hr-iNFO Büchercheck

hr-iNFO Büchercheck: Monika Held „Sommerkind“

Monika Held war jahrelang Reporterin bei der „Brigitte“ und hat die ganze Welt bereist. In ihren Romanen geht sie eigenwilligen Menschen und schwierigen Schicksalen nach. Ihre Fähigkeit, sich in komplizierte Charaktere einzufühlen und diese sensibel zu beschreiben, ist beeindruckend. Auch in „Sommerkind“ beweist sie das.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Im Mittelpunkt steht Malu, ein Sommerkind. So werden Kinder genannt, die im Sommer fast ertrinken und durch den erlittenen Sauerstoffmangel im Koma liegen. Malu ist neun Jahre alt, als sie im Schwimmbad fast ertrinkt, während ihr 16-jähriger Bruder Kolja mit einem Mädchen, das er sehr mag, auf einer Bank sitzt. Malu kommt in eine Spezialklinik, überlebt, und wird ihr ganzes Leben im Koma verbringen. Die Ehe der Eltern zerbricht an dem schrecklichen Ereignis, die Mutter wird depressiv. Und Kolja wird sich sein Leben lang verantwortlich fühlen für den Unfall. Hier gibt es neben Kolja noch eine zweite Protagonistin, Ragna nämlich, die Ich-Erzählerin, die damals neben dem Jungen auf der Bank saß und Malu im letzten Augenblick das Leben gerettet hat. Ragna kann sich nicht mehr an den Unfall erinnern. Kolja soll ihr helfen, das Vergessene wieder zu finden.

Wie ist es geschrieben?
Monika Held verbindet sehr unterschiedliche Themen miteinander: Eine Frau, die auf der Suche ist nach ihrer Erinnerung. Dazu kommt Koljas Lebensgeschichte und sein Trauma, schuldig zu sein am Unfall seiner Schwester. Und schließlich Koljas Erlebnisse in einer Klinik für Komakinder. Überall spielt auch die Erinnerung eine Rolle. Zusammengebunden werden diese Motive durch eine ruhige, melodische Sprache. Monika Held findet immer wieder einen leisen, eindringlichen Ton. Für die dramatischen Ereignissen und heftigen Emotionen, aber auch für die eher abstrakten Beschreibungen von Gedächtnis und Erinnerung. Sie verwandelt das Leben ihrer Protagonisten in erzählte Bilder, die sich in der Phantasie des Lesers zurückverwandeln in Leben.

„Ich habe mit zehn Jahren einen Fotoapparat bekommen. Nach den ersten Bildern war ich süchtig nach Motiven. Bei allem, was mir vor die Linse kam, dachte ich: meins. Der Baum: gehört mir. Die Taube: gehört mir. Die Hunde, Katzen, alle Menschen, die ich mit meiner ersten Kamera festhielt, jeder Fisch an der Angel wurde mein Eigentum. Ich war ein Dieb, ich stahl mit den Augen.”

Wie gefällt es?
„Sommerkind“ es ist trotz seiner schwierigen Themen ein wohltuendes Buch. Ein Roman, der feinsinnig und klug von schweren Schicksalen erzählt, das aber auf eine so sensible Weise, das wir sozusagen getröstet werden. Abgesehen davon, dass er sehr viele schöne Szenen enthält, sinnliche Schilderungen von Natur, Meer und Landschaft oder sehr innige Szenen aus der Kinderklinik. Man spürt, wie viel Respekt Monika Held vor ihren Figuren hat und wie viel Zuneigung für sie. Ein Roman, der Mut macht und Hoffnung, und der uns staunen lässt über die Leistungen unseres Gehirns und unseres Gedächtnisses. Denn nur die Erinnerung macht es uns möglich, wir selbst zu sein.
Monika Held: „Sommerkind“, Eichborn Verlag, 20 EUR, ISBN: 9783847906261

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hr-iNFO Büchercheck: Adrian McKinty „Rain Dogs“

„Rain Dogs“ von Adrian McKinty führt uns ins Nordirland Ende der 80er Jahre: im Innenhof einer alten Burg wird die Leiche einer jungen Journalistin der Financial Times gefunden, alles deutet auf Selbstmord hin. Doch Inspector Sean Duffy hat da so seine Zweifel…
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Nordirland 1987: der katholische Inspector Sean Duffy schaut jedes Mal unter sein Auto, bevor er losfährt, schließlich könnte eine Bombe darunterliegen. Es ist die Zeit der Unruhen, der Troubles, wie er es nennt. Eines Morgens wird er zu einem neuen Fall gerufen:einem Mitglied einer finnischen Delegation, deren Firma in der Nähe möglicherweise eine Mobilfunk-Fabrik errichten möchte, ist die Brieftasche gestohlen worden. Ein lächerlicher Fall, der schnell geklärt wird. Doch am nächsten Morgen ist die Journalistin Lily tot – sie hatte die Delegation begleitet. Sie liegt im Innenhof einer Burg, die über Nacht hermetisch abgeriegelt ist. Auf den Bändern der Überwachungskameras ist nichts zu sehen, also hat sie sich möglicherweise am Abend einschließen lassen und dann Selbstmord begangen? Ein Fall einer locked room mystery, also einem verschlossenen Ort, niemand darin außer dem Opfer, niemand konnte rein oder raus? Inspector Duffy glaubt nicht an die Selbstmord-Theorie, allerdings scheint alles andere auch unmöglich…
„Wir brauchen ein Motiv. Warum wollte sie jemand umbringen? Ärger mit einem Freund, Probleme bei der Arbeit. Crabbie, ich möchte, dass du die Financial Times anrufst und mit Lilys Chef sprichst, versuch auch, irgendwelche von ihren Freunden an die Strippe zu kriegen.“ „Kein Problem.“ „Lawson, Sie und ich versuchen uns mal daran, Lilys Tod zu rekonstruieren. Wenn wir sie unter den gegebenen Umständen umbringen wollten, wie würden wir das anstellen? Als Allererstes wollen wir mit hundertprozentiger Sicherheit feststellen, ob das Rätsel der verschlossen Burg tatsächlich eines ist.“

Wie ist es geschrieben?
Adrian McKinty entwickelt die Geschichte behutsam: viel wird erzählt von den Zuständen in Nordirland, von desillusionierten Polizisten, von Terror und wirtschaftlichem Elend. Und darin Inspector Duffy, intelligent, gebildet, gerade heraus und vor allem hartnäckig. Der jedes Fitzelchen eines Hinweises auf einen Mord aufgreift und eisern verfolgt. Ein wunderbar lakonisch erzählter, klassischer Kriminalroman.

Wie gefällt es?
In der Ruhe liegt die Kraft – könnte man sagen, wenn man „Rain Dogs“ von Adrian McKinty liest: Seite um Seite baut sich die Spannung auf, die Gewissheit, dass es Mord sein muss, aber eigentlich nicht sein kann. Mich hat aber auch die Schilderung des Nordirlands Ende der 80er Jahre fasziniert, das gelingt McKinty meisterlich. Und die Auflösung des Mordes in der abgeriegelten Burg ist grandios, das hat mich schwer beeindruckt.

Adrian McKinty: „Rain Dogs“, Suhrkamp Verlag, 14,95 EUR, ISBN: 978-3518467473

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hr-iNFO Büchercheck: Bodo Kirchhoff „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“

Bodo Kirchhoff, der Frankfurter Schriftsteller, der im vergangenen Jahr den Deutschen Buchpreis bekam, hat sich nach diesem Erfolg nicht etwa auf eine Kreuzfahrt begeben, sondern ein Buch über das Thema geschrieben. Es heißt: „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt.“ Und tatsächlich besteht das Buch aus der E-Mail eines Schriftstellers an eine Reederei, die ihn für eine Kreuzfahrt durch die Karibik unter Vertrag nehmen will. Mehr darüber von hr-iNFO-Bücherchecker Frank Statzner.

Das Angebot klingt verlockend. Rundfahrt durch die Karibik mit Start und Ziel in Havanna. Freie Kost und Logis, Außenkabine mit Balkon. Mit Begleitung. Aber die Reederei stellt Bedingungen. Natürlich soll der Schriftsteller abends aus seinem Werk vorlesen. Eine Zusammenfassung der betreffenden Inhalte möchte der Veranstalter vorher sehen und prüfen können. Denn: die Gäste sollen sich ja wohl fühlen können. Der Autor soll ihnen freundlich zugeneigt sein. Liebschaften mit den Passagieren sind allerdings untersagt. Der Autor setzt sich an den PC und schreibt eine 120 Seiten lange E-Mail. Er wägt ab, formuliert seine Bedenken, die Reize des Angebots kommen aber auch immer wieder hervor. Nicht zuletzt sein Interesse an seiner Ansprechpartnerin beim Veranstalter. Kirchhoff lässt Kulturen aufeinander klatschen. Vom Kreuzfahrtpublikum hält sein Protagonist nichts. “Nehmen wir an, vier bis fünf von einem langen Tag auf dem Sonnendreck frisch Gebräunte säßen in leichter Bekleidung, um möglichst viel von ihrer Tagesleistung zu zeigen, in der ersten Reihe und müssten sich anhören, wie mein Romanheld zu der am Flughafen aufgegabelten Frau, als sie sich später in einem Hotelzimmer auszieht, sagt, dass mit jeder Hülle auch ein Stück Schönheit fällt, alles Schöne still zu Bruch geht. Müsste dann das weibliche Publikum – Männer besuchen nur unter dem Druck ihrer Frauen eine Lesung – nicht denken, dass ihr ganzer Karibiktag vergebens war und das Sonnendeck als einen Ort der Zerstörung sehen?

Und wie muss es erst sein, wenn Tätowierte ihn in den Whirl-Pool einladen? Er soll ja freundlich und zugewandt sein? Er, der doch eher der Freund eines gepflegten Whiskys am Kaminfeuer ist und die Kreuzfahrtschiffe am liebsten zur Sammelstation und Unterkunft von Flüchtlingen umfunktionieren würde. Das wirkt ein wenig klischeehaft, aber indem er sich an seinem Bild der Gäste und an den Auflagen der Reederei abarbeitet, hält er sich selbst einen Spiegel vor. Elitär bis überheblich, süffisant, boshaft, aber auch narzistisch und larmoyant. Dadurch entsteht Spannung, auch für die Story. Wie wird er sich am Ende entscheiden?

Die Form der E-Mail erfordert einen Monolog. Da der Protagonist ein Schreiber alter Schule ist, monologisiert er in teils gedrechselten Sätzen und in ausgefeilter Sprache. Das steht in einem reizvollen Spannungsverhältnis zum boshaften Spott über die Kreuzfahrt-Kultur oder auch zur manchmal durchscheinenden Ironie, mit der sich dieser Schriftsteller selbst inszeniert. Kirchhoff präsentiert sich hier von einer anderen Seite als in den letzten drei Büchern. Hier zieht er vom Leder, mit allem, was ihm sein Humorarsenal zur Verfügung stellt: Ironie, Satire, Sarkasmus, Spott. Sehr unterhaltsam, wenn man nicht gerade Kreuzfahrt-Fan ist.

Bodo Kirchhoff: „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“, Frankfurter Verlagsanstalt, 18 EUR, ISBN: 9783627002411

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hr-iNFO Büchercheck: Monika Geier „Alles so hell da vorn“

Diesmal führt uns die Kriminalhandlung in die Pfalz, nach Ludwigshafen. Hier arbeitet Kriminalkommissarin Bettina Boll, immer in Hektik, immer im Stress, denn neben der Arbeit erzieht sie noch die zwei Kinder ihrer verstorbenen Schwester. Doch, der Reihe nach: die Geschichte beginnt in Frankfurt am Main.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Die sehr junge Prostituierte Manga empfängt in einem Frankfurter Vorort-Bordell einen Polizisten als Kunden, so weit nicht ungewöhnlich, ist er doch Stammgast und erscheint immer in voller Uniform. Doch der Besuch endet anders als sonst: Manga schnappt sich die Waffe des Polizisten, erschießt ihn, tötet auch noch einen Zuhälter und verschwindet mit dessen Auto Richtung Pfalz. Zielstrebig sucht sie im dem Dorf Höhbrücken den Schuldirektor auf und erschießt auch diesen. Dann lässt sie sich festnehmen. Und in dem Dorf fragen sich alle: handelt es sich bei der Schützin um Meggie, das Mädchen, das vor zehn Jahren spurlos aus dem Ort verschwand und jetzt Rache nimmt? Kriminalkommissarin Bettina Boll wird in die Soko berufen. Erschüttert von der Verstrickung ihres Kollegen in einen möglichen Kinderhandel-Fall, hin- und hergerissen zwischen der Arbeit und den Kindern, die sie erzieht, und abgelenkt von einem Hausverkauf, schafft sie es, die richtigen Zeugen zu befragen, die richtigen Fragen zu stellen, sich loyale Kollegen zu Hilfe zu rufen. Und am Ende den Fall aufzuklären, auch wenn nicht alle Schuldigen gefasst werden.

Wie ist es geschrieben?
Monika Geier hat einen besonderen Ton, einen eigenen Sound, böse, lakonisch, voll von schwarzem Humor, manchmal ausschweifend, an den richtigen Stellen verknappend – „Alles so hell da vorn“ ist ein Krimi auf höchstem Niveau. Er spielt in der Provinz, ist aber das Gegenteil von provinziell. Monika Geier beherrscht die Zeichnung von zum Teil skurrilen Personen, von Atmosphäre, von Gefühl und Aktion aufs allerbeste.
“Freunscht sah sie an und sagte: „Frau Boll, ich glaube, Sie haben da tatsächlich ein Detail ermittelt, das der Soko Meggie damals entgangen ist.“ Jetzt erst registrierte Lingen Bettinas Anwesenheit wirklich. Sein Blick fuhr einmal an ihr hinunter und dann voll triefender Verachtung wieder hoch. Schlampe, sagte dieser Blick. Analphabetin. Frau. „Spezialausbildung“, antwortete Bettina hochnäsig. „Glück“, fuhr Freunscht ihr von der Seite über den Mund.“

Wie gefällt es?
Für mich ist Monika Geier eine Entdeckung, eine späte, denn „Alles so hell da vorn“ ist bereits ihr siebter Fall mit Kriminalkommissarin Bettina Boll. Ich bin komplett begeistert von diesem Krimi, von der Sprache, dem subtilen Witz und der lässigen Darstellung einer chaotischen, aber äußerst klugen Kommissarin im Gestrüpp der Pfälzer Bürokratie. Unbedingt lesen!

Monika Geier: „Alles so hell da vorn“, Ariadne im Argumentverlag, 13 EUR, ISBN: 9783867542234

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hr-iNFO Büchercheck: Nicholas Searle „Das alte Böse“

Das Buch „Das alte Böse“ des Briten Nicholas Searle fängt ungewöhnlich an: Roy und Betty, beide über 80 Jahre alt, lernen sich über ein Datingportal kennen. Sie treffen sich, sie mögen sich, und bald zieht Roy zu Betty in ihr Haus auf dem Land. Doch von Beginn an ist klar: Roy hat es eigentlich nur auf das Geld von Betty abgesehen. Tappt Betty in die Falle?
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Roy ist ein Krimineller, sein ganzes Leben hat er auf Lügen und Betrügen aufgebaut. Allmählich fühlt er sich zu alt dafür, aber noch einmal will er zuschlagen, will das große Geld machen und sich dann zur Ruhe setzen. Betty scheint das ideale Opfer zu sein: gebildet, aber naiv, intelligent, aber gutmütig. Und vor allem mit viel Geld auf dem Konto. Nur mit Widerwillen erträgt Roy das gemeinsame Leben, um an sein Ziel zu gelangen:
“Roy bricht zu einem Spaziergang auf, nur um aus dem Haus zu kommen. Betty hat sich an ihr pingeliges Putzprogramm gemacht. Also brummelte er etwas in der Art, sie in Ruhe machen lassen zu wollen, und schlurft nun mühsam das Kopfsteinpflaster entlang. Erst wenn er außer Sicht ist, kann er die Füße heben und etwas schneller gehen. Sich so gebrechlich zu stellen kostet ihn einige Mühe, aber es muss sein. Endlich ist er weg. Offenbar bekommt man ihn nachmittags wirklich nur aus diesem Sessel, indem man zu putzen anfängt. Manchmal muss sie auch selbst das Haus verlassen und ausgedachten Tee mit ausgedachten Freundinnen trinken oder so tun, als habe sie etwas zu besorgen, damit sie sich sammeln, den Puls beruhigen und wieder gute Miene zum bösen Spiel machen kann.“
Roy hält die Fäden in der Hand, er manipuliert Betty, die scheinbar nichts bemerkt. Aber ist sie wirklich so unbedarft? Oder spielt auch sie ein Spiel mit ihm?

Wie ist es geschrieben?
Dass Roy wirklich das Böse ist, erfahren wir nicht nur durch sein Zusammenleben mit Betty, sondern auch in einigen Rückblenden, die die ganze Bandbreite seiner kriminellen Vergangenheit zeigen. Sie reicht bis ans Ende der 30er Jahre in Berlin. Stilistisch überzeugend erzählt Autor Nicholas Searle von dem Katz- und Maus-Spiel zwischen Roy und Betty, gekonnt schafft er es, eine unterschwellige Spannung bis zum Schluss zu halten.

Wie gefällt es?
Das Buch fängt harmlos an: ja, Roy ist böse, ein Ganove alter Art, aber ist Betty nicht die Schlauere, die Intelligentere? Ich habe mich vor Roy geekelt, er hat mich angewidert, ich habe darauf gehofft, dass Betty noch irgendeinen Trumpf in der Hand hält, um diesen Menschen fertigzumachen. Und – ich kann ja das Ende eines Krimis nicht verraten– es gibt ein grandioses Finale, das alles noch einmal auf den Kopf stellt. Mich hat die intelligent und klug geschriebene Geschichte von Verbrechen und Rache absolut überzeugt.

Nicholas Searle: „Das böse Alte“, Kindler-Verlag, 19,95 EUR, ISBN: 9783463406671

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hr-iNFO Büchercheck: Anke Stelling „Fürsorge“

“Fürsorge“, der Titel klingt nach einem Sachbuch oder auch nach einem Ratgeber für Mitarbeiter von Pflegediensten. Aber Anke Stelling hat einen Roman geschrieben, einen ganz besonderen sogar.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Achtung! Dieser Roman packt ein Tabu-Thema an: den Inzest. Nadja heißt die Protagonistin, sie ist Ende 30, war eine berühmte Balletttänzerin und hat das Tanzen gerade an den Nagel gehängt. Sie ist eine zierliche, zeitlos schöne Frau, die sich ihr Leben lang nur über ihren Körper definiert hat. Eines Tages besucht Nadja ihre Mutter und ihren 16jährigen Sohn, der bei der Großmutter aufgewachsen ist. Um ihn hat sich Nadja nie gekümmert, sie kennt ihn nicht. Und diesem großen, muskulösen jungen Mario verfällt Nadja, wie sie noch nie einem Mann verfallen ist. Es entwickelt sich eine hemmungslose sexuelle Beziehung von ungeheurer Wucht. Am Schluss des Romans bekommt Nadja ein Kind, ist also Mutter und Großmutter zugleich.

Wie ist es geschrieben?
Anke Stellings Sprache und ihr Stil sind so kühl und distanziert wie ihre Haltung gegenüber ihren Figuren. Sie schreibt präzise und pointiert, manchmal auch spitz – aber eben mit großer Distanz aus der Sicht einer Bekannten von Nadja. Mit einem Blick für die Gründe und Abgründe ihrer Protagonisten, sehr sensibel – aber wie durch ein umgedrehtes Fernrohr. Nah und fern zugleich. Man kann sich nicht fallen lassen in diese Geschichte, die Figuren sollen dem Leser fremd bleiben. Und ab und zu schlägt die bewusste Sachlichkeit auch um in eine schräge Bosheit.
” Nadja richtet sich auf, sieht zu, wie Mario aus Jacke und Turnschuhen schlüpft. Das Geräusch, das entsteht, als der eine Schuh beim Abschütteln gegen den Bettkasten stößt, lässt Nadja kurz die Augen schließen; als sie sie wieder öffnet, ist Mario schon bei ihr. Nadja ist leicht und unnatürlich biegsam. Mario ist schwer und unnatürlich stark. Er betrachtet Nadja als eine seiner Trainingsmaschinen, dazu vorgesehen, die Funktionen seines Körpers zu verbessern.“

Wie gefällt es?
Der Roman provoziert, auch durch Fragen, die er stellt, aber nicht beantwortet. Was dürfen Mütter mit Söhnen machen? Und Söhne mit Müttern? Wie wäre es, wenn eine Vater-Tochter-Beziehung geschildert würde? Einmal wird im Roman die umstrittene Ausstellung „Körperwelten“ des Anatoms Gunther von Hagens erwähnt. In der ja menschliche Körper aufgeschnitten und plastiniert zur Schau gestellt wurden. Anke Stellings Roman arbeitet ähnlich: er zeigt das Intimste, das Innerste seiner Figuren, und trotzdem bleiben sie kühl und fremd. Und behalten ihr Geheimnis. Ich finde: Ein packender Roman!!

Anke Stelling: „Fürsorge“, Verbrecher Verlag 2017, 19 EUR, ISBN: 9783957322326

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hr-iNFO Büchercheck: Karl Ove Knausgard „Kämpfen“

Er wird gefeiert wie ein Popstar. Seine Lesungen müssen in größere Säle, in Theater, manchmal sogar Hallen verlegt werden und trotzdem immer ausverkauft. Dabei schreibt der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgard nur über sich selbst und sein wenig aufregendes Leben.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

 

Worum geht es?

Dieses Buch ist eine Zumutung – aber das war dieses autobiografische Projekt von Anfang an. „Min Kamp“ – das ist der obsessive Versuch eines Autors, durch das möglichst  genaue Beschreiben des eigenen Lebens größtmögliche Kontrolle über dieses Leben zu gewinnen. „Kämpfen“ ist der Abschluss dieses radikalen Selbstermächtigungsprojekts und zugleich ein Nachdenken über die Bedeutung dieser Bücher für das Leben ihres Autors und der Menschen, die zu diesem Leben gehören. Es besteht aus zwei Teilen: Der erste spielt wenige Tage vor der Veröffentlichung des ersten Bandes im Jahr 2009 und handelt unter anderem von den wütenden Reaktion eines Onkels Knausgards, der die Veröffentlichung unter allen Umständen verhindern wollte. Der zweite Teil schildert die Zeit vor dem Erscheinen des dritten Bandes und vor allem die schwere Depression, die Knausgards Bücher damals bei seiner Ehefrau auslösten. Zwischen diesen beiden Teilen gibt es einen fast 500-seitigen Essay über verschiedene Schriftsteller, den Holocaust, über Hitler und darüber, welche Beziehungen zwischen seinem Mein-Kampf-Werk und dem von Knausgard bestehen.

 

Wie ist es geschrieben?

Das ist in diesem Fall gar nicht so eindeutig zu sagen. Der Essay über Hitlers „Mein Kampf“ ist teilweise in einem literaturwissenschaftlichen Fachjargon geschrieben, der ein flüssiges Lesen nicht unbedingt erleichtert. Bei aller Mühe, die diese Lektüre bedeutet, gelingen Knausgard dann aber immer äußert präzise Einsichten in die Natur des Totalitären im Allgemeinen und Hitler im Besonderen:

” Hitler hat erkannt, dass Gefühle immer stärker sind als Argumente und die Stärke in einem Wir, die Sehnsucht, der Traum und die Lust auf eine Gemeinschaft unendlich viel größer ist als die Kraft, die in der Fürsorge für ein Sie liegt.“

In den autobiografischen Teilen dieses Buches  schreibt Knausgard wieder in einen schnörkellosen Stil, der jedes Ereignis und jeden Gedanken genauestens protokolliert. Das wirkt auf den ersten Blick banal, entfaltet aber sehr schnell jenen Sog, für den Knausgard von seinen Fans geliebt wird.

 

Wie gefällt es?

Ich habe mich von diesem Erzählsog mitreißen lassen. Ich bin Knausgard 1280 Seiten fasziniert gefolgt. Ja, ich habe mich ständig gefragt, was ist daran Literatur, was daran bloß das banale Leben eines Autors ? Aber genau, das ist die Frage, um die es Knausgard geht. Er will das Verhältnis von Literatur und Leben mit einer Radikalität ausloten, wie es kaum jemand vor ihm gewagt hat. Man muss an dieser Fragestellung interessiert sein – dann ist dieses Buch ein unvergleichliches Abenteuer. Für mich war es eine 1280-seitige Offenbarung – bislang das größte Literaturerlebnis dieses Jahres.

 

Karl Ove Knausgard: „Kämpfen“, Luchterhand Verlag, 29 EUR, ISBN: 9783630874159

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hr-iNFO Büchercheck: Flurin Jecker „Lanz“

Lanz ist 14. Eigentlich will er nur einen Draht zu seiner Mitschülerin Lynn. Deswegen meldet er sich in der Projektwoche seiner Schule für einen Kurs im Bloggen an. Der wird zwar von einem Lehrer geleitet, den er gar nicht ab kann. Aber was macht man nicht alles, wenn man 14 ist und genau an das Mädchen ran will, das wie eine Göttin über den Schulflur schwebt und einen bislang nicht mal wahr genommen hat?
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Flurin Jecker erzählt in seinem Debütroman also die Geschichte eines Pubertierenden. Lanz, der Lanzelot heißt, hängt in der Luft, ist unsicher. Kein Kind mehr, noch kein Erwachsener. Verschiedene Nöte plagen ihn. Er hatte noch nie einen Kuss von einem Mädchen, geschweige denn Geschlechtsverkehr. Erschwerend kommt hinzu, dass seine Eltern sich getrennt haben. Und dass beide nicht so wirklich Zeit für ihn haben, sondern mehr mit sich selbst zu tun haben. Nun sitzt er in der Schule im Projekt und weiß nicht, was er schreiben soll in seinem Blog. Verstohlen guckt er zu Lynn.
““Hey“, sagte sie, als sie abhockte. Sie tat, als wäre sie ultra die Sekretärin, die gerade viel zu tun hat. Ich dachte, dass sie hundertprozent dachte, dass ich wegen dem Blog da war, weil ich ja jetzt schon schrieb, bevor überhaupt die Lektion angefangen hatte. Ich sagte dann so im Satz „Hey“ zurück, dann schrieb ich weiter. Und das ist dann schon sehr behindert. Ich meine, ich will ja unbedingt mit ihr reden, tue dann aber so, als würde sie mich einen Scheiß interessieren. Lustigerweise hat sie die genau gleiche Taktik. Aber das heißt ja irgendwie, dass sie will, dass ich glaube, dass sie nichts von mir will. Und das ist doch ein gutes Zeichen, oder?“
Leider kommt es anders. Lynn fährt nach dem Projekt gleich in den Urlaub, kommt nicht mal zur Abschlussparty. Lanz macht einen harten Schnitt. Er haut ab von zu Hause, fährt in die Schweizer Provinz zu Verwandten, rennt mit den Jugendlichen dort über die Felder, kifft und hat Spaß.

Wie ist es geschrieben?
Lanz schreibt in seinem Blog, was er erlebt und fühlt. Der Blog ist gewissermaßen der Roman. Flurin Jacker ist also ganz nah an seinem Protagonisten. Er schreibt nicht nur aus dessen Perspektive, auch in dessen Sprache. Die Grammatik entspricht nicht immer dem Duden, bei manchen Wörtern fehlen Silben. Manchmal ist unklar, ob Ausdrücke einem Schweizer Dialekt entstammen oder Verballhornungen aus der Jugendsprache sind. Manchmal irritiert das, aber interessant ist es allemal.. Kommt wahrscheinlich darauf an, wie alt man selbst ist.

Wie gefällt es?
Mein jüngster Sohn ist 14. Ich habe Salingers „Fänger im Roggen“ gelesen und Herrndorfs „Tschick“. Aber in Flurin Jeckers „Lanz“ habe ich am ehesten die Welt meines jüngsten Sohnes wieder gefunden. Insofern habe ich in diesem Buch ein paar Momente wieder erkannt und ein paar Dinge besser verstanden. Und es hat mir Spaß gemacht, in diese Sprache einzutauchen, die nun wirklich ganz weit weg von meiner ist. Hat sich gelohnt.

Flurin Jecker: „Lanz“ , Verlag Nagel & Kimche, 18 EUR, ISBN: 9783312010226

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hr-iNFO Büchercheck: Michela Murgia Chirú

Mutter, Geliebte, Lehrerin – all das ist Eleonora für den jungen Chirú. Und keine
der drei darf in dieser ungewöhnlichen Beziehung die Oberhand gewinnen.
Was sich zwischen Eleonora und Chirú abspielt, ist sinnlich, lehrreich und
emotional höchst brisant.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Eleonora ist eine renommierte, erfolgreiche Theaterschauspielerin Ende dreißig. Sie ist attraktiv,
gebildet und weltgewandt. – Und hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Männer mit einem
besonderen Talent zu fördern. Ihr neuester Schüler ist der 18jährige Chirú, ein begabter junger
Geiger. Eleonora führt ihn in ihre schillernde Welt ein und macht ihn mit Künstlern und
Intellektuellen bekannt. Sie lehrt ihn Menschen zu lesen, ihr Verhalten, ihre Aussagen – und auf
die Details ihrer Kleidung zu achten. Sie zeigt ihm, wie wichtig es ist, sein Lebensziel zu kennen,
darauf fokussiert zu sein – und wie man es – notfalls durch Verstellung – erreicht. Aber Chirú ist
nicht der einzige, der durch diese Beziehung lernt. Denn die beiden entwickeln eine innige,
körperliche Vertrautheit, die Chirú so sehr von Eleonora abhängig macht, wie umgekehrt.

Wie ist es geschrieben?
Michela Murgia ist eine scharfsichtige Beobachterin von Menschen und Situationen – mit einem
feinen Gespür für abgründige Dialoge. Das hat sie auch ihrer Hauptfigur Eleonora mitgegeben –
ebenso wie einen ziemlich amüsanten zynischen Unterton. Perfekt geeignet um zum Beispiel die
frivole Party-Gesellschaft in der Prachtvilla eines römischen Produzenten auseinander zu
nehmen.
“Während wir weiter hineingingen, wies ich ihn diskret auf die Flut von Presseleuten auf der
Suche nach Kontakten hin, von Kritikern, Zulieferern verschiedener Presseerzeugnisse, und vor
allem auf die Dutzende kräftiger, junger Männerkörper, zweifelhafte Talente mit
unzweifelhaften Deltamuskeln, die wahllos und in alle Richtungen ihre Verführungskraft
verströmten.”

Wie gefällt es?
„Chirù“ ist die Demontage einer asymmetrischen Beziehung. Die zwischen Mentor und Schüler.
Und eine aufschlussreiche Geschichte über die Formung von Menschen. Wie werden wir zu dem,
der wir sind? Wie sehr beeinflussen uns dabei andere Personen in unserem Leben? Wenn man
Michela Murgia folgt, ist der Einfluss erschreckend groß – und manchmal fatal.
„Chirù“ ist ein kurzer und kurzweiliger Roman, der mich immer wieder zum Lächeln gebracht hat
– und zum „Mehrfach-Lesen“ von besonders geistreichen Analysen. Der leichte Hang zu Kitsch
und Pathos ist geschenkt: schließlich ist die Autorin Michela Murgia Sardin – und da ticken die
Leidenschaften nicht nur etwas anders -: kulturelle Unterschiede beleben auch den emotionalen
Lesehorizont.

Michela Murgia: „Chirú“, Verlag Klaus Wagenbach, 20 EUR, ISBN: 9783803132871

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hr-iNFO Büchercheck: Kanae Minato „Geständnisse“

Das Buch „Geständnisse“ von Kanae Minato führt uns nach Japan, zu einer Lehrerin, die wegen des Todes ihrer Tochter Rache nimmt. Eine Rache, die viele Menschen ins Unglück stürzt.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Yuko Moriguchi ist Lehrerin an einer Mittelschule in der Provinz, als ihre kleine Tochter Manami tot im Schulschwimmbecken gefunden wird. Ein tragischer Unfall, so das Ergebnis der Untersuchung. Aber Moriguchi hat Zweifel und findet die Wahrheit heraus: zwei Schüler ihrer Klasse haben gemeinsam Manami umgebracht. Als sie am Ende des Schuljahres ihren Abschied erklärt, berichtet sie in einer langen Rede ihren Schülerinnen und Schülern, was wirklich passiert ist. Sie nennt zwar nicht die Namen, aber alle wissen, wer die Schuldigen sind. Weil diese noch strafunmündig sind, erklärt Moriguchi zudem, in welcher Form sie den Mord rächen will: Die Täter sollen selbst nicht mehr sicher sein, noch lange zu leben. Damit setzt sie ein Drama in Gang, das sie nicht mehr unter Kontrolle hat, und das weitere Todesopfer fordert.

Wie ist es geschrieben?
Fünf Perspektiven, fünf verschiedene Geschichten, fünf Kapitel, die die Umstände des Mordes an der Tochter der Lehrerin Moriguchi erklären. Am Anfang ist es die Lehrerin selbst, die in ihrer Abschiedsrede die Wahrheit aufdeckt – doch dann gibt es auch die Wahrheiten der anderen: einer Klassenkameradin, der beiden Täter und der Mutter eines der Täter. Ein intelligentes, spannendes Konstrukt, ein Puzzlespiel, das sich im Kern um Verletzlichkeit, Zugehörigkeit, Egoismus und Anerkennung dreht und in Rache, Gewalt und Mord endet. Und am Ende scheinen alle Psychopathen zu sein, auch die Lehrerin und Mutter des Opfers.
„Nicht aus Edelmut halte ich die Identität von A und B geheim. Ich habe der Polizei nichts gesagt, weil ich der Justiz nicht zutraue, sie angemessen zu bestrafen. A hatte Manami töten wollen, war dann aber nicht der Verursacher ihres Todes, während B sie nicht hatte töten wollen und doch ihren Tod bewirkt hat. Würde ich sie der Polizei ausliefern, dann würden sie vermutlich nicht mal in eine Erziehungsanstalt kommen; ihre Strafe würde auf Bewährung ausgesetzt werden, und die ganze Sache wäre vergessen. Ich wünschte, ich könnte A unter Strom setzen und B ertränken, wie er meine Tochter ertränkt hat.“

Wie gefällt es?
„Geständnisse“ von Kanae Minato ist ein böses Buch über die Untiefen der menschlichen Psyche, über verletzte Kinderseelen und die Auswirkung von zu starken oder zu schwachen Müttern. Über den Wahn, in den man sich steigern kann, wenn man sich vernachlässigt, verlassen und verraten fühlt. Mich hat fasziniert, wie Kanae Minato das Verhalten der fünf Protagonisten seziert, es erklärt und damit verständlich macht. Und gleichzeitig überliefen mich mehrfach Schauer des Grauens angesichts der emotionalen Kälte der Täter, die doch nach nichts mehr gieren als nach menschlicher Zuneigung.

Kanae Minato: „Geständnisse“, C. Bertelsmann-Verlag, 16,99 EUR, ISBN: 9783570102909

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