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hr-iNFO Büchercheck: Michael Kumpfmüller „Tage mit Ora“

Michael Kumpfmüller, 1961 in München geboren und inzwischen, wie viele Literaten, in Berlin lebend, hat inzwischen fünf Romane veröffentlich. Fast alle hatten bei der Kritik wie beim Lesepublikum großen Erfolg. Gerade ist ein neuer Roman von Michael Kumpfmüller erschienen, sein Titel: „Tage mit Ora“.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Tage mit Ora“ – der Titel lässt es schon anklingen – ist eine Liebesgeschichte. Ein Mann und eine Frau, beide Experten in Liebeskatastrophen, fahren miteinander in Urlaub, obwohl sie sich erst fünf Monate kennen und noch kein Liebespaar sind. Die Betonung liegt auf „noch“, denn zwischen diesen beiden sehr ungleichen Menschen entwickelt sich im Lauf der Reise doch eine zarte und sehr unkonventionelle Beziehung. Dass sie im Westen der USA unterwegs sind, von Seattle aus bis nach Arizona, sorgt für einen interessanten Hintergrund, ist aber nur atmosphärisch von Bedeutung.

Wie ist es geschrieben?
Sehr entspannt berichtet der Ich-Erzähler von den unterschiedlichen Ansichten, Bedürfnissen und Gewohnheiten zweier Menschen, die mit 40 und 50 Jahren in der Mitte des Lebens stehen. Ihre gemeinsamen Erlebnisse und Erfahrungen schildert er auf beruhigende Weise distanziert und oft mit einem leise humorvollen Unterton. Hier wird nichts dramatisiert oder in Szene gesetzt, der Text gleitet scheinbar leicht dahin wie das Auto. Nicht glatt, sondern behutsam gesteuert und mit einem ganz eigenen Tempo.
„Ich hatte keine Vorstellung, wie Ora roch, wie sie im Schlaf atmete oder mit ihren Freundinnen sprach, ich kannte ihre Geschichte nicht, wusste nicht, wie sie sich bückte, wie sie schwamm, wie sie sich ärgerte oder die Nase putzte. Kurz: Ich wusste so gut wie überhaupt nichts von ihr und sie noch viel weniger von mir, welche Freunde ich hatte, Essgewohnheiten, die Ticks, meinen Zorn, meine, wie ich es nannte, metaphysische Trauer.“

Wie gefällt es?
Fast 50 Seiten lang wartet man als Leser darauf, dass etwas Besonderes passiert. Dass etwas grandios schief läuft auf dieser Reise oder sich mit euphorischer Begeisterung aufbaut. Doch je weiter man liest, desto deutlicher wird, dass Michael Kumpfmüller genau das nicht schreiben wollte: Eine normale Liebesgeschichte. Seine „Tage mit Ora“ sind von kunstvoller Einfachheit und zarter Komik. Als Leser sind wir ganz nah dran und doch ein Stück weg, keine Voyeure, sondern staunende Zuschauer. Ein subtiler und in seiner Fragilität sehr moderner Roman!

Michael Kumpfmüller: „Tage mit Ora“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 19 EUR, ISBN: 978-3462051049

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hr-iNFO Büchercheck: Nino Haratischwili „Die Katze und der General“

Die Romanhandlung umfasst knapp 25 Jahre, beginnt kurz vor dem ersten Tschetschenienkrieg und endet 2016.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Nura, eine Jugendliche, lebt in einem Dorf in der gebirgigen tschetschenischen Provinz. Sie träumt davon, der Enge ihrer Heimat zu entkommen, von Freiheit, von Selbstbestimmung. Im Krieg wird Nura von russischen Soldaten gefoltert, vergewaltigt, ermordet. Zwei Offiziere taten es aus Langeweile, zwei Soldaten machten mit, weil sie zu schwach waren, es zu verhindern und um ihr eigenes Leben zu retten. Ein Fünfter bringt sich um, weil er nicht mitmachen will. Einer der vier Täter, ein eigentlich emphatischer, kulturinteressierter Typ, verwandelt sich durch die Tat. Erst will er seine Schuld sühnen und zeigt sich selbst an. Doch die Justiz hat kein Interesse an der Strafverfolgung der Soldaten. Aus der Erfahrung dieser Rechtslosigkeit macht er die maximale Grenzüberschreitung zum Lebensprinzip. Das Opfer wird Täter. Die anderen nennen ihn General. Er zieht nach Berlin, kann sich alles und alle kaufen, nur nicht die Liebe und das Leben seiner Tochter. Die bringt sich um, als sie die Abgründe ihres Vaters entdeckt.
„Diese grausige Nacht, als der Anruf kam, der ihm den Boden unter den Füßen weggerissen und ihn in den tiefsten Abgrund seines Lebens hinabgestürzt hatte, rückte alles in eine bestimmte, aber dennoch folgerichtige Ordnung. Sie bestimmte den weiteren Verlauf seines Lebens. Ihr Tod machte ihm vieles schmerzlich klar. Er sah auf einmal den Zusammenhang, begriff, was zu tun war, es gab kein Zaudern mehr. Er würde die Rechnung begleichen, damit sie in Frieden ruhen könnte.“
Er engagiert Sisili, genannt Katze, eine aus Georgien stammende Schauspielerin, die dem ermordeten Mädchen täuschend ähnlich sieht. Mit ihr erweckt er Nura wieder zum Leben und zwingt seine Mittäter, in ein einsam gelegenes Hotel in Tschetschenien zu kommen. Dort kommt es zu einer Art Showdown, mit dem er sich von seiner Schuld erlösen will.

Wie ist es geschrieben?
Nino Haratischwili erzählt ihre Geschichte von Schuld und Sühne wie in einem Thriller. Die Erzählung folgt einem klaren Spannungsverlauf. Sie hat bis zum Finale immer wieder Höhepunkte. Die Hauptpersonen sind scharf geschnitten, bisweilen erscheinen sie überzeichnet oder rollenhaft. Dann wirkt der Roman wie eine Inszenierung.

Wie gefällt es?
Das Buch hat mich zwiespältig zurück gelassen. Ich fand es spannend zu lesen, war beeindruckt von vielen Einfällen und auch Recherchen zu den Hintergründen der Handlung. Man kann hier einiges lernen. Aber die Figuren haben mich nicht durchgängig überzeugt. Einige blieben blass, andere widersprüchlich in der Motivation ihres Handelns. Ich hätte gerne noch mehr erfahren über das Leben im Russland nach Gorbatschow oder als Migrant in Deutschland.

Nino Haratischwili: „Die Katze und der General“, Frankfurter Verlagsanstalt, 30 EUR, ISBN: 978-3627002541

 

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hr-iNFO Büchercheck: Dennis Lehane „Der Abgrund in dir“

Mit „Shutter Island“ wurde der US-amerikanische Autor Dennis Lehane berühmt. Jetzt gibt es einen neuen Roman von ihm: „Der Abgrund in dir“ ist Psychothriller, Liebesgeschichte und Verwirrspiel zugleich.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
“An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann.“ Das ist der erste Satz des Buches. Und erst mehr als 300 Seiten später kommt das Buch auf diese Szene zurück. Bis dahin wird das Leben von Rachel Childs geschildert: ihre unglückliche Jugend, die Suche nach dem verschwundenen Vater, ihre Karriere als Journalistin, das berufliche Scheitern wegen einer Panikattacke während einer live-Schaltung ins Fernsehen, das private Scheitern ihrer ersten Ehe. Dann die zunächst äußerst glückliche Ehe mit ihrem zweiten Mann Brian, dem Mann, der ihr wieder Zuversicht gibt und sie langsam aus ihren Panikattacken herausführt. Bis sie erste Anzeichen dafür entdeckt, dass Brian nicht der Mann ist, für den er sich ausgibt. Sie recherchiert, sie folgt ihm, sie fühlt sich betrogen und benutzt, sie konfrontiert ihn mit seinen Lügen, wird von ihm bedroht und schießt. Obwohl sie ihn liebt und auch fest davon überzeugt ist, dass er sie liebt. Und jetzt geht der Thriller eigentlich erst richtig los…

Wie ist es geschrieben?
Dennis Lehane hat zwei herausragende Fähigkeiten: Charaktere bis in ihre Tiefen zu beschreiben und spannungsgeladene Action zu schaffen. Lange Strecken der Erzählung wechseln mit temporeichen Dialogen – und das alles macht den Thriller „Der Abgrund in dir“ zu einer äußerst fesselnden, aber auch unterhaltsamen Lektüre. Selbst der ausführliche Rückblick auf das Leben der Rachel Childs ist nie langweilig – aber richtig spannend wird es erst, als Rachel anfängt, ihrem Mann Brian zu misstrauen. „Sie sah ihm wieder in die Augen. Irgendwas passiert immer, wenn man jemandem in die Augen sieht: Man gibt Macht ab, man nimmt sie oder teilt sie. Sie kamen zu dem wechselseitigen Entschluss, ihre Macht zu teilen. Sie legte ihre Hand sanft an seinen Kopf. „Ich glaube dir.“ „So hast du dich aber nicht benommen.“„Und ich wünschte, ich könnte dir den Grund dafür nennen. Liegt vermutlich bloß an dem verdammten Regen.“„Es regnet nicht mehr.“ Sie nickte zustimmend. „Ich weiß, dass du nach London geflogen bist.“„Sag es noch einmal.“ Sie stupste mit ihrem nackten Fuß sanft die Innenseite seines Oberschenkels. „Ich weiß, dass du nach London geflogen bist.“ „Vertrauen wir einander jetzt wieder?“„Wir vertrauen einander jetzt wieder.“”

Wie gefällt es?
„Der Abgrund in dir“ von Dennis Lehane ist ein Thriller der Täuschungen. Brian ist nicht der, der er zu sein scheint. Er gibt sich aus als ein anderer.
Aber: Spielen wir nicht alle irgendwelche Rollen – natürlich ohne kriminellen Hintergrund wie in diesem Fall? Mich hat das Buch gefesselt, auch ich wurde getäuscht, es gibt so viele irre Wendungen in dem Buch, so viele Überraschungen, so vieles ist anders, als zunächst gedacht. Dennis Lehane ist ein Meister der psychologischen Spannung.

Dennis Lehane: „Der Abgrund in dir“, Diogenes-Verlag, 25 EUR, ISBN: 978-3257070392

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hr-iNFO Büchercheck: Juli Zeh “Neujahr”

Juli Zeh gehört zu den erfolgreichsten und produktivsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Jetzt ist ihr neuer Roman „Neujahr“ erschienen.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Neujahrsmorgen 2018: Henning, ein mittelmäßig erfolgreicher Verlagsmitarbeiter strampelt auf seinem viel zu schweren Fahrrad den steilen Anstieg auf der Vulkaninsel Lanzarote hinauf. Es ist ein verbissener Kampf mit der Topografie und der Schwerkraft, aber auch mit den Erinnerungen an den verkorksten Silvesterabend und dem Gefühl der permanenten Überforderung als Vater und Ehepartner. Und dann sind da noch die Dämonen der Vergangenheit, die ihn diesen Steilhang hinaufzuziehen scheinen – denn als er völlig entkräftet ein Gehöft auf einem Plateau erreicht, holt ihn plötzlich die Erinnerung ein – die Erinnerung, schon einmal hier gewesen zu sein, mit seinen Eltern und seiner Schwester; die Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis, das ihm hier zugestoßen ist und das Gefühl, dass in diesem Haus der Schlüssel für seine wiederkehrenden Panikattacken zu finden sein könnte.

Wie ist es geschrieben?
Juli Zeh ist keine Freundin des literarischen Schnickschnacks – sie schreibt direkt, sie schreibt auf Wirkung, und mit einer Sprache, die ohne Umwege dorthin geht, wo es wehtut: Wenn sie uns mit Henning den Berg auf Lanzarote hinauftreibt, dann spüren wir unmittelbar das Pulsieren der Muskeln und das Ziehen hinter den Schläfen, aber auch die Wut auf den Berg, in die sich Hennings Wut über die Familie, die Frau, die Kinder und über sich selbst mischt. Da stimmt jeder Satz, da ist kein Wort zu viel, da wird mit gnadenloser Präzision das Psychogramm eines Getriebenen gezeichnet – um dann, wenn Henning sich an das Trauma seiner Kindheit erinnert, den Ton radikal zu wechseln und sich in die bedrohliche Vorstellungswelt eines von seinen Eltern verlassenen Jungen zu versetzen. Das klingt dann so: „Henning denkt, dass Mama und Papa weg sind, weil er auf die Ritzen zwischen den Fliesen getreten ist. Auf der Terrasse hat er manchmal „nicht auf die Ritzen treten“ gespielt und dabei zu sich selbst gesagt: „Wenn ich es nicht schaffe, auf die andere Seite zu kommen, ohne auf eine Ritze zu treten, wird etwas Schreckliches passieren.“ Das war nur Spaß. Ein Spiel. Dachte er. … Er würde gerne weinen, aber seine Tränen haben auch Angst und bleiben lieber in den Augen.“
Das ist ebenso anrührend wie unheimlich und lässt uns als Leser genauso mitleiden wie im Fall des atem- und kraftraubenden Berganstiegs.

Wie gefällt es?
„Neujahr“ ist ein packendes Leseerlebnis – ein Roman, der bei aller scheinbaren Gradlinigkeit dunkle Abgründe enthüllt – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Was als Urlaubsdrama einer stressgeplagten und überforderten Mittelstandsfamilie beginnt, bekommt plötzlich einen Dreh ins Unheimliche – und das ist ebenso überraschend wie überzeugend. Und apropos Überraschung: „Neujahr“ ist wahrscheinlich der erste Roman, in dem Martin Schulz und Würselen Erwähnung finden. Aber das ist wahrlich nicht der einzige und beileibe nicht der wichtigste Grund, warum dieser Roman zu empfehlen ist.

Juli Zeh: „Neujahr“, Luchterhand, 20 EUR, ISBN: 978-3630875729

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hr-iNFO Büchercheck: Gert Loschütz „Ein schönes Paar“

Der Schriftsteller Gert Loschütz hat eine bewegte Familiengeschichte. 1946 im sachsen-anhalthinischen Genthin geboren, übersiedelte er 1957 mit seiner Familie ins hessische Dillenburg . Diese Geschichte um die Flucht aus der DDR und das Ankommen im Westen hat Loschütz immer wieder literarisch verarbeitet – so auch in seinem neusten Roman: „Ein schönes Paar“.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Es ist ein Roman über eine Liebe im Schatten der deutsch-deutschen Teilung. Die Hauptfigur ist ein Fotograf namens Philip. Als dessen Eltern kurz nacheinander sterben und er ihre Hinterlassenschaften ordnet, stellt er fest, dass die beiden– obwohl seit Jahrzehnten getrennt – auf merkwürdige und intensive Weise miteinander verbunden geblieben waren.
„Es war ein Totentanz, denke ich noch jetzt, Jahre danach. Dieses Festhalten, Loslassen, Heranziehen, Abstoßen war wie ein Totentanz. Sie lebten noch, sie waren zusammen, sie hielten sich am Arm, aber zwischen ihnen ging ein Dritter, der Abschied. Er war es, der sich bei ihnen eingehakt hatte.“
Philip rekonstruiert die Geschichte seiner Eltern vom Kennenlernen 1939, über das prekäre Leben in der DDR, bis zur Flucht in den Westen und zum Zerbrechen der Ehe unter dramatischen Umständen. So ergibt sich nach und nach das Bild zweier Menschen, die zusammengehörten, aber nicht zusammen sein durften, das Bild einer Liebe, die – wie es im Roman heißt – durch die Liebe selbst zerstört wurde.

Wie ist es geschrieben?
Der Ton dieses Romans ist nicht laut oder dramatisch, sondern eher intensiv und spannungsgeladen. Loschütz hat ein präzises Gespür für die enttäuschten Hoffnungen und gescheiterten Ansprüche seiner Figuren. Da ist die Mutter, deren Kleiderschrank vollgestopft ist mit selbstgeschneiderten, aber nie getragenen Kleidern; oder da sind die Werbestrategen der DDR, die ihre realsozialistischen Fernsehgeräte großspurig „Rembrandt“ und „Rubens“ nennen.
Das besondere dieses Romans ergibt sich aber dadurch, dass seine Hauptfigur ein Fotograf ist – einer, der Welt in Bildern wahrnimmt, und zwar immer wieder in Bildern, die urplötzlich ins Abgründige kippen – wie zum Beispiel in dieser Badesee-Szene: „Das Wasser selbst war so schwarz, dass man nicht hindurchzuschauen vermochte, so dass jemand, der bis zum Bauch darinstand, wie ein Torso aussah, wie ein Halbierter.“ Mit solchen Bildern gelingt es Loschütz immer, die merkwürdige Spannung sinnfällig werden zu lassen, die die Eltern des Erzählers miteinander verbindet und gleichzeitig voneinander trennt.

Wie gefällt es?
Gert Loschütz zeichnet mit diesem Roman ein eindringliches Portrait deutsch-deutscher Zerrissenheit. Man kann diese Geschichte als Allegorie der deutschen Teilung lesen. Man kann sie aber auch als Hommage des Autors an die außergewöhnliche Liebe seiner Eltern begreifen – einer Liebe, die man so noch nicht erzählt bekommen hat, und die von daher ein ganz anderes, ein ganz neues, ein außergewöhnliches Licht auf die jüngere deutsche Geschichte wirft. 4 Sterne!

Gert Loschütz: „Ein schönes Paar“, Schöffling Verlag, 22 EUR, ISBN: 978-3-89561-156-8

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hr-iNFO Büchercheck: Ralf Rothmann “Der Gott jenes Sommers”

Luisa ist 12. Sie lebt mit Mutter und einer ihrer Schwestern auf einem Landgut nahe Kiel. Ab und zu kommt auch der Vater vorbei. Er betreibt das Offizierskasino einer Marinekaserne in Kiel. Die Stadt selbst ist nahezu unbewohnbar, von britischen Bombern zerstört. Das Landgut gehört Luisas Schwager, einer SS-Größe. Aufgrund dieser Verwandtschaft geht es Luisas Familie deutlich besser als zum Beispiel den Flüchtlingen aus dem Osten, von denen Tag für Tag mehr kommen. Es sind die letzten Kriegswochen. Ralf Rothmann schildert sie aus Luisas Perspektive.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Es herrscht Endzeitstimmung. Der Vater trinkt, die Mutter ist in sich versunken, die Schwester ist erotisch umtriebig und verflucht die Nazis, die andere Schwester ist Teil des Regimes. Luisa dagegen vergräbt sich in Bücher. Sie liest, was sie kriegen kann. Ein empathisches, etwas frühpubertäres Mädchen, das scharf beobachtet. Sie fragt sich, woher das Menschenhaar kommt, das die Perückenmacherin im Dorf verarbeitet. Sie stromert im Gelände rum und macht auch vor dem Zaun des Zwangsarbeiterlagers nicht halt. Und sie horcht, wenn die Flüchtlingsfrauen von ihren Erlebnissen berichten. “Wenn wir den Krieg verloren haben und die asiatischen Horden kommen”, sagte sie beiläufig, “erschießen sie übrigens die Kapitalisten. Das hat mir eine Flüchtlingsfrau aus Schlesien erzählt, die hatte noch Blut am Schuh. Und wir werden brutal vergewaltigt – Mama, Gudrun, Billie, alle. Zerkratzt euch schon mal den Mund, dann denken die, ihr habt Syphilis, und lassen euch vielleicht in Frieden.”
Tag für Tag reichert sich Luisas Leben mit Erfahrenem und Erlebtem an: Hass und Mordlust der untergehenden Nazischergen, die Not der Flüchtlinge, die Depression und Angst der Zivilbevölkerung. Und sie erleidet tiefe persönliche Einschläge. Sie wird zum Missbrauchsopfer ihres Schwagers. Sie erkrankt an Typhus und überlebt gerade so. Ihr Vater erhängt sich oder wird vielleicht auch erhängt. Am Ende will Luisa ins Kloster. Einer Nonne sagt sie: “Ich habe alles erlebt”.

Wie ist es geschrieben?

Rothmann erzählt chronologisch aus dem Erleben Luisas. In einer zweiten Erzählebene lässt er eine fiktive Chronik des 30jährigen Krieges einfließen. So macht er das Leiden, das Grauen, die Unmenschlichkeit des Krieges als immer wieder kehrenden Faktor des Lebens deutlich. Er schreibt nicht analytisch, sondern eher reportagehaft. Er folgt den Beobachtungen seiner Heldin, und erzeugt dabei starke Bilder. Aber: diese Zwölfjährige ist mit viel Wissen oder zumindest Gespür für historische Wahrheiten ausgestattet. Das ist dann eher die Perspektive des Autors als die des jungen Mädchens.

Wie gefällt es?

Ja, die Figur des Mädchens und die Spiegelung des Themas Krieg in der barocken Chronik sind konstruiert. Auch erfährt man nichts Neues über diese Zeit, wenn man sich vorher schon mal damit befasst hat. Und doch ein unterhaltendes, auch anregendes und durch seine Bildsprache nachhaltiges Buch.

Ralf Rothmann: “Der Gott jenes Sommers”, Suhrkamp Verlag, 22 EUR, ISBN: 978-3518427934

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hr-iNFO Büchercheck: Jakob Hein „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“

Jakob Hein ist der zweite Sohn des Schriftstellers Christoph Hein, aber schon lange ein Autor eigenen Ranges. 14 Bücher hat der 1971 in Leipzig geborene Jakob Hein mittlerweile veröffentlicht. Sein jüngster Roman heißt „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Jakob Hein erzählt in diesem Roman eine tolldreiste Episode aus dem Ersten Weltkrieg, die sich so tatsächlich zugetragen hat. Edgar Stern war ein in Frankfurt geborener deutsch-jüdischer Leutnant, der im November 1914 eine Gruppe von 14 muslimischen Kriegsgefangenen, getarnt als Zirkustruppe, quer durch Feindesland von Berlin nach Istanbul bringen sollte. Das hört sich verrückt an, geht aber auf einen Plan der deutschen Heeresführung zurück: Man hatte die Idee, Muslime der Welt unter Führung des türkischen Sultans zum Heiligen Krieg, also zum Dschihad, aufzustacheln, um so die Kolonialmächte Frankreich und England im Kampf gegen Deutschland zu schwächen. Ein Plan, der allerdings einige Schwachstellen hatte – und so heißt es im Roman: „Der Sultan konnte oder wollte das deutsche Anliegen anfangs nicht verstehen. Die Aufgabe des Freiherrn bestand also darin, dem Sultan die Vorstellung eines Dschihad so zu suggerieren, dass der Sultan die Idee am Ende für die seine hielt.“
Um den türkischen Sultan doch noch von der Teilnahme am heiligen Krieg zu überzeugen, sollten die Kriegsgefangenen nach Istanbul gebracht und dort freigelassen werden. Das ist „Die Orientmission des Leutnant Stern“.

Wie ist es geschrieben?
Der Roman liest sich wie eine Satire, wobei Jakob Hein dem historischen Material wahrscheinlich gar nicht viel hinzufügen musste, so absurd war das ganze Unternehmen. Aber man merkt, wie viel Spaß es dem Autor gemacht hat, diese irrsinnige Geschichte zu erzählen: „In den kommenden Wochen hatte Stern das zweifelhafte Vergnügen, den Plan, entstanden in seinem Kopf und ausgearbeitet mit einer Handvoll Pionieren bei vielen Gläsern Wein, in die knochentrockene Realität des preußischen Militärwesens übersetzen zu müssen, was sich anfühlte, als versuche man, einer Lokomotive den Walzer beizubringen.“
Jakob Hein erzählt mit hörbarer Lust an der Pointe und nimmt sich doch gleichzeitig als Autor sehr zurück. Er präsentiert diese Geschichte nicht nur aus dem Blickwinkel Sterns, sondern auch aus Sicht der anderen Beteiligten, und dieses und Mit- und Gegeneinander von kulturell ganz unterschiedlichen Perspektiven lässt das Ganze nochmal witziger werden.

Wie gefällt es?
Es ist eine tolle Geschichte, unterhaltsam und witzig erzählt, ohne dass der Sinn für die Abgründigkeit des Geschehens verloren gegangen wäre. Wenn Edgar Stern etwa in Istanbul die in Brand gesteckten Kirchen der Armenier sieht, dann wird klar, dass diese aberwitzige Orientmission vor dem Hintergrund schlimmster Tragödien geschieht. Darüber hinaus erzählt Jakob Hein aber auch eine Geschichte, die zeigt: Vor einhundert Jahren fühlte sich Deutschland durchaus dem Islam verbunden. Und das ist doch eine welthistorische Pointe, die zu denken gibt.

Jakob Hein: „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“, Galiani, 18 EUR, ISBN: 9783869711720

hr-iNFO Büchercheck: Ian McGuire „Nordwasser“

Nordwasser – das ist der zweite Roman des englischen Schriftstellers Ian McGuire – und der Roman, mit dem er 2016 für den Britischen Booker Prize nominiert war. Ian McGuire ist Jahrgang 1964 lebt in Manchester, lehrt kreatives Schreiben an der Universität von Manchester.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Dieser Roman beginnt in der nordostenglischen Hafenstadt Hull, Mitte des 19. Jahrhunderts: an Bord des Walfangschiffes „Volunteer“ treffen zwei Menschen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine – der Harpunier Henry Drax – ist ein Mann wie eine Naturgewalt und gleichzeitig das personifizierte Böse. Der andere – der Schiffsarzt Patrick Sumner – schleppt eine traumatische Vergangenheit mit sich herum, versucht aber, auf den Schiff die Standards von Recht und Menschlichkeit aufrecht zu halten – und wird dadurch zum erbitterten Gegenspieler des rücksichtslosen Drax. Die Auseinandersetzung der beiden nimmt dramatische Ausmaße an, als eines Tages an Bord ein Schiffsjunge erst missbraucht und dann ermordet wird. Schiffsarzt Sumner kann Drax der Tat überführen – was ihm aber erst einmal wenig bringt, denn die „Volunteer“ bleibt plötzlich im Packeis stecken – und der verzweifelte Kampf der Crew mit den Naturelementen, mit Eis, Sturm und Hunger überlagert alles andere.

Wie ist es geschrieben?
Ian McGuire beherzigt beim Schreiben das, was Billy Wilder mal als perfekte Filmdramaturgie empfohlen hat: „Mit einem Erbeben beginnen und dann das Ganze langsam steigern.“ „Nordwasser“ packt den Leser von der ersten Seite an und lässt ihn nicht mehr los: Das liegt zum einen an der spannenden und immer dramatischer werdenden Handlung; das liegt aber auch an der Sprache McGuires, die alle Sinn anspricht, und zwar von der ersten Zeile an! Mit diesen Sätzen beginnt der Roman : „Sehet den Menschen. Er schlurft aus Clappison’s Courtyard heraus auf die Sykes Street und schnüffelt die vielschichtige Luft – Terpentin, Fischmehl, Senf, Grafit, der übliche durchdringende morgendliche Pissegestank geleerter Nachttöpfe. Er schnaubt einmal, streicht sich über den borstigen Kopf und rückt sich den Schritt zurecht. Er riecht an den Fingern, dann lutscht er langsam jeden einzelnen und leckt die letzten Reste ab, um auch wirklich alles für sein Geld zu bekommen.“
In diesem Roman riecht, schmeckt und spürt man die Welt der Seeleute und Walfänger hautnah – das ist nicht immer angenehm – aber fesselnd von Anfang an.

Wie gefällt es?
Ich muss zugeben, ich habe ein Faible für Romane, die vom Meer und von den Urgewalten der Natur handeln – und ich mag Kriminalgeschichten, also Geschichten, die von den Abgründen der menschlichen Natur handeln. Beides bringt dieser Roman auf spannende Weise zusammen. Das ist mitunter drastisch, das ist manchmal auch schwer zu verdaulich, aber in letzter Konsequenz mitreißend geschrieben und mitreißend erzählt – ein fantastischer Roman.

Ian McGuire: „Nordwasser“, übers. von Joachim Körber, mare, 22 EUR, ISBN: 978-3866482678

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hr-iNFO Büchercheck: Jesmyn Ward „Singt ihr Lebenden und ihr Toten, singt“

Der 13jährige Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben im Haus der Großeltern in Mississippi. Der Großvater züchtet Ziegen, ist eine Art Selbstversorger. Die Großmutter dämmert krebskrank dem Tod entgegen. Die Mutter jobbt in einer Kneipe, schluckt Drogen, wenn sie sie kriegen kann und hat keine Empathie für ihre Kinder. Der Vater, ein Weißer, sitzt im Knast. Seine Eltern lehnen ihre Enkel und deren Mutter ab, es sind ja Schwarze. Und der Cousin des Vaters hat einst den Bruder der Mutter erschossen, weil der eine Wette gegen ihn gewonnen hatte. Die Tat wurde als Jagdunfall vertuscht.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner den Roman gelesen.

Worum geht es?
Das Setting macht schon klar, es geht um soziales Elend, um tief verwurzelten Rassismus, um Gewalt und Unrecht. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Es gibt noch Hoffnung für eine bessere Zukunft. Dafür stehen die fürsorglichen Großeltern, die für die beiden Kinder die eigentlichen Eltern sind, dafür steht auch die symbiotische Beziehung der beiden Kinder zueinander. Sie kleben wie Kletten aneinander, stützen sich gegenseitig. Und: diese Menschen verfügen über Kräfte, die ihnen helfen, dem Alltag stand zu halten und nach vorne zu gucken. In ihrer Wahrnehmung tauchen immer wieder Geister von Verstorbenen auf. Jojo, Kayla und ihre Mutter erkennen sie und reden mit ihnen. Es sind der ermordete Bruder der Mutter und ein Junge, der einst im Gefängnis zu Tode kam, weil der Großvater, der dort auch Zwangsarbeit leisten musste, ihn nicht retten konnte. Diese Figuren heben Raum und Zeit auf, verknüpfen die Vergangenheit mit der Gegenwart. Die Großmutter wiederum, eine Art Heilerin, glaubt nach wie vor an die Götter ihrer nigerianischen Vorfahren. Sie kann erst sterben, wenn diese Götter ihr in einem Ritual den Weg ins friedliche Jenseits weisen. Reale Welt und magische Parallelwelt vermischen sich so ständig. Es ist das Panorama einer schwarzen Südstaatenfamilie.

Wie ist es geschrieben?
Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive Jojos und seiner Mutter. Diese Perspektiven prallen hart aufeinander. Hier der empathische Sohn, dort die egoistische Mutter. Schon daraus ergeben sich dramatische Situationen. Ward erzählt sie mit großer sprachlicher Ausdruckskraft, mit Bildern in fetten und leuchtenden Farben. Ein intensives Erzählen. Das Drama spitzt sich zu, als der Geist des Jungen aus dem Gefängnis darauf drängt, seinen Tod aufzuklären. Der Großvater offenbart schließlich seine tragische Schuld. Er hatte den Jungen aufgespürt, als ein Trupp gewaltbereiter Weißer ihn nach einem Ausbruch suchte.
Er tötete ihn, weil ihn sonst die weißen Häscher brutal zu Tode gefoltert hätten.

Wie gefällt es?
Ich finde, Jesmyn Ward hat ein gleichermaßen zeitkritisches wie phantastisches und vor allem hochemotionales Buch geschrieben. Man muss sich nur darauf einlassen, die magische Einheit von Vergangenheit und Gegenwart als subjektive Realität zuzulassen. Dann wird man dieses Buch als tolle Entdeckung empfinden.

Jesmyn Ward: „Singt ihr Lebenden und ihr Toten, singt“, Verlag Antje Kunstmann, 22 EUR, ISBN: 978-3956142246

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hr-iNFO Büchercheck: Jan Weiler „Kühn hat Ärger“

Jan Weiler ist ein bekannter und sehr erfolgreicher deutscher Autor. So wurden z.B. seine Romane „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ und „Und ewig schläft das Pubertier“ verfilmt. Nun hat sich Jan Weiler auch auf das Krimi-Schreiben verlegt.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
An einer Münchener Straßenbahnhaltestelle wird Amir Bilal, Sohn libanesischer Einwanderer, tot aufgefunden. Brutal zusammengeschlagen und –getreten, abgelegt wie Abfall. Kriminalhauptkommissar Martin Kühn, nach einem burn-out wieder im Dienst, ermittelt. Und erfährt, dass Amir bei der Polizei als Intensivtäter bekannt war, aber in den letzten Monaten eine Verwandlung durchlebt hatte: er war freundlich und fleißig geworden, wollte etwas aus seinem Leben machen. Der Grund: Julia van Hauten, die Tochter einer sehr reichen Familie. Zwei Welten haben sich getroffen, so erfährt es Kühn bei einer Befragung im Haus der van Hautens:
„Dann erzählte van Hauten, wie Bilal in ihrem Leben aufgetaucht war. Wie sie ihn gemocht hatten, wie glücklich sie über die bereichernde Beziehung ihrer Tochter mit Amir waren. Wie gern sie ihn um sich hatten. Dass Amir auch mit Julias Bruder Florin eine gute Beziehung hatte. Man habe miteinander Urlaub gemacht, Amir habe ihn auch mal um Rat gefragt und sei in den paar Monaten unglaublich aufgeblüht. Ein netter, kluger und reflektierter Junge sei er gewesen. Dazu wissbegierig und liebevoll mit seiner Tochter. Himmelherrgott noch mal, ist das alles dufte hier. Das war ein Heiliger unter lauter Heiligen. Aber warum nicht? Was ist daran verkehrt? Sie haben dem Jungen offenbar gutgetan. Und sie haben es gern gemacht. Wenn es mehr Menschen wie diesen Mann gäbe, wäre die Welt ein besserer Ort.“

Wie ist es geschrieben?
Jan Weiler hat einen neuen, eigenen, für einen Krimi ungewöhnlichen Ton. Da ist der Polizist Martin Kühn, der oft am Leben und den Ungerechtigkeiten verzweifelt, der grübelt, nachdenkt und sich fremd fühlt in Gegenwart der wohlhabenden, aber äußerste zuvorkommenden van Hautens. Weiler schildert das mal skeptisch, mal amüsiert, oft aber auch bissig. Nur manchmal schimmert das eher humoristische Potential des Autors durch, das man aus seinen anderen Büchern kennt. Weiler hat „Kühn hat Ärger“ mit viel Einfühlungsvermögen für sein Personal und mit Interesse für deren Schicksale geschrieben und entwickelt dabei auch einen Roman über den Zustand in unseren Städten.

Wie gefällt es?
Jan Weiler hat mich als Krimi-Autor restlos überzeugt. „Kühn hat Ärger“ ist ein politisches, ein spannendes, ein aufrührendes und überzeugendes Buch. Jan Weiler geht tief hinein in die gesellschaftlichen Probleme, in die Welt der Migranten und der Super-Reichen. Diesen Kontrast hält Polizist Kühn kaum aus – und Weiler schildert dabei auch eine moralische Wohlstandsverwahrlosung, die mich fast sprachlos gemacht hat. Wer aber denkt, diese Geschichte gehe nur um den Konflikt zwischen arm und reich, und dies sei auch der Grund für den Mord, der hat zu kurz gedacht. Das Buch ist deutlich vielschichtiger, als man auf den ersten Blick denkt…

Jan Weiler: „Kühn hat Ärger“, Verlag Piper, 20 EUR, ISBN: 978-3492057578

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