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hr-iNFO Büchercheck: Serhij Zhadan „Internat“

Der 43 jährige Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan ist eine Größe in der Ukraine. Er kennt aus eigenem Erleben, die Gewalt, die Angst, die Willkür, den täglichen Überlebenskampf, die Entmenschlichung, die täglichen Absurditäten. Aber auch die Kraft, den Überlebenswillen, die Zuversicht und das kulturelle Bewusstsein, an dem sich Menschen im Grauen orientieren und sich so weder selbst noch ihre Menschlichkeit preisgeben. In seinem neuen Roman bringt Zhadan beides zusammen.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Pascha ist Ukrainisch-Lehrer, spricht selbst aber russisch. Den Krieg versucht er zu ignorieren. Sein Vater reißt ihn aus dieser Realitätsverweigerung. Pascha soll seinen Neffen aus einem Internat nach Hause holen, das in der Kampfzone liegt. Er muss sich durchschlagen: zerstörte Landschaften, ruinöse Städte, wirre Frontlinien. Zu Fuß, mit Taxis oder Bussen. Er trifft auf panische Flüchtlinge, undurchsichtige Typen, Gewalttäter. Ständig steht er vor der Frage: Freund oder Feind? Die Angst ist der ständige Begleiter. Das Überleben: ein Glücksfall. Zum Beispiel als er seinen Neffen gefunden hat und sie in einem Bus auf dem Weg nach Hause sind. Da werden sie von Soldaten angehalten. Die Situation wird bedrohlich, aber ein junger Soldat, der ihm zunickt, sorgt dafür, dass sie passieren können. „Erst da spürt Pascha, dass er Angst hat. Ein Gefühl klebriger, kalter Angst. Als wäre jemand zu ihm gekommen, hätte seinen Tod aus einem Sack genommen, ihn ihm gezeigt und dann wieder zurückgelegt, in den Sack. Er hat ihn aber schon gesehen. Und weiß, dass man ihn jederzeit und überall wieder hervorholen kann. Woher kennt er ihn bloß, diesen jungen Soldaten? Wer ist das? Wer war das?“
Es war ein früherer Schüler. Glück gehabt. Die beiden kommen schließlich entkräftet aber lebend nach Hause. Der Weg hat sie geprägt. Pascha hat seine Passivität überwunden, übernimmt Verantwortung und Initiative. Der Neffe ist in zwei Tagen erwachsen geworden.

Wie ist es geschrieben?
Zhadan erzählt chronologisch aus einer Beobachter-Perspektive, unterbrochen durch Rückblenden in die Vergangenheit Paschas und durch Einblicke in seine Gedanken- und Traumwelten. Erst zum Ende hin ändert sich die Perspektive. Dann tritt ein Ich-Erzähler auf. Es ist der Neffe. Aus Erzähltem wird Erlebtes, eine Quelle. In einem Krieg, in dem die Wahrheit auf der Strecke blieb, ist das eine Kampfansage der Kunst an die Politik. Und Kunst ist dieses Buch in geradezu atemberaubender Weise. Zhadan findet Bilder für alle Varianten des Leidens, der Hoffnung, der Sehnsucht. Und es gelingt ihm, mit seiner Sprache in der apokalyptischen Handlung Ästhetik und Poesie zu manifestieren. In Handlung und Stil bringt er zusammen, was eigentlich nicht zusammen passt.

Wie gefällt es?
„Internat“ ist ein ganz starkes Buch. Eine packende Handlung mit reflektierendem Tiefgang, geschrieben in einer feinen und zugleich kräftigen Sprache. Für mich ist es das stärkste Buch dieses Halbjahres.

Serhij Zhadan: „Internat“, Suhrkamp Verlag, 22 EUR, ISBN: 978-3518428054

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hr-iNFO Büchercheck: Anne Reinecke „Leinsee“

„Leinsee“ heißt ein neuer Roman aus diesem Frühjahr. Seine Autorin Anne Reinecke wurde 1978 geboren, „Leinsee“ ist ihr Debüt. Ein Grund, mal wieder gespannt zu sein auf eine neue Erzählerstimme.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Karl ist Ende zwanzig und ein erfolgreicher Künstler in Berlin. Am Beginn des Romans erfährt er per Telefon, dass sein Vater sich das Leben genommen hat, weil seine Mutter eine sehr schwierige Hirnoperation hatte, die sie möglicherweise nicht überleben wird. Karls Eltern waren das Glamourpaar der deutschen Kunstszene. Sie zelebrierten ihr Künstlertum international, was der Sohn immer lächerlich fand. Als Karl jetzt vom Selbstmord des Vaters erfährt, reist er nach Leinsee am Leinsee, wo seine Eltern in einem Riesenanwesen wohnen, um sich um die Beerdigung und seine frisch operierte Mutter zu kümmern.
„Mara. Als der Anruf gekommen war, war sie ans Telefon gegangen. Sie hatte die Stirn gerunzelt und gesagt: „Ja. Einen Moment.“ Sie hatte ihm den Hörer gereicht und ihn nicht mehr aus den Augen gelassen, die Hand auf der Brust in Ahnungspose, zu allem Überfluss auch noch umleuchtet von der Sonne, die hinter ihr durchs Fenster fiel. Mara Dolorosa.“

Wie ist es geschrieben?
Anne Reinecke versteht es, zwei sehr unterschiedliche Geschichten miteinander auszubalancieren. Da ist der Künstlerroman, der frech und ironisch daherkommt. Eine sehr pointierte Satire auf den Kunstbetrieb, auf die leere Aufgeblasenheit von Künstlern und Galeristen, Rezensenten und Interviewern. Da gibt es Situationen und Typen, die sind echt zum Lachen! Dazu kommt aber noch eine ganz besondere Freundschafts- und Liebesgeschichte, die Anne Reinecke heiter, leicht und sehr liebevoll in Szene setzt. Aber nie kitschig oder sentimental.

Wie gefällt es?
Sehr gut!! Denn Anne Reinecke ist es gelungen, die zarte Freundschaft zwischen Karl und einem kleinen Mädchen – Tanja – so zauberhaft zu entwickeln, dass dieses Thema keinen Moment lang schräg rüberkommt. Es ist eine ganz zarte Begegnung und später Verbindung zwischen dem Kind und dem Mann, und dann eine ganz langsam wachsende Liebe. Anne Reinecke bürstet beide Genres, den Künstlerroman wie die Liebesgeschichte, gegen den Strich. Das ist mutig und originell vom Konzept her und sensibel und spielerisch umgesetzt. Ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen!!

Anne Reinecke: „Leinsee“, Diogenes Verlag, 24 EUR, ISBN: 978-3257070149

hr-iNFO Büchercheck: Maile Meloy „Bewahren Sie Ruhe“

„Bewahren Sie Ruhe“ heißt der Thriller der US-Amerikanerin Maile Meloy – die 1972 in Montana geborene Autorin ist schon vielfach für ihre Romane und Kurzgeschichten ausgezeichnet worden. In ihrem neuen Roman verbindet sie einen nervenkitzelnden Entführungsfall mit einer Familien- und Beziehungsgeschichte.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Liv und Nora sind Cousinen, seit ihrer Kindheit dick befreundet und genießen mit ihren Männern die ersten Tage auf dem luxuriösen Kreuzfahrtschiff. Die Kinder wissen sie gut untergebracht im Kids Club. Sie freunden sich mit einem argentinischen Paar an, das ebenfalls zwei, allerdings ältere Kinder hat. Bei einem Stopp im Regenwald gehen sie erstmals an Land – die Männer wollen golfen, die Frauen und Kinder planen einen Ausflug ins Landesinnere. Doch ihr Auto hat eine Panne. Fremdenführer Pedro improvisiert und führt sie an einen idyllischen Strand an einer Flussmündung. Alle sind zufrieden, die Kinder planschen im Wasser, Nora begibt sich mit Pedro auf die Suche nach einem seltenen Vogel ein Stück in den Wald, und Liv nickt ein. Als sie aufwacht, sind die Kinder weg. Die Flut hat sie auf ihrem Floß aus alten Autoreifen den Fluss hochgetrieben – doch sie sind nirgends zu finden. Als die Polizei Autospuren und eine vergrabene männliche Leiche entdeckt, steigert sich die Angst der Eltern ins Unermessliche.

Wie ist es geschrieben?
„Bewahren Sie Ruhe“ von Maile Meloy ist ein klassischer Thriller: kurze Kapitel, knappe Dialoge, immer wieder neue dramatische Ereignisse: das alles macht das Buch ungeheuer spannend. Dabei wird in abwechselnden Kapiteln von der Suche der Eltern und der Polizei nach den Kindern und aus der Perspektive der entführten Kinder berichtet. Immer im Mittelpunkt der Gedanken der Eltern: Wer hat Schuld daran, dass die Kinder verschwunden sind?
„Liv hatte erzählt, wie der Tourguide so getan hatte, als würde er unter Wasser gezogen. Spätestens da hätte sich Raymond seine Familie geschnappt und wäre abgehauen. Egal, ob man ihm vorgeworfen hätte, keinen Spaß zu verstehen. Egal, ob seine Kinder ihn uncool gefunden hätten. Er wäre mit ihnen zurück zur Straße gelaufen und hätte da auf ein Taxi gewartet.“

Wie gefällt es?
„Bewahren Sie Ruhe“ ist ein klassischer page-turner, ein Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte, so voller Spannung, so rasant die Geschichte. Besonders stark fand ich auch die Schilderungen über das Innenleben der Ehepaare, die Veränderung in den Beziehungen, die die Angst bei ihnen auslöst. Ähnliches bei den Kindern: es gibt Annäherungen und Sympathien, es gibt ängstliche und schlaue, starke und schwache. Und immer die Frage: werden sie überleben, werden sie gerettet? Und was ist danach? Kann es nach so einem Trauma wieder einen Alltag geben? „Bewahren Sie Ruhe“ von Maile Meloy erzählt eine Geschichte, wie eine Sekunde, ein unachtsamer Moment, eine Kette furchtbarer und tödlicher Folgen nach sich ziehen kann. Ein starkes Buch.

Maile Meloy : „Bewahren Sie Ruhe“, Verlag Kein & Aber, 23 EUR, ISBN: 978-3036957760

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hr-iNFO Büchercheck: Torsten Schulz „Skandinavisches Viertel“

Drei Mal Deutschland bietet der neue Roman von Torsten Schulz. Die DDR, das wiedervereinigte Land und Nazideutschland. Im Mittelpunkt steht Matthias, ein Kind der 60er Jahre, mauererfahren, gleichermaßen sozialismus- und kapitalismusgeschult. Daneben seine Eltern und ein Onkel, Gewächse der DDR. Außerdem die Großeltern, verstrickt in den Nationalsozialismus. Und natürlich ihr Milieu, kleine Leute, Mietwohnung, im Skandinavischen Viertel, einem Kiez am Prenzlauer Berg.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Matthias ist ein gewitzter Typ. Als Kind reizt er die Grenzsoldaten mit Fragen nach den skandinavischen Namen der Straßen im Schatten der Mauer. So testet er die Grenzen seiner Freiheit, wenn er schon nicht ins echte Skandinavien kann. Das kennt er nur aus Erzählungen seines versoffenen Onkels, der mal als Hilfsarbeiter eines DDR-Zirkus dort war. Als junger Mann sucht er nach einem Journalismus-Studium in Leipzig die Freiheit in Los Angeles. Auch dort überschreitet er die Grenzen, als er anfängt Stories zu erfinden. Irgendwann fliegt er auf und kommt zurück. Er wird Makler in der aufstrebenden Hauptstadt. Spezialisiert auf sein Viertel. Er verkauft nur an Leute, die für ihn in das Soziotop des Skandinavischen Viertels passen. Ein widerständiger, ja anarchischer Typ. Aber auch ein melancholischer. Am Ende trickst ihn ein Immobilienhai aus. Und auch bei den Frauen scheitert er. Aus dem Existenzialismus Albert Camus hat er seine Lebenshaltung entwickelt. Immer weiter machen, um das Scheitern wissen, daher nicht zu viel geben, die Dinge nicht so ernst nehmen, eher verdrängen und ein wenig Spaß dabei haben.

Wie ist es geschrieben?
Torsten Schulz ist ein leiser Erzähler. Aber was er erzählt, ist das Ergebnis genauer Milieubeobachtung und präzise und liebevoll nachempfunden, in meist kurzen Sätzen und anziehenden Bildern. Die Einsichten ins Leben kommen hier unaufgeregt, fast lapidar und oft überraschend um die Ecke. Manchmal in Form von Redensarten. Zum Beispiel als Matthias nach dem Krebstod seiner Mutter der Oma die Einkaufstaschen nach Hause trägt.
„Auf dem Weg zur Wohnung reden sie kein Wort miteinander. Erst in der Küche, als er die beiden Taschen abstellt, sagt die Großmutter, ohne den Gedanken irgendwie einzuleiten: „Eigentlich wäre ich an der Reihe gewesen. Stattdessen… Das Schicksal spielt verrückt, anders kann man das nicht ausdrücken.“ Kaum hat sie den Satz beendet, korrigiert sie sich: „Wahrscheinlich ist es ganz einfach: Was an der Reihe ist, muss gehen. Das ist die Bestimmung. Daran glaube ich. Das hab ich mir von den Nazis nicht verbieten lassen und von den Kommunisten auch nicht.“

Wie gefällt es?
Ich habe auf einer Zugfahrt begonnen, das Buch zu lesen und konnte es nicht mehr weglegen. Ich war ungehalten, als ich ankam und meinen Lesetrip ins Skandinavische Viertel unterbrechen musste. Von der ersten Seite an hat mich dieses Buch gefesselt. Es steckt so viel Leben darin, Wahrheit und Witz. Schade, dass es irgendwann vorbei war. Ich hätte gerne erfahren, ob Matthias doch noch sein Glück findet.

Torsten Schulz: Skandinavisches Viertel, Verlag Klett-Cotta, 20 EUR, ISBN: 978-3608981377

 

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hr-iNFO Büchercheck: Janet Lewis „Die Frau, die liebte“

Es geht um einen Kriminalfall aus dem 16. Jahrhundert. In Südfrankreich war der Bauer und Familienvater Martin Guerre plötzlich verschwunden. Jahre später tauchte er scheinbar wieder auf. Tatsächlich jedoch war es ein Betrüger, der sich da als Martin Guerre ausgab. Dieser historische Kriminalfall hat schon den Stoff für einige Bücher und Filme geliefert. Auch die Amerikanerin Janet Lewis hat sich in ihrem Roman „The wife of Martin Guerre“ mit diesem Thema beschäftigt, der jetzt auf Deutsch erschienen ist unter dem Titel „Die Frau, die liebte“.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Andere Erzähler hätten aus diesem gut dokumentierten juristischen Fall sicherlich einen dicken Schmöker gemacht. Janet Lewis aber erzählt auf nur knapp 150 Seiten sozusagen die „Rückseite“ der dramatischen Geschichte. Sie stellt Martin Guerres Frau Bertrande in den Mittelpunkt. Aus ihrer Sicht berichtet sie von Martins Verschwinden, seinem überraschenden Wiederauftauchen nach 8 Jahren, von glücklichen Jahren und aufkommendem Misstrauen dem Hochstapler gegenüber. Und dann von dem nervenaufreibenden Prozess mit unzähligen Zeugen, der auch noch in die Berufung ging, bis der echte Martin Guerre plötzlich auftauchte und der Falsche zum Tode verurteilt wurde.

Wie ist es geschrieben?
Janet Lewis erzählt sehr genau und einfühlsam von Bertrandes tiefer Verunsicherung dem zurückgekehrten Mann gegenüber– aber niemals rührselig. Wie dieser Roman überhaupt nie pathetisch wird, sondern in einer klaren, konturierten Sprache geschrieben ist. Mit liebevoll-detailreichen Schilderungen von Menschen oder der kargen südfranzösischen Landschaft, aber nie überschwänglich. Hier wird eine große historische Betrugs- und Gerichtsgeschichte in ihrer ganzen psychologischen Tiefe und Komplexität begreifbar. Wie in der folgenden Szene, Bertrande betritt das Gerichtsgebäude:
„Kann ich mich denn irren?“ fragte sie sich abermals, als sie die Steinstufen erklomm. Vor dieses Tribunal von Toulouse zu treten besaß für sie Endgültigkeit. Es gäbe keine Möglichkeit, gegen die Entscheidung Einspruch zu erheben. Der richterliche Entschluss erwartete sie dort, hinter den geschlossenen Türen, und hatte etwas von Untergang an sich. Mit einem Mal wich alles Selbstvertrauen von ihr, und Entsetzen überflutete sie.“

Wie gefällt es?
Ich habe diesen Roman fasziniert gelesen! Wegen seiner so sensiblen, eindringlichen Sprache, und wegen eines Themas, das überholt zu sein scheint und doch so aktuell ist. Denn gibt es nicht auch heute wieder unter den Immigranten zigtausende von Menschen, deren Identität wir nicht kennen? Die sich vielleicht fälschlicherweise ausgeben als Brüder oder Ehemänner? Oder umgekehrt wirklich Brüder oder Ehemänner sind, aber nicht mehr erkannt werden nach acht Jahren Krieg? Und: Sind die Fragen, inwieweit wir lieber unserem Gefühl vertrauen oder unserem Verstand, welchen Betrug wir verzeihen können oder nicht und ob es nicht auch gute Betrüger gibt, nicht eine ganz existentielle? Ich finde: Ja!!

Janet Lewis: Die Frau, die liebte, dtv, 18 EUR, ISBN: 978-3423281553

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hr-iNFO Büchercheck: Andreas Maier „Die Universität“

Die Kreise weiten sich. Andreas verlässt die Wetterau, das vertraute Gelände. Er zieht in die Großstadt, versucht sich an der Universität zu orientieren. Ein doppelter Sprung also. Alles ist anders. Der Erstsemester-Student fühlt sich als Würstchen unter den wichtig und wissend erscheinenden älteren Kommilitonen.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Maiers Held beobachtet die anderen und sich selbst, setzt sich zu den unterschiedlichsten Typen an der Uni in Beziehung, definiert seinen Standort in dieser Welt und mögliche Rollen für sich. Er sucht nach seiner Identität. Und so kommt es, dass der Philosophiestudent darüber philosophiert, ob er denn nun Subjekt oder doch vielleicht nur Objekt ist. Ob er eine Person ist oder aus mehreren nebeneinander existierenden Personen besteht. Und er entdeckt für sich, dass das Wort „ich“ der Mittelteil des Wortes „nichts“ ist. Oder dass das Individuum nur sich selbst also solches sieht, während es für die anderen in der Regel nur als Teil der Masse sichtbar wird. Zum Beispiel in der Rush-Hour bei der Heimfahrt von der Uni in die Wetterau.
„Zeitlich fahren sie acht Stunden später dann von Millionen Parkplätzen wieder los, durch alle Straßen zurück, an allen Häusern, allen Menschen, allen Plätzen, an allem vorbei, und sammeln sich, Abend für Abend, zu jenem finalen Bild am Nordwestkreuz, dem ewig wiederholten Stillstand unserer Zielhaftigkeit, in dem wir aufgelöst werden und aufgehen in der Masse der vollkommen Gleichheit ohne Namen, Rang, Geschichte, Herkunft, Person, Eigenschaft, Wille, Geschlecht. Und sitzen in den Autos mit unserer uns nach wie vor unauslöschlich erscheinenden Individualität.“

Wie ist es geschrieben?
Andreas Maier erzählt diese Reifung eines intellektuellen Ichs im Wesentlichen chronologisch und episodisch. Es gibt irritierende Begegnungen und Beobachtungen an der Uni, verzweifelte Selbstbespiegelungen, kleine Fluchten in die Sicherheit der provinziellen Heimat und Versuche in Frankfurt ein neues Zuhause einzurichten, räumlich und sozial. Maier registriert das alles, verbindet es aber analytisch. Immer wieder tritt der Autor daher aus seinem gleichnamigen, mehr oder weniger autobiografischen Helden heraus. Das wird dann zum Beispiel durch Komik markiert. So wird der Held etwa im Zustand der größten Verwirrung allergisch gegen sich selbst, kriegt Pickel und Magenkrämpfe. Oder er hat einen Job als Pfleger der spinnerten Witwe des Philosophen Adorno. Diese Aufgabe bringt ihn in seiner Persönlichkeitsentwicklung weiter. Darüber hinaus birgt diese Episode in ihren erzählerischen Details aber auch ein Feuerwerk an komischen Einfällen.

Wie gefällt es?
Ich finde, Maier bringt zwei Dinge gut zusammen. Er analysiert, wie aus einem provinziellen Pennäler eine intellektuelle Persönlichkeit reift. Und er erzählt das in prägnanten Beobachtungen, Ereignissen und Handlungen. Dass dieses Erzählen auch immer wieder überraschend und sogar lustig wirkt, das macht für mich die besondere Qualität des Romans aus.

Andreas Maier: „Die Universität“, Suhrkamp Verlag, 20 EUR, ISBN: 978-3518427859

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hr-iNFO Büchercheck: Wolfgang Schorlau „Der große Plan“

Der als akribische Rechercheur bekannte Autor Wolfgang Schorlau hat sich diesmal auf die Spur des Geldes der Griechenland-Rettung gemacht.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Privatdetektiv Georg Dengler bekommt einen richtig großen Auftrag: das Auswärtige Amt engagiert ihn, um die EU-Beamtin Anna Hartmann zu finden. Augenscheinlich ist sie mitten in der Nacht in Berlin auf offener Straße entführt worden, ein privates Handy-Video lässt dies vermuten. Mithilfe seiner technisch versierten Freundin gelingt es Dengler, vier verdächtige Männer zu identifizieren. Doch bevor er sie befragen kann, werden sie ermordet. Dengler ist verunsichert, seine Ermittlungen stocken. Er weiß nur: die gesuchte Anna Hartmann war kurz davor, in der EU einen höheren Posten zu belegen. Sie war eine strikte Befürworterin der harten Maßnahmen gegen Griechenland, hat allerdings womöglich kurz vor ihrem Verschwinden ihre Meinung geändert. Als Dengler einen USB-Stick in ihrem Keller findet, glaubt er, die möglichen Entführer aus der Reserve locken zu können. „Am nächsten Tag traf Dengler sich mit Leopold Harder im Bistro Brenner. „Ich habe einen Plan – und ich bitte dich, mir zu helfen“, sagte Dengler zu ihm. „Wenn ich kann, gerne“. „Du hast mich auf eine wichtige Spur gebracht. Nehmen wir an, Anna Hartmann hat ein Konzept erarbeitet, das beinhaltet, dass ein großer Teil der griechischen Schulden illegitim ist.“ „Sie wird dann einen Schuldenschnitt verlangt haben“. „Ja. Wir werden einen Text in diesem Sinn verfassen. Wichtig ist, dass die Entführer glauben, wir hätten das, was sie suchen“. „Dazu müssten wir irgendwie mit den Entführern Kontakt aufnehmen. Dummerweise wissen wir nicht, wer sie sind.“

Wie ist es geschrieben?
Wolfgang Schorlau ist kein Literat, kein Meister des feinen Stils. Seine Bücher leben vielmehr von der Recherche, von den Fakten, die er mithilfe einer spannenden Erzählung präsentiert. Und das kann er, und zwar gut. Die Sprache ist dabei klar, präzise, nur bei den privaten Randfiguren mitunter etwas geschwätzig.

Wie gefällt es?
Wolfgang Schorlau erzählt in seinem Krimi „Der große Plan“ über die Hintergründe der Griechenland-Rettung, davon, warum gerade Griechenland in diese Krise geraten ist und wer daran ein Interesse hatte. Diese Recherche geht allerdings kaum über bereits bekannte Fakten hinaus, auch wenn diese bislang nur wenig öffentlich debattiert wurden. Von daher finde ich es gut, dass dies in Form eines Krimis dargestellt wird und damit auch Menschen erreicht, die nicht die Hintergrund-Recherchen in Radio, Fernsehen oder Tageszeitungen verfolgen. Zu viel Platz bekommen haben in diesem Krimi für mich aber die Verbrechen der Nationalsozialisten in Griechenland während des 2. Weltkrieges und die Folgen bis in heutige Generationen. Da hätte ich lieber mehr von den Kungeleien mit den Griechenland-Milliarden gelesen.

Wolfgang Schorlau: „Der große Plan“, Kiepenheuer & Witsch, 14,99 EUR, ISBN: 978-3462046670

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hr-iNFO Büchercheck: Szczepan Twardoch „Der Boxer“

Szczepan Twardoch ist Jahrgang 1979 und ein Star der polnischen Literaturszene. Sein neuster Roman „Der Boxer“ hat das Zeug dazu, die konservativen, nationalistischen Kreise in Polen in Rage zu versetzen.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Der Roman spielt im Warschau des Jahres 1937. Der titelgebende Boxer ist Jakob Shapiro – er ist Schwergewichtsmeister, er ist der Inbegriff eines wehrhaften Juden, und er ist ein Killer, der gleichzeitig Auftragsmorde für die Warschauer Mafia erledigt – eine Mafia, die zwar ein skrupelloses Verbrechersyndikat ist, die aber gleichzeitig Stellung bezieht gegen den faschistischen Nationalismus, der sich anschickt, mit einem blutigen Putsch die Macht zu übernehmen. Das alles ergibt ein komplexes Bild der polnischen Vorkriegsgesellschaft, einer zerrissenen Gesellschaft, in der Straßenschlachten, Erpressungen, politische Intrigen und ein grassierender Antisemitismus an der Tagesordnung sind.

Wie ist es geschrieben?
Szczepan Twardoch erzählt die Geschichte von Aufstieg und Fall des Jakob Shapiro in Stil eines noir-Krimis: düster, direkt und harten schwarz-weiß-Kontrasten. Gewalt ist allgegenwärtig in der Welt Shapiros: Ob auf der Straße, in den Kneipen und Bordellen oder im Fond seines Buick: „Shapiro drehte sich langsam auf seinem Sitz um, und Munja hatte, ehe er sich versah, den Lauf einer Pistole an der Stirn, eines kleinen Colt 1903 mit perlenbesetztem Kolben, der zwischen Shapiros Fingern glitzerte. „Reiß die Fresse noch einmal ungebeten auf, dann landest du im Kofferraum neben diesem Scheißkerl“, flüsterte Jakub.
Die Brutalität dieses Romans ist teilweise verstörend, nicht zuletzt deshalb, weil Twardoch mit Bildern von Gewalt und Demütigungen arbeitet, die wir eher aus Beschreibungen des Holocaust kennen. Und dann ist da auch noch der Erzähler des Romans, Mosche Bernstein, dessen Vater von Shapiro auf grausame Weise ermordet wird, und der sich trotzdem dessen Syndikat anschließt – aus Bewunderung für dessen Wehrhaftigkeit. Und so lautet der erste Satz des Romans: „Meinen Vater hat ein großer gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makkabäischen Kämpfers getötet.“

Wie gefällt es?
„Der Boxer ist ein mitreißendes Gangsterepos, schonungslos, packend und schwindelerregend in seiner Auflösung der Grenzen zwischen Opfern und Tätern. Vieles von dem, was hier über die Warschauer Vorkriegszeit, über die gesellschaftliche Spaltung und politische Radikalisierung erzählt wird, war mir vollkommen unbekannt. Es sollte mich nicht wundern, wenn dieser Roman so gar nicht ins Geschichtsbild der aktuellen national-konservativen Regierung passt – um so wichtiger, dass Szczepan Twardoch dieses dunkel Kapitel der polnischen Vergangenheit so effektvoll und überzeugend in Szene gesetzt hat.

Szczepan Twardoch: „Der Boxer“, aus den Polnischen von Olaf Kühl, Rowohlt Berlin, 22,95 EUR, ISBN: 978-3737100083

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hr-iNFO Büchercheck: Liv Strömquist „Der Ursprung der Liebe“

Liv Strömquist zeigt uns in ihrem Comic „Der Ursprung der Liebe“, dass fast nichts, was wir als „natürlich“ in Bezug auf Liebe und Partnerschaft empfinden, auch wirklich ganz natürlich ist.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchler hat den Comic gelesen.

Worum geht es?
Strömquist verbindet nordische Göttinnen, soziologische Theorien und die Psychoanalyse und lässt die Essenz daraus lebendig werden – in alltäglichen Situationen von Durchschnittspärchen genauso wie in den großen Liebestragödien der Popkultur. Unmissverständlich, scharfsinnig und überzeugend macht sie klar: in Sachen Liebe und Beziehungen sind eine ganze Reihe von unbewussten Annahmen, von Missverständnissen und sogar psychologischen Störungen im Spiel. Wenn sie z. B. der Frage nachgeht, warum Frauen sich so häufig von Männern angezogen fühlen, die sie emotional am langen Arm verhungern lassen. Oder warum ausgerechnet der Übergang zur Heirat aus Liebe mit einer prüderen Einstellung zum Sex einhergegangen ist.

Wie ist es geschrieben?
Liv Strömquist serviert uns eine sehr lesenswerte Sammlung kurzer Comics voller Theorie-Highlights, umgesetzt als rasante, schwarz-weiße Bildergeschichten mit Fun-Comic-Ästhetik. Teils witzig und bissig, teils berührend gefühlvoll in poetische Bilder gefasst. Sie nimmt das Thema ernst – behält sich dabei aber eine Leichtigkeit und Selbstreflexivität, die Spaß und Lust macht, ihr bei ihren Gedankengängen zu folgen. Sie dreht und wendet alles, was wir im Allgemeinen als normal in Bezug auf die Liebe empfinden, – und überzeichnet es bis ins Absurde:
„(Sie:) „Wir lieben einander.“ (Er:) „Das bedeutet, dass ich bestimmen darf, was du mit deinem Körper machst.“ (Sie:) „Ok. Darf ich einen Schweden schminken?“ (Er:) „Ja!“ (Sie:) „Darf ich einen Magier martern?“ (Er:) „Ja!“ (Sie:) „Darf ich den Kaschmirpullover eines Kollegen kraulen?“ (Er:) „Ja! – Aber wenn deine Genitalien auf irgendeine Weise in Kontakt mit einem anderen menschlichen Körper kommen, krachen meine Psyche und mein Selbstwertgefühl zusammen wie ein Kartenhaus und ich brauche Jahre, um mich davon zu erholen.““

Wie gefällt es?
Ihre Comics haben mir nicht nur zu vielen neuen Einsichten verholfen, sondern mich auch ganz oft zum Schmunzeln und zum Lachen gebracht. Auch wenn ich dabei oft gleichzeitig ziemlich schlucken musste. Denn die größte Stärke des Buchs ist das vorwegnehmende Entkräften von allen „Ja-aber-Einwänden“, die Einem beim Lesen gegen ihre Entzauberung der „Liebe“ einfallen könnten. Ein tolles, schlaues, witziges Buch – das ich jedem empfehlen möchte: verblendeten Romantikern, Desillusionierten, Verschmähten und unbedingt auch frisch Verliebten!

Liv Strömquist: „Der Ursprung der Liebe“, Übersetzung aus dem Schwedischen von Katharina Erben Comic, avant Verlag, 20 EUR, ISBN: 978-3945034897

hr-iNFO Büchercheck vom 15.03.2018: Kristine Bilkau „Eine Liebe, in Gedanken“

Antonia und Edgar lernen sich 1964 in Hamburg kennen. Beide sind Kriegskinder, kennen die Entbehrung, die Enge in Familie und Gesellschaft. Sie verlieben sich ineinander, glauben, super zueinander zu passen. Dann bewirbt sich Edgar für einen Job in Honkong. Antonia soll nachkommen. Sie schreiben sich, versichern sich ihrer Liebe und irgendwann kommt dann per Telegramm die Ankündigung, Antonia möge sich für den Umzug vorbereiten. Das Flugticket folge. Antonia kündigt Job und Wohnung. Aber das Ticket kommt nicht. Sie versucht mit anderen Männern Edgar zu vergessen, bekommt eine Tochter, stirbt irgendwann ziemlich einsam an Herzschwäche.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Warum hat Edgar sein Versprechen nicht gehalten? Was ist passiert? Diese Frage bleibt für Antonia unbeantwortet. In dem Roman sucht Antonias Tochter nach einer Antwort. Sie rekonstruiert anhand von Briefen, Fotos und Erinnerungen. Im Verlauf der Rekonstruktion kommen Zweifel auf, ob die Beiden wirklich so gut zueinander passten. Ob sie sich das nicht nur vormachten, weil sie es sich wünschten. Mehr Projektion als Realität? Es gibt zum Beispiel diesen Dialog ein paar Tage vor der Abreise Edgars nach Honkong:
„“Die Gegenwart ist das Rohmaterial, aus dem die Zukunft geformt wird“, sagt er auf einmal. Sie blickt ihn erstaunt an. „Ja?“, sie fühlt sich noch immer nicht richtig wach. „Dann ist das hier Rohmaterial?“ „Nein, ich habe nur gerade an die ersten Wochen in Hongkong gedacht. Die sind das Rohmaterial.“ „Ach so“, sagt sie. „Und das hier, was ist das hier?“ „Eine kleine Traumwelt.““
Schon hier, etwa in der Mitte des Buchs, scheint im glücklichsten Moment eine Ahnung des Scheiterns durch.

Wie ist es geschrieben?
Kristine Bilkau montiert zwei Zeitschienen. Zum einen chronologisch das Geschehen der 60er Jahre, versehen mit konkreten Tagesdaten. Zum anderen die Rekonstruktion der Tochter in unserer Zeit. Die eine Schiene ist unmittelbar und bleibt in der Welt und Gedankenwelt Antonias und Edgars. Die andere ist die reflektierte, die bewertende. Die Tochter kommentiert gewissermaßen das historische Geschehen und bringt ihren eigenen Antrieb als Spurensucherin ein. Diese Kombination verstärkt einerseits die Emotionalität des Buchs, andererseits erzeugt sie einen permanent wachsenden Spannungsaufbau, der in einer Begegnung zwischen der Tochter und Edgar mündet.

Wie gefällt es?
Der Roman hat mich von der ersten Seite an gepackt. Schon die Grundfrage ist fesselnd. Warum scheitert etwas, was als Liebe des Lebens empfunden wird? Dann ist es die Dramaturgie der beiden Zeitschienen, die die Spannung, manchmal mit Verzögerungen, immer höher treibt. Und schließlich die Sprache Bilkaus. Reportagehaft mit vielen beschreibenden Details, aber auch sehr fein ziselierten Stimmungen, die Bedeutung tragen. Sehr gekonnt und anziehend.

Kristine Bilkau: „Eine Liebe, in Gedanken“, Luchterhand Verlag, 20 EUR, ISBN: 978-3630875187

 

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