hr-iNFO Büchercheck: Thomas von Steinäcker, Barbara Yelin „Der Sommer ihres Lebens“

Die zentrale Frage dieses Buches dürfte an jedem von uns rühren: Hatte ich ein glückliches Leben? Würde ich es nochmal genau so leben wollen?
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat die Graphic Novel gelesen.

Worum geht es?
Gerda Wendt ist um die 80 und streift mit ihrem Rollator durchs Altersheim. Sie hat viel Zeit zum Nachdenken und erinnert sich an ihr früheres Leben. Schon als junges Mädchen ist Gerda an Zahlen und Sternen interessiert und wird eine angesehene Astrophysikerin – und das in den 60er Jahren! Aber eines Tages steht sie vor einer wichtigen Entscheidung: zwischen ihrer Liebe zu Peter und ihrer Liebe zu den Sternen und der Mathematik. Sie wählt Peter, einen Musiker und Freigeist, der nicht bereit ist, mit ihr nach Cambridge zu gehen. Sie gibt ihre Karriere auf – und bekommt mit ihm ein Kind.
Das hinterfragt Gerda jetzt im Alter: Hätte sie doch nach Cambridge gehen sollen? Was hätte Sie womöglich alles entdeckt? – im All, in den großen Welt-Formeln? Es geht in „Der Sommer ihres Lebens“ aber nicht darum, irgend jemandem Schuld zuzuschieben – Peter zum Beispiel, der Gerda später auch noch betrügt. Es geht darum, wie Gerda die Tatsache bewältigt, dass sie mal ein pulsierendes, aktives Leben hatte – und bald gar kein Leben mehr haben wird.

Wie ist es geschrieben?
In dieser Graphic Novel dominieren die Bilder, es gibt nur wenig Kommentartext und auch das Gesagte in den Sprechblasen ist reduziert auf das Wesentliche. Die Geschichte bezieht ihre Spannung vor allem aus der Gegenläufigkeit von junger und alter Gerda: Während die eine vom Kind zur Frau wird, die immer selbstbestimmter agiert, wird der Wirkungskreis der alten Gerda immer kleiner. Sie ist mehr und mehr darauf angewiesen, dass andere sie betreuen: sie wecken, waschen, ihr Essen zubereiten. Das Einzige, was Gerda bleibt: viel Zeit – und ihre Erinnerungen.
Die große Qualität dieser Graphic Novel liegt darin, wie mühelos und originell Barbara Yelin es schafft die verschiedenen Gerdas, also die verschiedenen Zeitebenen, innerhalb eines einzigen Bildes ineinander übergehen zu lassen.

Wie gefällt es?
Gerda steht am Ende ihres Lebens, auf der Zielgeraden sozusagen. Aber sie ist weder weinerlich noch verbittert. Das ist angenehm. Ein gutes Beispiel, das uns der Schriftsteller Thomas von Steinäcker da gibt, ohne anmaßend zu sein. Dazu passt der grafische Stil der Bilder hervorragend: Getupft in Aquarell, wie Erinnerungen, fließen die Farben ineinander – „traumhaft“, leicht, dominiert von Grün und Blau. Die Zeichnungen – Figuren, Häuser – sind skizzenhaft. Sie muten mit ihren vielen Linien selbst mehrdeutig und „suchend“ an. So wie Gerda auch in ihren Erinnerungen sucht, ihren Lebensweg befragt.
„Der Sommer ihres Lebens“ ist ein durchweg stimmiges Gesamtwerk. Poetisch, leichtfüßig und hintersinnig gibt diese kleine und „leise“ Graphic Novel erhellende Antworten auf die ganz großen Fragen. – Und am Ende versteht man auch, was mit dem „Sommer ihres Lebens“ wirklich gemeint ist.

Thomas von Steinäcker, Barbara Yelin: „Der Sommer ihres Lebens“, Reprodukt Verlag, 20 EUR, ISBN: 9783956401350

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