahren selbe Inszenierung, mit der er sich vor allen versteckte, seine Müdigkeiten, seine Angst zu scheitern, seine Unersättlichkeit.“

Wie gefällt es?

Mich hat Michael Kumpfmüllers „Die Erziehung des Mannes“ nicht so fasziniert wie seine früheren Romane. Er ist ein sehr kluger Kopf und ein großartiger Schriftsteller, in seinem neuen Roman fehlte mir aber eine innere Spannung, die entweder aus der Sprache kommt oder aus den Geheimnissen, die die Protagonisten mit sich herum tragen. Ich hätte so gerne mehr Tiefenstrukturen und gegenläufige Stimmen entdeckt.

Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, Euro 19,99, ISBN 9783462044812

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hr-iNFO Büchercheck: Kamel Daoud “Der Fall Meursault”

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

Um den algerischen Journalisten und Schriftsteller Kamel Daoud ist ein richtiger Hype entstanden, nachdem sein Buch „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ auf dem Markt ist und nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen. Worum geht es?
Albert Camus schildert in seinem Roman „Der Fremde“ den sinnlosen Mord eines Franzosen an einem Algerier, die Gleichgültigkeit des Täters, seine Gottlosigkeit, seine Verlorenheit. Das war 1942. Der Mörder heißt Meursault. Das Opfer bleibt in dem Buch des Nobelpreisträgers dagegen namenlos und heißt lediglich „der Araber“.
Nun, über 50 Jahre nach dem Zusammenbruch der französischen Herrschaft in Algerien, hat der Algerier Kamel Daoud diesen Mordfall neu aufgerollt. Der Araber bekommt einen Namen. Moussa. Sein Bruder erzählt die Geschichte weiter. Aus seiner Sicht.

Wie ist es geschrieben?
Daoud deklariert sein Buch als Roman und als Gegendarstellung zu Camus Roman. Beides stimmt nicht. In der Form handelt es sich um einen Monolog, in der Sache eher um eine Ergänzung des Fremden von Camus. Der Täterperspektive folgt jetzt die Sicht der Opferfamilie. Der Bruder lässt noch einmal die Empörung aufleben und beschreibt lamentierend den Weg in seine eigene Gleichgültigkeit. Dabei nimmt er immer wieder auch Bezug zum Werk Camus, an dem er sich gewissermaßen intellektuell abarbeitet.
„Ich persönlich mag einfach nicht, was sich in den Himmel erhebt, sondern nur, was Schwere und Schwerkraft teilt. Ja, ich wage, es dir zu sagen, mir graut vor den Religionen. Vor allen! Weil sie das Gewicht der Welt verfälschen. Manchmal habe ich Lust, die Mauer einzureißen, die mich von meinem Nachbarn trennt, ihm an den Hals zu gehen und ihn anzubrüllen, mit seinen heulenden Rezitationen aufzuhören, die Welt zu akzeptieren, wie sie ist, seine Augen auf seine eigene Kraft und Würde zu richten und damit aufzuhören, hinter einem Vater herzurennen, der in den Himmel abgehauen ist und nie wiederkommen wird.“

Wie gefällt es?
Weil Daoud die Geschichte Camus weiter spinnt, ist der zeitliche Horizont hier ein gänzlich anderer. Er reicht bis zur Gegenwart. Im Kern ist es die Kritik an der algerischen Gesellschaft, von den Unabhängigkeitskriegen bis heute. Für uns im Westen, die Zeitgenossen der Silvesternacht in Köln und anderswo, macht Daoud damit nochmal sehr deutlich: Araber ist nicht gleich Araber.

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung, Kiepenheuer&Witsch,
Euro 17,99, ISBN: 9783462047981

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