Allgemein

REGIONALES: Charly Weller “Totenwind” Der vierte Fall für Kommissar Worschtfett

Kalt weht der Wind im Vogelsberg …
Ein Auto im Graben einer abgelegenen Landstraße im Vogelsberg. Im Kofferraum die Leichen eines Ehepaars mit aufgeschlitzten Pulsadern. Selbstmord oder Verbrechen?
Und was hat es mit der abgetrennten Fingerkuppe auf sich, die am Vorabend auf der Polizeiwache abgegeben wurde?
Diesen und einer Reihe weiterer Fragen müssen Kommissar Roman Worstedt und seine Kollegin Regina Maritz nachgehen, um mit ihren Ermittlungen schließlich in Namibia zu landen. Denn die Hintergründe des Falls reichen zurück bis in die Kolonialzeit.

hr-iNFO Büchercheck: Julia Wolf „Walter Nowak bleibt liegen“

Walter Nowak geht es dreckig. 68 Jahre ist er, hält sich für topfit und schwimmt jeden Tag tausend Meter. Aber jetzt liegt er nackt auf dem Boden seines Badezimmers, ist mehr oder weniger orientierungslos, weiß nicht, was ihm passiert ist. In seinem Kopf zucken die Gedanken wild durcheinander. Wie ein ungeschnittener Film spult das Hirn sein Leben ab.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Walter Nowak ist ein Selfmade-Man. Vaterlos wächst er auf. Der Vater, ein GI, ist weg. Im Ort, Friedberg ist erkennbar, wird er als Bastard beschimpft. Ein verletzliches Kind. Walter hängt an der Mutter. Er heiratet, hat einen Sohn, verlässt die Familie für eine jüngere Frau, die ihn sexuell anzieht. Er steht auf Pferdeschwanz. Er baut aus dem Nichts ein Unternehmen auf und verliert es irgendwann wieder. Auch den Sohn verliert er, weil es ihm nicht gelingt, einen positiven Kontakt, eine Beziehung zu dem Kind auf zu bauen. Stattdessen orientiert er sich an tradierten Männlichkeitsidealen und Leistungsparolen, spielt den Patriarchen, gockelt rum, macht sich lächerlich. Aber das erkennt er nicht. Erst zum Schluss, als er – peinlich, peinlich – hilflos und nackt neben der russischen Putzfrau am Boden seines Bades liegt, dämmert ihm, dass sein Leben gescheitert ist, dass der Knock out das Ende einer Krisenspirale markiert.

Wie ist es geschrieben?
Julia Wolf inszeniert Walter Nowaks Leben auf knapp 160 Seiten als Gedankenstrom. Sein Hirn denkt und erinnert was und wie es will. Zeitebenen schieben sich ineinander, Inhalte brechen ab um irgendwann später wieder auf zu tauchen. Gedankensplitter. Sogar die Sätze bleiben manchmal unvollendet. Man muss assoziieren, wie sie weiter gehen könnten. Und schon schiebt sich eine neue Erinnerung oder Überlegung über das gerade Gelesene. So folgen wir Walter Nowak zum Beispiel auf einer halben Seite zunächst ins kalte Schwimmbad, dann zu seiner Frau, weiter zu seiner Urologin und enden schließlich bei der Putzfrau.
„Erst die Pflicht, dann das. Hin und zurück sind es fünfzig, zehn mal fünfzig, das sind fünfhundert, mal zwei, das ist doch, ordentlich. Da soll noch mal einer. Hören Sie mal, Frau Doktor, Frau wie auch immer Sie heißen, ich schwimme jeden Morgen tausend Meter, das ist ein Kilometer, für Sie, zum Mitschreiben. Jeden Morgen. Dieser Ausdruck in Yvonnes Gesicht. Sie muss zugeben, das ist ordentlich, das ist nicht von schlechten. Da können sie sagen, was sie wollen, komme wer wolle uns sagt, wer wolle, sagt was, wolle komme, sage, was?“

Wie gefällt es?
Es fällt nicht immer leicht, diesem irrlichternden Gedankenschwall zu folgen. Aber ich habe mich drauf eingelassen und dann funktioniert es nicht nur, es macht sogar Spaß. Denn dahinter steckt ein virtuoser Umgang mit Sprache. Julia Wolf hat es drauf. Die beschädigte Sprache ist der adäquate Ausdruck für das geschädigte Gehirn und den beschädigten Menschen. So wird der Unsympath im Lauf der Geschichte zu einer bemitleidenswerten Figur.

Julia Wolf: „Walter Nowak bleibt liegen“, Frankfurter Verlagsanstalt, 21 EUR, ISBN: 9783627002336

hr-iNFO Büchercheck: Annie Proulx „Aus hartem Holz“

Wenn Sie noch eine Erinnerung an „Lederstrumpf“ haben, dann fühlen Sie sich in
Annie Proulx neuem Buch fast ein bisschen wie zu Hause. Ihre Geschichte beginnt
im späten 17. Jahrhundert im Grenzgebiet zwischen den französischen und
englischen Kolonien an der Ostküste Nordamerikas. Der eigentliche Held ist die
Natur. Der Urwald Nordamerikas. Für die Indianer ist er Lebensraum, der sie
ernährt, dem sie sich anpassen. Für die Kolonisten ist er Nutzfläche, die sie ausbeuten.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Annie Proulx erzählt die Geschichte dieser rücksichtslosen Landnahme von ihrem Beginn Ende
des 17. Jahrhunderts bis in unsere Zeit. Im Mittelpunkt stehen zwei französische Einwanderer
und ihre Nachfahren. Einer ist René Sel, ein geschickter Holzfäller, der eigentlich nur ein eigenes
Stück Land bewirtschaften will und eine Indianerin heiratet. Der andere ist Charles Duquet, ein
schwacher, aber gerissener und skrupelloser Geschäftemacher der schnell zu Geld und Ansehen
kommt und sich eine Frau aus Frankreich besorgt. An diesen beiden und ihren Nachfahren stellt
Proulx die Schicksale der Menschen, ihre Chancen und ihre Verlorenheit dar. Die einen bauen ein
Holz- und Handelsimperium auf, die anderen fühlen die Zerrissenheit zwischen indianischer und
französischer Herkunft immer wieder und kommen nicht auf die Erfolgsspur. Irgendwann
kreuzen sie sich dann. Und immer stehen diese Menschen und ihr Tun in einem
Wechselverhältnis zur Natur. Entweder versuchen sie im Einklang mit ihr zu leben oder sie
versuchen, sie sich zu unterwerfen. Am Ende sterben sie natürlich alle, oftmals weil sie die Kraft
der Natur unterschätzen.

Wie ist es geschrieben?
Proulx erzählt die Geschichte chronologisch durch die Jahrhunderte. Man kann das Buch fast wie
einen Abenteuerroman lesen oder wie ein erzählendes Geschichtsbuch. Proulx lässt immer
wieder komplexe und interessante Charaktere entstehen, aber ihre eigentliche Zuneigung gilt
der Natur. Ihre Landschaftsbeschreibungen der Wälder zeugen von großer Liebe und Achtung,
aus den Bildern spricht die ohnmächtige Wut der Autorin auf die Ausbeuterkultur ihres Landes.
Das wird zum Beispiel deutlich, als sie einen Pastor über die hungernden Indianer sagen lässt:
„Wer hungert da? Indianer, sagst du? Du weißt gar nicht, wie oft ich diese Klage höre, aber wir
leben in einer Zeit, in der die Rothaut den Platz räumt und von tatkräftigen europäischen
Siedlern ersetzt wird. Der Indianer muss lernen, zu arbeiten und seinen Lebensunterhalt zu
verdienen, einen Garten anzulegen und Vorräte für den Winter einzulagern. Wohltätigkeit
schiebt das Unausweichliche nur hinaus.“

Wie gefällt es?
Mich hat „Aus hartem Holz“ von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr los gelassen. Es ist
eine gut recherchierte Geschichte mit Akteuren, die man lieben, bewundern, bemitleiden oder
verachten kann. Vor allem ist es eine Geschichte mit einer klaren Botschaft: Beutet die Natur
nicht aus. Dass diese Botschaft aus jeder Seite herausdringt, mag man als störend empfinden.
Für mich ist sie das Vermächtnis einer großartigen Autorin.

Annie Proulx: „Aus hartem Holz“, Luchterhand Verlag, 26 EUR, ISBN: 9783630872490

Jetzt bestellen

Leseeule: Mary E. Pearson “Der Kuss der Lüge”

Der erste Teil der ,,Chroniken der Verbliebenen” erzählt die Geschichte der morrighesischen Prinzessin Arabella Celestine Idris Jezelia, kurz ,,Lia”. 

Lia flieht am Tag ihrer Hochzeit aus dem Palast ihrer Eltern, um einer politisch arrangierten Ehe zu entgehen. Gemeinsam mit ihrer Zofe und besten Freundin Pauline, reist sie in die wunderschöne Stadt Terravin, in der sie auch schnell Arbeit in einer Schenke finden. Als Schankmädchen möchte sie sich nun ein neues Leben aufbauen. 

Bald tauchen jedoch zwei Fremde auf, die beide große Geheimnisse haben, von denen Lia nichts ahnt: der eine ist der Prinz, den sie praktisch vor dem Traualtar hat stehen lassen. Der andere wurde ausgesandt, um sie zu töten.

Lia fühlt sich schnell zu beiden hingezogen und ahnt nicht, in welcher Gefahr sie zu schweben droht.

Das Buch von Mary E. Pearson hat mir sehr gut gefallen. An manchen Stellen wollte ich einfach los weinen, weil ich so gerührt war, an anderen konnte ich die bunten Häuschen in den Straßen Terravins fast vor mir sehen. Ich war richtig in der Geschichte und konnte mit Lia mitfühlen. Einige  Stellen musste ich zwar öfters lesen, da ich den Zusammenhang verloren hatte, aber im Großen und Ganzen ein gelungener Auftakt zu einer bestimmt faszinierenden und aufregenden  Buchreihe.

Vielen Dank für diese Rezension an LESEEULE!

Jetzt bestellen

Bitte abonnieren Sie hier unseren Newsletter:

Ivo Pala: “Ein Fall für Fuchs & Haas: Die Tote im Räucherofen”

Ivo Pala hat einen bis zum Schluss spannenden, stimmungsvollen und sehr humorigen Ostsee-Krimi geschrieben. Das Ermittlerduo, die Nebenfiguren und das Lokalkolorit sind wundervoll gewählt und lassen noch viele Entwicklungen zu, so dass dies ein gelungener Start zu einer ganzen Reihe von Krimis rund um den Bodden sein kann.

Begeistert hat mich die Ich-Perspektive und die lineare Erzählstruktur – so ist man quasi live bei dem Fortschritt der Ermittlungen dabei und muss sich nicht mit Rückblenden, Parallelgeschichten und Täterwissen herumschlagen. Dem Autor ist es zudem mit feinen Kniffen gelungen, die sprachlichen Besonderheiten der Region einfließen zu lassen. Trotz temporeicher Krimihandlung kommt der Spaß nicht zu kurz, der sich wohldosiert durch das ganze Buch zieht.

Ich hoffe sehr, dass die Protagonisten, Fuchs und Haas, nicht schon mit diesem Buch “Gute Nacht!” sagen und es schon bald eine Fortsetzung geben wird.

Jetzt bestellen

Bitte abonnieren Sie hier unseren Newsletter

hr-iNFO Büchercheck: T.C. Boyle „Die Terranauten“

Acht Menschen zwei Jahre unter einer Glaskuppel. Das gab es tatsächlich. Anfang der neunziger Jahre in Arizona. Dahinter stand die Frage: können Menschen in einer künstlichen Umwelt überleben. Das reale Projekt scheiterte. T.C. Boyle spinnt die Geschichte weiter.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Nein, es ist kein Wissenschaftsroman, den Boyle geschrieben hat. Es ist eher ein Gesellschaftsroman, fokussiert auf zwei besondere Gruppen. Zum einen die acht Terranauten in ihren roten Anzügen. Zum anderen das Team draußen. Die Terranauten fühlen sich berufen, Wege der Menschheit in außerirdische Welten zu finden. Pioniere sozusagen, wenn nicht Helden, wie auch Astronauten in ihren weißen Anzügen. Allerdings gibt es einen feinen Unterschied. Die roten Anzüge sind nur die Galauniform. Am Ende sind sie eher jämmerliche, narzisstische Gestalten in zerschlissenen Klamotten. So empfindet es auch einer der Terranauten.
„Das war es, was in diesem grimmigen November des Jahres 2 aus uns geworden war, als alle zu wenig zu essen bekamen und einander auf die Nerven gingen. Wir waren schon zu lange miteinander eingesperrt und kannten einander zu gut, jede Eigenart und Geste, jede Phrase, jede Sprechgewohnheit, jede hundertmal gehörte Geschichte zerrte an unseren Nerven, bis das Prinzip der Kameradschaft nur noch ein schlechter Witz war.“
Dass das so ist, hat auch etwas mit den anderen zu tun, die draußen sind und das Projekt steuern. Auch sie sind nicht wirklich Wissenschaftler, sondern Marketing- und PR-Leute. Also solche, die Kohle machen wollen mit denen, die drinnen sind. Deswegen werden die, die drinnen sind von denen, die draußen sind, gesteuert. Sie müssen sich ähnlich wie im Big Brother Container ständig beobachten lassen, Interviews geben, ja sogar absurde Theaterstücke spielen. Das Pionierprojekt entpuppt sich als groteskes Heldenschauspiel, als brüchige Glamourwelt.

Wie ist es geschrieben?
Boyle erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive dreier Personen. Die beiden Liebenden drinnen unter der Glaskuppel, die Freundin der werdenden Mutter draußen. Letztere ist aber auch die neidische unterlegene Konkurrentin der Mutter. Sie durfte nicht rein und muss draußen Hilfsdienste leisten. Dieser ständige Perspektivwechsel ganz unterschiedlich motivierter Leute treibt die Geschichte voran und reichert sie mit einigen menschlichen Abgründen an.

Wie gefällt es?
Ich finde, Terranauten ist ein ordentlicher Unterhaltungsroman. Es gibt einiges zu grinsen. Mir fehlt aber die Tiefe. Die Figuren bleiben blass oder im Klischee, sie spielen Rollen und leben sie nicht. Überraschungen fehlen. Das passt nicht zum Setting des abgeschlossenen Ortes. Da müsste sich doch viel mehr Dynamik entwickeln. Für eine Satire auf die Eitelkeiten und den Kommerz eines Pseudo-Wissenschaftsbetriebs fehlt mir der Biss.

T.C. Boyle: „Die Terranauten“, Hanser Verlag, 26 EUR, ISBN: 9783446253865

Jetzt bestellen

Abonnieren Sie bitte hier unseren Newsletter:

Wir wünschen ein frohes und gesundes neues Jahr!

Und nun wollen wir glauben an ein langes Jahr, das uns
gegeben ist, neu, unberührt, voll nie gewesener Dinge, voll
nie getaner Arbeit, voll Aufgabe, Anspruch und Zumutung;
und wollen sehen, daß wirs nehmen lernen, ohne allzuviel
fallen zu lassen von dem, was es zu vergeben hat, an die,
die Notwendiges, Ernstes und Großes von ihm verlangen.
. . . Guten Neujahrsmorgen . . .

Rainer Maria Rilke

%d bloggers like this: