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hr-iNFO Büchercheck: David Szalay „Was ein Mann ist“

In Großbritannien hat es das Buch bis auf die Shortlist des renommierten Man Booker Preises gebracht. Man darf also ein paar Einsichten in das Wesen des Mannes erwarten.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
David Szalay lässt in seinem Buch – Kapitel für Kapitel – neun Männer auftreten. Vom jungen Erwachsenen bis zum Rentner am Ende seiner besten Tage, vom Billigtouristen bis zum gescheiterten millionenschweren Unternehmer auf seiner Luxusyacht, vom Bodyguard einer Edelprostituierten bis zum ehrgeizgetriebenen und skrupellosen Boulevard-Journalisten. Gemeinsam ist ihnen ihre europäische Herkunft. Und alle sehen wir in einer mehr oder weniger weichenstellenden Situation ihres Lebens, an verschiedenen Schauplätzen im Europa unserer Zeit. Sie versuchen Männerbilder zu leben, aber das gelingt, wenn überhaupt, nur zeitweise. Sie wollen zum Beispiel Frauen aufgabeln und landen in jämmerlichen Bettgeschichten. Sie wollen eine Frau erobern und trauen sich nicht. Sie suchen den Wettbewerb, sind Meister ihres Fachs, aber oft auch einfach Opfer ihrer Ängste. Zum Beispiel James, ein Londoner Immobilienmakler, der in den französischen Alpen nullachtfünzehn-Appartements als Luxusobjekte verkaufen soll und von einem Big Deal träumt.
“Während der letzten ein oder zwei Jahre überkam ihn immer wieder das bis dahin ungekannte Gefühl, den ganzen, bis zum Lebensende vor ihm liegenden Weg absehen zu können – schon zu wissen, was noch geschähe, und alles wäre absolut vorhersehbar und absolut banal. Das hatte er im Sinn gehabt, als er mit Paulette über das Schicksal diskutiert hatte. Die ist eine Chance, und wie viele Chancen, diesem Schicksal zu entrinnen, würde er noch bekommen?”

Wie ist es geschrieben?
Man könnte trefflich darüber streiten, ob dieses Buch tatsächlich ein Roman ist oder eine Sammlung von neun Kurzgeschichten. Keine der Figuren taucht in einer anderen Geschichte wieder auf. Nur einmal deutet sich eine Verwandtschaft von zwei Personen in unterschiedlichen Kapiteln an. Andererseits entsteht erst durch die Gesamtsicht auf die neun Personen ein Gesamtbild. Sozusagen ein Mann-Mosaik. Verbindend ist allemal der sparsame und doch sehr genau beschreibende Stil Szalays. Und sein feiner Humor, der immer wieder durchscheint. So entsteht aus den Bildern und der Handlung die Grundstimmung des Buchs, der Blues.

Wie gefällt es?
Ich fand es faszinierend, wie Szalay mich beim Lesen von Kapitel zu Kapitel immer tiefer in sein Buch herein gezogen hat. Die Personen erschienen mir wie nackt, als ob sie sich offenbaren müssten, ihre Fassade öffnen müssten, so dass man ihnen wirklich auf den Grund blicken kann. Man findet in diesem Buch keinen einzigen bewertenden Satz. Das findet nur im Kopf des Lesers statt.

David Szalay: “Was ein Mann ist“. Hanser Verlag. 24,00 Euro.

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REGIONALES: Charly Weller “Totenwind” Der vierte Fall für Kommissar Worschtfett

Kalt weht der Wind im Vogelsberg …
Ein Auto im Graben einer abgelegenen Landstraße im Vogelsberg. Im Kofferraum die Leichen eines Ehepaars mit aufgeschlitzten Pulsadern. Selbstmord oder Verbrechen?
Und was hat es mit der abgetrennten Fingerkuppe auf sich, die am Vorabend auf der Polizeiwache abgegeben wurde?
Diesen und einer Reihe weiterer Fragen müssen Kommissar Roman Worstedt und seine Kollegin Regina Maritz nachgehen, um mit ihren Ermittlungen schließlich in Namibia zu landen. Denn die Hintergründe des Falls reichen zurück bis in die Kolonialzeit.

hr-iNFO Büchercheck: Julia Wolf „Walter Nowak bleibt liegen“

Walter Nowak geht es dreckig. 68 Jahre ist er, hält sich für topfit und schwimmt jeden Tag tausend Meter. Aber jetzt liegt er nackt auf dem Boden seines Badezimmers, ist mehr oder weniger orientierungslos, weiß nicht, was ihm passiert ist. In seinem Kopf zucken die Gedanken wild durcheinander. Wie ein ungeschnittener Film spult das Hirn sein Leben ab.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Walter Nowak ist ein Selfmade-Man. Vaterlos wächst er auf. Der Vater, ein GI, ist weg. Im Ort, Friedberg ist erkennbar, wird er als Bastard beschimpft. Ein verletzliches Kind. Walter hängt an der Mutter. Er heiratet, hat einen Sohn, verlässt die Familie für eine jüngere Frau, die ihn sexuell anzieht. Er steht auf Pferdeschwanz. Er baut aus dem Nichts ein Unternehmen auf und verliert es irgendwann wieder. Auch den Sohn verliert er, weil es ihm nicht gelingt, einen positiven Kontakt, eine Beziehung zu dem Kind auf zu bauen. Stattdessen orientiert er sich an tradierten Männlichkeitsidealen und Leistungsparolen, spielt den Patriarchen, gockelt rum, macht sich lächerlich. Aber das erkennt er nicht. Erst zum Schluss, als er – peinlich, peinlich – hilflos und nackt neben der russischen Putzfrau am Boden seines Bades liegt, dämmert ihm, dass sein Leben gescheitert ist, dass der Knock out das Ende einer Krisenspirale markiert.

Wie ist es geschrieben?
Julia Wolf inszeniert Walter Nowaks Leben auf knapp 160 Seiten als Gedankenstrom. Sein Hirn denkt und erinnert was und wie es will. Zeitebenen schieben sich ineinander, Inhalte brechen ab um irgendwann später wieder auf zu tauchen. Gedankensplitter. Sogar die Sätze bleiben manchmal unvollendet. Man muss assoziieren, wie sie weiter gehen könnten. Und schon schiebt sich eine neue Erinnerung oder Überlegung über das gerade Gelesene. So folgen wir Walter Nowak zum Beispiel auf einer halben Seite zunächst ins kalte Schwimmbad, dann zu seiner Frau, weiter zu seiner Urologin und enden schließlich bei der Putzfrau.
„Erst die Pflicht, dann das. Hin und zurück sind es fünfzig, zehn mal fünfzig, das sind fünfhundert, mal zwei, das ist doch, ordentlich. Da soll noch mal einer. Hören Sie mal, Frau Doktor, Frau wie auch immer Sie heißen, ich schwimme jeden Morgen tausend Meter, das ist ein Kilometer, für Sie, zum Mitschreiben. Jeden Morgen. Dieser Ausdruck in Yvonnes Gesicht. Sie muss zugeben, das ist ordentlich, das ist nicht von schlechten. Da können sie sagen, was sie wollen, komme wer wolle uns sagt, wer wolle, sagt was, wolle komme, sage, was?“

Wie gefällt es?
Es fällt nicht immer leicht, diesem irrlichternden Gedankenschwall zu folgen. Aber ich habe mich drauf eingelassen und dann funktioniert es nicht nur, es macht sogar Spaß. Denn dahinter steckt ein virtuoser Umgang mit Sprache. Julia Wolf hat es drauf. Die beschädigte Sprache ist der adäquate Ausdruck für das geschädigte Gehirn und den beschädigten Menschen. So wird der Unsympath im Lauf der Geschichte zu einer bemitleidenswerten Figur.

Julia Wolf: „Walter Nowak bleibt liegen“, Frankfurter Verlagsanstalt, 21 EUR, ISBN: 9783627002336

hr-iNFO Büchercheck: Annie Proulx „Aus hartem Holz“

Wenn Sie noch eine Erinnerung an „Lederstrumpf“ haben, dann fühlen Sie sich in
Annie Proulx neuem Buch fast ein bisschen wie zu Hause. Ihre Geschichte beginnt
im späten 17. Jahrhundert im Grenzgebiet zwischen den französischen und
englischen Kolonien an der Ostküste Nordamerikas. Der eigentliche Held ist die
Natur. Der Urwald Nordamerikas. Für die Indianer ist er Lebensraum, der sie
ernährt, dem sie sich anpassen. Für die Kolonisten ist er Nutzfläche, die sie ausbeuten.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Annie Proulx erzählt die Geschichte dieser rücksichtslosen Landnahme von ihrem Beginn Ende
des 17. Jahrhunderts bis in unsere Zeit. Im Mittelpunkt stehen zwei französische Einwanderer
und ihre Nachfahren. Einer ist René Sel, ein geschickter Holzfäller, der eigentlich nur ein eigenes
Stück Land bewirtschaften will und eine Indianerin heiratet. Der andere ist Charles Duquet, ein
schwacher, aber gerissener und skrupelloser Geschäftemacher der schnell zu Geld und Ansehen
kommt und sich eine Frau aus Frankreich besorgt. An diesen beiden und ihren Nachfahren stellt
Proulx die Schicksale der Menschen, ihre Chancen und ihre Verlorenheit dar. Die einen bauen ein
Holz- und Handelsimperium auf, die anderen fühlen die Zerrissenheit zwischen indianischer und
französischer Herkunft immer wieder und kommen nicht auf die Erfolgsspur. Irgendwann
kreuzen sie sich dann. Und immer stehen diese Menschen und ihr Tun in einem
Wechselverhältnis zur Natur. Entweder versuchen sie im Einklang mit ihr zu leben oder sie
versuchen, sie sich zu unterwerfen. Am Ende sterben sie natürlich alle, oftmals weil sie die Kraft
der Natur unterschätzen.

Wie ist es geschrieben?
Proulx erzählt die Geschichte chronologisch durch die Jahrhunderte. Man kann das Buch fast wie
einen Abenteuerroman lesen oder wie ein erzählendes Geschichtsbuch. Proulx lässt immer
wieder komplexe und interessante Charaktere entstehen, aber ihre eigentliche Zuneigung gilt
der Natur. Ihre Landschaftsbeschreibungen der Wälder zeugen von großer Liebe und Achtung,
aus den Bildern spricht die ohnmächtige Wut der Autorin auf die Ausbeuterkultur ihres Landes.
Das wird zum Beispiel deutlich, als sie einen Pastor über die hungernden Indianer sagen lässt:
„Wer hungert da? Indianer, sagst du? Du weißt gar nicht, wie oft ich diese Klage höre, aber wir
leben in einer Zeit, in der die Rothaut den Platz räumt und von tatkräftigen europäischen
Siedlern ersetzt wird. Der Indianer muss lernen, zu arbeiten und seinen Lebensunterhalt zu
verdienen, einen Garten anzulegen und Vorräte für den Winter einzulagern. Wohltätigkeit
schiebt das Unausweichliche nur hinaus.“

Wie gefällt es?
Mich hat „Aus hartem Holz“ von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr los gelassen. Es ist
eine gut recherchierte Geschichte mit Akteuren, die man lieben, bewundern, bemitleiden oder
verachten kann. Vor allem ist es eine Geschichte mit einer klaren Botschaft: Beutet die Natur
nicht aus. Dass diese Botschaft aus jeder Seite herausdringt, mag man als störend empfinden.
Für mich ist sie das Vermächtnis einer großartigen Autorin.

Annie Proulx: „Aus hartem Holz“, Luchterhand Verlag, 26 EUR, ISBN: 9783630872490

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