Neueste Posts

Rose bespricht: Mary E. Pearson “Der Klang der Täuschung”

“Der Klang der Täuschung” spielt einige Jahre nach der “Die Chroniken der Verbliebenen” Reihe, jedoch treffen wir hier auf neue Charaktere und eine neue Geschichte. Dabei begleiten uns Gedichte und Liedverse durch das Buch. Die Protagonisten haben beide wundervolle Persönlichkeiten und Erfahrungen, die nicht unterschiedlicher sein könnten und dennoch konnte ich die Handlungen beider Seiten verstehen und nachvollziehen.
Das Buch beinhaltet eine tolle Fantasygeschichte, die auf jeden Fall empfehlenswert ist.

Klappentext:
Kazi ist auf den Straßen Vendas groß geworden und schlägt sich als Taschendiebin durch. Doch als eines Tages Königin Lia persönlich auf sie aufmerksam wird, ändert sich ihr Leben schlagartig. Von nun an ist Kazi eine Rahtan und gehört der königlichen Leibgarde an. Sie erhält den Auftrag, die Verräter ausfindig zu machen, die für den Großen Krieg verantwortlich sind. Vermutlich haben sie bei einem feindlichen Rebellenvolk an der Landesgrenze Zuflucht gefunden. Doch als Kazi dort eintrifft und den jungen Anführer Jase kennenlernt, bringen Gefühle ihre Pläne durcheinander. Denn auch wenn ihr Kopf weiß, dass der Mann ihr Feind ist, so kann sich ihr Herz nicht gegen ihn wehren …

Zur Besprechung auf der Homepage

hr-iNFO Büchercheck: Paolo Giordano „Den Himmel stürmen“

Wenn sie nicht in Apulien lebten, hätte man sie sich auch im Hambacher Forst vorstellen können. Eine Gruppe junger Leute, die das Abholzen alter Bäume verhindern will. Mit Blockade und Sabotage, mit ihren Körpern aber auch mit selbsterzeugtem Sprengstoff. Bernardo, kurz Bern, die Hauptfigur, baut sich sogar ein Nest in einem Baum. Doch es sind keine Eichen und Buchen, sondern Olivenbäume. Sie sollen für einen Golfplatz weichen. Am Ende gibt es einen toten Polizisten, den Cousin Berns. Bern steht unter Tatverdacht.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Wie konnte es zu dieser Tragödie kommen? Das erzählt Giordano aus der Perspektive Teresas. Als junges Mädchen kommt sie regelmäßig mit ihrem Vater aus Turin nach Apulien, um die Ferien im Landhaus ihrer Großmutter zu verbringen. Dort lernt sie Bern, seinen Cousin und einen dritten Jungen kennen, die auf dem Nachbarhof leben. Die drei Jungen treten auf wie Brüder. Doch nur Nicola, der spätere Polizist, ist tatsächlich ein Sohn der Nachbarn. Bern und auch Tommaso sind Pflegekinder. Cesare, der Vater, ist eine Mischung aus Hippie und katholischem Guru, der an die Wiedergeburt glaubt. Die Kinder wachsen in einer Art selbstgestrickten religiösen¬ Indoktrination auf. Teresa wird davon angezogen, besonders aber von Bern, den sie nahezu hörig liebt und später heiratet. Bern liest viel, wird zum Nihilisten, Narzissten und Tyrann. Tommaso erinnert sich: „Er begann mit „der große Egoist“ zu unterschreiben. In riesigen Lettern schrieb er mitten auf ein Blatt: „UNSERE AUFGABE IST ES, DEN HIMMEL ZU STÜRMEN!“ Er schrieb: „Wir müssen ihn erklimmen, den Himmel. (…) Im letzten Brief ( …) wiederholte er einen Satz, der das Ergebnis all dieser Studien war. (…)“ Jetzt habe ich es verstanden. Nicht ich irrte mich. Gott ist nur eine banale Erfindung. Nur wer lebt, hat Recht.“ Bern wird ein Mensch mit eigenen willkürlichen Regeln. Die Gruppe fällt auseinander. Alle Anläufe, den Himmel zu stürmen, bringen nur Katastrophen hervor.

Wie ist es geschrieben?

Giordano erzählt aus der Perspektive Teresas, die auf das Geschehen zurückblickt. Sie berichtet und trägt von anderen zusammen, was sie selbst nicht erlebte. So wird aus verschiedenen Quellen das Beziehungsgeflecht der Figuren deutlich, ihre Ambitionen, ihre Schwächen, aber auch ihre gegenseitige Verletzung. Verborgenes tritt zutage. Auf 500 Seiten ergibt sich ein Panorama verletzter Seelen.

Wie gefällt es?

Junge Leute und ihre utopischen Projekte, brüchige Fassaden, Generationenkonflikte, Impulsivität, Kontrollverluste. Das hat einen hohen Reiz, ist spannend. Giordano trägt mit manchen Details zwar dick auf, aber es gelingt ihm, das Geschehen psychologisch zu motivieren. Und er erzählt es mit Leichtigkeit und Überraschung. Das hat mich schnell reingezogen und gefesselt.

Paolo Giordano: „Den Himmel stürmen“, Rowohlt, 22 EUR, 978-3498025335

Hier bestellen

hr-iNFO Büchercheck: Lucy Fricke „Töchter“

Die Schriftstellerin Lucy Fricke ist Jahrgang 1974 und in den letzten Jahren langsam aber sicher von einer spannenden Nachwuchsautorin zu einer der interessantesten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur geworden. Für ihren neuesten Roman „Töchter“ wurde sie gerade mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

„Töchter“ ist ein Roman aus dem beliebten Genre der „Roadnovel“, aber die Reise, auf die Lucy Fricke ihren beiden Heldinnen schickt, die hat es wirklich in sich. Es beginnt damit, dass Betty und Martha, beide Anfang 40, beide mitten in der Midlife-Crisis sich aufmachen, um Marthas Vater Kurt in einer Schweizer Sterbeklinik abzuliefern. Das klingt düster, ist es aber überhaupt nicht, zumal sich herausstellt, dass der gute alte Kurt seine Suizidabsicht nur vorgetäuscht hat, um in der Schweiz seine Jugendliebe wiederzusehen. Das allerdings hält die beiden Freundinnen nicht davon ab, weiterzufahren Richtung Italien, um dort das Grab von Bettys geliebtem Stiefvater zu besuchen, wobei sich auch die Nachricht von dessen Tod als leicht übertrieben herausstellt – das Grab ist jedenfalls leer.

Wie ist es geschrieben?

Dieser Roman hat das, was eine Roadnovel natürlich haben muss: Er hat Tempo, überraschende Wendungen und auch den ein oder anderen Crash. Darüber hinaus ist er sehr, sehr witzig. Betty und Martha sind zwei sympathische Loserfiguren, die ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs balancieren – ohne dabei ihren Sinn für Selbstironie zu verlieren. Das zeigt sich in schnellen, unterhaltsamen Dialogen, die Lucy Fricke einfach wunderbar beherrscht. Dazu kommen dann immer wieder überraschende und pointierte Alltagsbeobachtungen, etwa bei der Frage, was einen guten Liebhaber ausmacht: „Nie wieder ein Tätowierter“, sagte ich. „Die reden die ganze Zeit. Schlimmer als Angler. Als ich anfing mit Sex, haben mir die Männer ihr Leben anhand von Narben erzählt. Das hat meistens nicht lange gedauert. Jetzt kommen langsam die Bypässe dazu, aber die sind schnell erzählt. Tätowierungen hingegen sind ins Fleisch gebrannte Geschichten.“ Dabei geht es Lucy Fricke nicht nur darum, besonders witzig und originell zu sein. Dieser Roman wie auch die Reise der beiden Freundinnen hat durchaus ein ernsthaftes und potentiell tragisches Ziel, das aber hier nicht verraten soll.

Wie gefällt es?

Mir hat dieser Roman einen Heidenspaß gemacht. Wie Lucy Fricke hier die Tochter-VaterBeziehung auf eine schräge Bahn bringt, und das gleich in doppelter und dreifacher Hinsicht, das ist schon großes Erzählkino. Das ist rasant, das ist spannend bis zum Schluss. Und was lernen wir daraus? Vielleicht, dass man dem Tod nicht entkommen kann, aber dass es ziemlich unterhaltsam ist, ihm hinterherzufahren – jedenfalls mit Lucy Fricke.

Lucy Fricke: „Töchter“, Rowohlt, 20 EUR, ISBN: 978-3498020071

Hier bestellen

hr-iNFO Büchercheck vom 10.01.2019: A.L. Kennedy „Süßer Ernst“

A. L. Kennedy ist eine der Großen in der zeitgenössischen britischen Literatur. Sie gilt als schonungslos realistisch, sie kann böse und witzig sein, analytisch und sinnlich. Jetzt ist ein neuer Roman von ihr auf Deutsch erschienen.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Der Brexit wird in A.L. Kennedys Roman nirgendwo explizit erwähnt. Und doch durchweht die Geisteshaltung des Establishments in Westminster große Teile des Buchs. Eben die Geisteshaltung, die das Risikospiel mit der öffentlichen Meinung und das manipulative Werben für den Ausstieg aus der EU erst möglich machte. Einer der beiden Protagonisten, Jon, ist ein hoher Beamter, der den Regierenden hilft, aus politischen Entscheidungen nette Geschichten zu machen, damit die Leute die Entscheidungen schlucken. Fakten spielen dabei keine Rolle. Die zweite Protagonistin, Meg, ist eine von denen, die diese Geschichten schlucken sollen. Sie ist als Wirtschaftsprüferin gescheitert, wurde als Opfer von Vergewaltigung und Gewalt Alkoholikerin. Jetzt ist sie seit einem Jahr trocken. Hier treffen sich zwei zutiefst verletzte Menschen. Jon hat sich seinem Job entfremdet, er hat mit seinen Idealen nichts mehr zu tun.
„Das offene Geheimnis, das im Herzen der öffentlichen Dienstleistungen liegt, besteht – wie du weißt – darin, dass es Fakten gibt, aber die sind unwichtig. Es gibt Erkenntnisse, und diese Erkenntnisse können beweisen oder widerlegen, was der bessere, wenn nicht gar der beste – Weg zu allem ist. Zu grundsätzlich allem. (…)Sie müssen Gewissheit haben, sie müssen schrille Meinungen und fassbare Wahrheiten haben, damit sie die Wirklichkeit besser überdecken können.“

Wie ist es geschrieben?

Kennedy kondensiert die Handlung auf einen Tag im Frühling. Den Tag, an dem sich Meg und Jon mit vielen Erwartungen zum Essen verabredet haben. Von 6Uhr42 des einen Tages bis 6Uhr42 des nächsten. Der entscheidende Tag. Die Kapitel wie ein Countdown. Kommen Sie zusammen? Kennedy unterbricht die Handlung mit den Gedankenströmen der beiden. Regelmäßig wechselt die Perspektive zwischen Meg und Jon.

Wie gefällt es?

Die Konstruktion des Buchs ist anstrengend. Ständig unterbrechen die inneren Monologe die Handlung, man muss sich orientieren und auch konzentrieren auf diese tiefgründige Erkundung der beiden Figuren. Darauf muss man sich einlassen und wird dann auch belohnt. Kennedy liefert Bilder des Lebens und Überlebens in einem heruntergekommenen System. Momente einer Zeitenwende. Und zugleich die Beschwörung der Menschlichkeit, der Überlebensfähigkeit der Bedürfnisse nach Zuwendung, Zärtlichkeit und Glück in der Gemeinsamkeit. Ich finde: beeindruckend.

A.L. Kennedy: „Süßer Ernst“, Hanser Verlag, 28 EUR, ISBN: 978-3-446-26002-3

hr-iNFO Büchercheck: Alexa Hennig von Lange „Kampfsterne“

Mit ihrem Debütroman “Relax” wurde Alexa Hennig von Lange 1997 zu einer der bekanntesten Autorinnen der deutschen Popliteratur. Mittlerweile hat sie eine ganze Reihe von Jugendbüchern, Theaterstücke und Romanen geschrieben.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?

Die Kampfzone dieses tragisch-komischen Gesellschaftsromans ist eine gutbürgerliche westdeutsche Stadtrandsiedlung im Jahr 1985. Im Zentrum stehen zwei vierköpfige Familien, aber eigentlich kämpft hier jeder gegen jeden: Rita, die unendlich ehrgeizige und genauso frustrierte Übermutter, die nicht ertragen kann, dass Nachbars Kinder klüger, begabter und schöner als die eigenen Nachkommen sind, und das vor allem den schlechten Genen ihres Mannes Georg zu Last legt, einem sensiblen Warmduscher vor dem Herrn. Ganz das Gegenteil ist Rainer, ein mittelmäßig erfolgreicher Architekt aber ausgewachsener Macho, der seine weitaus begabtere Frau Ulla zwingt, nur halbtags zu arbeiten und sie obendrein noch vor den Augen der Kinder verprügelt. Diese überspannte Atmosphäre explodiert schließlich in einer Vergewaltigung und einer Kindesentführung, ohne allerdings in der reinen Katastrophe zu enden. Es gibt Hoffnung in diesen Roman, auch wenn sie nicht leicht zu finden ist.

Wie ist es geschrieben?

Alexa Hennig von Lange erzählt diese Geschichte von Neid, Gewalt und Vernachlässigung aus zehn ständig wechselnden Perspektiven. Das verleiht dem Ganzen ein hohes Tempo, und lässt uns den Figuren sehr nahe kommen. Dabei findet Hennig von Lange für jede dieser Figuren eine widererkennbare Stimme – sei es die des 8jährigen Nesthäkchens, das mit ihren roten Haaren unschwer als alter ego der Autorin zu erkennen ist, sei es die Stimme der rebellische Teenagertochter oder die der gegensätzlichen Vaterfiguren, Georg und Rainer. Am dominantesten aber ist und bleibt die der frustrierten Supermutter Rita: “Ich bin die Mutter einer Geigerin, der kommenden Anne-Sophie-Mutter, von einem Mädchen, das kleine Serenaden selbst komponiert. Aber leider auch Segelohren hat, die sie von Georg, meinem asthmatischen, linkischen Mann geerbt hat.”

Wie gefällt es?

“Kampfsterne” ist ebenso böse wie unterhaltsam. Es ist einer dieser Romane, bei dem einem da Lachen im Halse stecken bleibt. Aber er ist auch und vor allem eine Reise in jene westdeutschen 80er-Jahre, die im Rückblick ja so gerne verklärt werden. Interessant ist dabei, dass eine heute 45jährige Autorin ausgerechnet auf jene Zeit schaut, da ihre Eltern so alt waren, wie sie jetzt. Und daraus ergibt sich die eigentliche Spannung dieses Romans, in dem nämlich ständig die Frage mitschwingt, wie unsere Kinder später einmal über uns und unsere vielleicht genauso verkorksten Beziehungen urteilen werden. Das ist eine beunruhigende Frage eines aufregenden Romans.

Alexa Hennig von Lange, “Kampfsterne”, Dumont Verlag, 20 EUR, ISBN: 978-3832197742

Hier bestellen

LeseEule: Sebastian Fitzek “Der Insasse”

Was ist schlimmer als zu wissen, dass das eigene Kind ermordet wurde? -Den Täter zu kennen und nichts gegen ihn unternehmen zu können!

Diese Situation erlebt Till Berkhoff, als sein Sohn Max verschwindet und offensichtlich ein Opfer eines perversen Serienmörders wird. Doch dieser wird, anstatt für den Rest seines Lebens in den Knast zu wandern, in einer Nervenheilanstalt eingewiesen.

Till braucht Gewissheit: Max‘ Verschwinden wurde niemals aufgeklärt und so wagt er sich direkt hinein in die Höhle des Löwen, ungeachtet dessen, welchen Gefahren er in solch einer Irrenanstalt ausgesetzt sein könnte.

Sebastian Fitzeks neuester Thriller hat mir an der ein oder anderen Stelle einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Er beschreibt die unvorstellbaren Grausamkeiten, die menschlichen Abgründe, die einem in der Steinklinik in Berlin-Tegel begegnen, bis ins kleinste Detail.

Dieses Buch ist definitiv nichts für schwache Nerven. Wem aber auch schon ,,Passagier 23“ oder ,,die Blutschule“ gefallen haben, für den ist dieses Buch genau das richtige.

Wir danken LeseEule für diese Rezension!

Hier bestellen!

hr-iNFO Büchercheck: Simone Buchholz „Mexikoring“

Mexikoring ist ein Bürohochhausghetto im Norden Hamburgs. Hier brennt ein Auto, wie so oft in dieser Stadt. Aber diesmal sitzt noch jemand drin.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?

Staatsanwältin Chastity Riley wird aus dem Bett geklingelt: ein Auto brennt, darin eingeschlossen ein Mann, er wird von der Feuerwehr herausgeholt und ins Krankenhaus gebracht, aber er überlebt nicht. Die Fahrzeugpapiere nennen einen Namen, der alle elektrisiert: Nouri Saroukhan, Mitglied eines türkischstämmigen Clans, der die Polizei immer wieder beschäftigt. Nouri, das wird schnell ermittelt, war nicht in die kriminellen Strukturen verwickelt, seine Familie hatte ihn deshalb verstoßen. Er hatte in Hamburg studiert, das Studium jedoch vor einiger Zeit hingeschmissen und für gutes Geld bei einem Versicherungskonzern gearbeitet. Parallel wird die Geschichte von Nouris Jugend erzählt, wie er in der Familie aneckt, wie er immer wieder brutal geschlagen wird. Und eines Tages Aliza kennenlernt, ein wildes, eigenwilliges Mädchen, das ebenso wie er aus einer ClanFamilie stammt und sich nicht einfügen will.

Wie ist es geschrieben?

Simone Buchholz schreibt in einem ungewohnten, schnoddrigen Ton, der besonders gut ihre Hauptfigur, die Staatsanwältin Chastity Riley, charakterisiert. Diese ist taff, spröde, trinkt zu viel, kann mit Gefühlen und den dazugehörigen Männern nicht umgehen – lässt sich aber nie ganz unterkriegen. „`Wer zur Hölle hat Nouri Saroukhan umgebracht? Familie oder Freunde?´ Ich würde jetzt spontan sagen: das Leben, aber das sag ich lieber nicht, Stepanovic hasst es, festzustecken, da sollte man dann keine blöden Scherze machen. Obwohl, so blöd war der gar nicht, und lustig war es eigentlich auch nicht gemeint. `Ich tippe auf Feinde´, sagt der Faller. So, der war jetzt echt keinen Deut besser. Dann trinken wir zusammen und warten darauf, dass die Fragen endlich hinter den Horizont fallen.“

Wie gefällt es?

Der schnoddrige Tonfall hat mich am Anfang irritiert – und dann konnte ich nicht mehr genug davon bekommen. Das ist irgendwie sehr cool, sehr direkt, manchmal auch sehr hart. Es hat mich gefesselt, von der doch mehr oder weniger kaputten Staatsanwältin Chastity Riley zu lesen. Und ihren Ermittlungen, die mitten in die Clan-Strukturen führen. Clans, die die Polizei nicht akzeptieren, die eigene Gesetze haben, die kriminell sind und rauben und morden, auch in ihren eigenen Kreisen. Der Krimi „Mexikoring“ hat mich da reingezogen – und berührt hat mich die Geschichte von Nouri und Aliza, den rebellischen Kindern, die gegen ihre Familien aufbegehren, zusammen fliehen wollen, aber das dann doch nicht schaffen. Aber dahinter steckt wieder ganz was anderes…

Simone Buchholz: Mexikoring, Suhrkamp-Verlag, 14,95 EUR, ISBN: 978-3518468944

Hier bestellen

hr-iNFO Büchercheck: Natascha Wodin „Irgendwo in diesem Dunkel“

Die Geschichte ihrer Eltern lag für Natascha Wodin im Dunkeln. Sie wusste nur: Sie stammten aus der Sowjetunion, waren Zwangsarbeiter in Deutschland, blieben nach Kriegsende hier – aus Angst vor dem stalinistischen Terror. Als Natascha zehn Jahre alt war, brachte ihre Mutter sich um. Deren Leben und Herkunft hat Wodin recherchiert und in ihrem preisgekrönten Buch „Sie kam aus Mariupol“ erzählt. Im neuen Buch ist der Vater an der Reihe.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

 

Worum geht es?

Der Vater schweigt meistens. Deutsch will er nicht lernen. Nach dem Tod seiner Frau schiebt er die Töchter ab in ein Kloster. Er selbst reist als Tenor in einem Kosakenchor durch Europa. Als er die Stimme verliert, holt er die Kinder zurück und wird Industriearbeiter. Wodin schildert ihn als Trinker, der brutal zuschlägt, mit Hunger und Durst bestraft und sich fast an ihr vergeht. Die erwachsene Erzählerin versucht den Vater, seine innere Emigration und sein Schweigen zu ergründen. Sie findet einen Onkel in Moskau, erfährt, dass der Vater vor ihrer Mutter bereits eine Frau und zwei Kinder in Russland hatte. Mehr kann sie nicht herausfinden. So verschiebt sich der Fokus des Erzählten auf Natascha selbst. Auf ihr Leiden an dem Vater, an der Ausgrenzung durch die deutschen Kinder in den 50ern und 60ern, obwohl sie doch so gerne eine Deutsche mit bürgerlicher Existenz werden will. „Unter lautem Gelächter wollten sie von mir wissen, ob es stimme, dass wir zu Hause die Kartoffeln in der Kloschüssel wuschen und dass die Russenweiber keine Unterhosen trugen. Sie nannten mich `Russki´, `Russla´, `Russensau´, `Russenlusch´. Ich erinnere mich gar nicht, wann ich diese Wörter zum ersten Mal gehört hatte, mir war, als wären sie immer schon da gewesen, ein Bestandteil der Luft, ein Geruch, den ich nie loswurde.“ Es ist die Geschichte einer Katastrophe: Scheitern in der Schule, Orientierungslosigkeit, Rumtreiberei, schließlich sogar Obdachlosigkeit, Vergewaltigung. Dann hat sie Glück und findet einen Job. Die Ausgestoßene zieht sich mit aller Entschlossenheit wieder hinein ins eigene, selbstbestimmte Leben.

Wie ist es geschrieben?

Natascha Wodin erzählt eine harte Geschichte. Und sie erzählt sie in vielen Details, genau, schonungslos, bisweilen krass. Ihr Ton dagegen nimmt Abstand ein zum Erzählten, ist eher nüchtern, ja lakonisch. Es ist kein Buch der spektakulären Bilder. Die braucht es nicht. Die Ereignisse sprechen für sich, der Ton verstärkt sie in ihrer Wirkung.

Wie gefällt es?

Natascha Wodin hat mit den beiden sehr persönlichen Büchern über ihre Eltern auch ein Zeitpanorama der unmittelbaren Nachkriegsjahre in der Bundesrepublik entfaltet und Einblicke geschaffen in Zwangsarbeiterschicksale, die ja nicht so selbstverständlich erinnert werden. Und sie hat dafür eine so sachliche wie wirkungsvolle Sprache gefunden.

Natascha Wodin: „Irgendwo in diesem Dunkel“, Rowohlt Verlag, 20 EUR, ISBN: 978-3498074036

hr-iNFO Büchercheck: Timur Vermes „Die Hungrigen und die Satten“

Timur Vermes hat mit seiner Hitler-Satire „Er ist wieder da“ einen der erfolgreichsten Romane der letzten Zeit geschrieben – sechs Jahre später setzt er jetzt nach mit „Die „Hungrigen und die Satten“.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Die Hungrigen und die Satten“ beginnt als Satire. Der Privatsender MyTV kommt auf grandiose Idee, seine Starmoderatorin Nadeche Hackenbusch auf Realityshow-Tour in das größte Flüchtlingslager der Welt irgendwo in Afrika zu schicken. Und das Konzept geht auf: „Engel im Elend“, so heißt die Show, wird zum Quotenhit. Aber irgendwann geben sich die afrikanischen Flüchtlinge nicht mehr zufrieden damit, für deutsche Kameras die eigene Ausweglosigkeit in Szene zu setzen; irgendwann kommen sie auf die Idee, sich auf den Weg Richtung Europa zu machen, so dass sich plötzlich 150.000 Menschen im Anmarsch auf die Festung Europa befinden.

Wie ist es geschrieben?
Solange der Roman satirisch sein will, ist er nicht besonders subtil.
Auf einem ganz anderen Register spielt Timur Vermes dann aber, wenn es ihm um die Frage geht, wie die deutsche Politik auf die Flüchtlingskrise reagieren soll. Dann wird aus der Satire plötzlich eine ernstzunehmende Politthriller; dann wird nämlich selbst dem CSU-Innenmininster schlagartig klar, dass es eigentlich keine Option ist, die Flüchtlinge mit Gewalt von der Grenze fernzuhalten:
„Als 2013 die Leichen durchs Mittelmeer trieben, da haben wir uns bereits der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht. Doch wer gibt das zu? Also haben Leute, die noch nie einen Flüchtling gesehen haben, angefangen, sich zu Opfern umzulügen. Dieser erste Rechtsruck war unsere Reaktion auf Tote, die noch zweitausend Kilometer weg waren. Was glauben Sie, was wir für einen Rechtsruck kriegen, wenn es um den Massenmord vor unserer Haustür geht?“

Wie gefällt es?
Als Satire hat mich der Roman ziemlich enttäuscht – das ist mir alles zu klischeehaft und zu vorhersehbar. Das Gedankenexperiment als solches aber, die Frage, was denn passiert, wenn Flüchtlinge sich in einer konzertierten Aktion Richtung Grenze aufmachen – das ist dann doch wieder packend erzählt. Weil Vermes so unerbittlich durchspielt, vor welchen Entscheidungen die wohlhabenden Gesellschaften demnächst stehen werden. und welche moralischen Kosten damit verbunden sein werden. Da wird aus der Satire dann plötzlich eine mitreißende Tragödie. Ab ungefähr der Hälfte wird „Die Hungrigen und die Satten“ zu einem wirklich hellsichtigen Roman über unsere unmittelbare Gegenwart.

Timur Vermes: „Die Hungrigen und die Satten“, Eichborn, 22 EUR, ISBN: 978-3847906605

Hier bestellen