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hr-iNFO Büchercheck: Flurin Jecker „Lanz“

Lanz ist 14. Eigentlich will er nur einen Draht zu seiner Mitschülerin Lynn. Deswegen meldet er sich in der Projektwoche seiner Schule für einen Kurs im Bloggen an. Der wird zwar von einem Lehrer geleitet, den er gar nicht ab kann. Aber was macht man nicht alles, wenn man 14 ist und genau an das Mädchen ran will, das wie eine Göttin über den Schulflur schwebt und einen bislang nicht mal wahr genommen hat?
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Flurin Jecker erzählt in seinem Debütroman also die Geschichte eines Pubertierenden. Lanz, der Lanzelot heißt, hängt in der Luft, ist unsicher. Kein Kind mehr, noch kein Erwachsener. Verschiedene Nöte plagen ihn. Er hatte noch nie einen Kuss von einem Mädchen, geschweige denn Geschlechtsverkehr. Erschwerend kommt hinzu, dass seine Eltern sich getrennt haben. Und dass beide nicht so wirklich Zeit für ihn haben, sondern mehr mit sich selbst zu tun haben. Nun sitzt er in der Schule im Projekt und weiß nicht, was er schreiben soll in seinem Blog. Verstohlen guckt er zu Lynn.
““Hey“, sagte sie, als sie abhockte. Sie tat, als wäre sie ultra die Sekretärin, die gerade viel zu tun hat. Ich dachte, dass sie hundertprozent dachte, dass ich wegen dem Blog da war, weil ich ja jetzt schon schrieb, bevor überhaupt die Lektion angefangen hatte. Ich sagte dann so im Satz „Hey“ zurück, dann schrieb ich weiter. Und das ist dann schon sehr behindert. Ich meine, ich will ja unbedingt mit ihr reden, tue dann aber so, als würde sie mich einen Scheiß interessieren. Lustigerweise hat sie die genau gleiche Taktik. Aber das heißt ja irgendwie, dass sie will, dass ich glaube, dass sie nichts von mir will. Und das ist doch ein gutes Zeichen, oder?“
Leider kommt es anders. Lynn fährt nach dem Projekt gleich in den Urlaub, kommt nicht mal zur Abschlussparty. Lanz macht einen harten Schnitt. Er haut ab von zu Hause, fährt in die Schweizer Provinz zu Verwandten, rennt mit den Jugendlichen dort über die Felder, kifft und hat Spaß.

Wie ist es geschrieben?
Lanz schreibt in seinem Blog, was er erlebt und fühlt. Der Blog ist gewissermaßen der Roman. Flurin Jacker ist also ganz nah an seinem Protagonisten. Er schreibt nicht nur aus dessen Perspektive, auch in dessen Sprache. Die Grammatik entspricht nicht immer dem Duden, bei manchen Wörtern fehlen Silben. Manchmal ist unklar, ob Ausdrücke einem Schweizer Dialekt entstammen oder Verballhornungen aus der Jugendsprache sind. Manchmal irritiert das, aber interessant ist es allemal.. Kommt wahrscheinlich darauf an, wie alt man selbst ist.

Wie gefällt es?
Mein jüngster Sohn ist 14. Ich habe Salingers „Fänger im Roggen“ gelesen und Herrndorfs „Tschick“. Aber in Flurin Jeckers „Lanz“ habe ich am ehesten die Welt meines jüngsten Sohnes wieder gefunden. Insofern habe ich in diesem Buch ein paar Momente wieder erkannt und ein paar Dinge besser verstanden. Und es hat mir Spaß gemacht, in diese Sprache einzutauchen, die nun wirklich ganz weit weg von meiner ist. Hat sich gelohnt.

Flurin Jecker: „Lanz“ , Verlag Nagel & Kimche, 18 EUR, ISBN: 9783312010226

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hr-iNFO Büchercheck: Michela Murgia Chirú

Mutter, Geliebte, Lehrerin – all das ist Eleonora für den jungen Chirú. Und keine
der drei darf in dieser ungewöhnlichen Beziehung die Oberhand gewinnen.
Was sich zwischen Eleonora und Chirú abspielt, ist sinnlich, lehrreich und
emotional höchst brisant.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Eleonora ist eine renommierte, erfolgreiche Theaterschauspielerin Ende dreißig. Sie ist attraktiv,
gebildet und weltgewandt. – Und hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Männer mit einem
besonderen Talent zu fördern. Ihr neuester Schüler ist der 18jährige Chirú, ein begabter junger
Geiger. Eleonora führt ihn in ihre schillernde Welt ein und macht ihn mit Künstlern und
Intellektuellen bekannt. Sie lehrt ihn Menschen zu lesen, ihr Verhalten, ihre Aussagen – und auf
die Details ihrer Kleidung zu achten. Sie zeigt ihm, wie wichtig es ist, sein Lebensziel zu kennen,
darauf fokussiert zu sein – und wie man es – notfalls durch Verstellung – erreicht. Aber Chirú ist
nicht der einzige, der durch diese Beziehung lernt. Denn die beiden entwickeln eine innige,
körperliche Vertrautheit, die Chirú so sehr von Eleonora abhängig macht, wie umgekehrt.

Wie ist es geschrieben?
Michela Murgia ist eine scharfsichtige Beobachterin von Menschen und Situationen – mit einem
feinen Gespür für abgründige Dialoge. Das hat sie auch ihrer Hauptfigur Eleonora mitgegeben –
ebenso wie einen ziemlich amüsanten zynischen Unterton. Perfekt geeignet um zum Beispiel die
frivole Party-Gesellschaft in der Prachtvilla eines römischen Produzenten auseinander zu
nehmen.
“Während wir weiter hineingingen, wies ich ihn diskret auf die Flut von Presseleuten auf der
Suche nach Kontakten hin, von Kritikern, Zulieferern verschiedener Presseerzeugnisse, und vor
allem auf die Dutzende kräftiger, junger Männerkörper, zweifelhafte Talente mit
unzweifelhaften Deltamuskeln, die wahllos und in alle Richtungen ihre Verführungskraft
verströmten.”

Wie gefällt es?
„Chirù“ ist die Demontage einer asymmetrischen Beziehung. Die zwischen Mentor und Schüler.
Und eine aufschlussreiche Geschichte über die Formung von Menschen. Wie werden wir zu dem,
der wir sind? Wie sehr beeinflussen uns dabei andere Personen in unserem Leben? Wenn man
Michela Murgia folgt, ist der Einfluss erschreckend groß – und manchmal fatal.
„Chirù“ ist ein kurzer und kurzweiliger Roman, der mich immer wieder zum Lächeln gebracht hat
– und zum „Mehrfach-Lesen“ von besonders geistreichen Analysen. Der leichte Hang zu Kitsch
und Pathos ist geschenkt: schließlich ist die Autorin Michela Murgia Sardin – und da ticken die
Leidenschaften nicht nur etwas anders -: kulturelle Unterschiede beleben auch den emotionalen
Lesehorizont.

Michela Murgia: „Chirú“, Verlag Klaus Wagenbach, 20 EUR, ISBN: 9783803132871

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hr-iNFO Büchercheck: Kanae Minato „Geständnisse“

Das Buch „Geständnisse“ von Kanae Minato führt uns nach Japan, zu einer Lehrerin, die wegen des Todes ihrer Tochter Rache nimmt. Eine Rache, die viele Menschen ins Unglück stürzt.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Yuko Moriguchi ist Lehrerin an einer Mittelschule in der Provinz, als ihre kleine Tochter Manami tot im Schulschwimmbecken gefunden wird. Ein tragischer Unfall, so das Ergebnis der Untersuchung. Aber Moriguchi hat Zweifel und findet die Wahrheit heraus: zwei Schüler ihrer Klasse haben gemeinsam Manami umgebracht. Als sie am Ende des Schuljahres ihren Abschied erklärt, berichtet sie in einer langen Rede ihren Schülerinnen und Schülern, was wirklich passiert ist. Sie nennt zwar nicht die Namen, aber alle wissen, wer die Schuldigen sind. Weil diese noch strafunmündig sind, erklärt Moriguchi zudem, in welcher Form sie den Mord rächen will: Die Täter sollen selbst nicht mehr sicher sein, noch lange zu leben. Damit setzt sie ein Drama in Gang, das sie nicht mehr unter Kontrolle hat, und das weitere Todesopfer fordert.

Wie ist es geschrieben?
Fünf Perspektiven, fünf verschiedene Geschichten, fünf Kapitel, die die Umstände des Mordes an der Tochter der Lehrerin Moriguchi erklären. Am Anfang ist es die Lehrerin selbst, die in ihrer Abschiedsrede die Wahrheit aufdeckt – doch dann gibt es auch die Wahrheiten der anderen: einer Klassenkameradin, der beiden Täter und der Mutter eines der Täter. Ein intelligentes, spannendes Konstrukt, ein Puzzlespiel, das sich im Kern um Verletzlichkeit, Zugehörigkeit, Egoismus und Anerkennung dreht und in Rache, Gewalt und Mord endet. Und am Ende scheinen alle Psychopathen zu sein, auch die Lehrerin und Mutter des Opfers.
„Nicht aus Edelmut halte ich die Identität von A und B geheim. Ich habe der Polizei nichts gesagt, weil ich der Justiz nicht zutraue, sie angemessen zu bestrafen. A hatte Manami töten wollen, war dann aber nicht der Verursacher ihres Todes, während B sie nicht hatte töten wollen und doch ihren Tod bewirkt hat. Würde ich sie der Polizei ausliefern, dann würden sie vermutlich nicht mal in eine Erziehungsanstalt kommen; ihre Strafe würde auf Bewährung ausgesetzt werden, und die ganze Sache wäre vergessen. Ich wünschte, ich könnte A unter Strom setzen und B ertränken, wie er meine Tochter ertränkt hat.“

Wie gefällt es?
„Geständnisse“ von Kanae Minato ist ein böses Buch über die Untiefen der menschlichen Psyche, über verletzte Kinderseelen und die Auswirkung von zu starken oder zu schwachen Müttern. Über den Wahn, in den man sich steigern kann, wenn man sich vernachlässigt, verlassen und verraten fühlt. Mich hat fasziniert, wie Kanae Minato das Verhalten der fünf Protagonisten seziert, es erklärt und damit verständlich macht. Und gleichzeitig überliefen mich mehrfach Schauer des Grauens angesichts der emotionalen Kälte der Täter, die doch nach nichts mehr gieren als nach menschlicher Zuneigung.

Kanae Minato: „Geständnisse“, C. Bertelsmann-Verlag, 16,99 EUR, ISBN: 9783570102909

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hr-iNFO Büchercheck: Marco Balzano „Das Leben wartet nicht“

Ninetto ist neun. Er lebt in einem Dorf auf Sizilien. Seine Familie ist arm. Zu essen gibt es oft nur Brot mit Sardellen. Wenn überhaupt. Ninetto ist abgemagert. Sein Spitznamen beschreibt das treffend: Haut und Knochen. Ninetto liebt seine Mutter, aber nach einem Schlaganfall muss sie in ein Heim. Ninetto bleibt beim Vater, der schickt ihn weg. Mit einem Bekannten aus dem Ort fährt er nach Mailand, um dort einen Job zu finden.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Marco Balzano erzählt in seinem Roman am Beispiel Ninettos die Geschichte der italienischen Kinderemigranten. Männer, die heute Ende 60 sind, wurden aus ihren Familien heraus gerissen und fanden sich nach langer Zugfahrt irgendwo in der Industrieregion um Turin, Mailand und Genua wieder. Dort lebten sie in mehr oder weniger prekären Wohnverhältnissen. Vom ersten Tag an mussten diese Kinder für ihr Überleben arbeiten. Ninetto findet einen Job als Fahrradbote bei einer Wäscherei. Natürlich wird er ausgebeutet. Als er älter wird, arbeitet er bei Alfa Romeo.
„Die Geschichte ist in zwei Minuten erzählt, da brauche ich nicht nach Wörtern zu suchen, die ich kenne. Vier Jahre am Fließband die Drehmaschine überwachen und weitere achtundzwanzig auf einem Gabelstapler – das bin ich. Jeden Tag neun Stunden pro Tag Motorteile hochhieven und sie von einem Ort zum anderen transportieren, Ende. Stopp. Ein Roboter, kein Mensch. Ein mechanischer Arm, kein schlagendes Herz…“
Ein Leben voller Enttäuschungen und Abstumpfungen, getrieben von ein wenig Hoffnung. Er heiratet, bekommt eine Tochter, setzt sich in der Gewerkschaft ein. Doch dann, als er die Tochter in den Armen eines Mannes sieht, gehen seine Emotionen mit ihm durch. Er sticht auf den jungen Mann ein, kommt ins Gefängnis. Als er wieder rauskommt, findet er sich nicht mehr zurecht.

Wie ist es geschrieben?
Marco Balzano erzählt die Geschichte konsequent aus der Perspektive Ninettos in der Gegenwart und in Rückblenden. Es ist ein einfaches und direktes Erzählen, aber dieser Ich-Erzähler hat Distanz zu sich und er ist ein poetischer Mensch. Dadurch entstehen sehr atmosphärische und zugleich dokumentarisch genaue Bilder. Es ist ein authentisches und reizvolles Erzählen. Seite für Seite gewinnt die Figur an Tiefe. Mitleid verdient sie ohnehin.

Wie gefällt es?
Ich habe „Das Leben wartet nicht“ sehr gerne gelesen. Es ist ein Roman voller Wahrheiten und echten Gefühlen. Er ist gut recherchiert. Und er hat mir ein Fenster geöffnet auf eine Welt, die ich vorher nicht kannte. Eine Welt übrigens, in der die Hoffnung bleibt. Ich finde, das ist – unterm Strich – viel.

Marco Balzano: „Das Leben wartet nicht“, Diogenes Verlag, 22 EUR, ISBN: 9783257069839

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LeseEule: Sebastian Fitzek “AchtNacht”

In Sebastian Fitzek’s neustem Thriller wird ein Alptraum zur Realität: ein Unbekannter ruft zur Todeslotterie auf. Jeder kann nominieren und jeder kann nominiert werden. Das Ziel: in der AchtNacht den ausgelosten ,,Gewinner” zur Strecke zu bringen. Als Belohnung winken 10.000.000€. Und angeblich ist das Töten dieses Menschen in dieser Nacht sogar legal und wird nicht geahndet. Benjamin Rühmann hat bis kurz vor Anbruch der AchtNacht keine Ahnung was los ist. Seine Tochter Jule, die nach einem Autounfall beide Beine verloren hat, wollte angeblich Selbstmord begehen. Er ist sich jedoch sicher, dass sie selbst nichts damit zu tun haben kann. Nun muss er auch noch versuchen die AchtNacht zu überleben. Denn wenn 10 Millionen € auf jemanden ausgesetzt sind, kann man nie wissen, wem man noch trauen kann und wem nicht…

Bei mir hat das Buch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich konnte mich teilweise gar nicht mehr davon los reißen,  so sehr hat mich die Geschichte gefesselt. Ich empfehle das Buch jedem, dem die anderen Bücher von Fitzek auch schon so gut gefallen haben und mal wieder Lust auf einen Thriller mit Gänsehautgrantie hat.

Wir danken LeseEule für diese Empfehlung!

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hr-iNFO Büchercheck: Doris Knecht „Alles über Beziehungen“

„Alles über Beziehungen“, dieser Titel klingt nach einem Sachbuch oder nach einem Beziehungs-Ratgeber. Das ist möglicherweise so beabsichtigt, aber führt uns auf eine völlig falsche Fährte: „Alles über Beziehungen“ ist der vierte Roman von Doris Knecht.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Viktor heißt der Protagonist, er ist Regisseur und wird demnächst 50. Ein relativ unscheinbarer Durchschnittstyp voller Minderwertigkeitskomplexe, die er mit Arroganz kompensiert. Viktor ist umgeben von einer Traube von Frauen: eine Ehefrau und zwei Ex-Frauen. Fünf Töchter aus drei Ehen. Schauspielerinnen, Mitarbeiterinnen, Frauen, die ihn bewundern oder vielleicht auch nur ausnutzen. Weil Viktor sich oft so schwach und klein fühlt, lässt er sich von ein paar Geliebten trösten. Und damit er sich nicht allzu mies vorkommt, stilisiert er sich vom Täter zum Opfer: Ein Therapeut bescheinigt ihm auf dringende Anfrage hin eine Sexsucht.
„Es ging Viktor nun mal besser, wenn Viktor auch noch mit anderen Frauen schlief, weil Viktor, das musste er sich selbst mitunter eingestehen, ein bisschen ein Narzisst war, weil er sich und seine leider nicht offensichtliche, aber wenig bestreitbare Groß- und Einzigartigkeit gerne gespiegelt sah in den Augen von Frauen, bei denen er sich noch nicht abgenutzt hatte. .. Und weil er eben hypersexuell war.“

Wie ist es geschrieben?
Witzig und sehr pointiert! Weil Doris Knecht eine intelligente Erzählerin ist, die nicht oder kaum übertreibt nicht, sondern dosiert. Sie führt Viktors Sexsucht z.B. ad absurdum, indem sie diese fast ernst zu nehmen scheint und nur durch die eine oder andere flapsige Bemerkung entlarvt. Dazu kommen eine Menge komischer Dialoge und Analysen von komplizierten emotionalen Gemengelagen. Viktor will sich z.B. an keine Geliebte binden, trennt sich sofort, wenn Ansprüche angemeldet werden. Ist aber umgekehrt total beleidigt, wenn eine Frau Schluss mit ihm macht. Er selbst ist einfach zu schwach – oder besser: zu kindlich-genusssüchtig – um klar Schiff zu machen.

Wie gefällt es?
Ich habe mich bestens amüsiert. Doris Knecht schreibt scharfsinnig, scharfsichtig, spannend und schlau. Wobei die Komik auch gebrochen wird, weil es einen ernsten Erzählfaden gibt. Magda nämlich, Viktors Frau, erfährt ja, dass er sie seit Jahren permanent betrügt. Für Magda stürzt in diesem Moment ihr ganzes Leben ein. Aber sie wächst über sich hinaus, während Viktor in seiner Egozentrik stecken bleibt. Ein bisschen böse ist dieser Roman, und sehr unterhaltend. Nicht nur für Frauen!!

Doris Knecht: „Alles über Beziehungen“, Rowohlt Verlag, 22,95 EUR, ISBN: 9783871341687

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hr-iNFO Büchercheck: Julia Wolf „Walter Nowak bleibt liegen“

Walter Nowak geht es dreckig. 68 Jahre ist er, hält sich für topfit und schwimmt jeden Tag tausend Meter. Aber jetzt liegt er nackt auf dem Boden seines Badezimmers, ist mehr oder weniger orientierungslos, weiß nicht, was ihm passiert ist. In seinem Kopf zucken die Gedanken wild durcheinander. Wie ein ungeschnittener Film spult das Hirn sein Leben ab.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Walter Nowak ist ein Selfmade-Man. Vaterlos wächst er auf. Der Vater, ein GI, ist weg. Im Ort, Friedberg ist erkennbar, wird er als Bastard beschimpft. Ein verletzliches Kind. Walter hängt an der Mutter. Er heiratet, hat einen Sohn, verlässt die Familie für eine jüngere Frau, die ihn sexuell anzieht. Er steht auf Pferdeschwanz. Er baut aus dem Nichts ein Unternehmen auf und verliert es irgendwann wieder. Auch den Sohn verliert er, weil es ihm nicht gelingt, einen positiven Kontakt, eine Beziehung zu dem Kind auf zu bauen. Stattdessen orientiert er sich an tradierten Männlichkeitsidealen und Leistungsparolen, spielt den Patriarchen, gockelt rum, macht sich lächerlich. Aber das erkennt er nicht. Erst zum Schluss, als er – peinlich, peinlich – hilflos und nackt neben der russischen Putzfrau am Boden seines Bades liegt, dämmert ihm, dass sein Leben gescheitert ist, dass der Knock out das Ende einer Krisenspirale markiert.

Wie ist es geschrieben?
Julia Wolf inszeniert Walter Nowaks Leben auf knapp 160 Seiten als Gedankenstrom. Sein Hirn denkt und erinnert was und wie es will. Zeitebenen schieben sich ineinander, Inhalte brechen ab um irgendwann später wieder auf zu tauchen. Gedankensplitter. Sogar die Sätze bleiben manchmal unvollendet. Man muss assoziieren, wie sie weiter gehen könnten. Und schon schiebt sich eine neue Erinnerung oder Überlegung über das gerade Gelesene. So folgen wir Walter Nowak zum Beispiel auf einer halben Seite zunächst ins kalte Schwimmbad, dann zu seiner Frau, weiter zu seiner Urologin und enden schließlich bei der Putzfrau.
„Erst die Pflicht, dann das. Hin und zurück sind es fünfzig, zehn mal fünfzig, das sind fünfhundert, mal zwei, das ist doch, ordentlich. Da soll noch mal einer. Hören Sie mal, Frau Doktor, Frau wie auch immer Sie heißen, ich schwimme jeden Morgen tausend Meter, das ist ein Kilometer, für Sie, zum Mitschreiben. Jeden Morgen. Dieser Ausdruck in Yvonnes Gesicht. Sie muss zugeben, das ist ordentlich, das ist nicht von schlechten. Da können sie sagen, was sie wollen, komme wer wolle uns sagt, wer wolle, sagt was, wolle komme, sage, was?“

Wie gefällt es?
Es fällt nicht immer leicht, diesem irrlichternden Gedankenschwall zu folgen. Aber ich habe mich drauf eingelassen und dann funktioniert es nicht nur, es macht sogar Spaß. Denn dahinter steckt ein virtuoser Umgang mit Sprache. Julia Wolf hat es drauf. Die beschädigte Sprache ist der adäquate Ausdruck für das geschädigte Gehirn und den beschädigten Menschen. So wird der Unsympath im Lauf der Geschichte zu einer bemitleidenswerten Figur.

Julia Wolf: „Walter Nowak bleibt liegen“, Frankfurter Verlagsanstalt, 21 EUR, ISBN: 9783627002336

hr-iNFO Büchercheck: Takis Würger „Der Club“

Takis Würger führt uns mit seinem Debüt „Der Club“ in die elitären Zirkel der britischen Universitäten. Zu Studenten, die sich zu etwas Besserem berufen fühlen und dabei jeglichen Skrupel ablegen.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Hans Stichler ist ein körperlich schwacher Junge, in der Schule wird er gemobbt, er lernt das Boxen, um stärker zu werden. Als seine Eltern früh sterben, er muss ins Internat – und als er das Abitur abgelegt hat, bittet ihn seine Tante Alex, an die Universität Cambridge zu kommen, an der sie selbst lehrt. Er solle dort, so sagt sie ihm, Mitglied des Pitt Clubs werden und herausfinden, was die Boxer der Universität dort machen. Es gehe um ein Verbrechen. Hans, einsam, sensibel und ohne Halt, verlässt Deutschland und zieht nach England. Seine Tante Alex macht ihn mit Charlotte bekannt, einer jungen Frau, in die er sich schnell verliebt. Und – er boxt, und das sogar sehr erfolgreich. Doch was ist mit dem Verbrechen, das er aufklären soll? Er fragt Charlotte:
„„…Das sind Verbrecher in diesem Club“, sagte sie. „Ja, ich verstehe“. „Ich hoffe es“. „Was haben sie überhaupt getan?“, fragte ich. „Alex meint, ich soll dir das nicht sagen.“ „Woher kennst Du Alex überhaupt?“ „Sie betreut meine Doktorarbeit.“ „Und woher kennst du diesen Club? Ich dachte, da sind nur Männer?“ Ihr Mund sah weich aus. Kurz schwieg sie. „Du hast deine drei freien Fragen des Monats gestellt“, sagte sie. Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte.“

Wie ist es geschrieben?
Behutsam, vorsichtig voran tastend erzählt Takis Würger in „Der Club“ die Geschichte des schüchternen Studenten Hans, der benutzt wird, um ein Verbrechen aufzuklären. Aus verschiedenen Perspektiven erfahren wir, wie ein schon Jahrzehnte alter Ritus dieses Pitt Clubs aufgedeckt wird, der in seiner monströsen Abscheulichkeit erschreckt und verwirrt. Takis Würger führt langsam zum Kern des Geschehens hin, erst am Ende ist das Buch wirklich ein Kriminalroman, schildert es Verbrechen und Aufklärung.

Wie gefällt es?
Ich war selten so tief berührt von der Erzählung eines Verbrechens und seiner Konsequenzen– einer Straftat, über die sowohl in der Realität als auch in Kriminalromanen schon vielfach berichtet wurde. Aber Takis Würger hat mich das alles auf eine ungewöhnlich intensive Art spüren lassen, die Verzweiflung der Opfer wie auch die Überheblichkeit der Täter – das ist phänomenal und einzigartig. Ein literarischer Hochgenuss, der so wichtige Dinge wie Gerechtigkeit, Moral, Rache und vor allem Wahrheit verhandelt. Ein grandioses Buch.

Takis Würger: „Der Club“, Verlag Kein & Aber, 22 EUR, ISBN: 9783036957531

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Fantasy-Tipp: James Islington “Das Erbe der Seher”

Unser Tipp:
“Das Erbe der Seher” hat das Zeug, eine wundervolle Fantasy-Saga zu begründen. Die Sprache ist, auch dank der hervorragenden Übersetzung, stark und bilderreich, die Charaktere sind vielschichtig, der Geschichte ist facettenreich und voll überraschender Wendungen.
#knaur #buchhandlung_calliebe #bookdog
Der Auftakt zur Licanius-Saga – das neue magische Epos in der Tradition der großen Fantasy-Bestseller von Robert Jordan und Raymond Feist!
In Feuer und Blut endete vor 20 Jahren die Herrschaft der Auguren, mächtige Magier mit seherischen Fähigkeiten. Jene, die ihnen dienten – die Begabten – wurden nur verschont, weil sie sich dem rigiden neuen Gesetz unterworfen haben, das ihre Macht beschränkt.
Der junge Begabte Davian und seine Freunde wachsen in einer Welt auf, die sie verachtet und strengstens überwacht. Doch als Davian herausfindet, dass er über die bei Todesstrafe verbotene Magie der Seher verfügt, setzt er eine Kette von Ereignissen in Gang, die alles für immer verändern werden.
Denn im Norden regt sich ein Feind, den man zu lange besiegt glaubte …
James Islingtons Fantasy-Saga nahm zunächst Australien im Sturm ein; nun schickt sich “Das Erbe der Seher” an, die Welt zu erobern!

hr-iNFO Büchercheck: Bill Clegg „Fast eine Familie“

„Fast eine Familie“ heißt der Debütroman des 47-jährigen amerikanischen Autors Bill Clegg. Neben seiner Arbeit als Schriftsteller ist dieser Bill Clegg ein renommierter New Yorker Literaturagent. Er weiß also mutmaßlich, was einen guten Roman ausmacht.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Am Anfang dieses Romans steht die Katastrophe – eine Explosion, die ein ganzes Haus zerstört und vier Menschen in den Tod reißt. Es ist das Sommerhaus einer New Yorker Kunstagentin, deren Tochter dort am nächsten Morgen heiraten sollte. Die Tochter und der Bräutigam gehören zu den Opfern, ebenso der Exmann und ihr Geliebter – June, jene Kunstagentin, ist vollkommen verstört, setzt sich in das Auto des Brautpaars und fährt los, immer weiter – bis sie im Auto irgendwann die Tagebücher ihrer Tochter entdeckt und sich von denen quer durch die USA leiten lässt, auf einer Art Trauerreise.

Wie ist es geschrieben?
Erzählt wird aus elf verschiedenen Perspektiven, mit den Stimmen von elf Menschen, von denen jeder in einer Beziehung zu den vier Todesopfern stand – und aus diesen Erzählungen setzt sich nach und nach die Geschichte dieser Katastrophe zusammen – wobei nicht nur erzählt, wie es zu dieser Explosion gekommen ist – es gibt da auch einen Schuldigen, aber das Faszinierende und Wunderbare dieses Buches ist, dass aus der Frage nach der Schuld die Frage danach wird, was die Menschen trennt und was sie trotz aller Spannungen und aller Unterschiede miteinander verbindet. Mit jeder neuen Stimme, mit jeder neuen Perspektive verändern sich die Figuren, verschiebt sich – wie in einem Kaleidoskop unser Bild dieser amerikanischen Gesellschaft, die June, die Kunstagentin von Ost nach West durchfährt, bis sie am Schluss an der Pazifikküste zur Ruhe kommt – was Bill Clegg in ein letztes großartiges Bild der Entspannung fasst:
„Und kein Mensch wird sich an uns erinnern – wer wir waren und was hier geschehen ist. Sand wird über die Pacific Avenue und gegen die Fenster des Moonstone Motels wehen, und neue Menschen werden kommen und den Strand hinunter zum großen Ozean gehen. Sie werden verliebt sein oder verloren, und sie werden keine Worte haben. Und das Rauschen der Wellen wird für sie klingen wie für uns, als wir es das erste Mal gehört haben.“

Wie gefällt es?
Der Roman entwickelt einen Sog, obwohl oder gerade weil er so unspektakulär und ganz nah bei den Figuren bleibt. „Fast eine Familie“ ist auf den ersten Blick kein politischer Roman, sondern ein Roman, der nur im Privaten spielt – aber dieses Private erweist sich als äußerst politisch. Dieser Roman zeigt ein Amerika, in dem sich Menschen umeinander kümmern, ein Amerika, in dem Menschen trotz aller Unterschiede für einander da sind, die sich unterstützen, ihre Differenzen überwinden, um das, was in Trümmern liegt, wieder aufzubauen. Das ist rührend ohne kitschig zu sein, das ist intensiv ohne pathetisch zu werden, und es ist so ganz anders als das grelle Bild eines lauten und rücksichtslosen Amerika, das derzeit Konjunktur zu haben scheint. Insofern ist „Fast eine Familie“ auch ein Anti-Trump-Roman und zwar ein sehr guter.

Bill Clegg: „Fast eine Familie“, S. Fischer Verlag, 22 EUR, ISBN: 9783100023995

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