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hr-iNFO Büchercheck: Liv Strömquist „Der Ursprung der Liebe“

Liv Strömquist zeigt uns in ihrem Comic „Der Ursprung der Liebe“, dass fast nichts, was wir als „natürlich“ in Bezug auf Liebe und Partnerschaft empfinden, auch wirklich ganz natürlich ist.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchler hat den Comic gelesen.

Worum geht es?
Strömquist verbindet nordische Göttinnen, soziologische Theorien und die Psychoanalyse und lässt die Essenz daraus lebendig werden – in alltäglichen Situationen von Durchschnittspärchen genauso wie in den großen Liebestragödien der Popkultur. Unmissverständlich, scharfsinnig und überzeugend macht sie klar: in Sachen Liebe und Beziehungen sind eine ganze Reihe von unbewussten Annahmen, von Missverständnissen und sogar psychologischen Störungen im Spiel. Wenn sie z. B. der Frage nachgeht, warum Frauen sich so häufig von Männern angezogen fühlen, die sie emotional am langen Arm verhungern lassen. Oder warum ausgerechnet der Übergang zur Heirat aus Liebe mit einer prüderen Einstellung zum Sex einhergegangen ist.

Wie ist es geschrieben?
Liv Strömquist serviert uns eine sehr lesenswerte Sammlung kurzer Comics voller Theorie-Highlights, umgesetzt als rasante, schwarz-weiße Bildergeschichten mit Fun-Comic-Ästhetik. Teils witzig und bissig, teils berührend gefühlvoll in poetische Bilder gefasst. Sie nimmt das Thema ernst – behält sich dabei aber eine Leichtigkeit und Selbstreflexivität, die Spaß und Lust macht, ihr bei ihren Gedankengängen zu folgen. Sie dreht und wendet alles, was wir im Allgemeinen als normal in Bezug auf die Liebe empfinden, – und überzeichnet es bis ins Absurde:
„(Sie:) „Wir lieben einander.“ (Er:) „Das bedeutet, dass ich bestimmen darf, was du mit deinem Körper machst.“ (Sie:) „Ok. Darf ich einen Schweden schminken?“ (Er:) „Ja!“ (Sie:) „Darf ich einen Magier martern?“ (Er:) „Ja!“ (Sie:) „Darf ich den Kaschmirpullover eines Kollegen kraulen?“ (Er:) „Ja! – Aber wenn deine Genitalien auf irgendeine Weise in Kontakt mit einem anderen menschlichen Körper kommen, krachen meine Psyche und mein Selbstwertgefühl zusammen wie ein Kartenhaus und ich brauche Jahre, um mich davon zu erholen.““

Wie gefällt es?
Ihre Comics haben mir nicht nur zu vielen neuen Einsichten verholfen, sondern mich auch ganz oft zum Schmunzeln und zum Lachen gebracht. Auch wenn ich dabei oft gleichzeitig ziemlich schlucken musste. Denn die größte Stärke des Buchs ist das vorwegnehmende Entkräften von allen „Ja-aber-Einwänden“, die Einem beim Lesen gegen ihre Entzauberung der „Liebe“ einfallen könnten. Ein tolles, schlaues, witziges Buch – das ich jedem empfehlen möchte: verblendeten Romantikern, Desillusionierten, Verschmähten und unbedingt auch frisch Verliebten!

Liv Strömquist: „Der Ursprung der Liebe“, Übersetzung aus dem Schwedischen von Katharina Erben Comic, avant Verlag, 20 EUR, ISBN: 978-3945034897

LeseEule empfiehlt: Kira Gembri “Wovon du träumst”

Eine Gehörlose und ein Stargeiger. Eigentlich ist dies ein Ding der Unmöglichkeit. Doch Emilia liebt die Musik und würde alles dafür geben, Klavier zu spielen.

Nick dagegen hat genug von seinem Leben als Ex-Wunderkind und verbringt sein Leben lieber auf Partys anstatt bei seinem strengen Lehrer.

Als Nick und Emilia aufeinander treffen sind beide fasziniert voneinander. Sie weiß nichts von seiner wahren Identität, doch er will ihr helfen ihren Traum zu erfüllen…

Der Roman von Kira Gembri hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Die Geschichte handelt von Musik, Liebe und der Tatsache, dass man sich Träume nur selbst erfüllen kann.

Ich empfehle das Buch jedem, der einen leichten Roman für zwischendurch sucht und das kribbelnde Gefühl von Musik im Magen kennt und liebt.

 

Wir danken LeseEule für diese Rezension!

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hr-iNFO Büchercheck vom 15.03.2018: Kristine Bilkau „Eine Liebe, in Gedanken“

Antonia und Edgar lernen sich 1964 in Hamburg kennen. Beide sind Kriegskinder, kennen die Entbehrung, die Enge in Familie und Gesellschaft. Sie verlieben sich ineinander, glauben, super zueinander zu passen. Dann bewirbt sich Edgar für einen Job in Honkong. Antonia soll nachkommen. Sie schreiben sich, versichern sich ihrer Liebe und irgendwann kommt dann per Telegramm die Ankündigung, Antonia möge sich für den Umzug vorbereiten. Das Flugticket folge. Antonia kündigt Job und Wohnung. Aber das Ticket kommt nicht. Sie versucht mit anderen Männern Edgar zu vergessen, bekommt eine Tochter, stirbt irgendwann ziemlich einsam an Herzschwäche.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Warum hat Edgar sein Versprechen nicht gehalten? Was ist passiert? Diese Frage bleibt für Antonia unbeantwortet. In dem Roman sucht Antonias Tochter nach einer Antwort. Sie rekonstruiert anhand von Briefen, Fotos und Erinnerungen. Im Verlauf der Rekonstruktion kommen Zweifel auf, ob die Beiden wirklich so gut zueinander passten. Ob sie sich das nicht nur vormachten, weil sie es sich wünschten. Mehr Projektion als Realität? Es gibt zum Beispiel diesen Dialog ein paar Tage vor der Abreise Edgars nach Honkong:
„“Die Gegenwart ist das Rohmaterial, aus dem die Zukunft geformt wird“, sagt er auf einmal. Sie blickt ihn erstaunt an. „Ja?“, sie fühlt sich noch immer nicht richtig wach. „Dann ist das hier Rohmaterial?“ „Nein, ich habe nur gerade an die ersten Wochen in Hongkong gedacht. Die sind das Rohmaterial.“ „Ach so“, sagt sie. „Und das hier, was ist das hier?“ „Eine kleine Traumwelt.““
Schon hier, etwa in der Mitte des Buchs, scheint im glücklichsten Moment eine Ahnung des Scheiterns durch.

Wie ist es geschrieben?
Kristine Bilkau montiert zwei Zeitschienen. Zum einen chronologisch das Geschehen der 60er Jahre, versehen mit konkreten Tagesdaten. Zum anderen die Rekonstruktion der Tochter in unserer Zeit. Die eine Schiene ist unmittelbar und bleibt in der Welt und Gedankenwelt Antonias und Edgars. Die andere ist die reflektierte, die bewertende. Die Tochter kommentiert gewissermaßen das historische Geschehen und bringt ihren eigenen Antrieb als Spurensucherin ein. Diese Kombination verstärkt einerseits die Emotionalität des Buchs, andererseits erzeugt sie einen permanent wachsenden Spannungsaufbau, der in einer Begegnung zwischen der Tochter und Edgar mündet.

Wie gefällt es?
Der Roman hat mich von der ersten Seite an gepackt. Schon die Grundfrage ist fesselnd. Warum scheitert etwas, was als Liebe des Lebens empfunden wird? Dann ist es die Dramaturgie der beiden Zeitschienen, die die Spannung, manchmal mit Verzögerungen, immer höher treibt. Und schließlich die Sprache Bilkaus. Reportagehaft mit vielen beschreibenden Details, aber auch sehr fein ziselierten Stimmungen, die Bedeutung tragen. Sehr gekonnt und anziehend.

Kristine Bilkau: „Eine Liebe, in Gedanken“, Luchterhand Verlag, 20 EUR, ISBN: 978-3630875187

 

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hr-iNFO Büchercheck: Margriet de Moor „Von Vögeln und Menschen“

Schon Margriet de Moors erster Roman „Erst grau dann weiß dann blau“ war ein sensationeller Erfolg, es folgten weitere Romane, in denen es um komplizierte Menschen und Beziehungen geht, geschrieben in einer eigenwilligen Sprache und einem eigensinnigen Ton. Hier in „Von Vögeln und Menschen“ gibt es zwei Morde, man könnte deswegen denken, dass es sich um einen verkappten Krimi dreht. Doch das ist nicht der Fall. Margriet de Moor geht es darum, wie Menschen sich in extremen Situationen verhalten und verändern. Und wie schwierig es ist, sie wirklich zu kennen und zu begreifen.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Vögel spielen eine vielfältige Rolle in „Von Vögeln und Menschen“. Sie stehen für die Freiheit der Gedanken, für Verletzlichkeit wie für die Gefangenschaft. Ob im Käfig oder im Gefängnis. Außerdem ist Rinus, einer der Protagonisten, Vogelvertreiber auf dem Amsterdamer Flughafen. Eines Tages begeht Rinus’ Frau Marie Lina einen Mord. Es ist ein Racheakt. Der hat – wie schnell klar wird – mit einem anderen Mord zu tun, der über dreißig Jahre zurückliegt. Damals wurde ein alter Herr in einem Altenheim brutal umgebracht. Marie Linas Mutter war seine Putzfrau, hatte ihn liebevoll umsorgt. Unter Verdacht geraten legte sie damals aber ein falsches Geständnis ab und kam ins Gefängnis.

Wie ist es geschrieben?
Sprachlich bietet der Roman ein ganzes Spektrum an unterschiedlichen Stilen und Tonlagen. Von knappen Zweiwortsätzen und abrupten Berichten bis hin zu Passagen, die poetisch klingen fast wie Gedichte. Margriet de Moor macht Gefühle oder Stimmungen in Bildern fast körperlich spürbar. Darum ist dieser Roman auch gerade da spannend und eindringlich, wo wir schon wissen, was passieren wird. Wo wir nicht weiter lesen, um zu erfahren, was passiert, sondern wie das Geschehen erzählt wird.
„Wer singt, weint nie für sich allein. Wird nie vom Kummer um Dinge übermannt, die sind, wie sie sind, und an denen nun mal nichts zu ändern ist. Wer singt, fliegt über sein Verlangen hinweg, das ihm wie ein Schmerz im Leibe steckt, und wird zu einem Vogel.“

Wie gefällt es?
Ich habe „Von Vögeln und Menschen“ mit großer Freude gelesen. Das hängt auch mit der abwechslungsreichen und fragilen Erzählstruktur des Romans zusammen. Er geht nicht chronologisch vor, sondern springt vor und wieder zurück, staffelt die Zeitebenen übereinander und ineinander, wechselt die Erzählperspektiven und die Blickwinkel. Alles ist im Fluss. Aus den unterschiedlichsten Szenen und Berichten entsteht kein fertiges Bild, sondern ein sehr komplexes Erzählgewebe. Ganz großartig!

Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen, Hanser Verlag, 23 EUR, ISBN: 978-3446258198

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hr-iNFO Büchercheck: Antti Tuomainen „Die letzten Meter bis zum Friedhof“

Der hr-INFO Krimi-Büchercheck begibt sich in eine kleine Stadt nach Finnland. Hier findet ein absurd-komischer, skurriler Krimi statt, der doch auch sehr ernsthaft die Themen Leben, Würde und Tod behandelt.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Jaako ist 37 Jahre alt, übergewichtig und verheiratet, er führt ein kleines Unternehmen und handelt mit Pilzen, die er nach Japan exportiert. Kieferduftritterlinge, japanisch Matsutake, das ist sein Geschäft. Und sein Lebensinhalt. Doch dann wird alles auf den Kopf gestellt: der Arzt erklärt ihm, dass er bald sterben wird, er ist vergiftet worden, und er entdeckt seine Frau inflagranti mit einem Angestellten. Von da an hat er nur noch ein Ziel: herauszufinden, wer ihn vergiftet hat. Außerdem hat sich im Ort eine Konkurrenz angesiedelt, Pilzhändler, die vom Geschäft nichts verstehen, aber ihn mit Dumpingpreisen kaputtmachen wollen. Jaako wird zum Kämpfer – auch zum Kämpfer gegen seine Krankheit, die ihn manchmal komplett niederstreckt. Der Roman ist aus der Sicht von Jaako geschrieben, der nicht davor scheut, mit sich selbst hart ins Gericht zu gehen. Aber zunächst macht er eine Liste
“Heute zu erledigen: Punkt 1: Mordermittlung / in Klammern: ich bin das Mordopfer. Punkt 2: Ermittlungen zum Thema Ehebruch / in Klammern: Taina vögelt Petri in unserem Sonnenstuhl der Firma Masku – wieder durchgestrichen. Punkt 3: als Folge des oben Genannten folgt: meinen Gesundheitszustand sowie meine Befindlichkeit verheimlichen. Vor allen. Der Schmerz kommt wieder überraschend. Es fühlt sich wie ein Stromschlag an, ich zittere, jede Zelle meines Körpers scheint betroffen zu sein. Ich sitze am Fenster, mit Blick auf den Tag, aber es ist dunkel. Ich habe das Gefühl zu schwanken, den Halt zu verlieren. Aber ich sterbe nicht.”

Wie ist es geschrieben?
„Die letzten Meter bis zum Friedhof“ ist eine herrlich schwarze, actionreiche Krimi-Komödie. Viele nüchterne, lakonische Sätze, dann wieder fast absurd-komische Dialoge. Antti Tuomainen hat einen ganz eigenen Stil, temporeich, einfühlsam, den Witz nie bis zum Klamauk ausreizend. Übersetzt hat das Buch übrigens der Krimi-Autor Jan Costin Wagner zusammen mit seiner Frau Niina Katariina Wagner.

Wie gefällt es?
„Die letzten Meter bis zum Friedhof“ von Antti Tuomainen ist ein wunderbarer Krimi mit ganz viel Lebensklugheit, schwarzem Humor und einer leichten Traurigkeit. Das Buch schildert einen Mann im Kampf um sein Leben, sein Lebenswerk, aber vor allem um sein Recht auf die Wahrheit, doch ohne jeden Rachegedanken. Der dicke, vergiftete und betrogene Mann, der plötzlich merkt, wie lebendig er noch ist, so, wie er vorher nie gewesen. Ich hatte großen Spaß mit diesem Krimi, bei dem jeder Satz, jedes Wort, perfekt zu sitzen scheint. Eine schräge Geschichte, eine dringende Empfehlung.

Antti Tuomainen: “Die letzten Meter bis zum Friedhof”. Rowohlt. 19,95 Euro.

 

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hr-iNFO Büchercheck: David Szalay „Was ein Mann ist“

In Großbritannien hat es das Buch bis auf die Shortlist des renommierten Man Booker Preises gebracht. Man darf also ein paar Einsichten in das Wesen des Mannes erwarten.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
David Szalay lässt in seinem Buch – Kapitel für Kapitel – neun Männer auftreten. Vom jungen Erwachsenen bis zum Rentner am Ende seiner besten Tage, vom Billigtouristen bis zum gescheiterten millionenschweren Unternehmer auf seiner Luxusyacht, vom Bodyguard einer Edelprostituierten bis zum ehrgeizgetriebenen und skrupellosen Boulevard-Journalisten. Gemeinsam ist ihnen ihre europäische Herkunft. Und alle sehen wir in einer mehr oder weniger weichenstellenden Situation ihres Lebens, an verschiedenen Schauplätzen im Europa unserer Zeit. Sie versuchen Männerbilder zu leben, aber das gelingt, wenn überhaupt, nur zeitweise. Sie wollen zum Beispiel Frauen aufgabeln und landen in jämmerlichen Bettgeschichten. Sie wollen eine Frau erobern und trauen sich nicht. Sie suchen den Wettbewerb, sind Meister ihres Fachs, aber oft auch einfach Opfer ihrer Ängste. Zum Beispiel James, ein Londoner Immobilienmakler, der in den französischen Alpen nullachtfünzehn-Appartements als Luxusobjekte verkaufen soll und von einem Big Deal träumt.
“Während der letzten ein oder zwei Jahre überkam ihn immer wieder das bis dahin ungekannte Gefühl, den ganzen, bis zum Lebensende vor ihm liegenden Weg absehen zu können – schon zu wissen, was noch geschähe, und alles wäre absolut vorhersehbar und absolut banal. Das hatte er im Sinn gehabt, als er mit Paulette über das Schicksal diskutiert hatte. Die ist eine Chance, und wie viele Chancen, diesem Schicksal zu entrinnen, würde er noch bekommen?”

Wie ist es geschrieben?
Man könnte trefflich darüber streiten, ob dieses Buch tatsächlich ein Roman ist oder eine Sammlung von neun Kurzgeschichten. Keine der Figuren taucht in einer anderen Geschichte wieder auf. Nur einmal deutet sich eine Verwandtschaft von zwei Personen in unterschiedlichen Kapiteln an. Andererseits entsteht erst durch die Gesamtsicht auf die neun Personen ein Gesamtbild. Sozusagen ein Mann-Mosaik. Verbindend ist allemal der sparsame und doch sehr genau beschreibende Stil Szalays. Und sein feiner Humor, der immer wieder durchscheint. So entsteht aus den Bildern und der Handlung die Grundstimmung des Buchs, der Blues.

Wie gefällt es?
Ich fand es faszinierend, wie Szalay mich beim Lesen von Kapitel zu Kapitel immer tiefer in sein Buch herein gezogen hat. Die Personen erschienen mir wie nackt, als ob sie sich offenbaren müssten, ihre Fassade öffnen müssten, so dass man ihnen wirklich auf den Grund blicken kann. Man findet in diesem Buch keinen einzigen bewertenden Satz. Das findet nur im Kopf des Lesers statt.

David Szalay: “Was ein Mann ist“. Hanser Verlag. 24,00 Euro.

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hr-iNFO Büchercheck: Nickolas Butler „Die Herzen der Männer“

Nickolas Butler ist 38. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er in Wisconsin. Sehr ländlich im Norden der USA. Auf Fotos präsentiert sich Butler als kräftiger, bärtiger Mann in Holzfäller-Hemden. Man könnte sagen, ein weißer Mann aus dem Herzen der USA, verwurzelt in der Landschaft, den Träumen und Legenden des Landes. So liest sich auch sein Roman. Seine Protagonisten sind Pfadfinder. Sie stehen für die amerikanische Gesellschaft, für ihren Wandel bis hin zu Trump.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Männerherzen werden früh gebrochen, zumindest in diesem Roman. Väter schlagen und lassen ihre Familien sitzen, sie betrügen. Söhne und Mütter bleiben zurück. Freunde verraten, Kameraden demütigen, Freundinnen treiben es mit anderen. Stabilität bietet dagegen ansatzweise die Pfadfinderschaft mit ihren Regeln, Ritualen, Rollen und Rangordnungen. Und danach das Militär. Ein Netz für Desillusionierte und Verlorene. Hier finden die verlorenen Herzen scheinbar Halt, eine Illusion von Heldentum. Und sei es auch nur, um dann in unbarmherzigen Niederlagen den Grundboden zu finden für einen neuen Lebensansatz. So geht es Nelson in den 60ern und 70ern und Trevor in den 90ern. Als Trevors Sohn Thomas nach der Jahrtausendwende im Pfadfindercamp ist, fällt auch das Pfadfindernetz in sich zusammen. Die Vorstellungen von Ehre und Pflicht, die Rituale: bestenfalls leere Hüllen. Thomas´ Mutter bringt es auf den Punkt:
„Der Welt, so scheint es, ist es heutzutage ziemlich egal, ob man ein Adler-Pfadfinder oder überhaupt ein Pfadfinder ist. Es dreht sich nur noch darum, wie viele „Follower“ man hat, wie perfekt der mit Selbstbräuner besprühte Waschbrettbauch aussieht und ob man genial genug war, ein Start-up Unternehmen an den Mann zu bringen, das auch nicht ein einziges nützliches Produkt auf die Beine gestellt hat.“
Männer sind in diesem Buch gezeichnete Wesen. Die Mütter sind die eigentlichen Heldinnen.

Wie ist es geschrieben?
Butler schreibt seine Männergeschichten mit viel Empathie für seine Protagonisten. Es sind beeindruckende Typen, die in sich in dem Buch den Staffelstab reichen. Und ihre Geschichten sind drastisch. Spannend, aber vor allem emotional. Die Leben der drei Figuren sind verkettet und fließen chronologisch ineinander, treiben sich an, die Handlung entwickelt einen Sog. Die Sprache ist eingängig, erleichtert den Lesefluss.

Wie gefällt es?
Wie in vielen US-amerikanischen Romanen sind auch hier die Charaktere zugespitzt. Manches Gute oder Böse wirkt ein wenig holzschnittartig. Mich hat das nicht gestört. Dafür sind die Figuren insgesamt zu stark. Sie können am Beispiel dieser Pfadfinderwelt gut vermitteln, wie ein Teil der amerikanischen Seele tickt, wie sie sich verändert und was sie verliert.

Nickolas Butler: „Die Herzen der Männer“ , Verlag Klett-Cotta, 22 EUR, ISBN: 978-3608983135

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hr-iNFO Büchercheck: Carlos Spottorno & Guillermo Abril „Der Riss“

Auf der einen Seite: teure Grenzzäune, modernste Technik, Schiffe, Flugzeuge und enormer Personalaufwand. – Auf der anderen Seite: Menschen, die auf der Flucht sind, die Wohlstand oder einfach nur Sicherheit suchen. Das ist „Der Riss“, den die EU-Außengrenze markiert. Und der Fotograf Carlos Spottorno und der Journalist Guillermo Abril haben ihn eingefangen – in Fotografien und Texten, die Hintergrundinformationen, Statistiken und reflektierende Kommentare liefern.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat die Graphic Novel gelesen.

Worum geht es?
Spottorno und Abril sind von Melilla, der spanischen Enklave in Marokko, in den Norden Finnlands gereist – ab 2013 über drei Jahre hinweg, von der Süd- bis an die Nordgrenze der EU. Sie waren unter anderem im größten permanenten Flüchtlingslager auf Sizilien – und waren bei einer Seenotrettung von 200 Flüchtlingen im Mittelmeer dabei.
Spottorno und Abril verlieren sich nicht in Einzelschicksalen, sondern zeigen auf, wie das Grenzregime Europas organisiert ist und wie es als großes, umfassendes System funktioniert. Sie verknüpfen die vielen Meldungen, die wir aus den Nachrichten kennen, und zeichnen ein dichtes Bild vom großen Ganzen: von einem Europa, das in einer tiefen Krise steckt, das inzwischen selbst von vielen feinen „Rissen“ durchzogen ist – verursacht von nationalistischen und populistischen Tendenzen.

Wie ist es geschrieben?
Die Machart ist ungewöhnlich und irritiert. Denn in dieser vermeintlichen „Graphic Novel“ wurde nicht ein einziger Strich gezeichnet. Spottorno hat seine Fotografien statt dessen kräftig eingefärbt und die Konturen verstärkt, so dass die Fotos aussehen wie Zeichnungen. Viele Bilder gehen einem nicht mehr aus dem Kopf: das syrische Mädchen z.B., das gerade aus dem Flüchtlingsboot gehoben wird, der junge senegalesische Mann, der seit Jahren im selbstgenähten Planen-Zelt lebt, oder die Soldaten der finnischen Grenzschutztruppe, denen bei Minus 30 Grad der Atem gefriert. Finnland verzeichnete durch die Flüchtlingskrise einen Bevölkerungszuwachs von mehr als 800%.
„Eine afghanische Familie und zwei Kameruner sind dicht gedrängt in einem Lada angekommen. Es sind seltsame Reisegefährten. Wir dürfen nicht mit ihnen sprechen, so will es das europäische Recht. Sie lassen sich vor der Grenze fotografieren. Ihre Gesichter, die warme Kleidung, der Koffer und der Schnee um sie herum sprechen für sich. Es ist, als schaue man in einen Spiegel. Wer sie anblickt, sieht in Wirklichkeit die Welt, die wir sind.“

Wie gefällt es?
Dieses Buch geht an die Nieren. An ihren Stationen entlang der EU-Grenze stoßen Spottorno und Abril immer wieder auf die „europäische Schizophrenie“ – unser moralisches Dilemma: zwischen Abschottungspolitik und Menschlichkeit. Ein Buch, das man sich anschauen sollte. Vielleicht gerade dann, wenn man denkt, das man in den Nachrichten schon alles gesehen hat.

Carlos Spottorno & Guillermo Abril: „Der Riss“, Avant-Verlag, 32 EUR, ISBN: 978-3-945034-65-1

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