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hr-iNFO: David Garnett “Dame zu Fuchs”

David Garnett: Dame zu Fuchs Das Buch ist fast 100 Jahre alt. 1922 ist der Roman „Lady into Fox“ erstmals erschienen. Geschrieben hat ihn der Schriftsteller David Garnett, Mitglied der legendären Londoner Bloomsbury-Intellektuellengruppe. Jetzt ist der Roman unter dem Titel „Dame zu Fuchs“ neu ins Deutsche übersetzt worden.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Das Buch handelt von einem englischen Gentleman, Richard Tebrick, dessen Frau Silvia sich urplötzlich in eine Füchsin verwandelt, was für die Beziehung der beiden einiges an Herausforderung bedeutet. Richard nimmt diese an und versucht, mit der Füchsin ein normales Eheleben zu führen, doch ihr tierisches Wesen gewinnt immer mehr die Oberhand, bis sie eines Tages Reißaus nimmt, um im Wald eine neue Fuchsfamilie zu gründen. Doch damit ist diese verstörende Geschichte noch nicht zu Ende.

Wie ist es geschrieben?

Ein Mensch, der auf unerklärliche Weise zum Tier wird, das mag den einen oder anderen an Franz Kafkas „Verwandlung“ erinnern, die tatsächlich sieben Jahre vor „Dame zu Fuchs“ erschienen ist, aber David Garnetts Roman ist viel leichter und auch witziger als Kafkas düstere Tragödie. Das liegt vor allem an dem feinen, spöttischen Ton, mit dem der Erzähler die verzweifelten Versuche des unglückseligen Mr. Tebrick schildert, seine bürgerlichen Moral- und Wertvorstellungen im Umgang mit der Füchsin zu behaupten, was allein schon beim gemeinsamen Mittagsessen scheitert:
“Es war nahezu bedauerlich, dass Mrs Tebrick eine absolut wohlerzogene Frau gewesen war. Hätte sie, wie die europäische Prinzessin, mit der ich einmal zu Abend gegessen habe, zur Angewohnheit gehabt, eine Hühnerkeule einfach am Knochen zu packen und das Fleisch davon abzunagen, wäre es jetzt für ihren Mann vielleicht leichter gewesen. Da ihre Essmanieren aber exzellent gewesen waren, war deren Hinfälligkeit entsprechend schmerzhaft für ihn. Demnach stand er nun da und litt stille Qualen, bis sie mit dem widerlichen Zermalmen der Knochen fertig war und auch den letzten Rest verschlungen hatte.“

Wie gefällt es?

„Dame zu Fuchs“ ist eine wunderbar skurrile Geschichte über die Fragwürdigkeit der Grenze zwischen Mensch und Tier, zwischen Zivilisation und Wildheit. Es ist ein einfach zu lesender, aber schwer zu verstehender Roman, und das ist das Großartige daran: Gerade weil der Autor keinen Versuch macht, aufzuklären, was hinter dieser merkwürdigen Verwandlung steckt, bleibt es eine faszinierend irritierende Geschichte, über die man auch nach mehrfacher Lektüre noch herrlich weiter spekulieren kann.

David Garnett: Dame zu Fuchs, Dörlemann Verlag, Zürich, Euro 17, ISBN 9783038200260

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hr-iNFO Büchercheck: Joakim Zander “Der Bruder”

Der neue Krimi des Schweden Joakim Zander mit dem Titel „Der Bruder“ handelt vom Krieg des IS in Syrien, von jungen Migrantenkindern, die sich von diesem Krieg angezogen fühlen und von Menschen, die das ausnutzen.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Schweden, ein heruntergekommener Vorort von Stockholm. Hier wachsen die arabisch-stämmigen Geschwister Yasemine und Fadi auf. Fremdenfeindlichkeit ist für sie eine alltägliche Erfahrung, und ihr stetiges Bemühen, genauso zu sein wie die Schweden, findet keine Anerkennung. Yasemine schafft schließlich den Absprung. Fadi, zurückge-blieben in der schwedischen Trabantenstadt, rebellisch, unangepasst, kleinkriminell, vermisst den Halt durch die Schwester und sucht diesen Halt schließlich im Glauben.
“Inzwischen brauche ich die Mekka-App nicht mehr, ich weiß, dass ich mich einfach nur zu den Gurken und Auberginen drehen muss. Dahinter, wenn man eine lange gerade Linie ziehen würde, liegt Mekka. Genau wie zu Hause in meinem Zimmer, dort muss ich mich nur deinem Kissen zuwenden, Schwester, oder dem, was einmal dein Kissen war, und von meiner Stirn aus führt eine lange gerade Linie nach Mekka. Jeden Tag verfluche ich, dass wir uns so bemüht haben, ein Teil von dem zu werden, wozu wir doch nie gehören werden. Dass wir das schwedische Wörterbuch auswendig gelernt und das arabische vergessen haben. Aber jeden Tag schwöre ich mir, besser zu werden, mir nichts vorzumachen. In seinem neuen Leben darf man sich nichts vormachen.“
Fadis neues Leben ist der Kampf in Syrien. Islamistische Kreise bringen ihn dorthin. Als Yasemine erfährt, dass ihr Bruder bei einem Bombenangriff getötet, dann aber doch wieder in dem Stockholmer Vorort gesehen wurde, kehrt sie nach Schweden zurück. Und dann gibt es noch Klara, eine ehemalige EU-Referentin.

Wie ist es geschrieben?
Kurze, knappe, schnelle Kapitel, jeweils aus der Perspektive von Yasemine, Fadi und Klara, treiben die Handlung voran. Wo anfangs noch kein Zusammenhang erkennbar ist, wird er nach und nach immer deutlicher. Joakim Zander schafft es überzeugend, die Radikalisierung von Fadi darzustellen. Zander schreibt plastisch, packend, auf höchstem Niveau. Spannung, Tempo, das aktuelle Thema, alles passt.

Wie gefällt es?
Der Krimi „Der Bruder“ ist ein Buch über die Wut und die Folgen. Bitte selber lesen. Unbedingt.

Joakim Zander: Der Bruder, Rowohlt Verlag, Berlin, Euro 14,99, ISBN 9783499268892

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hr-iNFO Büchercheck: Juan Marsé “Gute Nachrichten auf Papierfliegern”

Juan Marsé: Gute Nachrichten auf Papierfliegern
„Gute Nachrichten auf Papierfliegern“ heißt ein Buch des katalanischen Schriftstellers Juan Marsé.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Bruno ist 15. Er lebt mit seiner Mutter in einem Mietshaus in Barcelona. Im 2. Stock lebt Frau Pawlikowska, genannt Frau Pauli. Sie stammt aus Polen, kam im Zuge des 2. Weltkriegs nach Spanien, arbeitete als Varietétänzerin und sitzt nun einsam in ihrer Wohnung. Sonderbar ist sie. Sie wirft Papierflieger auf die Straße. Manche Texte sind angestrichen, wie Botschaften. Manchmal wirft sie aber auch Lebensmittel herunter oder Gebrauchsgegenstände. Die Alte spinnt, meint Bruno. Aber seine Mutter redet ihm gut zu, Frau Pauli zu unterstützen. So kommt es, dass er nicht nur für sie einkaufen geht, sondern für ein paar Pesetas auch Zeitungen besorgt, für weitere Papierflieger. Was treibt Frau Pauli an? Das will Bruno wissen. Mit jedem Tag, den er in ihre Wohnung hochsteigt, kommt er des Rätsels Lösung näher. In der Tat schickt sie Botschaften runter auf die Straße, positive Nachrichten, zum Beispiel für die Kinder. „Träume können sehr oft fliegen“, erklärt sie Bruno. Am Ende weiß man, es sind Gestalten aus der Erinnerungswelt der Frau Pauli. Und auch Bruno ist in diese Welt gedanklich eingetaucht. Im Alter hat ihr Lebenstrauma Frau Pauli eingeholt, das Warschauer Getto, dem sie knapp entkommen ist.

Wie ist es geschrieben?
Juan Marsé hat eine tragische Geschichte geschrieben, die zugleich bezaubernd ist. Seine Sprache ist leichtfüßig, bildhaft und empfindsam, nahezu impressionistisch. Sie erzeugt flimmernde Atmosphären, zum Beispiel, als Bruno die beiden Gettojungen halluziniert.
“Bruno rieb sich abermals die Augen und musterte erneut das Bild, das die auf dem Gehsteig gefläzten Brüder boten. Selbst in dem knalligen Mittagslicht, wenn die Sonne die Straße entzündet und die Farben hervorlocken will, wirkten die beiden eintönig grau, wie zwei aus einem Schwarzweißfilm entsprungene Jungen unter dem Schattenschleier einer vorüberziehenden Wolke.“

Wie gefällt es?
Nur 90 Seiten hat diese Erzählung. Aber das hat Juan Marsé gereicht, ein komplexes und tiefgründiges Werk zu schaffen. Mich hat dieses Buch sehr berührt. Dass das Vergangene nicht vorbei ist, dass es weiter wirken kann. Dass Realität eine Frage von Wahrnehmung ist und damit zutiefst subjektiv. Ja sicher, alles schon mal gesagt. Aber wie hellsichtig und einfallsreich Marsé es im Alter von über 80 Jahren erzählt, finde ich großartig.

Juan Marsé: Gute Nachrichten auf Papierfliegern, Klaus Wagenbach Verlag, Berlin,
Euro 14,90, ISBN 9783803113153

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hr-iNFO Büchercheck: Julia Kissina “Elephantinas Moskauer Jahre”

Heute stellen wir Ihnen den neuen Roman von Julia Kissina vor.
Er heißt „Elephantinas Moskauer Jahre“.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Elephantina ist komplett durchgeknallt. Das junge Mädchen will sich von niemandem mehr etwas sagen lassen. Sie beschließt, ihr Leben ganz der Kunst zu widmen und verlässt das „piefige“ Kiew, um nach Moskau zu gehen. Da ist auch schon ihr Schwarm hin, ein berühmter Dichter der Avantgarde, der sowas wie ihr Guru wird.
„Elephantinas Moskauer Jahre“ handelt von Julia Kissinas eigener Entwicklung zur Künstlerin. Heute arbeitet sie vor allem im Bereich Performance und Fotografie. In den 80er Jahren gehörte Kissina zum Kreis der russischen Avantgarde, zu den Konzeptualisten um Wladimir Sorokin. Alle wollen andauernd die Kunst neu erfinden, schreiben Manifeste, ringen um künstlerische Freiheit und feiern natürlich wilde Parties. Und Elephantina ist mittendrin. Sie hat kein Einkommen und zieht wie eine Nomadin von einer Freundin zur Nächsten, schläft in Treppenhäusern, Theatergarderoben und dem Puschkin-Museum. So lange, bis sie wieder rausgeworfen wird. Dieses Vagabundieren, diese „Unbehaustheit“, spiegelt Julia Kissinas Weg zur Künstlerin.

Wie ist es geschrieben?
Julia Kissina überzeichnet alles. Der angebetete Dichter zum Beispiel ist so rundlich und rot im Gesicht, dass Elephantina ihn nur „Tomaterich“ nennt. So entlockt sie jeder Situation, jeder Begegnung, das größtmögliche satirische Potential. Es ist ein Vergnügen, das zu lesen, und es scheint ein bisschen, als hätte die Moskauer Kunstszene der 80er zum größten Teil aus selbstverliebten Schaumschlägern bestanden. Zum Beispiel, wenn die Moskauer Schriftsteller-Elite auf den Beat-Poeten Allen Ginsberg trifft.
“Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand ein rüstiger kahlköpfiger Opa, der wie ein Trainer aussah. Das Wort Ginsberg knisterte im Raum. Auf dem Gipfel des schwungvollen Gesprächs mit dem Amerikaner fragte mein Tomaterich den Buckligen, der vor Lachen fast erstickte: Verstehst du eigentlich, was die da reden? Ehrlich gesagt, ich verstehe Null. Dieser verdammte amerikanische Akzent!“

Wie gefällt es?
Ich mag den absurden Witz des Romans. Und ich mag Elephantina, diese Anarchin, die am liebsten geschlechtslos wäre und eine begnadete Poetin ist. Denn der Roman ist auch voll von ungewöhnlichen, bezaubernden Beobachtungen und Metaphern. Wenn das ginge, würde ich Elephantina glatt bei mir einziehen lassen.

Julia Kassina: Elephantinas Moskauer Jahre, Suhrkamp Verlag, Berlin, Euro 22,95,
ISBN 9783518425329

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hr-iNFO Büchercheck: Martin Schult “Flokati oder mein Sommer Schmidt”

Der Autor Martin Schult arbeitet hauptberuflich für den Börsenverein des deutschen Buchhandels, aber jetzt hat der 49-jährige seinen ersten Roman veröffentlicht: „Flokati – oder mein Sommer mit Schmidt“.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Sommer 1974, das ist der Sommer, als Deutschland zum zweiten Mal Fußballweltmeister wurde, und es ist der Sommer, in dem die Welt des 12-jährigen Paul aus den Fugen gerät. Da sind seine Eltern, der Vater Friseur im Frankfurter Westend und natürlich begeisterter Fußballfan, die Mutter linke Universitätsdozentin und politisierte RAF-Sympathisantin. Da fliegen schon mal die Fetzen, vorzugsweise auf dem familieneigenen Flokati-Teppich. Dazu kommt die schlimme Schuld, die Paul selbst auf sich geladen hat. Er könnte auf eine vertrackte Weise für den Tod einer Nachbarin verantwortlich sein. Und dann ist da natürlich noch Schmidt, Arno Schmidt, der deutsche Schriftsteller, den Paul für sich entdeckt und mit ihm die Einsicht, dass die Welt immer auch anders verstanden und beschrieben werden kann.

Wie ist es geschrieben?
Der Spielplan der WM 74 ist sozusagen der Spielplan dieses Romans. Die einzelnen Kapitel sind mit den Namen der Gegner der bundesdeutschen Mannschaft überschrieben. Aber das WM-Geschehen ist nur eine Handlungsachse. Dazwischen schneidet Martin Schult Briefe, in denen Paul nach und nach sein Verbrechen gesteht. Dazu kommt viel Frankfurter Lokalkolorit. Und wenn es dann wieder um Fußball geht, dann geschieht das aus der ganz eigenen Perspektive dieses 12-jährigen, der sich eher für skurrile Details als für Taktik und Ergebnisse interessiert, so zum Beispiel für die Frisuren der deutschen Mannschaft, die Ähnlichkeit mit dem titelgebenden Flokati hatten:
“Mit den Haaren von Wolfgang Overath könnte man ein ganzes Kopfkissen füllen. Jetzt, im Dauerregen, lag sein Haar gegen alle Gesetze der Natur nicht feucht und platt, sondern dermaßen aufgebauscht, dass er aussah wie eine nassgewordene Pusteblume.“

Wie gefällt es?
Martin Schult erzählt unangestrengt von den Verwirrungen der Pubertät und zeichnet gleichzeitig ein sehr, sehr lebendiges Bild der immer noch jungen Bundesrepublik, die zwischen Bürgerlichkeit und Revolution hin und hergerissen ist. Das ist gut konstruiert, hat viel Witz und noch mehr 74er Gefühl. Ich habe mich sehr gerne in diesen Sommer zurückgesetzt gefühlt, der für mich, ganz ähnlich wie für Paul, das erste bewusst erlebte Sommermärchen war.

Martin Schult: Flokati oder mein Sommer mit Schmidt, Ullstein Verlage, Berlin,
Euro 18,00, ISBN 9783550081316

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hr-iNFO Büchercheck: Donatella di Pietrantonio „Bella Mia“

Bella mia – so heißt ein italienisches Volkslied, in dem die Stadt L´Aquila in den Abruzzen besungen wird. Sie war wohl eine Schönheit, bis im April 2009 ein Erdbeben sie größtenteils zerstörte. Mehr als 300 Bewohner starben. Noch immer leben Menschen dort in Übergangsunterkünften.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Caterina, eine Keramikerin, ihre Mutter und Marco, ihr Neffe, haben das Erdbeben überlebt. Ihre Zwillingsschwester Olivia, die Mutter Marcos, wurde von den Trümmern erschlagen. Sie leben am Limit. In einem seelenlosen und billig zusammengeschusterten Zweckbau. Die Drei warten auf den Wiederaufbau ihrer Wohnungen, auf das Verblassen ihrer Traumata und kommen doch nicht los. Immer wieder schleichen sie sich in die verbotene Zone der zerstörten Stadt und suchen ihre Wohnungen auf. Um sie herum leben die anderen Opfer. Eine Litanei des Grauens.
„Es schneit feine, wirbelnde, leichte Flocken, die sich nur widerstrebend auf der schon geschlossenen Schneedecke niederlassen. Zur Vorsicht gehe ich dort, wo noch niemand vorbeigekommen ist; meine Schritte klingen wie auf Styropor. Eine kurze Rast an der Kirche von San Pietro, so nah, wie die Stützbalken es gestatten.“

Wie ist es geschrieben?

Donatella di Pietrantonio erzählt ihre Geschichte aus der Perspektive Caterinas. In ihrem Handeln, Denken und Empfinden bündeln sich die Schicksale und Ereignisse. In Rückblenden und Gegenwartsbeschreibungen vermittelt sich die Trauer, aber auch die Hoffnung.

Wie gefällt es?

Für mich ist „Bella mia“ eine Entdeckung. Der Roman handelt von traumatischen Erlebnissen und heftigen Verlusten. Die Trauer muss bewältigt werden. Aber er berichtet auch davon, dass es gelingt. Dass das Leben nicht nur weiter geht, sondern neu gestaltet werden kann. Und das alles erzählt di Pietrantonio in einer wunderbaren Sprache, sanft und eindrücklich.

Donatella di Pietrantonio: „Bella Mia“, Verlag Antje Kunstmann, 18,95 Euro,
ISBN-13: 978-3956140914

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hr-iNFO Büchercheck: Louise Welch “V5N6 Tödliches Fieber”

London ist der Schauplatz des Kriminalromans „V5N6 Tödliches Fieber“ von Louise Welsh. Eine Stadt, die aus den Fugen gerät durch Randalierer, Amokläufer aber vor allem durch ein Virus, das immer mehr Menschen tötet.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Es ist heiß und stickig. Stevie, die ehemalige Journalistin und jetzige Moderatorin im Verkaufsfernsehen, hat ein Problem. Ihr Freund Simon hat sie versetzt und reagiert nicht auf ihre Anrufe. Sie ist sauer und will ihre Sachen aus seiner Wohnung holen. Dann der Schock. Stevie findet in seinem Bett seine stinkende Leiche. Die Polizei hakt den Fall schnell ab. Sie hat genug damit zu tun, die durch das Virus aus dem Ruder geratene Stadt einigermaßen zu beherrschen. Doch Stevie ist sich sicher. Simon ist nicht an dem tödlichen Fieber gestorben und hat auch nicht Selbstmord begangen. Sie setzt nun alles daran, den vermuteten Mord an ihrem Freund aufzuklären.

Wie ist es geschrieben?

Louise Welsh hat einen intelligenten, literarisch anspruchsvollen Krimi geschrieben. Die britische Hauptstadt, in der die Menschen nach der Infektion innerhalb weniger Stunden zu Tausenden sterben, bietet eine bizarre Kulisse für Stevies Suche nach der Wahrheit über den Tod ihres Freundes und Chirurgen Simon. Und so ordnet ein Freund die verzweifelte Lage ein:
“Was ist ein Todesfall verglichen mit Tausenden? Eine Tragödie für Familie und Freunde, natürlich, aber es ist, wie ich dir gesagt habe. Wir sind im Krieg. Da gelten andere Regeln. Vielleicht können wir nicht verhindern, dass sich das Fieber weiter ausbreitet, aber wir können unser Bestes tun, um für Ordnung zu sorgen. Tu dir einen Gefallen und fahre nach Hause, solange es noch hell ist. Du weißt, wie London ist, ein verdammter Dampfdrucktopf. Polizei und Feuerwehr sind unterbesetzt, und es hat dreißig Grad im Schatten. So schnell kannst du gar nicht schauen, und die Muslimbruderschaft und die English Defence League stacheln sich wieder gegenseitig auf, ganz zu schweigen von all den anderen Durchgeknallten, die bei schönem Wetter gerne aus ihren Löchern kommen. Heute Nacht könnte so eine von den Nächten werden, in der sich der Druck entlädt.“

Wie gefällt es?

„V5N6. Tödliches Fieber“ ist ein rasanter Thriller, Wissenschaftskrimi und Apokalypse-Roman. Ich konnte das Buch nur schwer aus der Hand legen. Die dramatische Situation der Mega-City London, in der alle gegen das Virus kämpfen, aber scheitern, ist gruselig und wird bis zum Ende realistisch durchgespielt.

Louise Welch: V5N6 Tödliches Fieber, Verlag Antje Kunstmann, München, Euro 19,95, ISBN 9783956140907

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hr-iNFO Büchercheck: Alexander Maksik “Die Gestrandete”

Die Themen Flucht, Vertreibung und Intergration sind nicht nur mitten in unserer Gesellschaft, sondern auch in der deutschen Literatur angekommen. Nun kommt aus den USA ein Roman mit dem Titel „Die Gestrandete“, sein Autor heißt Alexander Maksik.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Gestrandet ist Alexander Maksiks Jacqueline auf der griechischen Insel Santorin. Sie ist 23 Jahre alt und kommt aus dem westafrikanischen Liberia, einem Land, das jahrelang unter dem grauenhaften Terrorregime von Charles Taylor und einem Bürgerkrieg gelitten hat. Und wir begleiten diese starke junge Frau, die ein schreckliches Trauma mit sich herumschleppt, über ein paar Wochen hinweg.
„Das Sonnenlicht war ein blass orangefarbenes, über die Insel gespanntes Spinnennetz. Die Schönheit des Ausblicks war unvermeidlich. Die unermessliche Weite. Die Sonne wechselte die Form, als sie ins Wasser tauchte, zog sich zusammen und verbreiterte sich. Santa Irene strahlte, stand in Flammen. Die fernen Inseln waren erschaudernde Silhouetten, lila, schwarz und unendlich..“

Wie ist es geschrieben?

Es ist, trotz seines traurigen Themas, ein sehr schönes und positives Buch. Geschrieben in einer ganz einfachen Sprache. Einfach nicht im Sinne von simpel oder naiv. Sondern im Sinn von konzentriert, von reduziert auf das Wichtige. Wir beobachten fast in Echt-Zeit, was Jacqueline tut.

Wie gefällt es?

Mich hat dieser Roman tief beeindruckt! Das Ende bleibt offen. Dafür erfahren wir am Schluss des Romans den Anfang von Jacquelines Flucht-Geschichte. Ihr Vater war Minister unter Charles Taylor und ihre Familie – auch die schwangere Schwester – wurden im eigenen Haus von Rebellen abgeschlachtet. Und das ist eine so schreckliche Szene, dass ich fast nicht weiter gelesen hätte. Die aber wichtig ist, weil sie Jacquelines Trauma– und damit das Trauma vieler Flüchtlinge – sichtbar macht, begreifbar macht.

Alexander Maksik: Die Gestrandete. Roman, Droemer/Knaur, München 2016. 286 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 9783426199749

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hr-iNFO Büchercheck: Corinna T. Sievers “Die Halbwertszeit der Liebe”

Die Autorin Corinna T. Sievers ist Kieferorthopädin. Darüber hinaus schreibt sie Bücher. In denen geht es immer um Sexualität, auch um Gewalt und um die Liebe. So auch in ihrem jüngsten Werk „Die Halbwertszeit der Liebe“.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Margarete ist Mitte 40, erfolgreiche Fachärztin für plastische Chirurgie. Sie hat Geld, keine Kinder, von ihrem Mann ist sie getrennt. Sie hält sich für körperlich abstoßend, ist offensichtlich magersüchtig und sie empfindet nichts beim Sex. Aber sie sucht die Liebe, wünscht sich sogar Kinder. Eigentlich hat Margarete einen genauen Plan. Sieht sie einen Mann, nimmt sie Maß. Sie analysiert genau, wie viel Fett man ihm absaugen müsste und vielleicht zur Stärkung seines Penis verwenden könnte. Dann trifft sie auf einem Fachkongress Hans Heinrich und beschließt, ihn zu lieben. Wie nach einem Operations-plan wird das Projekt Liebe von beiden angegangen. Ein erster Höhepunkt soll ein Wochenende in der Engadiner Bergwelt sein. Spätestens da wird deutlich, dass es im Wesentlichen um Befriedigung geht und das dazu offensichtlich auch eine gewisse perverse Erfüllung gehört.

Wie ist es geschrieben?

Corinna Sievers erzählt die Geschichte konsequent aus Margaretes Perspektive. Die Beschädigungen und Brüche dieser Person werden so besonders deutlich, wie bei Werten in einer Laboranalyse. Dazu passt die klinisch kalte und protokollarische Sprache, mit der Sievers erzählt.

“Sie haben Bäuche, eine Fettabsaugung könnte Abhilfe schaffen, ich schätze das Volumen des abzusaugenden Gewebes; im Fall des rechts Stehenden ein knapper Liter, links einskommafünf, der Mittlere leidet an schwerer Fettleibigkeit, zweikommafünf. Für den Eingriff verwende ich ausschließlich manuell bediente Saugspritzen, der degressive Sog ermöglicht gewebeschonendes Arbeiten, Gleiches gilt für den Gebrauch von Mikrokanülen (Durchmesser ein bis zwei Milimeter statt üblicherweise drei bis acht). Zwingend ist ihr Einsatz, wenn das abgesaugte Material zum Fetttransfer verwendet wird, üblicher Empfängerort: das männliche Glied.“

Wie gefällt es?

Zwei professionell degenerierte und psychisch lädierte Mediziner suchen den Kick. Irgendwann wurde mir das bizarre sexuelle Gedöns zu langweilig, die Story zu konstruiert und überzogen, die Figuren fast zu Karikaturen. Es bleibt allerdings die Sprache von Corinna Sievers. Das ist ein eigener Ton.

Corinna T. Sievers: Die Halbwertszeit der Liebe, Frankfurter Verlagsanstalt, Euro 22,00, ISBN 9783627002251

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hr-iNFO Büchercheck: Shida Bazyar ,,Nachts ist es leise in Teheran”

Shida Bazyar wurde 1988 in Deutschland geboren, als Tochter von Immigranten aus dem Iran. Sie studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und zog dann nach Berlin. „Nachts ist es leise in Teheran“ ist ihr erster Roman. Er speist sich aus ihrer eigenen Familiengeschichte, aber autobiographisch ist er deshalb nicht. Vieles ist verfremdet und fiktionalisiert. hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Shida Bazyar erzählt von einer iranischen Familie, die 1986 auf der Flucht vor dem Khomeini-Regime nach Deutschland kam. Der Vater, ein stiller, mutiger Mann, war dort Oppositioneller, doch die Lage wurde irgendwann unerträglich. Wir lesen von der Ankunft in Deutschland, von den endlosen Behördengängen der Eltern, den fehlenden Jobs, dem Versuch, sich zu integrieren und doch seinen Wurzeln treu zu bleiben. Und dann von den drei Kindern und ihrer Integration in deutschen Schulen, Unis, Freundeskreisen. Und natürlich auch von der nie nachlassenden Sehnsucht der Eltern nach dem Iran, die sich auf die Kinder überträgt, ob die das wollen oder nicht.

Wie ist es geschrieben?

Interessant ist, wie Shida Bazyar ihren Roman strukturiert hat: chronologisch, in fünf Kapiteln, die im Zehn-Jahres-Abstand spielen. Es erzählt jeweils ein anderer Protagonist. Erst der Vater, dann die Mutter, dann die drei Kinder. Durch diese Vielstimmigkeit wirkt der Roman sofort sehr authentisch. Der Vater zum Beispiel kommt nie mehr los von seinen Jahren im Untergrund.
“Das Evin-Gefängnis, der Ort, an dem wir all die Jahre im Kampf gegen die Monarchie unsere Schwestern und Brüder verloren, eigentlich ein Ort, der nie ein Ort war, sondern eine Parallelwelt, eine Parallelhölle, wer rauskam, erzählte nicht, was drinnen passiert war, wer rauskam, hatte drinnen erzählt, und das war fast das Unheimlichste daran. Das Evin-Gefängnis, ein Ort, der Menschen frisst, fast ein Ort, zu oft besprochen, um wahr zu sein.“
Wie gefällt es?

Ich habe Shida Bazyars Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ gerne gelesen, weil er literarisch sehr ansprechend ist. Die Geschichten der fünf Erzähler haben nichts mit meiner zu tun, aber sie erweitern mein Blickfeld und bieten ein sehr originelles Lese-Erlebnis. So schrecklich viele Flüchtlings-Schicksale auch sind, mit ihnen kommen viele neue Erzählmuster und Erzähltraditionen nach Deutschland.

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln,
Euro 19,99, ISBN 9783462048919