Author Archive: BuchhaendlerGG

hr-iNFO Büchercheck: Dörthe Hansen „Mittagsstunde“

Nach ihrem Debütroman „Altes Land“ vor zwei Jahren stürmt nun auch „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen die Bestsellerlisten. Und wieder schreibt die 54-jährige Nordfriesin über das Leben auf dem Land.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Mittagsstunde“ spielt in einem fiktiven Dorf, namens Brinkebüll, und dessen Geschichte wird über mehrere Generationen rekapituliert. Im Zentrum steht ein Archäologe, Ingwer Feddersen, der aus Brinkebüll stammt, der es als Hochschullehrer bis nach Kiel geschafft hat, und der mit Ende 40 zurückkehrt, um seine Großeltern zu pflegen. Eine Rückkehr mit zwiespältigen Gefühlen, denn mit diesem Dorf, in dem er als unehelicher Sohn einer geistig verwirrten Mutter aufwuchs, verbindet Feddersen eine Art Hassliebe: „Er hing an diesem rohen, abgewetzten Land, wie man an einem abgelebten Stofftier hing, dem schon ein Auge fehlte, das am Bauch kein Fell mehr hatte.“

Wie ist es geschrieben?
Dieser Satz mit dem abgelebten Stofftier ist typisch für Dörte Hansens Fähigkeit, die komplexen Gefühle ihrer Hauptfigur auf den Punkt zu bringen. Ingwer Feddersen weiß, wie hart und mitunter auch grausam das Leben auf dem Land sein kann – aber trotzdem kann er sich dem Gefühl, genau dorthin zu gehören, nicht entziehen. Und es kommt noch etwas dazu: denn Ingwer Feddersen ist Archäologe. Er ist Spezialist für untergegangene Kulturen und merkt nach und nach, dass sein Heimatdorf selbst schon eine untergegangene Kultur ist. Es ziehen Städter zu, aber die leben nur noch auf dem Land, aber nicht mehr vom Land – wieder so ein toller Dörthe-Hansen-Satz. Das meiste ist verschwunden oder verschwindet nach und nach – und genau dieses Verschwinden hat Dörthe Hansen auf beeindruckende Weise festgehalten: „Es war so still im Dorf, kein Hund, kein Hahn, kein Schleifen aus der Tischlerei, kein Hämmern mehr auf Haye Nissens Amboss. Man hörte keine Tiere mehr. Auch nicht die Stimmen, die Tiere riefen, laut genug, um große Felder zu beschallen, wen sollten sie auch rufen, auf den Weiden standen kaum noch Kühe. Ingwer schienen, wenn er durch das Dorf ging, nur noch Dinge einzufallen, die verschwunden waren.“

Wie gefällt es?
„Mittagsstunde“ ist für mich einer der bewegendsten Romane dieses Jahres. Dörthe Hansen ist das Kunststück gelungen, einen Heimatroman zu schreiben, der „Heimat“ nicht verklärt oder verkitscht, sondern im Bewusstsein seiner unwiederbringlichen Vergangenheit thematisiert. Dörthe Hansen gelingt es eindrucksvoll, uns die widersprüchlichen Gefühle, die mit dieser Verlusterfahrung verbunden sind, noch einmal erleben zu lassen – ein bisschen sentimental, aber dafür nicht weniger wahrhaftig.

Dörthe Hansen: „Mittagsstunde“, Penguin, 22 EUR, ISBN: 978-3328600039

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LIV: Julia Engelmann “Keine Ahnung, ob das Liebe ist” – Poetry

“Keine Ahnung, ob das Liebe ist” beschreibt genau den Inhalt dieses Buches. Mit sehr schönen Gedichten teilt Julia Engelmann ihre Sicht auf die Welt und auf die Liebe mit dem Leser. Nicht jedes Gedicht erzählt hauptsächlich von der Liebe, doch ein Funke davon ist in jedem enthalten. Mal geht es auch um ihre Familie, den Tod oder Freunde, um die Verletzlichkeit durch Liebe. Doch immer fühlt man sich als Leser angesprochen und kann sich mit dem Gedicht identifizieren.
Auch wenn meiner Meinung nach manch ein Gedicht etwas zu lang geraten ist, hat doch jedes Einzelne seinen Charme. Durch den Poetry-Slam angehaucht findet man nicht in jedem Gedicht ein durchgängiges Metrum oder dem passenden Reim, doch das macht der Inhalt wieder wett. Gefesselt von direkten Worten, Vergleichen und Metaphern merkt man gar nicht, wie schnell ein Gedicht schon wieder vorbei ist.
Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der sich gerne von poetischem, aber doch auch aktuellem Inhalt mitziehen lässt.

Vielen Dank an LIV für diese Rezension!

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hr-iNFO Büchercheck: Donatella di Pietrantonio „Arminuta“

Vor zwei Jahren hat die italienische Autorin Donatella di Pietrantonio mit einem Roman über die Opfer eines Erdbebens in den Abruzzen viel Beachtung gefunden. Jetzt ist ein neuer Roman von ihr auf Deutsch erschienen. Wieder spielt er in den Abruzzen, und wieder geht es um eine Erschütterung. Diesmal nicht der Erde, sondern im Leben eines 13jährigen Mädchens.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Arminuta will wissen, warum ihr Leben sich so abrupt ändern musste. Sie glaubt, ihre Mutter sei krank geworden und habe sie deswegen zurück zu einer anderen Mutter bringen müssen. Alles ist anders in der neuen Familie. Die Verhältnisse sind prekär, die Eltern überfordert und abweisend, die Geschwister chaotisch. Armut, Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit prägen diese Familie, auch Gewalt. Ein wenig Halt geben nur der große Bruder und die kleine Schwester, die sie über alles liebt. Aber es bleibt das Gefühl der Mutterlosigkeit, der Orientierungslosigkeit, des Verloren seins. „Es gab keinen Grund mehr, auf der Welt zu sein. Leise wiederholte ich hundertmal das Wort Mama, bis es keinen Sinn mehr hatte und nur noch Lippengymnastik war. Mit zwei lebenden Müttern wurde ich zum Waisenkind. Die eine hatte mich noch mit ihrer Milch auf der Zunge weggegeben, die andere hatte mich mit dreizehn zurückgebracht. Ich war die Tochter von Trennungen, falschen oder verschwiegenen Verwandten, Entfernungen. Ich wusste nicht mehr, woher ich stammte. Im Grunde genommen weiß ich es bis heute nicht.“
Die Rettung kommt von außen. Eine Lehrerin erkennt die Begabung und Intelligenz des Mädchens und sorgt dafür, dass Arminuta in die Stadt umziehen und dort aufs Gymnasium gehen kann. Dort entschlüsselt sie dann auch, warum ihr all das widerfahren ist und kann ihr Leben in die Hand nehmen.

Wie ist es geschrieben?
Die Autorin lässt Arminuta ihre Geschichte als Erwachsene aus der Rückschau erzählen. Die Handlung verläuft chronologisch, der Ton ist ruhig bis lakonisch, die Sprache einfach und direkt. Darin liegt die Kraft des Romans. Die Beziehungen und Gefühlslagen sind sehr eindrücklich, weil sie sensibel und anschaulich beschrieben werden. Das ist manchmal so direkt, als stünde man beim Lesen in der Szene daneben.

Wie gefällt es?
Donatella di Pietrantonio erzählt eine harte Geschichte aus einer für die meisten vermutlich sehr exotischen Welt. Ein Bergdorf in den Abruzzen in den 70er Jahren, das ist schon ziemlich weit weg. Aber durch ihre Erzählweise und ihre feinsinnige Sprache ist es ihr bei mir gelungen, Nähe herzustellen zu ihrer Protagonistin und deren Schicksal. Einmal drin, wollte ich nicht mehr raus aus dem Buch. Und das Wissen, dass es solche Schicksale tatsächlich gegeben hat, sorgt für nachhaltiges Nachempfinden.

Donatella di Pietrantonio: „Arminuta“, Verlag Antje Kunstmann, 20 EUR, ISBN: 978-3956142536

hr-iNFO Büchercheck: Christian Torkler „Der Platz an der Sonne“

Globale Migration, nur umgekehrt: Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es in Torklers Romanwelt noch einen Dritten Weltkrieg. Deutschland ist mehrfach zerteilt, Berlin eine ruinöse Stadt und wird von einer kleptokratischen Dikatur regiert. Herrscher über die Welt sind die Afrikaner, Bongos nennt sie der Volksmund. Sie haben das Geld, die Technologie, die Kultur.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Brenner macht alles durch, was Menschen in autoritären und verarmten Ländern so durchmachen. Mangel und Ausbeutung bestimmen das Leben, Bürokratie dient der Machtausübung der Herrschenden und der Selbstbereicherung der Bürokraten. „Die Hauptstraßen dort sind im Sommer staubig und verdreckt, im Herbst werden daraus Modderpisten mit Müll zu beiden Seiten. Die Nebenstraßen sind so ausgefahren, dass man mit einem normalen Wagen nicht durchkommt. Es gibt keinen Strom und Wasserhähne nur an den Ecken, wenn überhaupt. Der Abfall wird verbrannt oder hinter die Hütte geschmissen. Am Wegesrand schwappt eine üble Brühe vor sich hin und verpestet die Luft.“
Aufstände werden brachial niedergeschlagen oder bringen nur das nächste Regime an die Macht. Wer mutig genug ist, versucht abzuhauen. Der legendenumwobene Platz an der Sonne im fernen Afrika ist ein zu starker Magnet, als dass die Mühen und Gefahren der Flucht und der Verlust der Heimat sie zurückhalten könnte. Man kennt das. Nur andersrum. Und so flieht das Stehaufmännchen Brenner nach vielen vergeblichen Anläufen, sein Leben in der Heimat zu verbessern, und erlebt alles das, was Flüchtlinge heutzutage erleben.

Wie ist es geschrieben?
Torkler lässt Brenner seine Geschichte aus dessen Perspektive erzählen. Er sitzt im Abschiebeknast und schreibt in Hefte, die ihm der Pfarrer bringt. Die Perspektive bestimmt die Sprache. Brenner spricht im lakonischen, umgangssprachlichen Ton des kleinen Mannes und mit dessen Vokabular: Jargon und Spruchweisheiten. Manchmal hat das Witz. Auch die gedankliche Struktur des Protagonisten ist eine sehr direkte. Sie folgt und bleibt bei den Ereignissen. Das sorgt für Leichtigkeit, auch beim Lesen.

Wie gefällt es?
Ich finde, diesem Roman fehlt einiges. Zum Beispiel eine Erklärung, warum Afrika so reich geworden ist und die Welt dominieren kann. Und kann man sich die Welt und das eigene Schicksal nur mit Spruchweisheiten erklären? Das Buch bietet keine Alternativen zur Migration und zum Umgang mit Migranten an. Aber: dieser Roman hat eine große Unterhaltungskraft. Und die Umdrehung der Verhältnisse liefert eine Grundlage für Empathie beim Leser: Aus der Perspektive der eigenen Leute das Erleben der Anderen nachzuempfinden. Ich finde, das ist in einer Zeit gesellschaftlicher Spaltung schon viel.

Christian Torkler: „Der Platz an der Sonne“, Klett-Cotta Verlag, 25 EUR, ISBN: 978-3608962901

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hr-iNFO Büchercheck: Michael Kumpfmüller „Tage mit Ora“

Michael Kumpfmüller, 1961 in München geboren und inzwischen, wie viele Literaten, in Berlin lebend, hat inzwischen fünf Romane veröffentlich. Fast alle hatten bei der Kritik wie beim Lesepublikum großen Erfolg. Gerade ist ein neuer Roman von Michael Kumpfmüller erschienen, sein Titel: „Tage mit Ora“.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Tage mit Ora“ – der Titel lässt es schon anklingen – ist eine Liebesgeschichte. Ein Mann und eine Frau, beide Experten in Liebeskatastrophen, fahren miteinander in Urlaub, obwohl sie sich erst fünf Monate kennen und noch kein Liebespaar sind. Die Betonung liegt auf „noch“, denn zwischen diesen beiden sehr ungleichen Menschen entwickelt sich im Lauf der Reise doch eine zarte und sehr unkonventionelle Beziehung. Dass sie im Westen der USA unterwegs sind, von Seattle aus bis nach Arizona, sorgt für einen interessanten Hintergrund, ist aber nur atmosphärisch von Bedeutung.

Wie ist es geschrieben?
Sehr entspannt berichtet der Ich-Erzähler von den unterschiedlichen Ansichten, Bedürfnissen und Gewohnheiten zweier Menschen, die mit 40 und 50 Jahren in der Mitte des Lebens stehen. Ihre gemeinsamen Erlebnisse und Erfahrungen schildert er auf beruhigende Weise distanziert und oft mit einem leise humorvollen Unterton. Hier wird nichts dramatisiert oder in Szene gesetzt, der Text gleitet scheinbar leicht dahin wie das Auto. Nicht glatt, sondern behutsam gesteuert und mit einem ganz eigenen Tempo.
„Ich hatte keine Vorstellung, wie Ora roch, wie sie im Schlaf atmete oder mit ihren Freundinnen sprach, ich kannte ihre Geschichte nicht, wusste nicht, wie sie sich bückte, wie sie schwamm, wie sie sich ärgerte oder die Nase putzte. Kurz: Ich wusste so gut wie überhaupt nichts von ihr und sie noch viel weniger von mir, welche Freunde ich hatte, Essgewohnheiten, die Ticks, meinen Zorn, meine, wie ich es nannte, metaphysische Trauer.“

Wie gefällt es?
Fast 50 Seiten lang wartet man als Leser darauf, dass etwas Besonderes passiert. Dass etwas grandios schief läuft auf dieser Reise oder sich mit euphorischer Begeisterung aufbaut. Doch je weiter man liest, desto deutlicher wird, dass Michael Kumpfmüller genau das nicht schreiben wollte: Eine normale Liebesgeschichte. Seine „Tage mit Ora“ sind von kunstvoller Einfachheit und zarter Komik. Als Leser sind wir ganz nah dran und doch ein Stück weg, keine Voyeure, sondern staunende Zuschauer. Ein subtiler und in seiner Fragilität sehr moderner Roman!

Michael Kumpfmüller: „Tage mit Ora“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 19 EUR, ISBN: 978-3462051049

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hr-iNFO Büchercheck: Nino Haratischwili „Die Katze und der General“

Die Romanhandlung umfasst knapp 25 Jahre, beginnt kurz vor dem ersten Tschetschenienkrieg und endet 2016.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Nura, eine Jugendliche, lebt in einem Dorf in der gebirgigen tschetschenischen Provinz. Sie träumt davon, der Enge ihrer Heimat zu entkommen, von Freiheit, von Selbstbestimmung. Im Krieg wird Nura von russischen Soldaten gefoltert, vergewaltigt, ermordet. Zwei Offiziere taten es aus Langeweile, zwei Soldaten machten mit, weil sie zu schwach waren, es zu verhindern und um ihr eigenes Leben zu retten. Ein Fünfter bringt sich um, weil er nicht mitmachen will. Einer der vier Täter, ein eigentlich emphatischer, kulturinteressierter Typ, verwandelt sich durch die Tat. Erst will er seine Schuld sühnen und zeigt sich selbst an. Doch die Justiz hat kein Interesse an der Strafverfolgung der Soldaten. Aus der Erfahrung dieser Rechtslosigkeit macht er die maximale Grenzüberschreitung zum Lebensprinzip. Das Opfer wird Täter. Die anderen nennen ihn General. Er zieht nach Berlin, kann sich alles und alle kaufen, nur nicht die Liebe und das Leben seiner Tochter. Die bringt sich um, als sie die Abgründe ihres Vaters entdeckt.
„Diese grausige Nacht, als der Anruf kam, der ihm den Boden unter den Füßen weggerissen und ihn in den tiefsten Abgrund seines Lebens hinabgestürzt hatte, rückte alles in eine bestimmte, aber dennoch folgerichtige Ordnung. Sie bestimmte den weiteren Verlauf seines Lebens. Ihr Tod machte ihm vieles schmerzlich klar. Er sah auf einmal den Zusammenhang, begriff, was zu tun war, es gab kein Zaudern mehr. Er würde die Rechnung begleichen, damit sie in Frieden ruhen könnte.“
Er engagiert Sisili, genannt Katze, eine aus Georgien stammende Schauspielerin, die dem ermordeten Mädchen täuschend ähnlich sieht. Mit ihr erweckt er Nura wieder zum Leben und zwingt seine Mittäter, in ein einsam gelegenes Hotel in Tschetschenien zu kommen. Dort kommt es zu einer Art Showdown, mit dem er sich von seiner Schuld erlösen will.

Wie ist es geschrieben?
Nino Haratischwili erzählt ihre Geschichte von Schuld und Sühne wie in einem Thriller. Die Erzählung folgt einem klaren Spannungsverlauf. Sie hat bis zum Finale immer wieder Höhepunkte. Die Hauptpersonen sind scharf geschnitten, bisweilen erscheinen sie überzeichnet oder rollenhaft. Dann wirkt der Roman wie eine Inszenierung.

Wie gefällt es?
Das Buch hat mich zwiespältig zurück gelassen. Ich fand es spannend zu lesen, war beeindruckt von vielen Einfällen und auch Recherchen zu den Hintergründen der Handlung. Man kann hier einiges lernen. Aber die Figuren haben mich nicht durchgängig überzeugt. Einige blieben blass, andere widersprüchlich in der Motivation ihres Handelns. Ich hätte gerne noch mehr erfahren über das Leben im Russland nach Gorbatschow oder als Migrant in Deutschland.

Nino Haratischwili: „Die Katze und der General“, Frankfurter Verlagsanstalt, 30 EUR, ISBN: 978-3627002541

 

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hr-iNFO Büchercheck: Dennis Lehane „Der Abgrund in dir“

Mit „Shutter Island“ wurde der US-amerikanische Autor Dennis Lehane berühmt. Jetzt gibt es einen neuen Roman von ihm: „Der Abgrund in dir“ ist Psychothriller, Liebesgeschichte und Verwirrspiel zugleich.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
“An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann.“ Das ist der erste Satz des Buches. Und erst mehr als 300 Seiten später kommt das Buch auf diese Szene zurück. Bis dahin wird das Leben von Rachel Childs geschildert: ihre unglückliche Jugend, die Suche nach dem verschwundenen Vater, ihre Karriere als Journalistin, das berufliche Scheitern wegen einer Panikattacke während einer live-Schaltung ins Fernsehen, das private Scheitern ihrer ersten Ehe. Dann die zunächst äußerst glückliche Ehe mit ihrem zweiten Mann Brian, dem Mann, der ihr wieder Zuversicht gibt und sie langsam aus ihren Panikattacken herausführt. Bis sie erste Anzeichen dafür entdeckt, dass Brian nicht der Mann ist, für den er sich ausgibt. Sie recherchiert, sie folgt ihm, sie fühlt sich betrogen und benutzt, sie konfrontiert ihn mit seinen Lügen, wird von ihm bedroht und schießt. Obwohl sie ihn liebt und auch fest davon überzeugt ist, dass er sie liebt. Und jetzt geht der Thriller eigentlich erst richtig los…

Wie ist es geschrieben?
Dennis Lehane hat zwei herausragende Fähigkeiten: Charaktere bis in ihre Tiefen zu beschreiben und spannungsgeladene Action zu schaffen. Lange Strecken der Erzählung wechseln mit temporeichen Dialogen – und das alles macht den Thriller „Der Abgrund in dir“ zu einer äußerst fesselnden, aber auch unterhaltsamen Lektüre. Selbst der ausführliche Rückblick auf das Leben der Rachel Childs ist nie langweilig – aber richtig spannend wird es erst, als Rachel anfängt, ihrem Mann Brian zu misstrauen. „Sie sah ihm wieder in die Augen. Irgendwas passiert immer, wenn man jemandem in die Augen sieht: Man gibt Macht ab, man nimmt sie oder teilt sie. Sie kamen zu dem wechselseitigen Entschluss, ihre Macht zu teilen. Sie legte ihre Hand sanft an seinen Kopf. „Ich glaube dir.“ „So hast du dich aber nicht benommen.“„Und ich wünschte, ich könnte dir den Grund dafür nennen. Liegt vermutlich bloß an dem verdammten Regen.“„Es regnet nicht mehr.“ Sie nickte zustimmend. „Ich weiß, dass du nach London geflogen bist.“„Sag es noch einmal.“ Sie stupste mit ihrem nackten Fuß sanft die Innenseite seines Oberschenkels. „Ich weiß, dass du nach London geflogen bist.“ „Vertrauen wir einander jetzt wieder?“„Wir vertrauen einander jetzt wieder.“”

Wie gefällt es?
„Der Abgrund in dir“ von Dennis Lehane ist ein Thriller der Täuschungen. Brian ist nicht der, der er zu sein scheint. Er gibt sich aus als ein anderer.
Aber: Spielen wir nicht alle irgendwelche Rollen – natürlich ohne kriminellen Hintergrund wie in diesem Fall? Mich hat das Buch gefesselt, auch ich wurde getäuscht, es gibt so viele irre Wendungen in dem Buch, so viele Überraschungen, so vieles ist anders, als zunächst gedacht. Dennis Lehane ist ein Meister der psychologischen Spannung.

Dennis Lehane: „Der Abgrund in dir“, Diogenes-Verlag, 25 EUR, ISBN: 978-3257070392

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hr-iNFO Büchercheck: Juli Zeh “Neujahr”

Juli Zeh gehört zu den erfolgreichsten und produktivsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Jetzt ist ihr neuer Roman „Neujahr“ erschienen.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Neujahrsmorgen 2018: Henning, ein mittelmäßig erfolgreicher Verlagsmitarbeiter strampelt auf seinem viel zu schweren Fahrrad den steilen Anstieg auf der Vulkaninsel Lanzarote hinauf. Es ist ein verbissener Kampf mit der Topografie und der Schwerkraft, aber auch mit den Erinnerungen an den verkorksten Silvesterabend und dem Gefühl der permanenten Überforderung als Vater und Ehepartner. Und dann sind da noch die Dämonen der Vergangenheit, die ihn diesen Steilhang hinaufzuziehen scheinen – denn als er völlig entkräftet ein Gehöft auf einem Plateau erreicht, holt ihn plötzlich die Erinnerung ein – die Erinnerung, schon einmal hier gewesen zu sein, mit seinen Eltern und seiner Schwester; die Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis, das ihm hier zugestoßen ist und das Gefühl, dass in diesem Haus der Schlüssel für seine wiederkehrenden Panikattacken zu finden sein könnte.

Wie ist es geschrieben?
Juli Zeh ist keine Freundin des literarischen Schnickschnacks – sie schreibt direkt, sie schreibt auf Wirkung, und mit einer Sprache, die ohne Umwege dorthin geht, wo es wehtut: Wenn sie uns mit Henning den Berg auf Lanzarote hinauftreibt, dann spüren wir unmittelbar das Pulsieren der Muskeln und das Ziehen hinter den Schläfen, aber auch die Wut auf den Berg, in die sich Hennings Wut über die Familie, die Frau, die Kinder und über sich selbst mischt. Da stimmt jeder Satz, da ist kein Wort zu viel, da wird mit gnadenloser Präzision das Psychogramm eines Getriebenen gezeichnet – um dann, wenn Henning sich an das Trauma seiner Kindheit erinnert, den Ton radikal zu wechseln und sich in die bedrohliche Vorstellungswelt eines von seinen Eltern verlassenen Jungen zu versetzen. Das klingt dann so: „Henning denkt, dass Mama und Papa weg sind, weil er auf die Ritzen zwischen den Fliesen getreten ist. Auf der Terrasse hat er manchmal „nicht auf die Ritzen treten“ gespielt und dabei zu sich selbst gesagt: „Wenn ich es nicht schaffe, auf die andere Seite zu kommen, ohne auf eine Ritze zu treten, wird etwas Schreckliches passieren.“ Das war nur Spaß. Ein Spiel. Dachte er. … Er würde gerne weinen, aber seine Tränen haben auch Angst und bleiben lieber in den Augen.“
Das ist ebenso anrührend wie unheimlich und lässt uns als Leser genauso mitleiden wie im Fall des atem- und kraftraubenden Berganstiegs.

Wie gefällt es?
„Neujahr“ ist ein packendes Leseerlebnis – ein Roman, der bei aller scheinbaren Gradlinigkeit dunkle Abgründe enthüllt – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Was als Urlaubsdrama einer stressgeplagten und überforderten Mittelstandsfamilie beginnt, bekommt plötzlich einen Dreh ins Unheimliche – und das ist ebenso überraschend wie überzeugend. Und apropos Überraschung: „Neujahr“ ist wahrscheinlich der erste Roman, in dem Martin Schulz und Würselen Erwähnung finden. Aber das ist wahrlich nicht der einzige und beileibe nicht der wichtigste Grund, warum dieser Roman zu empfehlen ist.

Juli Zeh: „Neujahr“, Luchterhand, 20 EUR, ISBN: 978-3630875729

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hr-iNFO Büchercheck: Jennifer Egan: „Manhattan Beach“

New York, Brooklyn, in den 30er und 40er Jahren. Hafen, Werften, Strände. Clubs, Arbeitslose, Gangster. Und dann nach Kriegseintritt der USA: Marinewerften, Kriegsschiffe, Frauenarbeit. Und immer: viel Wasser. Mittendrin ist Anna, erst als Mädchen mit Mutter, Vater und behinderter Schwester. Dann junge Frau und ohne Vater, denn der ist auf mysteriöse Weise verschwunden.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Man kann dieses Buch als Emanzipationsroman lesen. Anna setzt in einer Marinewerkstatt Bauteile für Kriegsschiffe zusammen. Immer dieselben. Aber sie träumt davon, Taucherin zu werden. Schiffe unter Wasser zu reparieren, zu schweißen. Nur, Frauen will man in diesem Job nicht. Bis der Männerwelt die geeigneten Männer ausgehen. Da darf dann auch Anna in den schweren Anzug mit Kuppel steigen und wird gegen alle Widerstände ein Vorbild. Man kann das Buch zumindest teilweise auch als schwarzen Krimi lesen. Wie bei der Tauchergeschichte gibt es auch hier viel zu lernen. Wie Geschäfte gemacht wurden in der Zeit der Prohibition, wie Bars funktionierten, wie Gangster dachten und agierten und auch in der feinen Gesellschaft ihre Rolle hatten, sogar, welche weichen Seiten sie hinter ihrer rauen Schale verbargen. Man kann das Buch aber auch als Kriegsroman, Familienroman oder noch viel mehr: als Vater-Tochter Roman lesen. Denn der abrupte Verlust des Vaters, der sich mit Gangstern eingelassen hatte, verfolgt Anna dauerhaft.

„Nach jahrelanger Abwesenheit kehrte Annas Vater zurück. Sie hatte ihn nicht vor Augen, erinnerte sich aber an den leisen Schmerz, den sie verspürt hatte, wenn er sie hochgehoben hatte, um sie zu tragen. Sie hatte das gedämpfte Klimpern des Kleingelds in seinen Hosentaschen im Ohr. Seine Hand glich einer Steckdose, mit der sie ihre Hand verband, egal, wohin es ging, manchmal unbewusst. Anna blieb stehen, durch die Eindringlichkeit dieser Bilder wie vor den Kopf gestoßen. Sie hob ihre Finger gedankenlos vor ihr Gesicht und erwartete halb, den warmen, bitteren Geruch seines Tabaks in der Nase zu haben.“

Wie ist es geschrieben?
Man kennt Egan als experimentierfreudige Schriftstellerin. In „Manhattan Beach“ ist sie es nicht. Jetzt erzählt Sie konventionell, von Rückblenden und Perspektivwechseln abgesehen. Kapitel für Kapitel entsteht das historische Panorama einer Stadt zwischen den Wassern und den Menschen in ihr, deren Alltagsproblemen und Träumen.

Wie gefällt es?
Literaturwissenschaftler werden vielleicht enttäuscht sein von Jennifer Egans neuem Buch. Leser müssen es nicht. Es ist eine spannende Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite, mit interessanten und differenziert angelegten Protagonisten, in einem zeithistorisch aufwändig recherchierten detaillierten Setting, atmosphärisch dicht gewoben, gut geschrieben, sogar lehrreich und eben auch überraschend. Das macht Spaß.

Jennifer Egan: „Manhattan Beach“, S. Fischer Verlag, 22 EUR, ISBN: 978-3103973587

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hr-iNFO Büchercheck: Leila Slimani: „Hand aufs Herz“

Schwitzende Körper. Leidenschaft und Hingabe. – All das findet hier nicht statt.
Die marokkanische Gesellschaft spricht nicht über Sex. Ist aber angeblich der fünftgrößte Konsument von Pornos.

hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Comic gelesen.

Worum geht es?
Leila Slimani versammelt in „Hand aufs Herz“ erschütternd ehrliche Erfahrungsberichte.
Emotional und nah bei ihren Protagonistinnen enthüllt Slimani die Strukturen einer Gesellschaft, in der das Ansehen bei den Anderen über allem steht. Es ist ein scheinheiliges System aus bigotter Prüderie, das mit dem Konzept der „Scham“ nicht nur Frauen, sondern auch Männer von klein auf indoktriniert und zu Gefangenen ihrer eigenen, vermeintlich „schlechten“, körperlichen und seelischen Bedürfnisse macht. Selbst Nähe, Zärtlichkeit – Fehlanzeige! Sex vor der Ehe ist in Marokko per Gesetz verboten. Aber es gibt auch sie: starke Frauen, die sich der Mehrheitsgesellschaft entgegen stellen. Nour zum Beispiel, die sich gegen’s Heiraten entschieden hat und den schiefen Blicken stand hält. Und die sich ihre Freiheit nimmt – die uns so selbstverständlich erscheint.

N: „Eines Abends in einer Disko, passierte etwas völlig Außergewöhnliches. Ich sagte zu meinen Freundinnen: ‘Heute werde ich ein Typ sein! – Ohne Witz, ich muss es machen!’ Ich sah einen Jungen der mir gefiel. – Ich hatte Lust auf ihn und er auf mich. Ich erinnere mich sehr gern daran zurück.“ S: „Sehen Sie ihre Freundinnen von damals noch?“ N: „Oh ja, oft! Gerade vor zwei Wochen habe ich Mailka besucht.“ S: „Hat sie geheiratet?“ N: „Nein, sie ist auch alleinstehend. Wir sind der Club der Singles.“

Wie ist es geschrieben?
Leila Slimani will das Schweigen der bigotten marokkanischen „Schweigegesellschaft“ brechen. In ihrem Comic prangert sie nicht nur die Verhältnisse an, sondern gibt auch – differenziert und behutsam – wieder, was die Frauen in diesem System tatsächlich fühlen, und welche cleveren, individuellen Lösungsstrategien sie teilweise entwickelt haben, um sich ihre Freiheit und Achtung zu erkämpfen. Die Zeichnerin Laetitia Coryn hat dem Ganzen eine Form gegeben, die der Intimität des Inhalts absolut gerecht wird.

Wie gefällt es?
Vieles in „Hand aufs Herz“ hat die Klischees, die ich von den Zuständen und Geschlechterverhältnissen der marokkanischen Gesellschaft im Kopf hatte, bestätigt – oder erschreckender Weise sogar noch getoppt. Andererseits hat auch Vieles mich überrascht, mir imponiert, mein Mitgefühl herausgefordert. – Und ich habe besser verstanden, warum diese Gesellschaft so tickt, wie sie es tut. – Wie hier so leicht nach dem Arabischen Frühling wieder eine Re-Islamisierung Einzug halten kann.
Dieser Comic ist ein starkes Plädoyer für mehr Emanzipation – sexuelle, emotionale und gesellschaftliche Emanzipation – und damit vielleicht auch irgendwann politische.
Ein Buch, dass ich jedem „ans Herz legen“ möchte, der verstehen will, wie elementar wichtig persönliche Freiheit und das Recht auf Intimität sind.

Leila Slimani: „Hand aufs Herz“, im Avant Verlag, 25 EUR, ISBN: 978-3945034958

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