hr-iNFO Büchercheck: Tristan Garcia „Faber. Der Zerstörer“

Tristan Garcia hat sich mit einer Philosophie des intensiven Lebens zu einer Stimme Frankreichs gemacht. Doch Garcia schreibt wie andere Lebensphilosophen, Camus oder Sartre etwa, auch Romane. Und tatsächlich kann man seinen Roman „Faber. Der Zerstörer“ aus der Perspektive seiner Philosophie lesen.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Basile, Madeleine und Faber lernen sich in den 80ern kennen, als sie in die Grundschule gehen. Basile und Madeleine stammen aus dem Kleinbürgertum einer Provinzstadt. Fabers familiäre Wurzeln sind in Nordafrika. Er wächst bei Pflegeeltern auf, ebenfalls kleine Leute, die alles für ihn geben. Faber wird zu einer Art großer Bruder und Schutzengel für die beiden anderen. Angstfrei, stark, gewitzt und extrem schnell im Denken, wird er zur Respektsperson unter den Schülern und schließlich zum Idol der Schule. Jegliche Kühnheit der Jugend scheint in ihm personifiziert. Fast schon dämonisch wirkt er. Aber das Trio entzweit sich. Faber taucht ab. Madeleine und Basile bleiben verletzt und ratlos zurück. Sie entwickeln sich zu den Durchschnittstypen, die ihre Eltern schon sind. Basile formuliert es so:
„Ich begriff, dass ich ein Provinzler war und es wahrscheinlich bleiben würde. Was bedeutete, dass ich nur halb geboren und teilweise schon gestorben war. Ich fühlte mich halbseitig taub, wie gelähmt. Dieses mit Nicht-Leben vermischte Leben war meine Bestimmung. Und eigentlich war mir das nicht unangenehm. Dann blickte ich zu Faber hinüber. Ich wusste, dass er sich niemals mit derart platten, enttäuschenden und friedlichen Wahrheiten abfinden würde.“
Nach vielen Jahren wollen sich Madeleine und Basile an Faber rächen. Sie holen ihn zurück. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst, ein kaputter und verwahrloster Typ. Aber er hat immer noch Macht über sie. Vergangenheit und Gegenwart, die Zukunftshoffnungen und Träume der Jugendlichen und die desillusionierende Wirklichkeit der Erwachsenen prallen aufeinander. Eine mörderische Gemengelage.

Wie ist es geschrieben?
Man kann diesen Roman wie einen Thriller lesen. Viele Rätsel tauchen auf, Kapitel für Kapitel neue Spuren, richtige und falsche Fährten. Spannend und raffiniert. Erzählt wird aus der Perspektive der drei Figuren und auf zwei Zeitebenen, der Gegenwart und der Vergangenheit. Auch die verschiedenen Blicke auf dieselbe Geschichte erhöhen die Spannung. Zum Schluss taucht dann überraschend noch ein vierter Erzähler auf, der die Geschichte auf den Kopf stellt.

Wie gefällt es?
Ich finde, dieses Buch ist ein Knaller. Von Anfang bis Ende hat mich die Geschichte gefesselt. Sie ist spannend und tief schürfend zugleich. Sie hat mich förmlich hinein gesogen in den provinziellen Schauplatz mit seiner erstarrten Gesellschaft, in das Denken und Empfinden der Protagonisten, in die Aufbruchstimmung und den Idealismus ihrer Jugend, aber auch in ihre Verirrung, Überreizung und schließlich Erschlaffung. Einfach furios.
Tristan Garcia: „Faber. Der Zerstörer“, Wagenbach Verlag, 24 EUR, ISBN: 9783803132888

 

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