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hr-iNFO Büchercheck: Dörthe Hansen „Mittagsstunde“

Nach ihrem Debütroman „Altes Land“ vor zwei Jahren stürmt nun auch „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen die Bestsellerlisten. Und wieder schreibt die 54-jährige Nordfriesin über das Leben auf dem Land.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Mittagsstunde“ spielt in einem fiktiven Dorf, namens Brinkebüll, und dessen Geschichte wird über mehrere Generationen rekapituliert. Im Zentrum steht ein Archäologe, Ingwer Feddersen, der aus Brinkebüll stammt, der es als Hochschullehrer bis nach Kiel geschafft hat, und der mit Ende 40 zurückkehrt, um seine Großeltern zu pflegen. Eine Rückkehr mit zwiespältigen Gefühlen, denn mit diesem Dorf, in dem er als unehelicher Sohn einer geistig verwirrten Mutter aufwuchs, verbindet Feddersen eine Art Hassliebe: „Er hing an diesem rohen, abgewetzten Land, wie man an einem abgelebten Stofftier hing, dem schon ein Auge fehlte, das am Bauch kein Fell mehr hatte.“

Wie ist es geschrieben?
Dieser Satz mit dem abgelebten Stofftier ist typisch für Dörte Hansens Fähigkeit, die komplexen Gefühle ihrer Hauptfigur auf den Punkt zu bringen. Ingwer Feddersen weiß, wie hart und mitunter auch grausam das Leben auf dem Land sein kann – aber trotzdem kann er sich dem Gefühl, genau dorthin zu gehören, nicht entziehen. Und es kommt noch etwas dazu: denn Ingwer Feddersen ist Archäologe. Er ist Spezialist für untergegangene Kulturen und merkt nach und nach, dass sein Heimatdorf selbst schon eine untergegangene Kultur ist. Es ziehen Städter zu, aber die leben nur noch auf dem Land, aber nicht mehr vom Land – wieder so ein toller Dörthe-Hansen-Satz. Das meiste ist verschwunden oder verschwindet nach und nach – und genau dieses Verschwinden hat Dörthe Hansen auf beeindruckende Weise festgehalten: „Es war so still im Dorf, kein Hund, kein Hahn, kein Schleifen aus der Tischlerei, kein Hämmern mehr auf Haye Nissens Amboss. Man hörte keine Tiere mehr. Auch nicht die Stimmen, die Tiere riefen, laut genug, um große Felder zu beschallen, wen sollten sie auch rufen, auf den Weiden standen kaum noch Kühe. Ingwer schienen, wenn er durch das Dorf ging, nur noch Dinge einzufallen, die verschwunden waren.“

Wie gefällt es?
„Mittagsstunde“ ist für mich einer der bewegendsten Romane dieses Jahres. Dörthe Hansen ist das Kunststück gelungen, einen Heimatroman zu schreiben, der „Heimat“ nicht verklärt oder verkitscht, sondern im Bewusstsein seiner unwiederbringlichen Vergangenheit thematisiert. Dörthe Hansen gelingt es eindrucksvoll, uns die widersprüchlichen Gefühle, die mit dieser Verlusterfahrung verbunden sind, noch einmal erleben zu lassen – ein bisschen sentimental, aber dafür nicht weniger wahrhaftig.

Dörthe Hansen: „Mittagsstunde“, Penguin, 22 EUR, ISBN: 978-3328600039

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hr-iNFO Büchercheck: Jennifer Egan: „Manhattan Beach“

New York, Brooklyn, in den 30er und 40er Jahren. Hafen, Werften, Strände. Clubs, Arbeitslose, Gangster. Und dann nach Kriegseintritt der USA: Marinewerften, Kriegsschiffe, Frauenarbeit. Und immer: viel Wasser. Mittendrin ist Anna, erst als Mädchen mit Mutter, Vater und behinderter Schwester. Dann junge Frau und ohne Vater, denn der ist auf mysteriöse Weise verschwunden.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Man kann dieses Buch als Emanzipationsroman lesen. Anna setzt in einer Marinewerkstatt Bauteile für Kriegsschiffe zusammen. Immer dieselben. Aber sie träumt davon, Taucherin zu werden. Schiffe unter Wasser zu reparieren, zu schweißen. Nur, Frauen will man in diesem Job nicht. Bis der Männerwelt die geeigneten Männer ausgehen. Da darf dann auch Anna in den schweren Anzug mit Kuppel steigen und wird gegen alle Widerstände ein Vorbild. Man kann das Buch zumindest teilweise auch als schwarzen Krimi lesen. Wie bei der Tauchergeschichte gibt es auch hier viel zu lernen. Wie Geschäfte gemacht wurden in der Zeit der Prohibition, wie Bars funktionierten, wie Gangster dachten und agierten und auch in der feinen Gesellschaft ihre Rolle hatten, sogar, welche weichen Seiten sie hinter ihrer rauen Schale verbargen. Man kann das Buch aber auch als Kriegsroman, Familienroman oder noch viel mehr: als Vater-Tochter Roman lesen. Denn der abrupte Verlust des Vaters, der sich mit Gangstern eingelassen hatte, verfolgt Anna dauerhaft.

„Nach jahrelanger Abwesenheit kehrte Annas Vater zurück. Sie hatte ihn nicht vor Augen, erinnerte sich aber an den leisen Schmerz, den sie verspürt hatte, wenn er sie hochgehoben hatte, um sie zu tragen. Sie hatte das gedämpfte Klimpern des Kleingelds in seinen Hosentaschen im Ohr. Seine Hand glich einer Steckdose, mit der sie ihre Hand verband, egal, wohin es ging, manchmal unbewusst. Anna blieb stehen, durch die Eindringlichkeit dieser Bilder wie vor den Kopf gestoßen. Sie hob ihre Finger gedankenlos vor ihr Gesicht und erwartete halb, den warmen, bitteren Geruch seines Tabaks in der Nase zu haben.“

Wie ist es geschrieben?
Man kennt Egan als experimentierfreudige Schriftstellerin. In „Manhattan Beach“ ist sie es nicht. Jetzt erzählt Sie konventionell, von Rückblenden und Perspektivwechseln abgesehen. Kapitel für Kapitel entsteht das historische Panorama einer Stadt zwischen den Wassern und den Menschen in ihr, deren Alltagsproblemen und Träumen.

Wie gefällt es?
Literaturwissenschaftler werden vielleicht enttäuscht sein von Jennifer Egans neuem Buch. Leser müssen es nicht. Es ist eine spannende Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite, mit interessanten und differenziert angelegten Protagonisten, in einem zeithistorisch aufwändig recherchierten detaillierten Setting, atmosphärisch dicht gewoben, gut geschrieben, sogar lehrreich und eben auch überraschend. Das macht Spaß.

Jennifer Egan: „Manhattan Beach“, S. Fischer Verlag, 22 EUR, ISBN: 978-3103973587

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hr-iNFO Büchercheck: Leila Slimani: „Hand aufs Herz“

Schwitzende Körper. Leidenschaft und Hingabe. – All das findet hier nicht statt.
Die marokkanische Gesellschaft spricht nicht über Sex. Ist aber angeblich der fünftgrößte Konsument von Pornos.

hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Comic gelesen.

Worum geht es?
Leila Slimani versammelt in „Hand aufs Herz“ erschütternd ehrliche Erfahrungsberichte.
Emotional und nah bei ihren Protagonistinnen enthüllt Slimani die Strukturen einer Gesellschaft, in der das Ansehen bei den Anderen über allem steht. Es ist ein scheinheiliges System aus bigotter Prüderie, das mit dem Konzept der „Scham“ nicht nur Frauen, sondern auch Männer von klein auf indoktriniert und zu Gefangenen ihrer eigenen, vermeintlich „schlechten“, körperlichen und seelischen Bedürfnisse macht. Selbst Nähe, Zärtlichkeit – Fehlanzeige! Sex vor der Ehe ist in Marokko per Gesetz verboten. Aber es gibt auch sie: starke Frauen, die sich der Mehrheitsgesellschaft entgegen stellen. Nour zum Beispiel, die sich gegen’s Heiraten entschieden hat und den schiefen Blicken stand hält. Und die sich ihre Freiheit nimmt – die uns so selbstverständlich erscheint.

N: „Eines Abends in einer Disko, passierte etwas völlig Außergewöhnliches. Ich sagte zu meinen Freundinnen: ‘Heute werde ich ein Typ sein! – Ohne Witz, ich muss es machen!’ Ich sah einen Jungen der mir gefiel. – Ich hatte Lust auf ihn und er auf mich. Ich erinnere mich sehr gern daran zurück.“ S: „Sehen Sie ihre Freundinnen von damals noch?“ N: „Oh ja, oft! Gerade vor zwei Wochen habe ich Mailka besucht.“ S: „Hat sie geheiratet?“ N: „Nein, sie ist auch alleinstehend. Wir sind der Club der Singles.“

Wie ist es geschrieben?
Leila Slimani will das Schweigen der bigotten marokkanischen „Schweigegesellschaft“ brechen. In ihrem Comic prangert sie nicht nur die Verhältnisse an, sondern gibt auch – differenziert und behutsam – wieder, was die Frauen in diesem System tatsächlich fühlen, und welche cleveren, individuellen Lösungsstrategien sie teilweise entwickelt haben, um sich ihre Freiheit und Achtung zu erkämpfen. Die Zeichnerin Laetitia Coryn hat dem Ganzen eine Form gegeben, die der Intimität des Inhalts absolut gerecht wird.

Wie gefällt es?
Vieles in „Hand aufs Herz“ hat die Klischees, die ich von den Zuständen und Geschlechterverhältnissen der marokkanischen Gesellschaft im Kopf hatte, bestätigt – oder erschreckender Weise sogar noch getoppt. Andererseits hat auch Vieles mich überrascht, mir imponiert, mein Mitgefühl herausgefordert. – Und ich habe besser verstanden, warum diese Gesellschaft so tickt, wie sie es tut. – Wie hier so leicht nach dem Arabischen Frühling wieder eine Re-Islamisierung Einzug halten kann.
Dieser Comic ist ein starkes Plädoyer für mehr Emanzipation – sexuelle, emotionale und gesellschaftliche Emanzipation – und damit vielleicht auch irgendwann politische.
Ein Buch, dass ich jedem „ans Herz legen“ möchte, der verstehen will, wie elementar wichtig persönliche Freiheit und das Recht auf Intimität sind.

Leila Slimani: „Hand aufs Herz“, im Avant Verlag, 25 EUR, ISBN: 978-3945034958

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hr-iNFO Büchercheck: Anna Tell: „Vier Tage in Kabul“

„Vier Tage in Kabul“ von Anna Tell kommt aus dem Krimi-Klassiker-Land schlechthin, nämlich Schweden. Allerdings spielt er – wie der Titel andeutet – hauptsächlich in Afghanistan und ist auch kein typisch-schwedischer Psycho-Thriller, sondern ein Polit-Krimi.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Die schwedische Kriminalkommissarin Amanda Lund ist in Afghanistan stationiert, um lokale Sicherheitskräfte auszubilden. Gerade konnte sie einen schweren Angriff der Taliban abwehren, als sie nach Kabul gerufen wird: ein schwedisches Diplomaten-Paar ist verschwunden, womöglich entführt. Ihre Erfahrungen als versierte Verhandlungsspezialistin werden gebraucht. Doch ihre Ermittlungen gestalten sich schwierig: der schwedische Botschafter will ihr nicht wirklich helfen. Ihrem Kollegen, der in Schweden ihren Einsatz koordiniert, werden von Seiten der Regierung ständig Steine in den Weg gelegt. Alles muss geheim bleiben, niemand darf vom Verschwinden des Diplomaten-Paars wissen. Da erfährt Amanda Lund, dass der Botschafter erpresst wird. Und in Stockholm wird die Leiche eines Mannes gefunden, der als ehemaliger Mitarbeiter der Kabuler Botschaft identifiziert wird. Wie gehört das alles zusammen? Drogengeschäfte scheinen eine Rolle zu spielen…

Wie ist es geschrieben?
Eine klare Sprache, treffende Dialoge, kurze, knappe Kapitel, die gekonnt die Spannung auf den Höhepunkt treiben: Anna Tell beherrscht die Regeln für einen erfolgreichen Krimi. Es sind nicht literarische Qualitäten, die hier überzeugen, sondern vielmehr die Sachkenntnis über das Land Afghanistan und das perfekte timing: von verschiedenen Schauplätzen und aus Sicht verschiedener Personen werden hier vier Tage in Kabul beschrieben, in denen eigentlich alle an einem Strang ziehen sollten, um die zwei Vermissten zu finden. Doch einige haben andere Motive…

„„Sie haben im Auto hinten rechts auf der Rückbank gesessen – dort wo Sie immer sitzen. Und genau auf Ihrer Seite hat jemand unter dem Wagen eine Bombe angebracht. Vermutlich um sicherzugehen, dass…“ Sie verstummte. „…ich…ums Leben kommen würde?“, beendete Sven den Satz für sie und starrte Amanda an. Sie nickte langsam. „Gibt es irgendetwas, das Sie vergessen haben zu erzählen und das diesen Attentatsversuch erklären könnte?“ Wie ein alter Mann sackte Sven auf seinem Stuhl in sich zusammen. Sein Atem ging flach, und er sah Amanda hilflos an. Irgendetwas in seinem Blick hatte sich verändert. Sven hatte Angst. Panische Angst.“

Wie gefällt es?
„Vier Tage in Kabul“ hat mich Seite für Seite mehr in Bann gezogen: da ist zum einen das fremde Terrain in Afghanistan, die Ebene der Diplomaten und Vermittler – und dagegen die ganz banalen Ermittlungen und menschlichen Verwicklungen. Ein richtig guter Krimi in ungewohnter Kulisse mit viel Einfühlungsvermögen für die handelnden Personen. Echt mal was anderes aus Schweden. Wirklich überzeugend.

Anna Tell: „Vier Tage in Kabul“, Verlag rowohlt polaris, 14,99 EUR, ISBN: 978-3499273841

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hr-iNFO Büchercheck: Claire Gondor: „Ein Kleid aus Tinte und Papier“

Weiches Herbstlicht, rotes Laub, ein Kanal, ein leer stehendes Haus, eine junge Frau und ein Hochzeitsfotograf, der Bilder von ihr macht. So beginnt der Roman. Die Frau trägt Pumps, ein Kleid, an der Taille eng, blütenförmig bis zu den Knien ausgestellt. Sie ist sorgfältig geschminkt. Eine Idylle, möchte man meinen. Und doch hat die Szene einen doppelten Boden. Wo ist der Bräutigam?

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Claire Gondor erzählt die Geschichte einer großen Liebe und Leidenschaft. Leïla heißt die Frau, ihr Geliebter Dan. Als Kind ist sie mit ihrer Familie aus Afghanistan nach Frankreich gekommen. Von ihrer Mutter stammen ihre Fertigkeiten an der Nähmaschine. Die braucht sie, denn sie näht sich ihr Hochzeitskleid aus den Briefen Dans. 56 sind es. Er schreibt von seiner Liebe, seiner Leidenschaft, seinen Erlebnissen. Denn Dan ist offensichtlich in einem Auslandseinsatz im Sudan. Mit jedem Brief wächst Leïlas Kleid und unser Verständnis der Geschichte. Denn mit jedem Brief erinnert Leïla Episoden ihrer Liebe zu Dan. Und jeder Brief erhält eine besondere Stelle im Kleid und damit am Körper. Aber mit jedem Brief wächst auch die Ahnung: da muss etwas passiert sein. Das Kleid ist eben auch eine Skulptur der Trauer.

„Sie nahm das Papier zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie konnte nicht widerstehen, die Worte immer wieder zu lesen, wieder und wieder, unendlich oft. Worte der Erinnerung an ihre so unbeschwerte Vergangenheit, an ihre glücklichen Umarmungen: ihm noch ein bisschen nahe sein, um das Verlorene fortbestehen zu lassen. So wie man sich hin und her wiegt, um einen beißenden Schmerz zu beruhigen und wieder Kraft zu schöpfen. Wärme tanken, um die Nacht besser durchzustehen.“

Aber warum ging diese Liebe zu Ende? Der letzte Brief, den Leïla in die Hand nimmt, ist nicht von Dan, sondern von einer Behörde und hat ein DIN-A4-Format. Sie näht ihn nicht ins Kleid sondern wirft ihn in den Kanal. Da ist klar, was passiert ist.

Wie ist es geschrieben?
Jedes Kapitel kreist um einen anderen Brief, bietet eine neue Geschichte in der Geschichte. Die Erinnerungen an den Geliebten und die Geschichten ihrer Familie fließen ineinander. Die gemeinsame Achse, das Verbindende ist die Empfindsamkeit Leïlas. Gondor lässt sie in wirkungsstarken Bildern aufblühen. Ein poetischer Grundton durchwirkt das Buch so wie die Fäden der Erinnerung das Kleid. Und gleichzeitig folgt das Buch einer fesselnden Spannungsdramaturgie. Von Kapitel zu Kapitel steuert die Geschichte auf eine Aufklärung zu. Und selbst für den Paukenschlag zum Finale findet Gondor noch ein poetisches Bild. Dramatisch und schön zugleich.

Wie gefällt es?
Ich finde, „Ein Kleid aus Tinte und Papier“ ist ein sehr schönes Buch. Eine ergreifende Geschichte großartig erzählt. Sie bewegt, und sie ist spannend. Und das auf hundert Seiten in einem schönen Einband, der diesem gelungenen Stück Poesie einen angemessenen Ort bietet. Ein Vergnügen.

Claire Gondor: „Ein Kleid aus Tinte und Papier“, Wagenbach Verlag, 16 EUR, ISBN: 978-3803113306

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hr-iNFO Büchercheck: Henning Mankell: „Der Sprengmeister“

Im Oktober 2015 ist Henning Mankell, der Schöpfer der Wallander-Krimi-Serie, im Alter von 67 Jahren gestorben. Jetzt, drei Jahre nach seinem Tod, erscheint der Roman, mit dem Mankell 1973 debütierte, erstmals in deutscher Übersetzung. Er heißt „Der Sprengmeister“.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Der Sprengmeister“ heißt Oskar Johansson. Er ist 23 Jahre alt, als er mit seiner Truppe einen Eisenbahntunnel durch einen Felsen sprengen soll. Als Johansson eine der Dynamitladungen kontrollieren will, explodiert sie. Er verliert ein Auge, die rechte Hand und vier Finger der linken – aber er überlebt. Er bleibt Sprenger, arbeitet, bis er in Rente geht, und führt bis zu seinem Tod im Jahr 1969 ein relativ ereignisarmes Leben: Er macht kein Aufhebens um seine Behinderung. Als seine Freundin ihn verlässt, heiratet er ihre Schwester. Politische Ereignisse nimmt er wahr, fühlt sich aber weitgehend unbeteiligt und verbringt die letzten Jahre in einer verlassenen Militärsauna auf einer Schäreninsel – eine Lebensgeschichte also, die mit einem Knall beginnt und danach eher leise dahin plätschert.

Wie ist es geschrieben?
Erzählt wird diese Lebensgeschichte von einem Autor, der Oskar Johansson kennenlernt, als der 68 Jahre alt ist, und der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Johanssons Leben als Geschichte eines Zeugen großer Umwälzungen zu erzählen – als Lebensgeschichte eines Arbeiters, der zum Opfer der Industrialisierung wurde und der die sozialen und geschichtlichen Veränderungen der letzten 50 Jahre hautnah miterlebt hat. Immer wieder besucht er Johansson in seinem Saunahäuschen , um ihn zu befragen, aber der gibt nur widerwillig Auskunft, kann sich kaum erinnern und meint, mit all den geschichtlichen Prozessen kaum etwas zu tun gehabt zu haben:

„Er erklärt, er sei wie die anderen gewesen, mehr nicht. Ein Sprengmeister mit Familie. Er hat nicht das Gefühl, er hätte an den Veränderungen teilgenommen. Sie sind geschehen, und haben sein Leben beeinflusst. Aber er hat sie nicht selbst mitgestaltet. Der Arbeiter ist ein Bürger des Staates, aber es sind andere Kräfte, die diesen vorantreiben oder verändern. Das ist der Kern von Oskars Rede über seine Unscheinbarkeit. – An diesem Punkt sind wir uns nicht einig.“

Die Spannung des Romans entsteht aus genau dieser Uneinigkeit, und aus der offenen Frage, wie man das Leben eines Mannes erzählt, dessen größte Leistung darin besteht, dieses Leben mit Würde und ohne viel Aufhebens gemeistert zu haben.

Wie gefällt es?
Wer die Spannung und Dramatik der Wallander-Krimis erwartet, wird von diesem Roman enttäuscht sein. Er ist eben kein Krimi, es ist der erste Roman eines jungen Autors, der sich fragt, wie das Leben der Schwachen und sozial Benachteiligten zum Gegenstand von Literatur werden kann. Es ist ein leiser und unaufdringlicher Roman, und wer den genauen und empathischen Blick Mankells auf seine Figuren schätzt, der wird auch hier auf seine Kosten kommen.

Henning Mankell: „Der Sprengmeister“, Paul Zsolnay Verlag, 21 EUR, ISBN: 978-3552059016

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hr-iNFO Büchercheck: Bodo Kirchhoff „Dämmer und Aufruhr“

Ja, nach unseren juristischen Normen wurde Bodo Kirchhoff von seinem Musiklehrer im Internat am Bodensee missbraucht. Kirchhoff selbst benutzt dieses Wort aber nicht. Er klagt auch nicht an. Die juristische Dimension bleibt außen vor. Er erzählt die sexuellen Handlungen in Bildern und er erzählt sie als Teil einer falsch verstandenen emotionalen Beziehung, aber auch als sexuelle Entdeckung.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Wir sind in den 50er Jahren. Die Eltern sind kriegs- und entbehrungsgeschädigt, sowohl seelisch als auch materiell, sie müssen feststellen, dass sie nicht zueinander passen. Sie wollen ihr eigenes Leben leben. Der Sohn wird nach der Grundschule aufs Internat geschoben. Seine jüngere Schwester bleibt zunächst bei der Oma. Der Vater zieht nach Stuttgart, die Mutter nach Frankfurt. Zu den Feiertagen und in den Ferien spielen sie den Kindern noch eine Weile heile Familie vor. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die einzig konstante fürsorgliche Beziehung von der Oma geleistet wird. Dafür darf der Sohn im Urlaub mit der Mutter den Kavalier geben, es kommt zu neugierigen sexuellen Handlungen. Das Körperliche, die Erotik wird ihn immer wieder umtreiben, im Leben und im Werk. Als Pennäler streift er durch das Frankfurter Bahnhofsviertel, geht in die Puffs genauso wie in die Buchhandlungen. Die Kunst bietet sich als Rettung im emotionalen Chaos an: erst die Malerei und dann das Schreiben, die Bilder und die Wörter. Zeitweise wurde Kirchhoff als Pornoschriftsteller verunglimpft. Die Mutter litt darunter, auch noch, als der Sohn die Hochbetagte im Pflegeheim besucht:

“Sie nahm meine Hand und fand noch einmal zu ihrer Stimme. Immer nur Dinge aus der Kanalisation des Lebens, mein Gott, und was wurde schon alles Herrliches über die Liebe geschrieben! Sie drückte die Hand und führte die Beispiele an, die sie bei dem Thema unausweichlich anführte, (…), während ich fast nach ihr geschlagen hätte, nur um sie so zu erreichen, dass sie nicht weghören könnte, wenn ich ihr sagte, was das Schreiben sei: wieder und wieder ein Versuch, aus der eigenen Scheiße Gold zu machen.”

Wie ist es geschrieben?
Kirchhoff bezeichnet sein Buch als Roman. Er mischt Fakten mit Hinzugeschriebenem. Konsequent ist daher mal von “ich”, mal von “er” die Rede. Und das auf drei Zeitebenen: Er rekonstruiert – zum Teil angestoßen von Fotos – die vergangene Zeit, dann berichtet er über die Besuche bei der Mutter im Pflegeheim und die daraus folgenden Erinnerungsimpulse. Die dritte Erzählzeit ist die Zeit des Schreibens in einem Hotelzimmer in Alassio, in dem einst die Eltern ihre letzten glücklichen Tage zusammen waren. Sozusagen eine Vergewisserung der eigenen Lebenserfahrung am historischen Ort.

Wie gefällt es?
Dämmer und Aufruhr ist weit mehr als die Geschichte wie einer zum Schriftsteller wird. Und es ist auch mehr als ein Dokument des Ringens um eine Sprache. Zum einen für die Darstellung der ambivalenten, eigentlich missbräuchlichen Sexualerfahrung, zum anderen seiner körper- und geistbetonten Ichbezogenheit. Ich finde dieses Buch so interessant, weil es über die Ichgeschichte hinaus einen lebenserfahrenen Blick auf die Nachkriegsgesellschaft wirft.

Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr, Frankfurter Verlagsanstalt, 28 EUR, ISBN: 978-3627002534

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hr-iNFO Büchercheck: Maike Wetzel: „Elly“

„Elly” heißt der Debütroman der 1974 in Groß-Gerau geborenen Schriftstellerin und Drehbuchautorin Maike Wetzel. Das Projekt brachte ihr im Vorfeld der Veröffentlichung schon den renommierten Robert Gernhardt Preis ein.

hr-iNFO Büchercheckerin Sylvie Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Elly ist ein kleines Mädchen, 11 Jahre alt. Sie hat eine ältere Schwester, Ines, ihre Eltern sind Freiberufler. Es ist eine ganz normal funktionierende deutsche Durchschnittsfamilie. Bis Elly eines Tages vom Judo-Training nicht mehr zurückkehrt.
Das Mädchen bleibt verschwunden und ist doch allgegenwärtig in den Gedanken, Handlungen und Erinnerungen der Eltern und der Schwester. Das Schlimmste ist die Unsicherheit, das permanente Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Und damit verbunden sind furchtbare Schuldgefühle und Phantasien über das, was passiert sein könnte: Mord, Vergewaltigung, Entführung, professioneller Missbrauch. Sogar die Eltern selbst werden verdächtigt, ihr Kind getötet zu haben – an all dem zerbricht diese Familie fast.

Wie ist es geschrieben?
Multiperspektivisch. Hochsensibel! Und sehr spannend!! Einmal heißt es, „diese Geschichte ist auch ein Theaterstück“. Ines schreibt das, Ellys Schwester. Sie meint damit wohl, dass sich dieses Drama auf engstem Raum abspielt. In der Familie, zu Hause, in den Köpfen der Beteiligten. Wobei – im Gegensatz zum normalen Theaterstück – sehr wenig geredet wird. Der Schmerz und vor allem die Ungewissheit paralysieren die Menschen und lassen sie verstummen. Nur Ines weiß sich zu helfen: sie schreibt Ellys Geschichte auf.

„Diese Geschichte ist nicht meine Geschichte. Ich bin nicht sicher, wem sie gehört. Sie liegt auf der Straße, sie schläft in unserem Haus und trotzdem ist sie mir immer einen Schritt voraus. Wenn ich diese Geschichte nun aufschreibe, ist das ein Versuch, sie zu bannen.“

Wie gefällt es?
Sehr gut! Für mich hat der Roman nur einen Schönheitsfehler: am Schluss wird mir zu viel erklärt – und dann eben doch zu wenig. Ich hätte ein komplett offenes Ende besser gefunden, beunruhigender. Aber wie uns in diesem Roman begreifbar gemacht wird, wie die Säure der Angst und des Misstrauens in ein stabiles Familiengebäude hinein sickert und alle Sicherheiten zersetzt – das ist subtil, psychologisch überzeugend und sprachlich brillant gemacht!

Maike Wetzel: „Elly“, Schöffling & Co, 20 EUR, ISBN: 978-3-89561-286-2

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hr-iNFO Büchercheck: Joyce Carol Oates: „Pik-Bube“

Die US-amerikanische Autorin Joyce Carol Oates ist in diesem Jahr 80 geworden. Immer wieder war sie als Kandidatin für den Literatur-Nobelpreis im Gespräch. Jetzt hat sie einen Kriminalroman über einen Krimi-Autor geschrieben.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Andrew Rush ist ein erfolgreicher Schriftsteller von gehobenen Kriminalromanen. Er verdient damit gutes Geld, ist glücklich mit seiner Frau Irina verheiratet und hat drei Kinder. Nur manchmal, da wurmt es ihn, dass er den Glanz seines Idols Stephen King nie erreicht hat. Und dann bezeichnet man ihn auch noch als „Stephen King für Bildungsbürger“! Als Ausgleich schreibt er unter dem Pseudonym Pik-Bube auch ganz andere Krimis: simpel, gewalttätig, kurz: Horrorgeschichten. Niemand weiß von Pik-Bube, und diese Seite seines Lebens soll auch niemand kennenlernen. Er schämt sich geradezu dafür, braucht diese zweite Identität aber auch. Alles ist soweit im Gleichgewicht, bis eine erfolglose Schriftstellerin ihn wegen Diebstahls und Plagiats verklagt. Die Klage wird zwar abgewiesen, die Frau in die Psychiatrie eingewiesen, aber der bis dahin so selbstsichere Schriftsteller gerät nach und nach aus dem Gleichgewicht. Die böse Stimme von Pik-Bube nimmt überhand, flüstert ihm ein, seine Frau hätte einen Liebhaber, seine Kinder würden ihn nicht respektieren. Rasend vor Wut lässt sich Andrew Rush zu einem Mord hinreißen.
„In dieser Nacht und einen großen Teil des nächsten Tages ging Irina mir aus dem Weg. In meinem Arbeitszimmer über dem ehemaligen Stall war ich nicht fähig zu arbeiten. Krank an Herz und Magen. Allein der Gedanke an Pik-Bube erschreckte mich. „Ich muss aufhören. Kein Pik-Bube mehr.“ Ich wartete bang. Wie jemand, der Herzstechen spürt und auf den nächsten Stich wartet, auf die Infarktkatastrophe. Wartete auf die höhnische, drohende Stimme.“

Wie ist es geschrieben?
An der literarischen Qualität von Joyce Carol Oates besteht kein Zweifel. Bestechend, wie sie Satz um Satz, Seite um Seite aus einem selbstbewussten Mann einen haltlosen, unsicheren und brutalen Menschen werden lässt. Diese Verwandlung passiert nur im Kopf des Schriftstellers, in seinen Gedanken, in seinen inneren Zwiegesprächen mit seinem zweiten Ich als Pik-Bube. So wird anschaulich und nacherlebbar, wie die dunklen Gedanken immer größere Macht über Andrew Rush ausüben.

Wie gefällt es?
Mich hat es fasziniert, die unheimliche Wandlung dieses selbstgefälligen und erfolgsverwöhnten Schriftstellers zu verfolgen, der – höchst eitel – unfähig ist, seine Grenzen und Minderwertigkeits-komplexe zu erkennen. Bis dann das Böse die Macht übernimmt. Die Wandlung passiert in Mini-Schritten, so dass ich zunächst kaum glauben wollte, zu welchen Taten sich dieser Mann hinreißen lässt. Oder, anders gesagt: wer ist eigentlich der wahre Andrew Rush? Ist Pik-Bube vielleicht sein echtes Ich? Ein kurzer, leichter Thriller, eine spannende Lektüre…

Joyce Carol Oates: „Pik-Bube“, Droemer , 19,99 EUR, ISBN: 978-3-426-28187-1

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hr-iNFO Büchercheck: Robert Seethaler: „Das Feld“

Mit seinem Roman „Ein ganzes Leben“ hat der Schriftsteller Robert Seethaler vor drei Jahren einen Riesenerfolg gehabt. Jetzt liegt sein neuer Roman „Das Feld“ vor. Wieder geht es um Rückblicke aufs Leben, aber auch um den Tod. Seethaler erhält für das Buch im September den Rheingau Literaturpreis.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Das Feld ist der Friedhof von Paulstadt, einer Kleinstadt. Dort gibt es eine Birke und unter ihr eine marode Bank. Auf der sitzt nahezu täglich ein alter Mann und sinniert über das Leben und den Tod und über die Menschen in Paulstadt. Die meisten, die er kennt, sind verstorben. Er meint, er kann sie reden hören auf dem Friedhof. Und so reden sie dann, 29 an der Zahl, in jedem Kapitel jeweils eine andere Person. Jeder erzählt eine Besonderheit seines Lebens, aus der sich die Figur erschließt. Der Autohändler, der Bauer, der muslimische Gemüsehändler, die gescheiterte Schuhhändlerin. Die Mutter mit Blutvergiftung, die alte Frau im Pflegeheim, der junge Mann, der im Auto einer Freundin nach einem Unfall stirbt. Der halbseidene Bürgermeister, der durchgedrehte Pfarrer, der Herausgeber des Lokalblättchens. Aus allen Geschichten entsteht ein Beziehungsgeflecht der Bewohner in einem Zeitraum von knapp 100 Jahren. Es entsteht aber auch eine Topografie des Ortes, der Straßen, Plätze, Geschäfte. Und eine Art Historie von Paulstadt. Die Toten sind abgeklärt. Sie sind am Kern ihrer Existenz angekommen. Die meisten haben keinen Gott mehr. Allenfalls zehren sie von Erinnerungen. Gelassenheit prägt ihre Lebensbilanz. Geblieben ist das Thema Würde, etwa bei der 105-jährigen Annelie Lorbeer. Sie erinnert einen weisen Satz, mit dem sie ihre Totenexistenz verortet:
„Ohne Würde ist der Mensch ein Nichts. Solange es geht, sollte man sich selbst darum bemühen. Sobald es jedoch aufs Ende hin geht, kann einem die Würde nur mehr geschenkt werden. Sie liegt im Blick der anderen. (…) Es ist ein Satz, wenn schon nicht für die Ewigkeit, so doch für den Augenblick. Mehr kann man eigentlich nicht verlangen. Erst war ich Mensch, jetzt bin ich Welt.“

Wie ist es geschrieben?
Pro Kapitel eine Person. Der Roman ist überschaubar. Und doch ist er auch kompliziert. Der Gesamtzusammenhang ergibt sich durch die Vielstimmigkeit erst im Lauf der Lesezeit. Man muss die Details behalten und zuordnen. Das ist ein wenig anstrengend. Die Geschichten sind zwar individuell, die Haltung und die Sprache der Figuren aber sehr ähnlich. Ihre Abgeklärtheit drückt sich in einer lakonischen, ja kargen Sprache aus. Es geht ja auch um das Wesentliche, das, was vom Leben übrig bleibt. Diesen Ausdruck bringt Seethaler zur Meisterschaft.

Wie gefällt es?
Seethaler versammelt in diesem Buch bewegende Schicksale, er macht die Menschen greifbar. Sie berichten von zum Teil dramatischen Dingen, aber Seethaler nimmt ihnen durch seine Sprache den Schrecken. Er findet einen poetischen Grundton, der den Pragmatismus und die abgeklärte Weisheit der Figuren nach ihrem Tod trägt. Das beruhigt, tröstet vielleicht. Auch wenn jede dieser Geschichten beim Lesen die Frage aufwirft: Wann trifft es dich?

Robert Seethaler: „Das Feld“, Hanser Berlin, 22 EUR, ISBN: 978-3-446-26038-2

 

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