Author Archive: BuchhaendlerGG

hr-iNFO Büchercheck: Nino Haratischwili „Die Katze und der General“

Die Romanhandlung umfasst knapp 25 Jahre, beginnt kurz vor dem ersten Tschetschenienkrieg und endet 2016.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Nura, eine Jugendliche, lebt in einem Dorf in der gebirgigen tschetschenischen Provinz. Sie träumt davon, der Enge ihrer Heimat zu entkommen, von Freiheit, von Selbstbestimmung. Im Krieg wird Nura von russischen Soldaten gefoltert, vergewaltigt, ermordet. Zwei Offiziere taten es aus Langeweile, zwei Soldaten machten mit, weil sie zu schwach waren, es zu verhindern und um ihr eigenes Leben zu retten. Ein Fünfter bringt sich um, weil er nicht mitmachen will. Einer der vier Täter, ein eigentlich emphatischer, kulturinteressierter Typ, verwandelt sich durch die Tat. Erst will er seine Schuld sühnen und zeigt sich selbst an. Doch die Justiz hat kein Interesse an der Strafverfolgung der Soldaten. Aus der Erfahrung dieser Rechtslosigkeit macht er die maximale Grenzüberschreitung zum Lebensprinzip. Das Opfer wird Täter. Die anderen nennen ihn General. Er zieht nach Berlin, kann sich alles und alle kaufen, nur nicht die Liebe und das Leben seiner Tochter. Die bringt sich um, als sie die Abgründe ihres Vaters entdeckt.
„Diese grausige Nacht, als der Anruf kam, der ihm den Boden unter den Füßen weggerissen und ihn in den tiefsten Abgrund seines Lebens hinabgestürzt hatte, rückte alles in eine bestimmte, aber dennoch folgerichtige Ordnung. Sie bestimmte den weiteren Verlauf seines Lebens. Ihr Tod machte ihm vieles schmerzlich klar. Er sah auf einmal den Zusammenhang, begriff, was zu tun war, es gab kein Zaudern mehr. Er würde die Rechnung begleichen, damit sie in Frieden ruhen könnte.“
Er engagiert Sisili, genannt Katze, eine aus Georgien stammende Schauspielerin, die dem ermordeten Mädchen täuschend ähnlich sieht. Mit ihr erweckt er Nura wieder zum Leben und zwingt seine Mittäter, in ein einsam gelegenes Hotel in Tschetschenien zu kommen. Dort kommt es zu einer Art Showdown, mit dem er sich von seiner Schuld erlösen will.

Wie ist es geschrieben?
Nino Haratischwili erzählt ihre Geschichte von Schuld und Sühne wie in einem Thriller. Die Erzählung folgt einem klaren Spannungsverlauf. Sie hat bis zum Finale immer wieder Höhepunkte. Die Hauptpersonen sind scharf geschnitten, bisweilen erscheinen sie überzeichnet oder rollenhaft. Dann wirkt der Roman wie eine Inszenierung.

Wie gefällt es?
Das Buch hat mich zwiespältig zurück gelassen. Ich fand es spannend zu lesen, war beeindruckt von vielen Einfällen und auch Recherchen zu den Hintergründen der Handlung. Man kann hier einiges lernen. Aber die Figuren haben mich nicht durchgängig überzeugt. Einige blieben blass, andere widersprüchlich in der Motivation ihres Handelns. Ich hätte gerne noch mehr erfahren über das Leben im Russland nach Gorbatschow oder als Migrant in Deutschland.

Nino Haratischwili: „Die Katze und der General“, Frankfurter Verlagsanstalt, 30 EUR, ISBN: 978-3627002541

 

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hr-iNFO Büchercheck: Dennis Lehane „Der Abgrund in dir“

Mit „Shutter Island“ wurde der US-amerikanische Autor Dennis Lehane berühmt. Jetzt gibt es einen neuen Roman von ihm: „Der Abgrund in dir“ ist Psychothriller, Liebesgeschichte und Verwirrspiel zugleich.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
“An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann.“ Das ist der erste Satz des Buches. Und erst mehr als 300 Seiten später kommt das Buch auf diese Szene zurück. Bis dahin wird das Leben von Rachel Childs geschildert: ihre unglückliche Jugend, die Suche nach dem verschwundenen Vater, ihre Karriere als Journalistin, das berufliche Scheitern wegen einer Panikattacke während einer live-Schaltung ins Fernsehen, das private Scheitern ihrer ersten Ehe. Dann die zunächst äußerst glückliche Ehe mit ihrem zweiten Mann Brian, dem Mann, der ihr wieder Zuversicht gibt und sie langsam aus ihren Panikattacken herausführt. Bis sie erste Anzeichen dafür entdeckt, dass Brian nicht der Mann ist, für den er sich ausgibt. Sie recherchiert, sie folgt ihm, sie fühlt sich betrogen und benutzt, sie konfrontiert ihn mit seinen Lügen, wird von ihm bedroht und schießt. Obwohl sie ihn liebt und auch fest davon überzeugt ist, dass er sie liebt. Und jetzt geht der Thriller eigentlich erst richtig los…

Wie ist es geschrieben?
Dennis Lehane hat zwei herausragende Fähigkeiten: Charaktere bis in ihre Tiefen zu beschreiben und spannungsgeladene Action zu schaffen. Lange Strecken der Erzählung wechseln mit temporeichen Dialogen – und das alles macht den Thriller „Der Abgrund in dir“ zu einer äußerst fesselnden, aber auch unterhaltsamen Lektüre. Selbst der ausführliche Rückblick auf das Leben der Rachel Childs ist nie langweilig – aber richtig spannend wird es erst, als Rachel anfängt, ihrem Mann Brian zu misstrauen. „Sie sah ihm wieder in die Augen. Irgendwas passiert immer, wenn man jemandem in die Augen sieht: Man gibt Macht ab, man nimmt sie oder teilt sie. Sie kamen zu dem wechselseitigen Entschluss, ihre Macht zu teilen. Sie legte ihre Hand sanft an seinen Kopf. „Ich glaube dir.“ „So hast du dich aber nicht benommen.“„Und ich wünschte, ich könnte dir den Grund dafür nennen. Liegt vermutlich bloß an dem verdammten Regen.“„Es regnet nicht mehr.“ Sie nickte zustimmend. „Ich weiß, dass du nach London geflogen bist.“„Sag es noch einmal.“ Sie stupste mit ihrem nackten Fuß sanft die Innenseite seines Oberschenkels. „Ich weiß, dass du nach London geflogen bist.“ „Vertrauen wir einander jetzt wieder?“„Wir vertrauen einander jetzt wieder.“”

Wie gefällt es?
„Der Abgrund in dir“ von Dennis Lehane ist ein Thriller der Täuschungen. Brian ist nicht der, der er zu sein scheint. Er gibt sich aus als ein anderer.
Aber: Spielen wir nicht alle irgendwelche Rollen – natürlich ohne kriminellen Hintergrund wie in diesem Fall? Mich hat das Buch gefesselt, auch ich wurde getäuscht, es gibt so viele irre Wendungen in dem Buch, so viele Überraschungen, so vieles ist anders, als zunächst gedacht. Dennis Lehane ist ein Meister der psychologischen Spannung.

Dennis Lehane: „Der Abgrund in dir“, Diogenes-Verlag, 25 EUR, ISBN: 978-3257070392

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hr-iNFO Büchercheck: Juli Zeh “Neujahr”

Juli Zeh gehört zu den erfolgreichsten und produktivsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Jetzt ist ihr neuer Roman „Neujahr“ erschienen.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Neujahrsmorgen 2018: Henning, ein mittelmäßig erfolgreicher Verlagsmitarbeiter strampelt auf seinem viel zu schweren Fahrrad den steilen Anstieg auf der Vulkaninsel Lanzarote hinauf. Es ist ein verbissener Kampf mit der Topografie und der Schwerkraft, aber auch mit den Erinnerungen an den verkorksten Silvesterabend und dem Gefühl der permanenten Überforderung als Vater und Ehepartner. Und dann sind da noch die Dämonen der Vergangenheit, die ihn diesen Steilhang hinaufzuziehen scheinen – denn als er völlig entkräftet ein Gehöft auf einem Plateau erreicht, holt ihn plötzlich die Erinnerung ein – die Erinnerung, schon einmal hier gewesen zu sein, mit seinen Eltern und seiner Schwester; die Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis, das ihm hier zugestoßen ist und das Gefühl, dass in diesem Haus der Schlüssel für seine wiederkehrenden Panikattacken zu finden sein könnte.

Wie ist es geschrieben?
Juli Zeh ist keine Freundin des literarischen Schnickschnacks – sie schreibt direkt, sie schreibt auf Wirkung, und mit einer Sprache, die ohne Umwege dorthin geht, wo es wehtut: Wenn sie uns mit Henning den Berg auf Lanzarote hinauftreibt, dann spüren wir unmittelbar das Pulsieren der Muskeln und das Ziehen hinter den Schläfen, aber auch die Wut auf den Berg, in die sich Hennings Wut über die Familie, die Frau, die Kinder und über sich selbst mischt. Da stimmt jeder Satz, da ist kein Wort zu viel, da wird mit gnadenloser Präzision das Psychogramm eines Getriebenen gezeichnet – um dann, wenn Henning sich an das Trauma seiner Kindheit erinnert, den Ton radikal zu wechseln und sich in die bedrohliche Vorstellungswelt eines von seinen Eltern verlassenen Jungen zu versetzen. Das klingt dann so: „Henning denkt, dass Mama und Papa weg sind, weil er auf die Ritzen zwischen den Fliesen getreten ist. Auf der Terrasse hat er manchmal „nicht auf die Ritzen treten“ gespielt und dabei zu sich selbst gesagt: „Wenn ich es nicht schaffe, auf die andere Seite zu kommen, ohne auf eine Ritze zu treten, wird etwas Schreckliches passieren.“ Das war nur Spaß. Ein Spiel. Dachte er. … Er würde gerne weinen, aber seine Tränen haben auch Angst und bleiben lieber in den Augen.“
Das ist ebenso anrührend wie unheimlich und lässt uns als Leser genauso mitleiden wie im Fall des atem- und kraftraubenden Berganstiegs.

Wie gefällt es?
„Neujahr“ ist ein packendes Leseerlebnis – ein Roman, der bei aller scheinbaren Gradlinigkeit dunkle Abgründe enthüllt – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Was als Urlaubsdrama einer stressgeplagten und überforderten Mittelstandsfamilie beginnt, bekommt plötzlich einen Dreh ins Unheimliche – und das ist ebenso überraschend wie überzeugend. Und apropos Überraschung: „Neujahr“ ist wahrscheinlich der erste Roman, in dem Martin Schulz und Würselen Erwähnung finden. Aber das ist wahrlich nicht der einzige und beileibe nicht der wichtigste Grund, warum dieser Roman zu empfehlen ist.

Juli Zeh: „Neujahr“, Luchterhand, 20 EUR, ISBN: 978-3630875729

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hr-iNFO Büchercheck: Jennifer Egan: „Manhattan Beach“

New York, Brooklyn, in den 30er und 40er Jahren. Hafen, Werften, Strände. Clubs, Arbeitslose, Gangster. Und dann nach Kriegseintritt der USA: Marinewerften, Kriegsschiffe, Frauenarbeit. Und immer: viel Wasser. Mittendrin ist Anna, erst als Mädchen mit Mutter, Vater und behinderter Schwester. Dann junge Frau und ohne Vater, denn der ist auf mysteriöse Weise verschwunden.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Man kann dieses Buch als Emanzipationsroman lesen. Anna setzt in einer Marinewerkstatt Bauteile für Kriegsschiffe zusammen. Immer dieselben. Aber sie träumt davon, Taucherin zu werden. Schiffe unter Wasser zu reparieren, zu schweißen. Nur, Frauen will man in diesem Job nicht. Bis der Männerwelt die geeigneten Männer ausgehen. Da darf dann auch Anna in den schweren Anzug mit Kuppel steigen und wird gegen alle Widerstände ein Vorbild. Man kann das Buch zumindest teilweise auch als schwarzen Krimi lesen. Wie bei der Tauchergeschichte gibt es auch hier viel zu lernen. Wie Geschäfte gemacht wurden in der Zeit der Prohibition, wie Bars funktionierten, wie Gangster dachten und agierten und auch in der feinen Gesellschaft ihre Rolle hatten, sogar, welche weichen Seiten sie hinter ihrer rauen Schale verbargen. Man kann das Buch aber auch als Kriegsroman, Familienroman oder noch viel mehr: als Vater-Tochter Roman lesen. Denn der abrupte Verlust des Vaters, der sich mit Gangstern eingelassen hatte, verfolgt Anna dauerhaft.

„Nach jahrelanger Abwesenheit kehrte Annas Vater zurück. Sie hatte ihn nicht vor Augen, erinnerte sich aber an den leisen Schmerz, den sie verspürt hatte, wenn er sie hochgehoben hatte, um sie zu tragen. Sie hatte das gedämpfte Klimpern des Kleingelds in seinen Hosentaschen im Ohr. Seine Hand glich einer Steckdose, mit der sie ihre Hand verband, egal, wohin es ging, manchmal unbewusst. Anna blieb stehen, durch die Eindringlichkeit dieser Bilder wie vor den Kopf gestoßen. Sie hob ihre Finger gedankenlos vor ihr Gesicht und erwartete halb, den warmen, bitteren Geruch seines Tabaks in der Nase zu haben.“

Wie ist es geschrieben?
Man kennt Egan als experimentierfreudige Schriftstellerin. In „Manhattan Beach“ ist sie es nicht. Jetzt erzählt Sie konventionell, von Rückblenden und Perspektivwechseln abgesehen. Kapitel für Kapitel entsteht das historische Panorama einer Stadt zwischen den Wassern und den Menschen in ihr, deren Alltagsproblemen und Träumen.

Wie gefällt es?
Literaturwissenschaftler werden vielleicht enttäuscht sein von Jennifer Egans neuem Buch. Leser müssen es nicht. Es ist eine spannende Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite, mit interessanten und differenziert angelegten Protagonisten, in einem zeithistorisch aufwändig recherchierten detaillierten Setting, atmosphärisch dicht gewoben, gut geschrieben, sogar lehrreich und eben auch überraschend. Das macht Spaß.

Jennifer Egan: „Manhattan Beach“, S. Fischer Verlag, 22 EUR, ISBN: 978-3103973587

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hr-iNFO Büchercheck: Leila Slimani: „Hand aufs Herz“

Schwitzende Körper. Leidenschaft und Hingabe. – All das findet hier nicht statt.
Die marokkanische Gesellschaft spricht nicht über Sex. Ist aber angeblich der fünftgrößte Konsument von Pornos.

hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Comic gelesen.

Worum geht es?
Leila Slimani versammelt in „Hand aufs Herz“ erschütternd ehrliche Erfahrungsberichte.
Emotional und nah bei ihren Protagonistinnen enthüllt Slimani die Strukturen einer Gesellschaft, in der das Ansehen bei den Anderen über allem steht. Es ist ein scheinheiliges System aus bigotter Prüderie, das mit dem Konzept der „Scham“ nicht nur Frauen, sondern auch Männer von klein auf indoktriniert und zu Gefangenen ihrer eigenen, vermeintlich „schlechten“, körperlichen und seelischen Bedürfnisse macht. Selbst Nähe, Zärtlichkeit – Fehlanzeige! Sex vor der Ehe ist in Marokko per Gesetz verboten. Aber es gibt auch sie: starke Frauen, die sich der Mehrheitsgesellschaft entgegen stellen. Nour zum Beispiel, die sich gegen’s Heiraten entschieden hat und den schiefen Blicken stand hält. Und die sich ihre Freiheit nimmt – die uns so selbstverständlich erscheint.

N: „Eines Abends in einer Disko, passierte etwas völlig Außergewöhnliches. Ich sagte zu meinen Freundinnen: ‘Heute werde ich ein Typ sein! – Ohne Witz, ich muss es machen!’ Ich sah einen Jungen der mir gefiel. – Ich hatte Lust auf ihn und er auf mich. Ich erinnere mich sehr gern daran zurück.“ S: „Sehen Sie ihre Freundinnen von damals noch?“ N: „Oh ja, oft! Gerade vor zwei Wochen habe ich Mailka besucht.“ S: „Hat sie geheiratet?“ N: „Nein, sie ist auch alleinstehend. Wir sind der Club der Singles.“

Wie ist es geschrieben?
Leila Slimani will das Schweigen der bigotten marokkanischen „Schweigegesellschaft“ brechen. In ihrem Comic prangert sie nicht nur die Verhältnisse an, sondern gibt auch – differenziert und behutsam – wieder, was die Frauen in diesem System tatsächlich fühlen, und welche cleveren, individuellen Lösungsstrategien sie teilweise entwickelt haben, um sich ihre Freiheit und Achtung zu erkämpfen. Die Zeichnerin Laetitia Coryn hat dem Ganzen eine Form gegeben, die der Intimität des Inhalts absolut gerecht wird.

Wie gefällt es?
Vieles in „Hand aufs Herz“ hat die Klischees, die ich von den Zuständen und Geschlechterverhältnissen der marokkanischen Gesellschaft im Kopf hatte, bestätigt – oder erschreckender Weise sogar noch getoppt. Andererseits hat auch Vieles mich überrascht, mir imponiert, mein Mitgefühl herausgefordert. – Und ich habe besser verstanden, warum diese Gesellschaft so tickt, wie sie es tut. – Wie hier so leicht nach dem Arabischen Frühling wieder eine Re-Islamisierung Einzug halten kann.
Dieser Comic ist ein starkes Plädoyer für mehr Emanzipation – sexuelle, emotionale und gesellschaftliche Emanzipation – und damit vielleicht auch irgendwann politische.
Ein Buch, dass ich jedem „ans Herz legen“ möchte, der verstehen will, wie elementar wichtig persönliche Freiheit und das Recht auf Intimität sind.

Leila Slimani: „Hand aufs Herz“, im Avant Verlag, 25 EUR, ISBN: 978-3945034958

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hr-iNFO Büchercheck: Anna Tell: „Vier Tage in Kabul“

„Vier Tage in Kabul“ von Anna Tell kommt aus dem Krimi-Klassiker-Land schlechthin, nämlich Schweden. Allerdings spielt er – wie der Titel andeutet – hauptsächlich in Afghanistan und ist auch kein typisch-schwedischer Psycho-Thriller, sondern ein Polit-Krimi.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Die schwedische Kriminalkommissarin Amanda Lund ist in Afghanistan stationiert, um lokale Sicherheitskräfte auszubilden. Gerade konnte sie einen schweren Angriff der Taliban abwehren, als sie nach Kabul gerufen wird: ein schwedisches Diplomaten-Paar ist verschwunden, womöglich entführt. Ihre Erfahrungen als versierte Verhandlungsspezialistin werden gebraucht. Doch ihre Ermittlungen gestalten sich schwierig: der schwedische Botschafter will ihr nicht wirklich helfen. Ihrem Kollegen, der in Schweden ihren Einsatz koordiniert, werden von Seiten der Regierung ständig Steine in den Weg gelegt. Alles muss geheim bleiben, niemand darf vom Verschwinden des Diplomaten-Paars wissen. Da erfährt Amanda Lund, dass der Botschafter erpresst wird. Und in Stockholm wird die Leiche eines Mannes gefunden, der als ehemaliger Mitarbeiter der Kabuler Botschaft identifiziert wird. Wie gehört das alles zusammen? Drogengeschäfte scheinen eine Rolle zu spielen…

Wie ist es geschrieben?
Eine klare Sprache, treffende Dialoge, kurze, knappe Kapitel, die gekonnt die Spannung auf den Höhepunkt treiben: Anna Tell beherrscht die Regeln für einen erfolgreichen Krimi. Es sind nicht literarische Qualitäten, die hier überzeugen, sondern vielmehr die Sachkenntnis über das Land Afghanistan und das perfekte timing: von verschiedenen Schauplätzen und aus Sicht verschiedener Personen werden hier vier Tage in Kabul beschrieben, in denen eigentlich alle an einem Strang ziehen sollten, um die zwei Vermissten zu finden. Doch einige haben andere Motive…

„„Sie haben im Auto hinten rechts auf der Rückbank gesessen – dort wo Sie immer sitzen. Und genau auf Ihrer Seite hat jemand unter dem Wagen eine Bombe angebracht. Vermutlich um sicherzugehen, dass…“ Sie verstummte. „…ich…ums Leben kommen würde?“, beendete Sven den Satz für sie und starrte Amanda an. Sie nickte langsam. „Gibt es irgendetwas, das Sie vergessen haben zu erzählen und das diesen Attentatsversuch erklären könnte?“ Wie ein alter Mann sackte Sven auf seinem Stuhl in sich zusammen. Sein Atem ging flach, und er sah Amanda hilflos an. Irgendetwas in seinem Blick hatte sich verändert. Sven hatte Angst. Panische Angst.“

Wie gefällt es?
„Vier Tage in Kabul“ hat mich Seite für Seite mehr in Bann gezogen: da ist zum einen das fremde Terrain in Afghanistan, die Ebene der Diplomaten und Vermittler – und dagegen die ganz banalen Ermittlungen und menschlichen Verwicklungen. Ein richtig guter Krimi in ungewohnter Kulisse mit viel Einfühlungsvermögen für die handelnden Personen. Echt mal was anderes aus Schweden. Wirklich überzeugend.

Anna Tell: „Vier Tage in Kabul“, Verlag rowohlt polaris, 14,99 EUR, ISBN: 978-3499273841

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hr-iNFO Büchercheck: Claire Gondor: „Ein Kleid aus Tinte und Papier“

Weiches Herbstlicht, rotes Laub, ein Kanal, ein leer stehendes Haus, eine junge Frau und ein Hochzeitsfotograf, der Bilder von ihr macht. So beginnt der Roman. Die Frau trägt Pumps, ein Kleid, an der Taille eng, blütenförmig bis zu den Knien ausgestellt. Sie ist sorgfältig geschminkt. Eine Idylle, möchte man meinen. Und doch hat die Szene einen doppelten Boden. Wo ist der Bräutigam?

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Claire Gondor erzählt die Geschichte einer großen Liebe und Leidenschaft. Leïla heißt die Frau, ihr Geliebter Dan. Als Kind ist sie mit ihrer Familie aus Afghanistan nach Frankreich gekommen. Von ihrer Mutter stammen ihre Fertigkeiten an der Nähmaschine. Die braucht sie, denn sie näht sich ihr Hochzeitskleid aus den Briefen Dans. 56 sind es. Er schreibt von seiner Liebe, seiner Leidenschaft, seinen Erlebnissen. Denn Dan ist offensichtlich in einem Auslandseinsatz im Sudan. Mit jedem Brief wächst Leïlas Kleid und unser Verständnis der Geschichte. Denn mit jedem Brief erinnert Leïla Episoden ihrer Liebe zu Dan. Und jeder Brief erhält eine besondere Stelle im Kleid und damit am Körper. Aber mit jedem Brief wächst auch die Ahnung: da muss etwas passiert sein. Das Kleid ist eben auch eine Skulptur der Trauer.

„Sie nahm das Papier zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie konnte nicht widerstehen, die Worte immer wieder zu lesen, wieder und wieder, unendlich oft. Worte der Erinnerung an ihre so unbeschwerte Vergangenheit, an ihre glücklichen Umarmungen: ihm noch ein bisschen nahe sein, um das Verlorene fortbestehen zu lassen. So wie man sich hin und her wiegt, um einen beißenden Schmerz zu beruhigen und wieder Kraft zu schöpfen. Wärme tanken, um die Nacht besser durchzustehen.“

Aber warum ging diese Liebe zu Ende? Der letzte Brief, den Leïla in die Hand nimmt, ist nicht von Dan, sondern von einer Behörde und hat ein DIN-A4-Format. Sie näht ihn nicht ins Kleid sondern wirft ihn in den Kanal. Da ist klar, was passiert ist.

Wie ist es geschrieben?
Jedes Kapitel kreist um einen anderen Brief, bietet eine neue Geschichte in der Geschichte. Die Erinnerungen an den Geliebten und die Geschichten ihrer Familie fließen ineinander. Die gemeinsame Achse, das Verbindende ist die Empfindsamkeit Leïlas. Gondor lässt sie in wirkungsstarken Bildern aufblühen. Ein poetischer Grundton durchwirkt das Buch so wie die Fäden der Erinnerung das Kleid. Und gleichzeitig folgt das Buch einer fesselnden Spannungsdramaturgie. Von Kapitel zu Kapitel steuert die Geschichte auf eine Aufklärung zu. Und selbst für den Paukenschlag zum Finale findet Gondor noch ein poetisches Bild. Dramatisch und schön zugleich.

Wie gefällt es?
Ich finde, „Ein Kleid aus Tinte und Papier“ ist ein sehr schönes Buch. Eine ergreifende Geschichte großartig erzählt. Sie bewegt, und sie ist spannend. Und das auf hundert Seiten in einem schönen Einband, der diesem gelungenen Stück Poesie einen angemessenen Ort bietet. Ein Vergnügen.

Claire Gondor: „Ein Kleid aus Tinte und Papier“, Wagenbach Verlag, 16 EUR, ISBN: 978-3803113306

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hr-iNFO Büchercheck: Henning Mankell: „Der Sprengmeister“

Im Oktober 2015 ist Henning Mankell, der Schöpfer der Wallander-Krimi-Serie, im Alter von 67 Jahren gestorben. Jetzt, drei Jahre nach seinem Tod, erscheint der Roman, mit dem Mankell 1973 debütierte, erstmals in deutscher Übersetzung. Er heißt „Der Sprengmeister“.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Der Sprengmeister“ heißt Oskar Johansson. Er ist 23 Jahre alt, als er mit seiner Truppe einen Eisenbahntunnel durch einen Felsen sprengen soll. Als Johansson eine der Dynamitladungen kontrollieren will, explodiert sie. Er verliert ein Auge, die rechte Hand und vier Finger der linken – aber er überlebt. Er bleibt Sprenger, arbeitet, bis er in Rente geht, und führt bis zu seinem Tod im Jahr 1969 ein relativ ereignisarmes Leben: Er macht kein Aufhebens um seine Behinderung. Als seine Freundin ihn verlässt, heiratet er ihre Schwester. Politische Ereignisse nimmt er wahr, fühlt sich aber weitgehend unbeteiligt und verbringt die letzten Jahre in einer verlassenen Militärsauna auf einer Schäreninsel – eine Lebensgeschichte also, die mit einem Knall beginnt und danach eher leise dahin plätschert.

Wie ist es geschrieben?
Erzählt wird diese Lebensgeschichte von einem Autor, der Oskar Johansson kennenlernt, als der 68 Jahre alt ist, und der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Johanssons Leben als Geschichte eines Zeugen großer Umwälzungen zu erzählen – als Lebensgeschichte eines Arbeiters, der zum Opfer der Industrialisierung wurde und der die sozialen und geschichtlichen Veränderungen der letzten 50 Jahre hautnah miterlebt hat. Immer wieder besucht er Johansson in seinem Saunahäuschen , um ihn zu befragen, aber der gibt nur widerwillig Auskunft, kann sich kaum erinnern und meint, mit all den geschichtlichen Prozessen kaum etwas zu tun gehabt zu haben:

„Er erklärt, er sei wie die anderen gewesen, mehr nicht. Ein Sprengmeister mit Familie. Er hat nicht das Gefühl, er hätte an den Veränderungen teilgenommen. Sie sind geschehen, und haben sein Leben beeinflusst. Aber er hat sie nicht selbst mitgestaltet. Der Arbeiter ist ein Bürger des Staates, aber es sind andere Kräfte, die diesen vorantreiben oder verändern. Das ist der Kern von Oskars Rede über seine Unscheinbarkeit. – An diesem Punkt sind wir uns nicht einig.“

Die Spannung des Romans entsteht aus genau dieser Uneinigkeit, und aus der offenen Frage, wie man das Leben eines Mannes erzählt, dessen größte Leistung darin besteht, dieses Leben mit Würde und ohne viel Aufhebens gemeistert zu haben.

Wie gefällt es?
Wer die Spannung und Dramatik der Wallander-Krimis erwartet, wird von diesem Roman enttäuscht sein. Er ist eben kein Krimi, es ist der erste Roman eines jungen Autors, der sich fragt, wie das Leben der Schwachen und sozial Benachteiligten zum Gegenstand von Literatur werden kann. Es ist ein leiser und unaufdringlicher Roman, und wer den genauen und empathischen Blick Mankells auf seine Figuren schätzt, der wird auch hier auf seine Kosten kommen.

Henning Mankell: „Der Sprengmeister“, Paul Zsolnay Verlag, 21 EUR, ISBN: 978-3552059016

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hr-iNFO Büchercheck: Bodo Kirchhoff „Dämmer und Aufruhr“

Ja, nach unseren juristischen Normen wurde Bodo Kirchhoff von seinem Musiklehrer im Internat am Bodensee missbraucht. Kirchhoff selbst benutzt dieses Wort aber nicht. Er klagt auch nicht an. Die juristische Dimension bleibt außen vor. Er erzählt die sexuellen Handlungen in Bildern und er erzählt sie als Teil einer falsch verstandenen emotionalen Beziehung, aber auch als sexuelle Entdeckung.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Wir sind in den 50er Jahren. Die Eltern sind kriegs- und entbehrungsgeschädigt, sowohl seelisch als auch materiell, sie müssen feststellen, dass sie nicht zueinander passen. Sie wollen ihr eigenes Leben leben. Der Sohn wird nach der Grundschule aufs Internat geschoben. Seine jüngere Schwester bleibt zunächst bei der Oma. Der Vater zieht nach Stuttgart, die Mutter nach Frankfurt. Zu den Feiertagen und in den Ferien spielen sie den Kindern noch eine Weile heile Familie vor. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die einzig konstante fürsorgliche Beziehung von der Oma geleistet wird. Dafür darf der Sohn im Urlaub mit der Mutter den Kavalier geben, es kommt zu neugierigen sexuellen Handlungen. Das Körperliche, die Erotik wird ihn immer wieder umtreiben, im Leben und im Werk. Als Pennäler streift er durch das Frankfurter Bahnhofsviertel, geht in die Puffs genauso wie in die Buchhandlungen. Die Kunst bietet sich als Rettung im emotionalen Chaos an: erst die Malerei und dann das Schreiben, die Bilder und die Wörter. Zeitweise wurde Kirchhoff als Pornoschriftsteller verunglimpft. Die Mutter litt darunter, auch noch, als der Sohn die Hochbetagte im Pflegeheim besucht:

“Sie nahm meine Hand und fand noch einmal zu ihrer Stimme. Immer nur Dinge aus der Kanalisation des Lebens, mein Gott, und was wurde schon alles Herrliches über die Liebe geschrieben! Sie drückte die Hand und führte die Beispiele an, die sie bei dem Thema unausweichlich anführte, (…), während ich fast nach ihr geschlagen hätte, nur um sie so zu erreichen, dass sie nicht weghören könnte, wenn ich ihr sagte, was das Schreiben sei: wieder und wieder ein Versuch, aus der eigenen Scheiße Gold zu machen.”

Wie ist es geschrieben?
Kirchhoff bezeichnet sein Buch als Roman. Er mischt Fakten mit Hinzugeschriebenem. Konsequent ist daher mal von “ich”, mal von “er” die Rede. Und das auf drei Zeitebenen: Er rekonstruiert – zum Teil angestoßen von Fotos – die vergangene Zeit, dann berichtet er über die Besuche bei der Mutter im Pflegeheim und die daraus folgenden Erinnerungsimpulse. Die dritte Erzählzeit ist die Zeit des Schreibens in einem Hotelzimmer in Alassio, in dem einst die Eltern ihre letzten glücklichen Tage zusammen waren. Sozusagen eine Vergewisserung der eigenen Lebenserfahrung am historischen Ort.

Wie gefällt es?
Dämmer und Aufruhr ist weit mehr als die Geschichte wie einer zum Schriftsteller wird. Und es ist auch mehr als ein Dokument des Ringens um eine Sprache. Zum einen für die Darstellung der ambivalenten, eigentlich missbräuchlichen Sexualerfahrung, zum anderen seiner körper- und geistbetonten Ichbezogenheit. Ich finde dieses Buch so interessant, weil es über die Ichgeschichte hinaus einen lebenserfahrenen Blick auf die Nachkriegsgesellschaft wirft.

Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr, Frankfurter Verlagsanstalt, 28 EUR, ISBN: 978-3627002534

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hr-iNFO Büchercheck: Maike Wetzel: „Elly“

„Elly” heißt der Debütroman der 1974 in Groß-Gerau geborenen Schriftstellerin und Drehbuchautorin Maike Wetzel. Das Projekt brachte ihr im Vorfeld der Veröffentlichung schon den renommierten Robert Gernhardt Preis ein.

hr-iNFO Büchercheckerin Sylvie Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Elly ist ein kleines Mädchen, 11 Jahre alt. Sie hat eine ältere Schwester, Ines, ihre Eltern sind Freiberufler. Es ist eine ganz normal funktionierende deutsche Durchschnittsfamilie. Bis Elly eines Tages vom Judo-Training nicht mehr zurückkehrt.
Das Mädchen bleibt verschwunden und ist doch allgegenwärtig in den Gedanken, Handlungen und Erinnerungen der Eltern und der Schwester. Das Schlimmste ist die Unsicherheit, das permanente Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Und damit verbunden sind furchtbare Schuldgefühle und Phantasien über das, was passiert sein könnte: Mord, Vergewaltigung, Entführung, professioneller Missbrauch. Sogar die Eltern selbst werden verdächtigt, ihr Kind getötet zu haben – an all dem zerbricht diese Familie fast.

Wie ist es geschrieben?
Multiperspektivisch. Hochsensibel! Und sehr spannend!! Einmal heißt es, „diese Geschichte ist auch ein Theaterstück“. Ines schreibt das, Ellys Schwester. Sie meint damit wohl, dass sich dieses Drama auf engstem Raum abspielt. In der Familie, zu Hause, in den Köpfen der Beteiligten. Wobei – im Gegensatz zum normalen Theaterstück – sehr wenig geredet wird. Der Schmerz und vor allem die Ungewissheit paralysieren die Menschen und lassen sie verstummen. Nur Ines weiß sich zu helfen: sie schreibt Ellys Geschichte auf.

„Diese Geschichte ist nicht meine Geschichte. Ich bin nicht sicher, wem sie gehört. Sie liegt auf der Straße, sie schläft in unserem Haus und trotzdem ist sie mir immer einen Schritt voraus. Wenn ich diese Geschichte nun aufschreibe, ist das ein Versuch, sie zu bannen.“

Wie gefällt es?
Sehr gut! Für mich hat der Roman nur einen Schönheitsfehler: am Schluss wird mir zu viel erklärt – und dann eben doch zu wenig. Ich hätte ein komplett offenes Ende besser gefunden, beunruhigender. Aber wie uns in diesem Roman begreifbar gemacht wird, wie die Säure der Angst und des Misstrauens in ein stabiles Familiengebäude hinein sickert und alle Sicherheiten zersetzt – das ist subtil, psychologisch überzeugend und sprachlich brillant gemacht!

Maike Wetzel: „Elly“, Schöffling & Co, 20 EUR, ISBN: 978-3-89561-286-2

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