hr-iNFO Büchercheck: Annie Proulx „Aus hartem Holz“

Wenn Sie noch eine Erinnerung an „Lederstrumpf“ haben, dann fühlen Sie sich in
Annie Proulx neuem Buch fast ein bisschen wie zu Hause. Ihre Geschichte beginnt
im späten 17. Jahrhundert im Grenzgebiet zwischen den französischen und
englischen Kolonien an der Ostküste Nordamerikas. Der eigentliche Held ist die
Natur. Der Urwald Nordamerikas. Für die Indianer ist er Lebensraum, der sie
ernährt, dem sie sich anpassen. Für die Kolonisten ist er Nutzfläche, die sie ausbeuten.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Annie Proulx erzählt die Geschichte dieser rücksichtslosen Landnahme von ihrem Beginn Ende
des 17. Jahrhunderts bis in unsere Zeit. Im Mittelpunkt stehen zwei französische Einwanderer
und ihre Nachfahren. Einer ist René Sel, ein geschickter Holzfäller, der eigentlich nur ein eigenes
Stück Land bewirtschaften will und eine Indianerin heiratet. Der andere ist Charles Duquet, ein
schwacher, aber gerissener und skrupelloser Geschäftemacher der schnell zu Geld und Ansehen
kommt und sich eine Frau aus Frankreich besorgt. An diesen beiden und ihren Nachfahren stellt
Proulx die Schicksale der Menschen, ihre Chancen und ihre Verlorenheit dar. Die einen bauen ein
Holz- und Handelsimperium auf, die anderen fühlen die Zerrissenheit zwischen indianischer und
französischer Herkunft immer wieder und kommen nicht auf die Erfolgsspur. Irgendwann
kreuzen sie sich dann. Und immer stehen diese Menschen und ihr Tun in einem
Wechselverhältnis zur Natur. Entweder versuchen sie im Einklang mit ihr zu leben oder sie
versuchen, sie sich zu unterwerfen. Am Ende sterben sie natürlich alle, oftmals weil sie die Kraft
der Natur unterschätzen.

Wie ist es geschrieben?
Proulx erzählt die Geschichte chronologisch durch die Jahrhunderte. Man kann das Buch fast wie
einen Abenteuerroman lesen oder wie ein erzählendes Geschichtsbuch. Proulx lässt immer
wieder komplexe und interessante Charaktere entstehen, aber ihre eigentliche Zuneigung gilt
der Natur. Ihre Landschaftsbeschreibungen der Wälder zeugen von großer Liebe und Achtung,
aus den Bildern spricht die ohnmächtige Wut der Autorin auf die Ausbeuterkultur ihres Landes.
Das wird zum Beispiel deutlich, als sie einen Pastor über die hungernden Indianer sagen lässt:
„Wer hungert da? Indianer, sagst du? Du weißt gar nicht, wie oft ich diese Klage höre, aber wir
leben in einer Zeit, in der die Rothaut den Platz räumt und von tatkräftigen europäischen
Siedlern ersetzt wird. Der Indianer muss lernen, zu arbeiten und seinen Lebensunterhalt zu
verdienen, einen Garten anzulegen und Vorräte für den Winter einzulagern. Wohltätigkeit
schiebt das Unausweichliche nur hinaus.“

Wie gefällt es?
Mich hat „Aus hartem Holz“ von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr los gelassen. Es ist
eine gut recherchierte Geschichte mit Akteuren, die man lieben, bewundern, bemitleiden oder
verachten kann. Vor allem ist es eine Geschichte mit einer klaren Botschaft: Beutet die Natur
nicht aus. Dass diese Botschaft aus jeder Seite herausdringt, mag man als störend empfinden.
Für mich ist sie das Vermächtnis einer großartigen Autorin.

Annie Proulx: „Aus hartem Holz“, Luchterhand Verlag, 26 EUR, ISBN: 9783630872490

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