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hr-iNFO Büchercheck: Alexa Hennig von Lange „Kampfsterne“

Mit ihrem Debütroman “Relax” wurde Alexa Hennig von Lange 1997 zu einer der bekanntesten Autorinnen der deutschen Popliteratur. Mittlerweile hat sie eine ganze Reihe von Jugendbüchern, Theaterstücke und Romanen geschrieben.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Die Kampfzone dieses tragisch-komischen Gesellschaftsromans ist eine gutbürgerliche westdeutsche Stadtrandsiedlung im Jahr 1985. Im Zentrum stehen zwei vierköpfige Familien, aber eigentlich kämpft hier jeder gegen jeden: Rita, die unendlich ehrgeizige und genauso frustrierte Übermutter, die nicht ertragen kann, dass Nachbars Kinder klüger, begabter und schöner als die eigenen Nachkommen sind, und das vor allem den schlechten Genen ihres Mannes Georg zu Last legt, einem sensiblen Warmduscher vor dem Herrn. Ganz das Gegenteil ist Rainer, ein mittelmäßig erfolgreicher Architekt aber ausgewachsener Macho, der seine weitaus begabtere Frau Ulla zwingt, nur halbtags zu arbeiten und sie obendrein noch vor den Augen der Kinder verprügelt. Diese überspannte Atmosphäre explodiert schließlich in einer Vergewaltigung und einer Kindesentführung, ohne allerdings in der reinen Katastrophe zu enden. Es gibt Hoffnung in diesen Roman, auch wenn sie nicht leicht zu finden ist.

Wie ist es geschrieben?

Alexa Hennig von Lange erzählt diese Geschichte von Neid, Gewalt und Vernachlässigung aus zehn ständig wechselnden Perspektiven. Das verleiht dem Ganzen ein hohes Tempo, und lässt uns den Figuren sehr nahe kommen. Dabei findet Hennig von Lange für jede dieser Figuren eine widererkennbare Stimme – sei es die des 8jährigen Nesthäkchens, das mit ihren roten Haaren unschwer als alter ego der Autorin zu erkennen ist, sei es die Stimme der rebellische Teenagertochter oder die der gegensätzlichen Vaterfiguren, Georg und Rainer. Am dominantesten aber ist und bleibt die der frustrierten Supermutter Rita: “Ich bin die Mutter einer Geigerin, der kommenden Anne-Sophie-Mutter, von einem Mädchen, das kleine Serenaden selbst komponiert. Aber leider auch Segelohren hat, die sie von Georg, meinem asthmatischen, linkischen Mann geerbt hat.”

Wie gefällt es?

“Kampfsterne” ist ebenso böse wie unterhaltsam. Es ist einer dieser Romane, bei dem einem da Lachen im Halse stecken bleibt. Aber er ist auch und vor allem eine Reise in jene westdeutschen 80er-Jahre, die im Rückblick ja so gerne verklärt werden. Interessant ist dabei, dass eine heute 45jährige Autorin ausgerechnet auf jene Zeit schaut, da ihre Eltern so alt waren, wie sie jetzt. Und daraus ergibt sich die eigentliche Spannung dieses Romans, in dem nämlich ständig die Frage mitschwingt, wie unsere Kinder später einmal über uns und unsere vielleicht genauso verkorksten Beziehungen urteilen werden. Das ist eine beunruhigende Frage eines aufregenden Romans.

Alexa Hennig von Lange, “Kampfsterne”, Dumont Verlag, 20 EUR, ISBN: 978-3832197742

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LeseEule: Sebastian Fitzek “Der Insasse”

Was ist schlimmer als zu wissen, dass das eigene Kind ermordet wurde? -Den Täter zu kennen und nichts gegen ihn unternehmen zu können!

Diese Situation erlebt Till Berkhoff, als sein Sohn Max verschwindet und offensichtlich ein Opfer eines perversen Serienmörders wird. Doch dieser wird, anstatt für den Rest seines Lebens in den Knast zu wandern, in einer Nervenheilanstalt eingewiesen.

Till braucht Gewissheit: Max‘ Verschwinden wurde niemals aufgeklärt und so wagt er sich direkt hinein in die Höhle des Löwen, ungeachtet dessen, welchen Gefahren er in solch einer Irrenanstalt ausgesetzt sein könnte.

Sebastian Fitzeks neuester Thriller hat mir an der ein oder anderen Stelle einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Er beschreibt die unvorstellbaren Grausamkeiten, die menschlichen Abgründe, die einem in der Steinklinik in Berlin-Tegel begegnen, bis ins kleinste Detail.

Dieses Buch ist definitiv nichts für schwache Nerven. Wem aber auch schon ,,Passagier 23“ oder ,,die Blutschule“ gefallen haben, für den ist dieses Buch genau das richtige.

Wir danken LeseEule für diese Rezension!

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hr-iNFO Büchercheck: Simone Buchholz „Mexikoring“

Mexikoring ist ein Bürohochhausghetto im Norden Hamburgs. Hier brennt ein Auto, wie so oft in dieser Stadt. Aber diesmal sitzt noch jemand drin.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?

Staatsanwältin Chastity Riley wird aus dem Bett geklingelt: ein Auto brennt, darin eingeschlossen ein Mann, er wird von der Feuerwehr herausgeholt und ins Krankenhaus gebracht, aber er überlebt nicht. Die Fahrzeugpapiere nennen einen Namen, der alle elektrisiert: Nouri Saroukhan, Mitglied eines türkischstämmigen Clans, der die Polizei immer wieder beschäftigt. Nouri, das wird schnell ermittelt, war nicht in die kriminellen Strukturen verwickelt, seine Familie hatte ihn deshalb verstoßen. Er hatte in Hamburg studiert, das Studium jedoch vor einiger Zeit hingeschmissen und für gutes Geld bei einem Versicherungskonzern gearbeitet. Parallel wird die Geschichte von Nouris Jugend erzählt, wie er in der Familie aneckt, wie er immer wieder brutal geschlagen wird. Und eines Tages Aliza kennenlernt, ein wildes, eigenwilliges Mädchen, das ebenso wie er aus einer ClanFamilie stammt und sich nicht einfügen will.

Wie ist es geschrieben?

Simone Buchholz schreibt in einem ungewohnten, schnoddrigen Ton, der besonders gut ihre Hauptfigur, die Staatsanwältin Chastity Riley, charakterisiert. Diese ist taff, spröde, trinkt zu viel, kann mit Gefühlen und den dazugehörigen Männern nicht umgehen – lässt sich aber nie ganz unterkriegen. „`Wer zur Hölle hat Nouri Saroukhan umgebracht? Familie oder Freunde?´ Ich würde jetzt spontan sagen: das Leben, aber das sag ich lieber nicht, Stepanovic hasst es, festzustecken, da sollte man dann keine blöden Scherze machen. Obwohl, so blöd war der gar nicht, und lustig war es eigentlich auch nicht gemeint. `Ich tippe auf Feinde´, sagt der Faller. So, der war jetzt echt keinen Deut besser. Dann trinken wir zusammen und warten darauf, dass die Fragen endlich hinter den Horizont fallen.“

Wie gefällt es?

Der schnoddrige Tonfall hat mich am Anfang irritiert – und dann konnte ich nicht mehr genug davon bekommen. Das ist irgendwie sehr cool, sehr direkt, manchmal auch sehr hart. Es hat mich gefesselt, von der doch mehr oder weniger kaputten Staatsanwältin Chastity Riley zu lesen. Und ihren Ermittlungen, die mitten in die Clan-Strukturen führen. Clans, die die Polizei nicht akzeptieren, die eigene Gesetze haben, die kriminell sind und rauben und morden, auch in ihren eigenen Kreisen. Der Krimi „Mexikoring“ hat mich da reingezogen – und berührt hat mich die Geschichte von Nouri und Aliza, den rebellischen Kindern, die gegen ihre Familien aufbegehren, zusammen fliehen wollen, aber das dann doch nicht schaffen. Aber dahinter steckt wieder ganz was anderes…

Simone Buchholz: Mexikoring, Suhrkamp-Verlag, 14,95 EUR, ISBN: 978-3518468944

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hr-iNFO Büchercheck: Natascha Wodin „Irgendwo in diesem Dunkel“

Die Geschichte ihrer Eltern lag für Natascha Wodin im Dunkeln. Sie wusste nur: Sie stammten aus der Sowjetunion, waren Zwangsarbeiter in Deutschland, blieben nach Kriegsende hier – aus Angst vor dem stalinistischen Terror. Als Natascha zehn Jahre alt war, brachte ihre Mutter sich um. Deren Leben und Herkunft hat Wodin recherchiert und in ihrem preisgekrönten Buch „Sie kam aus Mariupol“ erzählt. Im neuen Buch ist der Vater an der Reihe.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

 

Worum geht es?

Der Vater schweigt meistens. Deutsch will er nicht lernen. Nach dem Tod seiner Frau schiebt er die Töchter ab in ein Kloster. Er selbst reist als Tenor in einem Kosakenchor durch Europa. Als er die Stimme verliert, holt er die Kinder zurück und wird Industriearbeiter. Wodin schildert ihn als Trinker, der brutal zuschlägt, mit Hunger und Durst bestraft und sich fast an ihr vergeht. Die erwachsene Erzählerin versucht den Vater, seine innere Emigration und sein Schweigen zu ergründen. Sie findet einen Onkel in Moskau, erfährt, dass der Vater vor ihrer Mutter bereits eine Frau und zwei Kinder in Russland hatte. Mehr kann sie nicht herausfinden. So verschiebt sich der Fokus des Erzählten auf Natascha selbst. Auf ihr Leiden an dem Vater, an der Ausgrenzung durch die deutschen Kinder in den 50ern und 60ern, obwohl sie doch so gerne eine Deutsche mit bürgerlicher Existenz werden will. „Unter lautem Gelächter wollten sie von mir wissen, ob es stimme, dass wir zu Hause die Kartoffeln in der Kloschüssel wuschen und dass die Russenweiber keine Unterhosen trugen. Sie nannten mich `Russki´, `Russla´, `Russensau´, `Russenlusch´. Ich erinnere mich gar nicht, wann ich diese Wörter zum ersten Mal gehört hatte, mir war, als wären sie immer schon da gewesen, ein Bestandteil der Luft, ein Geruch, den ich nie loswurde.“ Es ist die Geschichte einer Katastrophe: Scheitern in der Schule, Orientierungslosigkeit, Rumtreiberei, schließlich sogar Obdachlosigkeit, Vergewaltigung. Dann hat sie Glück und findet einen Job. Die Ausgestoßene zieht sich mit aller Entschlossenheit wieder hinein ins eigene, selbstbestimmte Leben.

Wie ist es geschrieben?

Natascha Wodin erzählt eine harte Geschichte. Und sie erzählt sie in vielen Details, genau, schonungslos, bisweilen krass. Ihr Ton dagegen nimmt Abstand ein zum Erzählten, ist eher nüchtern, ja lakonisch. Es ist kein Buch der spektakulären Bilder. Die braucht es nicht. Die Ereignisse sprechen für sich, der Ton verstärkt sie in ihrer Wirkung.

Wie gefällt es?

Natascha Wodin hat mit den beiden sehr persönlichen Büchern über ihre Eltern auch ein Zeitpanorama der unmittelbaren Nachkriegsjahre in der Bundesrepublik entfaltet und Einblicke geschaffen in Zwangsarbeiterschicksale, die ja nicht so selbstverständlich erinnert werden. Und sie hat dafür eine so sachliche wie wirkungsvolle Sprache gefunden.

Natascha Wodin: „Irgendwo in diesem Dunkel“, Rowohlt Verlag, 20 EUR, ISBN: 978-3498074036

hr-iNFO Büchercheck: Timur Vermes „Die Hungrigen und die Satten“

Timur Vermes hat mit seiner Hitler-Satire „Er ist wieder da“ einen der erfolgreichsten Romane der letzten Zeit geschrieben – sechs Jahre später setzt er jetzt nach mit „Die „Hungrigen und die Satten“.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Die Hungrigen und die Satten“ beginnt als Satire. Der Privatsender MyTV kommt auf grandiose Idee, seine Starmoderatorin Nadeche Hackenbusch auf Realityshow-Tour in das größte Flüchtlingslager der Welt irgendwo in Afrika zu schicken. Und das Konzept geht auf: „Engel im Elend“, so heißt die Show, wird zum Quotenhit. Aber irgendwann geben sich die afrikanischen Flüchtlinge nicht mehr zufrieden damit, für deutsche Kameras die eigene Ausweglosigkeit in Szene zu setzen; irgendwann kommen sie auf die Idee, sich auf den Weg Richtung Europa zu machen, so dass sich plötzlich 150.000 Menschen im Anmarsch auf die Festung Europa befinden.

Wie ist es geschrieben?
Solange der Roman satirisch sein will, ist er nicht besonders subtil.
Auf einem ganz anderen Register spielt Timur Vermes dann aber, wenn es ihm um die Frage geht, wie die deutsche Politik auf die Flüchtlingskrise reagieren soll. Dann wird aus der Satire plötzlich eine ernstzunehmende Politthriller; dann wird nämlich selbst dem CSU-Innenmininster schlagartig klar, dass es eigentlich keine Option ist, die Flüchtlinge mit Gewalt von der Grenze fernzuhalten:
„Als 2013 die Leichen durchs Mittelmeer trieben, da haben wir uns bereits der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht. Doch wer gibt das zu? Also haben Leute, die noch nie einen Flüchtling gesehen haben, angefangen, sich zu Opfern umzulügen. Dieser erste Rechtsruck war unsere Reaktion auf Tote, die noch zweitausend Kilometer weg waren. Was glauben Sie, was wir für einen Rechtsruck kriegen, wenn es um den Massenmord vor unserer Haustür geht?“

Wie gefällt es?
Als Satire hat mich der Roman ziemlich enttäuscht – das ist mir alles zu klischeehaft und zu vorhersehbar. Das Gedankenexperiment als solches aber, die Frage, was denn passiert, wenn Flüchtlinge sich in einer konzertierten Aktion Richtung Grenze aufmachen – das ist dann doch wieder packend erzählt. Weil Vermes so unerbittlich durchspielt, vor welchen Entscheidungen die wohlhabenden Gesellschaften demnächst stehen werden. und welche moralischen Kosten damit verbunden sein werden. Da wird aus der Satire dann plötzlich eine mitreißende Tragödie. Ab ungefähr der Hälfte wird „Die Hungrigen und die Satten“ zu einem wirklich hellsichtigen Roman über unsere unmittelbare Gegenwart.

Timur Vermes: „Die Hungrigen und die Satten“, Eichborn, 22 EUR, ISBN: 978-3847906605

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hr-iNFO Büchercheck: Dörthe Hansen „Mittagsstunde“

Nach ihrem Debütroman „Altes Land“ vor zwei Jahren stürmt nun auch „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen die Bestsellerlisten. Und wieder schreibt die 54-jährige Nordfriesin über das Leben auf dem Land.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Mittagsstunde“ spielt in einem fiktiven Dorf, namens Brinkebüll, und dessen Geschichte wird über mehrere Generationen rekapituliert. Im Zentrum steht ein Archäologe, Ingwer Feddersen, der aus Brinkebüll stammt, der es als Hochschullehrer bis nach Kiel geschafft hat, und der mit Ende 40 zurückkehrt, um seine Großeltern zu pflegen. Eine Rückkehr mit zwiespältigen Gefühlen, denn mit diesem Dorf, in dem er als unehelicher Sohn einer geistig verwirrten Mutter aufwuchs, verbindet Feddersen eine Art Hassliebe: „Er hing an diesem rohen, abgewetzten Land, wie man an einem abgelebten Stofftier hing, dem schon ein Auge fehlte, das am Bauch kein Fell mehr hatte.“

Wie ist es geschrieben?
Dieser Satz mit dem abgelebten Stofftier ist typisch für Dörte Hansens Fähigkeit, die komplexen Gefühle ihrer Hauptfigur auf den Punkt zu bringen. Ingwer Feddersen weiß, wie hart und mitunter auch grausam das Leben auf dem Land sein kann – aber trotzdem kann er sich dem Gefühl, genau dorthin zu gehören, nicht entziehen. Und es kommt noch etwas dazu: denn Ingwer Feddersen ist Archäologe. Er ist Spezialist für untergegangene Kulturen und merkt nach und nach, dass sein Heimatdorf selbst schon eine untergegangene Kultur ist. Es ziehen Städter zu, aber die leben nur noch auf dem Land, aber nicht mehr vom Land – wieder so ein toller Dörthe-Hansen-Satz. Das meiste ist verschwunden oder verschwindet nach und nach – und genau dieses Verschwinden hat Dörthe Hansen auf beeindruckende Weise festgehalten: „Es war so still im Dorf, kein Hund, kein Hahn, kein Schleifen aus der Tischlerei, kein Hämmern mehr auf Haye Nissens Amboss. Man hörte keine Tiere mehr. Auch nicht die Stimmen, die Tiere riefen, laut genug, um große Felder zu beschallen, wen sollten sie auch rufen, auf den Weiden standen kaum noch Kühe. Ingwer schienen, wenn er durch das Dorf ging, nur noch Dinge einzufallen, die verschwunden waren.“

Wie gefällt es?
„Mittagsstunde“ ist für mich einer der bewegendsten Romane dieses Jahres. Dörthe Hansen ist das Kunststück gelungen, einen Heimatroman zu schreiben, der „Heimat“ nicht verklärt oder verkitscht, sondern im Bewusstsein seiner unwiederbringlichen Vergangenheit thematisiert. Dörthe Hansen gelingt es eindrucksvoll, uns die widersprüchlichen Gefühle, die mit dieser Verlusterfahrung verbunden sind, noch einmal erleben zu lassen – ein bisschen sentimental, aber dafür nicht weniger wahrhaftig.

Dörthe Hansen: „Mittagsstunde“, Penguin, 22 EUR, ISBN: 978-3328600039

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LIV: Julia Engelmann “Keine Ahnung, ob das Liebe ist” – Poetry

“Keine Ahnung, ob das Liebe ist” beschreibt genau den Inhalt dieses Buches. Mit sehr schönen Gedichten teilt Julia Engelmann ihre Sicht auf die Welt und auf die Liebe mit dem Leser. Nicht jedes Gedicht erzählt hauptsächlich von der Liebe, doch ein Funke davon ist in jedem enthalten. Mal geht es auch um ihre Familie, den Tod oder Freunde, um die Verletzlichkeit durch Liebe. Doch immer fühlt man sich als Leser angesprochen und kann sich mit dem Gedicht identifizieren.
Auch wenn meiner Meinung nach manch ein Gedicht etwas zu lang geraten ist, hat doch jedes Einzelne seinen Charme. Durch den Poetry-Slam angehaucht findet man nicht in jedem Gedicht ein durchgängiges Metrum oder dem passenden Reim, doch das macht der Inhalt wieder wett. Gefesselt von direkten Worten, Vergleichen und Metaphern merkt man gar nicht, wie schnell ein Gedicht schon wieder vorbei ist.
Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der sich gerne von poetischem, aber doch auch aktuellem Inhalt mitziehen lässt.

Vielen Dank an LIV für diese Rezension!

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hr-iNFO Büchercheck: Donatella di Pietrantonio „Arminuta“

Vor zwei Jahren hat die italienische Autorin Donatella di Pietrantonio mit einem Roman über die Opfer eines Erdbebens in den Abruzzen viel Beachtung gefunden. Jetzt ist ein neuer Roman von ihr auf Deutsch erschienen. Wieder spielt er in den Abruzzen, und wieder geht es um eine Erschütterung. Diesmal nicht der Erde, sondern im Leben eines 13jährigen Mädchens.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Arminuta will wissen, warum ihr Leben sich so abrupt ändern musste. Sie glaubt, ihre Mutter sei krank geworden und habe sie deswegen zurück zu einer anderen Mutter bringen müssen. Alles ist anders in der neuen Familie. Die Verhältnisse sind prekär, die Eltern überfordert und abweisend, die Geschwister chaotisch. Armut, Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit prägen diese Familie, auch Gewalt. Ein wenig Halt geben nur der große Bruder und die kleine Schwester, die sie über alles liebt. Aber es bleibt das Gefühl der Mutterlosigkeit, der Orientierungslosigkeit, des Verloren seins. „Es gab keinen Grund mehr, auf der Welt zu sein. Leise wiederholte ich hundertmal das Wort Mama, bis es keinen Sinn mehr hatte und nur noch Lippengymnastik war. Mit zwei lebenden Müttern wurde ich zum Waisenkind. Die eine hatte mich noch mit ihrer Milch auf der Zunge weggegeben, die andere hatte mich mit dreizehn zurückgebracht. Ich war die Tochter von Trennungen, falschen oder verschwiegenen Verwandten, Entfernungen. Ich wusste nicht mehr, woher ich stammte. Im Grunde genommen weiß ich es bis heute nicht.“
Die Rettung kommt von außen. Eine Lehrerin erkennt die Begabung und Intelligenz des Mädchens und sorgt dafür, dass Arminuta in die Stadt umziehen und dort aufs Gymnasium gehen kann. Dort entschlüsselt sie dann auch, warum ihr all das widerfahren ist und kann ihr Leben in die Hand nehmen.

Wie ist es geschrieben?
Die Autorin lässt Arminuta ihre Geschichte als Erwachsene aus der Rückschau erzählen. Die Handlung verläuft chronologisch, der Ton ist ruhig bis lakonisch, die Sprache einfach und direkt. Darin liegt die Kraft des Romans. Die Beziehungen und Gefühlslagen sind sehr eindrücklich, weil sie sensibel und anschaulich beschrieben werden. Das ist manchmal so direkt, als stünde man beim Lesen in der Szene daneben.

Wie gefällt es?
Donatella di Pietrantonio erzählt eine harte Geschichte aus einer für die meisten vermutlich sehr exotischen Welt. Ein Bergdorf in den Abruzzen in den 70er Jahren, das ist schon ziemlich weit weg. Aber durch ihre Erzählweise und ihre feinsinnige Sprache ist es ihr bei mir gelungen, Nähe herzustellen zu ihrer Protagonistin und deren Schicksal. Einmal drin, wollte ich nicht mehr raus aus dem Buch. Und das Wissen, dass es solche Schicksale tatsächlich gegeben hat, sorgt für nachhaltiges Nachempfinden.

Donatella di Pietrantonio: „Arminuta“, Verlag Antje Kunstmann, 20 EUR, ISBN: 978-3956142536

hr-iNFO Büchercheck: Christian Torkler „Der Platz an der Sonne“

Globale Migration, nur umgekehrt: Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es in Torklers Romanwelt noch einen Dritten Weltkrieg. Deutschland ist mehrfach zerteilt, Berlin eine ruinöse Stadt und wird von einer kleptokratischen Dikatur regiert. Herrscher über die Welt sind die Afrikaner, Bongos nennt sie der Volksmund. Sie haben das Geld, die Technologie, die Kultur.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Brenner macht alles durch, was Menschen in autoritären und verarmten Ländern so durchmachen. Mangel und Ausbeutung bestimmen das Leben, Bürokratie dient der Machtausübung der Herrschenden und der Selbstbereicherung der Bürokraten. „Die Hauptstraßen dort sind im Sommer staubig und verdreckt, im Herbst werden daraus Modderpisten mit Müll zu beiden Seiten. Die Nebenstraßen sind so ausgefahren, dass man mit einem normalen Wagen nicht durchkommt. Es gibt keinen Strom und Wasserhähne nur an den Ecken, wenn überhaupt. Der Abfall wird verbrannt oder hinter die Hütte geschmissen. Am Wegesrand schwappt eine üble Brühe vor sich hin und verpestet die Luft.“
Aufstände werden brachial niedergeschlagen oder bringen nur das nächste Regime an die Macht. Wer mutig genug ist, versucht abzuhauen. Der legendenumwobene Platz an der Sonne im fernen Afrika ist ein zu starker Magnet, als dass die Mühen und Gefahren der Flucht und der Verlust der Heimat sie zurückhalten könnte. Man kennt das. Nur andersrum. Und so flieht das Stehaufmännchen Brenner nach vielen vergeblichen Anläufen, sein Leben in der Heimat zu verbessern, und erlebt alles das, was Flüchtlinge heutzutage erleben.

Wie ist es geschrieben?
Torkler lässt Brenner seine Geschichte aus dessen Perspektive erzählen. Er sitzt im Abschiebeknast und schreibt in Hefte, die ihm der Pfarrer bringt. Die Perspektive bestimmt die Sprache. Brenner spricht im lakonischen, umgangssprachlichen Ton des kleinen Mannes und mit dessen Vokabular: Jargon und Spruchweisheiten. Manchmal hat das Witz. Auch die gedankliche Struktur des Protagonisten ist eine sehr direkte. Sie folgt und bleibt bei den Ereignissen. Das sorgt für Leichtigkeit, auch beim Lesen.

Wie gefällt es?
Ich finde, diesem Roman fehlt einiges. Zum Beispiel eine Erklärung, warum Afrika so reich geworden ist und die Welt dominieren kann. Und kann man sich die Welt und das eigene Schicksal nur mit Spruchweisheiten erklären? Das Buch bietet keine Alternativen zur Migration und zum Umgang mit Migranten an. Aber: dieser Roman hat eine große Unterhaltungskraft. Und die Umdrehung der Verhältnisse liefert eine Grundlage für Empathie beim Leser: Aus der Perspektive der eigenen Leute das Erleben der Anderen nachzuempfinden. Ich finde, das ist in einer Zeit gesellschaftlicher Spaltung schon viel.

Christian Torkler: „Der Platz an der Sonne“, Klett-Cotta Verlag, 25 EUR, ISBN: 978-3608962901

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hr-iNFO Büchercheck: Michael Kumpfmüller „Tage mit Ora“

Michael Kumpfmüller, 1961 in München geboren und inzwischen, wie viele Literaten, in Berlin lebend, hat inzwischen fünf Romane veröffentlich. Fast alle hatten bei der Kritik wie beim Lesepublikum großen Erfolg. Gerade ist ein neuer Roman von Michael Kumpfmüller erschienen, sein Titel: „Tage mit Ora“.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Tage mit Ora“ – der Titel lässt es schon anklingen – ist eine Liebesgeschichte. Ein Mann und eine Frau, beide Experten in Liebeskatastrophen, fahren miteinander in Urlaub, obwohl sie sich erst fünf Monate kennen und noch kein Liebespaar sind. Die Betonung liegt auf „noch“, denn zwischen diesen beiden sehr ungleichen Menschen entwickelt sich im Lauf der Reise doch eine zarte und sehr unkonventionelle Beziehung. Dass sie im Westen der USA unterwegs sind, von Seattle aus bis nach Arizona, sorgt für einen interessanten Hintergrund, ist aber nur atmosphärisch von Bedeutung.

Wie ist es geschrieben?
Sehr entspannt berichtet der Ich-Erzähler von den unterschiedlichen Ansichten, Bedürfnissen und Gewohnheiten zweier Menschen, die mit 40 und 50 Jahren in der Mitte des Lebens stehen. Ihre gemeinsamen Erlebnisse und Erfahrungen schildert er auf beruhigende Weise distanziert und oft mit einem leise humorvollen Unterton. Hier wird nichts dramatisiert oder in Szene gesetzt, der Text gleitet scheinbar leicht dahin wie das Auto. Nicht glatt, sondern behutsam gesteuert und mit einem ganz eigenen Tempo.
„Ich hatte keine Vorstellung, wie Ora roch, wie sie im Schlaf atmete oder mit ihren Freundinnen sprach, ich kannte ihre Geschichte nicht, wusste nicht, wie sie sich bückte, wie sie schwamm, wie sie sich ärgerte oder die Nase putzte. Kurz: Ich wusste so gut wie überhaupt nichts von ihr und sie noch viel weniger von mir, welche Freunde ich hatte, Essgewohnheiten, die Ticks, meinen Zorn, meine, wie ich es nannte, metaphysische Trauer.“

Wie gefällt es?
Fast 50 Seiten lang wartet man als Leser darauf, dass etwas Besonderes passiert. Dass etwas grandios schief läuft auf dieser Reise oder sich mit euphorischer Begeisterung aufbaut. Doch je weiter man liest, desto deutlicher wird, dass Michael Kumpfmüller genau das nicht schreiben wollte: Eine normale Liebesgeschichte. Seine „Tage mit Ora“ sind von kunstvoller Einfachheit und zarter Komik. Als Leser sind wir ganz nah dran und doch ein Stück weg, keine Voyeure, sondern staunende Zuschauer. Ein subtiler und in seiner Fragilität sehr moderner Roman!

Michael Kumpfmüller: „Tage mit Ora“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 19 EUR, ISBN: 978-3462051049

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