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hr-iNFO Büchercheck: Friedrich Ani „Ermordung des Glücks“

„Die Ermordung des Glücks“ spielt in München, Hauptperson ist Ex-Kommissar Jakob Franck. Er hat die besondere Begabung, verständnisvoll und einfühlsam Todesnachrichten zu überbringen. Trotz Pensionierung darf er das weiterhin – und so gerät er in den Fall eines vermissten elfjährigen Jungen, dessen Leiche nach 34 Tagen gefunden wird.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Lennard Grabbe ist tot, seine Mutter Tanja verliert ihren Halt, ihren Lebensmittelpunkt, verliert auch endgültig den Kontakt zu Vater und Ehemann Stephan. Sie dreht durch, ein wenig Beistand findet sie bei ihrem Bruder, doch eigentlich existiert diese Familie seit der Todesnachricht nicht mehr. Das Glück, so sagt es ja auch der Titel des Buches, ist ermordet worden. Ex-Kommissar Jakob Franck hat diese entsetzliche Nachricht in die Familie gebracht. Er will wissen, wer Schuld hat an diesem Tod, an diesem Unglück, das zunächst so gar keine Spuren hinterlassen hat, kein Indiz, keinen Hinweis.

Wie ist es geschrieben?
Autor Friedrich Ani ist ein Meister der Psychologie: mit Ex-Kommissar Franck vertieft er sich in die Tiefen und Untiefen aller Personen, die sich um den nun toten Jungen bewegt haben. Er beleuchtet die Mutter, den Vater, einen Onkel, Nachbarn und vermutliche Augenzeugen des Mordes. Ein ungeheuer tiefgehendes Psychogramm von Personen –zum Beispiel von der Mutter Tanja Grabbe.
„Wenn sie ihn an diesem Abend ansah, hatte Franck den Eindruck, jenes Ewige Licht, das er hin und wieder in den Augen von Angehörigen als Beweis der unzerstörbaren Verbindung zu einem geliebten, toten Menschen wahrzunehmen meinte, sei in den Nächten ihrer eisigen Einsamkeit erloschen und kein Gebet, kein Lebensfreund, keine Zeitenwende könnten es je wieder entfachen.“

Wie gefällt es?
Friedrich Ani schreibt keine Thriller, keine atemlosen, aktionsgeladenen Krimis. Er ist der Autor für die leisen Töne, für die Hintergründe, die Melancholie, für die dunklen Seiten. Und die hat in diesem Fall fast jede und jeder: die Mutter, der Vater, der Onkel, niemand ist hier ohne Schuld, ohne wirklich verantwortlich zu sein an diesem so unglückseligen Tod eines elfjährigen Jungen. Es geht um Geheimnisse, das Schweigen, das Leiden, und ja, am Ende natürlich um das Unglück, das alle miteinander teilen. Trotzdem hat mich der Krimi „Ermordung des Glücks“ fasziniert, weil er nicht verzweifelt, eben nicht unglücklich macht, sondern schildert, dass Zufälle zum Verschwinden des Glücks führen können.

Friedrich Ani: „Ermordung des Glücks“, Suhrkamp-Verlang, 20 EUR, ISBN: 9783518427552

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hr-iNFO Büchercheck: Edward Docx „Am Ende der Reise“

Der britische Autor Edward Docx ist Journalist und Kritiker und hat bisher vier Romane veröffentlicht. Sein erster, „Der Kalligraph“, ist bisher auf Deutsch erschienen. Dieser Roman hat Lust gemacht auf mehr Bücher von Edward Docx, und so ist in diesem Herbst Edward sein jüngster Roman auch gleich auf Deutsch erschienen. Der Titel: „Am Ende der Reise“
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Am Ende der Reise“ ist ein Reiseroman. Aber zugleich auch ein Familienroman, denn diese Reise ist eine besondere: Louis’ Vater hat ALS und fährt mit seinem Sohn im schepprigen Familien-VW-Bus von London nach Zürich, um dort mit Hilfe der Organisation Dignitas einen begleiteten Suizid zu begehen. Unterwegs steigen noch Louis’ ältere Zwillingsbrüder zu, und im Laufe der folgenden Tage erleben die vier Männer einige kleiner Abenteuer, die sie zusammenschweißen. Und sie erfahren jede Menge intensiver Momente mit den anderen und sich selbst.

Wie ist es geschrieben?
Man könnte denken, das sei ein trauriger oder dunkler Roman. Aber das Gegenteil ist der Fall: „Am Ende der Reise“ funkelt nur so vor Lichtblicken! Edward Docx schreibt flüssig, farbig, witzig, sehr pointiert. Fast alles Traurige oder Pathetische bricht er ironisch auf. Es gibt ernste Szenen, was aber überwiegt, sind die witzigen. Die komischen Erzählungen und Situationen, die mit einem bitteren Familienhumor gespickten Erinnerungen. Und vor allem die absurden und bis zum Zynischen reichenden Dialoge unter den Brüdern.
„Was ist mit dir?“ frage ich. „Mit wem bist du zusammen?“ „Mit jedem. Mit allem. Mit niemandem.“ „Wie fühlt sich das an?“ „In geschlechtlicher Hinsicht sehr befriedigend. In intellektueller Hinsicht erfüllend. In spiritueller Hinsicht einsam.“ „Vielleicht bist du einfach ein frustrierter Monogamist.“ „Das hab ich auch schon ausprobiert. Fühlt sich an wie Sterben…..Dad, wie fühlt sich Sterben an?“

Wie gefällt es?
Es wird sehr viel geredet in diesem Roman – was sollen die Männer sonst auch tun auf ihrer Fahrt? At his best ist Edward Docx in den Dialogen. Die sind schlagfertig, scharfsinnig, spitzfindig, komisch. Oft vieldeutig, manchmal aggressiv, dann wieder sehr behutsam. Da geht es um alles, um Leben und Tod, Liebe und Glück, Zufriedenheit und Identität. Mir kommt Edward Docx’ Roman vor wie eine an langen Seilen hin und her schwingende Hängebrücke. Man blickt in den Abgrund – aber die Heiterkeit der Sprache und der spielerische Umgang mit den großen Themen tragen uns über diesen Abgrund hinweg.

Edward Docx: „Am Ende der Reise“, Kein & Aber, 25 EUR, ISBN: 9783036957654

hr-iNFO Büchercheck: John Banville „Die blaue Gitarre“

Oliver Orme ist eine bizarre Existenz. Er war Maler, ist aber an seinem Anspruch, das Wesen der Welt zu malen, gescheitert. Er hatte eine Familie. Aber seine Tochter ist gestorben, und seine Frau hat er verloren, weil er sie betrogen hat. Mit seiner Freundin klappt es auch nicht. Er hatte sie einem Freund ausgespannt. Überhaupt ist er Kleptomane. Nichts ist vor ihm sicher. Das Klauen hat für ihn eine erotische Dimension. Wie gesagt, ein bizarrer Typ. Eigentlich scheitert er immer an der Realität.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Es geht wie so oft in John Banvilles Romanen um Schein und Sein, um Realität und Fiktion, um das Trügerische in der Welt. Was ist echt, was ist Täuschung? So ist es auch bei Oliver Orme. Sein Selbstbild und die Wirklichkeit, die Innen- und die Außenwelt passen nie zusammen. Er ist ein Egoist, wenn nicht ein Narzisst. Er ist hocheloquent. Daher gelingt ihm der Selbstbetrug so gut. Er kann sich gut rausreden. Man muss ihm, dem Ich-Erzähler, eine Weile folgen, um dann Seite um Seite seine Bodenlosigkeit zu erkennen und am Ende seine Lächerlichkeit. Er, der meinte mit seiner Kunst den Durchblick auf den Kern der Welt zu schaffen, hat gar nichts begriffen. Er hat sich als Opfer stilisiert und war doch immer Täter.

Wie ist es geschrieben?
Wenn dieser gescheiterte Ich-Erzähler sein wahres Wesen hinter einer glitzernden Sprache verbergen kann, dann liegt das am Autor, der ihm diese Sprache verleiht. John Banville ist ein Wortkünstler. Bestechend eloquent, geradezu artistisch und elegant, bildmächtig. Mit wenigen Sätzen baut er gewaltige Stimmungen auf. Zum Beispiel, wenn er seinen Protagonisten einen Traum erzählen lässt.
„Ein Sturm zog auf, und vom dem Fenster unten im Parterre sah ich eine unglaubliche hohe Flut heranrollen; die riesigen Wellen, schwerfällig von der Last des aufgewühlten Sandes, überstürzten sich in ihrem wilden Drang, das Ufer zu gewinnen, und warfen sich krachend gegen die niedrige Kaimauer. Ihre Kämme waren von schmutzig weißem Gischt gekrönt, und ihre tief gekehlten, glatten Unterseiten hatten einen glasig-bösen Glanz. Sie sahen aus wie wetteifernde Hundemeuten, die eine nach der anderen angerast kamen, wutschnaubend, mit weit aufgerissenem Rachen, wie toll, und immer wieder und mit voller Wucht zurückgeschleudert wurden in die Fluten(…..) Ich frage mich, was das alles zu bedeuten hat und warum mich dieser Traum verfolgt, seit ich im Morgengrauen schweißgebadet daraus hochgefahren bin. Ich mag solche Träume nicht, solche wirren, bedrohlichen, bedeutungsschwangeren Träume voll unerklärlichen Zeichen.“

Wie gefällt es?
„Die blaue Gitarre“ ist ein ausgesprochen künstlerisches Buch. Es hat keine spannende Handlung. Ich glaube,man muss es sich erschließen. Mir ist das über die Sprache John Banvilles und die gekonnte Übersetzung gelungen. Es ist ein Buch für stille Winterabende, aber kein Schmöker, sondern ein Buch zum Genießen für Leser mit Lust auf kunstvolle Sprache.

John Banville: „Die blaue Gitarre“, Kiepenheuer&Witsch, 22 EUR, ISBN: 9783462050257

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hr-iNFO Büchercheck: Uwe Timm „Ikarien“

Uwe Timm ist ein Schriftsteller, der die Untersuchung der deutschen Vergangenheit immer wieder mit der Erkundung der eigenen Familiengeschichte verbindet. So auch in seinem neusten Roman „Ikarien“.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
In „Ikarien“ rekonstruiert Uwe Timm die Geschichte von Alfred Ploetz, dem Großvater von Uwe Timms Ehefrau. Er war Mediziner und im 19. Jahrhundert zunächst ein begeisterter Sozialutopist. Als solcher besuchte die sogenannten „Ikarier“, eine Kommune im amerikanischen Iowa. Wieder in Deutschland wandte sich Plötz der Rassenforschung zu und wurde schließlich zum Stichwortgeber für den Massenmord der Nazis an Kranken und Behinderten im Namen der sogenannten Rassenhygiene. Was lässt einen Idealisten und Utopisten zum furchtbaren Mediziner werden, an welchen Punkt schlägt Idealismus in Menschenverachtung um – das sind die Leitfragen dieses Romans.

Wie ist es geschrieben?
Uwe Timm erzählt aus der unmittelbaren Nachkriegsperspektive, er erzählt aus der Sicht eines jungen deutschstämmigen US-Soldaten, der den Auftrag erhält, im zerstörten Deutschland die Forschungsergebnisse des Eugenikers Ploetz zu sichern. Diese Figur des Michael Hansen – wie er heißt – erlaubt es Uwe Timm, die Geschichte in klar konturierten, spannungsvollen Gegensatzpaaren zu erzählen – da ist sein Freund George, der sich bald auf das Beobachten von Vögeln beschränkt und deren Vielfalt als Gegenentwurf zum Einheitsdenken der Nazis begreift. Und da ist Wagner, der ehemalige Weggefährte von Ploetz, der zum überzeugten Sozialisten wurde und die Alternative zu NS-Ideologie vom Recht des Stärkeren so formuliert:
„Nein, es sind gerade die Schwachen, die von der Unvollkommenheit wissen, es sind die Schwachen, die in sich die Hoffnung tragen, dass die dumpfe, vor Kraft und Blut dampfende Natur nicht im Recht ist. … Es sind nicht die in Saft und Kraft Stehenden, sondern die Verstümmelten, die an sich und dieser Welt Leidenden, die das Licht der Erkenntnis mit sich tragen. Die Schwachen sind die Starken, weil sie nach Gerechtigkeit verlangen.“

Wie gefällt es?
Ikarien ist ein Roman, den ich mit großer Spannung und teilweise auch mit Bestürzung gelesen. Zu erfahren, mit welcher Überzeugung sich Mediziner gegen jedes Mitleid immunisiert haben, wie sie Kinder und Hilfsbedürftige im Dienste einer Ideologie ermorden ließen und auch nach dem Kriegsende teilweise immer noch der Euthanasie das Wort redeten, ist schockierend. Teilweise war mir dabei die Gegenüberstellung von Gut und Böse allerdings zu schematisch.
Und trotzdem, es ist ein Buch, das genau zeigt, wie eine Einstellung, die nur das Wohl des Volkes und nicht das Schicksale der Einzelnen im Blick hat, zwangsläufig in die Unmenschlichkeit führt. Insofern auch ein Buch, das sehr aktuell ist und dem ich viele Leser wünsche.

Uwe Timm, „Ikarien“, Kiepenheuer und Witsch, 24 Euro, ISBN: 9783462050486

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hr-iNFO Büchercheck: Lindsey Lee Johnson „Der gefährlichste Ort der Welt“

Lindsey Lee Johnson hat mal Schülern Nachhilfe gegeben. Einem Interview zur Folge dort, wo jetzt ihr erster Roman angesiedelt ist. Dieser Job ist die Brücke zu ihrem Roman. Er hat offenbar einen realen Hintergrund.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Mill Valley, ein Kleinstädtchen nördlich von San Francisco, wenige Kilometer von der Golden Gate Bridge entfernt. Eine wohlhabende Gegend. Geld, Häuser, Autos, Essen aus dem Biomarkt sind die Norm. Die Erwachsenen haben gute Jobs. Aber der Roman geht um ihre Kinder. Aber das Besondere ist, dass diese Kinder asozial aufwachsen. Ihre Eltern kümmern sich nicht um sie. Meinen, die Kreditkarte reiche aus. Andere verstehen ihre Kinder einfach nicht. Narzissten, ohne Empathie. Dave ist eines dieser verunsicherten und gezeichneten Kinder:
„Seine Eltern wussten bestimmt, was richtig war. Mit dem Leben musste es irgendetwas auf sich haben, was er noch nicht ganz verstand: es musste irgendeinen Grund geben, warum das unscheinbare Leben, das er sich vorstellte, nicht in Ordnung war. Vielleicht stimmte es ja, dass Dave einfach noch nicht wusste, was er wollte und das Glück, das er ersehnte, sich ihm so lange entziehen würde, bis er lernte, von Höherem und Besserem zu träumen.“
Die Kinder Hängen im Netz ab, hängen an oberflächlichen Reizen, an Konsum und Drogen, mobben sich. Vermeintliche Freundschaften von In-Groups halten die kleinsten Belastungstests nicht aus. Einer bringt sich um, andere geraten aus der Spur, wieder andere flüchten sich in gesellschaftliche Randgruppen. Der gefährlichste Ort ist einer, in dem die oberflächlich betrachtet hochattraktive Umgebung zu einer seelenlosen Hülle geworden ist und das Internet zur abgründigen Ersatzheimat. Am Ende ist es eine virale Kampfzone, in der sich die Kinder und Jugendlichen gnaden- und bedenkenlos fertig machen mit Fotos, Videos und Beschimpfungen. Schon eine Liebesoffenbarung kann in diesem Milieu eine Treibjagd in Gang setzen. Gerade erst erwachsen, sind sie alle schließlich vom Leben bereits gezeichnet.

Wie ist es geschrieben?
Johnson steigt voll ein in ihre Geschichte, mit dem Selbstmord eines Achtklässlers, der in einem Schulaufsatz zuvor die ganze Tristesse unter der Dunstglocke seines Wohnorts beschreibt. Dann macht sie einen Zeitsprung von ein paar Jahren und erzählt, wie es mit den Überlebenden weiter geht, pro Kapitel eine andere Person. Das Besondere: sie findet eine Sprache für diese Kinder und Jugendlichen. Das macht die Geschichte so realistisch.

Wie gefällt es?
Das Buch ist gut lesbar. Es ist spannend zu erfahren, wie sich die Charaktere entwickeln, wie der Tod des Mitschülers, den sie alle mitzuverantworten haben, ihr Leben beeinflusst. Und es ist schockierend zu lesen, wie sich eine Generation entwickeln kann, wenn ihr Leben von Netz und Konsum bestimmt wird und zu Hause keine Werte mehr vermittelt werden. Dass das manchmal ein wenig holzschnittartig ist – ok.

Lindsey Lee Johnson: „Der gefährlichste Ort der Welt“, dtv-Verlag, 21 EUR, ISBN: 978-3423281331

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hr-iNFO Büchercheck: Jan Costin Wagner „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“

Der Titel „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“ von Jan Costin Wagner hört sich kompliziert und nicht unbedingt nach einem Krimi an, ist aber einer.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Finnland, Turku, es ist heiß. Ein junger Mann steht nackt im Brunnen mitten auf dem Marktplatz, ein Messer in der Hand. Die Polizei wird gerufen, Petri Grönholm nähert sich vorsichtig dem Mann. Dieser fängt an, sich selbst mit dem Messer zu verletzen, geht plötzlich auf den Polizisten zu. Da schießt Grönholm, und der junge Mann ist tot. Grönholm ist erschüttert, er kann sich im Nachhinein nicht erklären, warum er zur Waffe gegriffen hat. Und will nun unbedingt wissen, was mit dem Mann, Sakari sein Name, los war. Grönholm bittet seinen Kollegen Kimmo Joentaa um Hilfe. Kimmo sucht Sakaris Familie auf. Er erfährt nach und nach von einer dramatischen Verstrickung zweier benachbarter und befreundeter Familien. Sakari hatte schon in seiner Jugend psychische Probleme und ohne Absicht großes Unheil in die Nachbarsfamilie gebracht. Kimmo sieht, wie zwei Familien an diesem Unglück zerbrochen sind, und kann doch nicht verhindern, dass es weitere Tote gibt.

Wie ist es geschrieben?
Aus der Perspektive vieler verschiedener Menschen wird eine ungemein traurige, am Ende aber auch versöhnliche Geschichte erzählt. Jan Costin Wagner hat eine klare, manchmal fast nüchterne Sprache, doch er schreibt ungeheuer feinfühlig und warmherzig.
„Die Sonne brennt, denkt Joentaa vage, das Lied, das aus dem Fernseher dringt, scheint von Feuern zu erzählen. Die Sonne brennt, denkt Joentaa noch einmal, er weiß nicht, woher der Gedanke kommt. „Am Ende war es die Sache mit Emma, die ihn nicht mehr losgelassen hat“, sagt Sakaris Mutter. „Er konnte das nicht mehr zuordnen…“ Sie ist so beherrscht, denkt Joentaa. So traurig und so beherrscht. Weil es anders nicht zu ertragen ist.“

Wie gefällt es?
Es ist vielleicht ungewöhnlich zu sagen, aber Jan Costin Wagner schreibt einfach schön. Einige Sätze sind wie Perlen, die man sich immer wieder ansehen will. Ich habe mich in dem Buch wohlgefühlt, trotz der menschlichen Dramen, die dort beschrieben werden. Weil das Buch Wärme ausstrahlt, und diese Wärme ist besonders zu finden in den Szenen mit Kimmo und seiner Tochter, die für Kimmo und damit auch für mich das reine Glück waren, abseits all des Elends, das es trotzdem gibt. Ein Glück, das Kimmo in dem Lachen seiner Tochter findet. Ein Krimi, und doch kein Krimi. Ein Drama, eine Tragödie, eine überaus menschliche Geschichte.

Jan Costin Wagner: „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“, Verlag Galiani Berlin, 20 EUR, ISBN: 978-3869710181

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hr-iNFO Büchercheck: Thomas von Steinäcker, Barbara Yelin „Der Sommer ihres Lebens“

Die zentrale Frage dieses Buches dürfte an jedem von uns rühren: Hatte ich ein glückliches Leben? Würde ich es nochmal genau so leben wollen?
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat die Graphic Novel gelesen.

Worum geht es?
Gerda Wendt ist um die 80 und streift mit ihrem Rollator durchs Altersheim. Sie hat viel Zeit zum Nachdenken und erinnert sich an ihr früheres Leben. Schon als junges Mädchen ist Gerda an Zahlen und Sternen interessiert und wird eine angesehene Astrophysikerin – und das in den 60er Jahren! Aber eines Tages steht sie vor einer wichtigen Entscheidung: zwischen ihrer Liebe zu Peter und ihrer Liebe zu den Sternen und der Mathematik. Sie wählt Peter, einen Musiker und Freigeist, der nicht bereit ist, mit ihr nach Cambridge zu gehen. Sie gibt ihre Karriere auf – und bekommt mit ihm ein Kind.
Das hinterfragt Gerda jetzt im Alter: Hätte sie doch nach Cambridge gehen sollen? Was hätte Sie womöglich alles entdeckt? – im All, in den großen Welt-Formeln? Es geht in „Der Sommer ihres Lebens“ aber nicht darum, irgend jemandem Schuld zuzuschieben – Peter zum Beispiel, der Gerda später auch noch betrügt. Es geht darum, wie Gerda die Tatsache bewältigt, dass sie mal ein pulsierendes, aktives Leben hatte – und bald gar kein Leben mehr haben wird.

Wie ist es geschrieben?
In dieser Graphic Novel dominieren die Bilder, es gibt nur wenig Kommentartext und auch das Gesagte in den Sprechblasen ist reduziert auf das Wesentliche. Die Geschichte bezieht ihre Spannung vor allem aus der Gegenläufigkeit von junger und alter Gerda: Während die eine vom Kind zur Frau wird, die immer selbstbestimmter agiert, wird der Wirkungskreis der alten Gerda immer kleiner. Sie ist mehr und mehr darauf angewiesen, dass andere sie betreuen: sie wecken, waschen, ihr Essen zubereiten. Das Einzige, was Gerda bleibt: viel Zeit – und ihre Erinnerungen.
Die große Qualität dieser Graphic Novel liegt darin, wie mühelos und originell Barbara Yelin es schafft die verschiedenen Gerdas, also die verschiedenen Zeitebenen, innerhalb eines einzigen Bildes ineinander übergehen zu lassen.

Wie gefällt es?
Gerda steht am Ende ihres Lebens, auf der Zielgeraden sozusagen. Aber sie ist weder weinerlich noch verbittert. Das ist angenehm. Ein gutes Beispiel, das uns der Schriftsteller Thomas von Steinäcker da gibt, ohne anmaßend zu sein. Dazu passt der grafische Stil der Bilder hervorragend: Getupft in Aquarell, wie Erinnerungen, fließen die Farben ineinander – „traumhaft“, leicht, dominiert von Grün und Blau. Die Zeichnungen – Figuren, Häuser – sind skizzenhaft. Sie muten mit ihren vielen Linien selbst mehrdeutig und „suchend“ an. So wie Gerda auch in ihren Erinnerungen sucht, ihren Lebensweg befragt.
„Der Sommer ihres Lebens“ ist ein durchweg stimmiges Gesamtwerk. Poetisch, leichtfüßig und hintersinnig gibt diese kleine und „leise“ Graphic Novel erhellende Antworten auf die ganz großen Fragen. – Und am Ende versteht man auch, was mit dem „Sommer ihres Lebens“ wirklich gemeint ist.

Thomas von Steinäcker, Barbara Yelin: „Der Sommer ihres Lebens“, Reprodukt Verlag, 20 EUR, ISBN: 9783956401350

hr-iNFO Büchercheck: Leila Slimani „Dann schlaf auch du“

Leila Slimani wird als shooting Star der französischen Literaturszene gefeiert. Ihr Roman „Dann schlaf auch du“ führt uns nach Paris, zu einem gut situierten Paar. Nach dem zweiten Kind will Myriam wieder arbeiten gehen – also sucht sie zusammen mit ihrem Mann Paul nach einer Nanny. Sie finden die perfekte Lösung: Louise macht sich schnell unentbehrlich.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Schon in den ersten Sätzen ist klar, wie die Geschichte endet: die beiden Kinder Adam und Mila werden sterben, und Louise ist ihre Mörderin. Die Nanny hat versucht, sich nach der Tat das Leben zu nehmen, hat allerdings überlebt. Der Rest ist Rückblick: Myriam und Paul leben glücklich zusammen, doch Myriam fühlt sich nach der Geburt des zweiten Kindes immer mehr eingeengt und will wieder arbeiten. Sie stellen Louise ein, die so liebevoll mit den Kindern umgeht, und dazu noch aufräumt, putzt und kocht. Nach kurzer Zeit geht nichts mehr ohne Louise, Myriam und Paul konzentrieren sich auf ihre Karrieren und genießen das Leben. Die kleinen Zeichen, die darauf hindeuten, dass mit Louise nicht alles in Ordnung ist, werden ignoriert. Weil ein Leben ohne Louise das gesamte Lebenskonstrukt zum Einstürzen bringen würde.

Wie ist es geschrieben?
Leila Slimani hat für das Buch „Dann schlaf auch du“ im vergangenen Jahr den wichtigsten französischen Literaturpreis erhalten – sie schreibt beiläufig, fast banal, und deckt dabei doch meisterhaft die Tiefen und Untiefen der Charaktere auf: da sind Myriam und Paul, die sicherlich ihre Kinder lieben, aber auch ihre beruflichen Erfolge schätzen. Die immer freundlich und fast freundschaftlich zu Louise sind, aber sich kein bisschen für sie und ihr Leben interessieren. Und da ist Louise selbst, ihre Ehe gescheitert, ihr eigenes Kind abgehauen – sie ist abhängig von ihrer Arbeit in einer fremden Familie und setzt alle ihre Energie daran, perfekt zu sein. Und Mila und Adam, die Kinder, lieben sie, trotz ihrer Strenge: „Sie bringt ihre Lippen dicht an Milas Ohr und sagt mit ruhiger, eisiger Stimme: „Lauf nie wieder weg, hörst du. Willst du, dass dich jemand klaut? Ein böser Mann? Das ist es, was nächstes Mal passieren wird. Dann kannst du schreien und weinen, so viel du willst, niemand wird kommen.“ Louise will das Kind gerade wieder absetzen, da spürt sie einen heftigen Schmerz in der Schulter. Sie schreit und versucht das Kind wegzustoßen, dessen Zähne sich tief in ihr Fleisch graben. Mila beißt sie bis aufs Blut und klammert sich dabei an Louises Arm wie ein verrückt gewordenes Tier.“

Wie gefällt es?
Es ist ein Sog, in den mich dieses Buch gezogen hat, ein Sog in die Katastrophe, von der ich ja wusste, dass sie passieren wird, es aber eigentlich nicht glauben wollte. Louise ist so perfekt, zuverlässig, talentiert in vielen Dingen. Aber die Demütigungen in ihrem Leben kann sie ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr überspielen. „Dann schlaf auch du“ von Leila Slimani ist nicht nur ein packender Psycho-Thriller, sondern ein Gesellschaftsroman über die vor allem in Frankreich typischen Familienverhältnisse von arbeitenden Eltern und den oft mehr oder weniger unsichtbaren Nannys.

Leila Slimani: „Dann schlaf auch du“, Luchterhand-Verlag, 20 EUR, ISBN: 9783630875545

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hr-iNFO Büchercheck: Tristan Garcia „Faber. Der Zerstörer“

Tristan Garcia hat sich mit einer Philosophie des intensiven Lebens zu einer Stimme Frankreichs gemacht. Doch Garcia schreibt wie andere Lebensphilosophen, Camus oder Sartre etwa, auch Romane. Und tatsächlich kann man seinen Roman „Faber. Der Zerstörer“ aus der Perspektive seiner Philosophie lesen.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Basile, Madeleine und Faber lernen sich in den 80ern kennen, als sie in die Grundschule gehen. Basile und Madeleine stammen aus dem Kleinbürgertum einer Provinzstadt. Fabers familiäre Wurzeln sind in Nordafrika. Er wächst bei Pflegeeltern auf, ebenfalls kleine Leute, die alles für ihn geben. Faber wird zu einer Art großer Bruder und Schutzengel für die beiden anderen. Angstfrei, stark, gewitzt und extrem schnell im Denken, wird er zur Respektsperson unter den Schülern und schließlich zum Idol der Schule. Jegliche Kühnheit der Jugend scheint in ihm personifiziert. Fast schon dämonisch wirkt er. Aber das Trio entzweit sich. Faber taucht ab. Madeleine und Basile bleiben verletzt und ratlos zurück. Sie entwickeln sich zu den Durchschnittstypen, die ihre Eltern schon sind. Basile formuliert es so:
„Ich begriff, dass ich ein Provinzler war und es wahrscheinlich bleiben würde. Was bedeutete, dass ich nur halb geboren und teilweise schon gestorben war. Ich fühlte mich halbseitig taub, wie gelähmt. Dieses mit Nicht-Leben vermischte Leben war meine Bestimmung. Und eigentlich war mir das nicht unangenehm. Dann blickte ich zu Faber hinüber. Ich wusste, dass er sich niemals mit derart platten, enttäuschenden und friedlichen Wahrheiten abfinden würde.“
Nach vielen Jahren wollen sich Madeleine und Basile an Faber rächen. Sie holen ihn zurück. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst, ein kaputter und verwahrloster Typ. Aber er hat immer noch Macht über sie. Vergangenheit und Gegenwart, die Zukunftshoffnungen und Träume der Jugendlichen und die desillusionierende Wirklichkeit der Erwachsenen prallen aufeinander. Eine mörderische Gemengelage.

Wie ist es geschrieben?
Man kann diesen Roman wie einen Thriller lesen. Viele Rätsel tauchen auf, Kapitel für Kapitel neue Spuren, richtige und falsche Fährten. Spannend und raffiniert. Erzählt wird aus der Perspektive der drei Figuren und auf zwei Zeitebenen, der Gegenwart und der Vergangenheit. Auch die verschiedenen Blicke auf dieselbe Geschichte erhöhen die Spannung. Zum Schluss taucht dann überraschend noch ein vierter Erzähler auf, der die Geschichte auf den Kopf stellt.

Wie gefällt es?
Ich finde, dieses Buch ist ein Knaller. Von Anfang bis Ende hat mich die Geschichte gefesselt. Sie ist spannend und tief schürfend zugleich. Sie hat mich förmlich hinein gesogen in den provinziellen Schauplatz mit seiner erstarrten Gesellschaft, in das Denken und Empfinden der Protagonisten, in die Aufbruchstimmung und den Idealismus ihrer Jugend, aber auch in ihre Verirrung, Überreizung und schließlich Erschlaffung. Einfach furios.
Tristan Garcia: „Faber. Der Zerstörer“, Wagenbach Verlag, 24 EUR, ISBN: 9783803132888

 

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hr-iNFO Büchercheck: Christian von Ditfurth „Giftflut“

Christian von Ditfurth schildert in „Giftflut“ einen Terroranschlag unbeschreiblichen Ausmaßes: innerhalb weniger Tage werden große Brücken in Berlin, Paris und London in die Luft gesprengt. Hunderte von Toten. Und es hört nicht auf: Anschlag folgt auf Anschlag. Es gibt keinerlei Hinweise auf die Täter.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
In Berlin ist Hauptkommissar Eugen de Bodt für die Ermittlungen zuständig – eigensinnig und vor allem nicht bereit, sich in die bürokratischen Hierarchien einzufügen. Und damit immer kurz vor dem Rausschmiss, hätte er in der Vergangenheit nicht spektakuläre Erfolge gefeiert. Doch mit diesen Terroranschlägen wirkt auch de Bodt überfordert: keine Spuren, keine Indizien, keine Hinweise. Ausschließlich das Thema Wasser verbindet alle Verbrechen, wurden in den drei europäischen Hauptstädten doch auch die Chefs der Wasserwerke in ihren Badewannen ertränkt. Was ist das Ziel dieser Attentäter? Werden die Regierungen erpresst? Wollen Staaten, die durch den Klimawandel von Überschwemmung bedroht sind, den westlichen Staaten den Krieg erklären? Derweil geraten die Regierungen in Europa in die Krise, die Börsen stürzen ab, die Rechtsradikalen gewinnen an Zustimmung…
„„Wasser“, sagte de Bodt. „Irgendwas mit Wasser. Sie haben ja auch das Wasser abgestellt. Kurz nur. Wie gesagt, die übliche Kundschaft hätte gleich das Wasserwerk in die Luft gejagt. Oder Plutonium ins Trinkwasser gekippt.“ „Ganz Europa hat Terroristendaueralarm. Und doch sprengt da irgendwer einfach die Brücken weg“, sagte Salinger. „Wir kommen so nicht weiter“, sagte de Bodt leise.“

Wie ist es geschrieben?
263 Kapitel plus Epilog plus Prolog – „Giftflut“ von Christian von Ditfurth ist ein atemloser Krimi, kurz und prägnant, geschrieben aus verschiedenen Perspektiven: neben dem Berliner Team um Kommissar de Bodt sind da noch die Killer, die die Verbrechen ausführen, aber ihre Auftraggeber nicht kennen und auch nicht wissen, was hinter dem Ganzen steckt. Und ein Hamburger Tourist fern der Heimat, der eigentlich nur ins Internet will und sich zufällig in das Netzwerk der Killer hackt. Er wird entdeckt, soll getötet werden, aber erwischt wird dessen Freundin. Ab dann sinnt er nur noch auf Rache und mischt mit in dieser ganz großen Verschwörung, naiv, aber skrupellos.

Wie gefällt es?
Hunderte Tote, Terror in Europa, ein Kontinent im Ausnahmezustand – Christian von Ditfurth hat mit „Giftflut“ einen klug konstruierten Thriller geschrieben. Die realistische Perspektive hat mir besonders gefallen, die Kanzlerin mit dem direkten Draht zu Kommissar de Bodt, die Engländer, die sich wegen des Brexits aus einer gemeinsamen Ermittlung heraushalten. BKA und Verfassungsschutz, die nur darauf bedacht sind, ja keinen Fehler zu begehen. Nachzufühlen ist die Verzweiflung des Berliner Kripo-Teams, mit jedem Ermittlungserfolg vor einer neuen großen Frage zu stehen. Und für alle Hessen unter uns: in Frankfurt wird der Fall geklärt.

Christian von Ditfurth: „Giftflut“, Verlag carl’s books, 15 EUR, ISBN: 978-3570585658

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