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hr-iNFO Büchercheck: David Szalay „Was ein Mann ist“

In Großbritannien hat es das Buch bis auf die Shortlist des renommierten Man Booker Preises gebracht. Man darf also ein paar Einsichten in das Wesen des Mannes erwarten.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
David Szalay lässt in seinem Buch – Kapitel für Kapitel – neun Männer auftreten. Vom jungen Erwachsenen bis zum Rentner am Ende seiner besten Tage, vom Billigtouristen bis zum gescheiterten millionenschweren Unternehmer auf seiner Luxusyacht, vom Bodyguard einer Edelprostituierten bis zum ehrgeizgetriebenen und skrupellosen Boulevard-Journalisten. Gemeinsam ist ihnen ihre europäische Herkunft. Und alle sehen wir in einer mehr oder weniger weichenstellenden Situation ihres Lebens, an verschiedenen Schauplätzen im Europa unserer Zeit. Sie versuchen Männerbilder zu leben, aber das gelingt, wenn überhaupt, nur zeitweise. Sie wollen zum Beispiel Frauen aufgabeln und landen in jämmerlichen Bettgeschichten. Sie wollen eine Frau erobern und trauen sich nicht. Sie suchen den Wettbewerb, sind Meister ihres Fachs, aber oft auch einfach Opfer ihrer Ängste. Zum Beispiel James, ein Londoner Immobilienmakler, der in den französischen Alpen nullachtfünzehn-Appartements als Luxusobjekte verkaufen soll und von einem Big Deal träumt.
“Während der letzten ein oder zwei Jahre überkam ihn immer wieder das bis dahin ungekannte Gefühl, den ganzen, bis zum Lebensende vor ihm liegenden Weg absehen zu können – schon zu wissen, was noch geschähe, und alles wäre absolut vorhersehbar und absolut banal. Das hatte er im Sinn gehabt, als er mit Paulette über das Schicksal diskutiert hatte. Die ist eine Chance, und wie viele Chancen, diesem Schicksal zu entrinnen, würde er noch bekommen?”

Wie ist es geschrieben?
Man könnte trefflich darüber streiten, ob dieses Buch tatsächlich ein Roman ist oder eine Sammlung von neun Kurzgeschichten. Keine der Figuren taucht in einer anderen Geschichte wieder auf. Nur einmal deutet sich eine Verwandtschaft von zwei Personen in unterschiedlichen Kapiteln an. Andererseits entsteht erst durch die Gesamtsicht auf die neun Personen ein Gesamtbild. Sozusagen ein Mann-Mosaik. Verbindend ist allemal der sparsame und doch sehr genau beschreibende Stil Szalays. Und sein feiner Humor, der immer wieder durchscheint. So entsteht aus den Bildern und der Handlung die Grundstimmung des Buchs, der Blues.

Wie gefällt es?
Ich fand es faszinierend, wie Szalay mich beim Lesen von Kapitel zu Kapitel immer tiefer in sein Buch herein gezogen hat. Die Personen erschienen mir wie nackt, als ob sie sich offenbaren müssten, ihre Fassade öffnen müssten, so dass man ihnen wirklich auf den Grund blicken kann. Man findet in diesem Buch keinen einzigen bewertenden Satz. Das findet nur im Kopf des Lesers statt.

David Szalay: “Was ein Mann ist“. Hanser Verlag. 24,00 Euro.

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hr-iNFO Büchercheck: Nickolas Butler „Die Herzen der Männer“

Nickolas Butler ist 38. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er in Wisconsin. Sehr ländlich im Norden der USA. Auf Fotos präsentiert sich Butler als kräftiger, bärtiger Mann in Holzfäller-Hemden. Man könnte sagen, ein weißer Mann aus dem Herzen der USA, verwurzelt in der Landschaft, den Träumen und Legenden des Landes. So liest sich auch sein Roman. Seine Protagonisten sind Pfadfinder. Sie stehen für die amerikanische Gesellschaft, für ihren Wandel bis hin zu Trump.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Männerherzen werden früh gebrochen, zumindest in diesem Roman. Väter schlagen und lassen ihre Familien sitzen, sie betrügen. Söhne und Mütter bleiben zurück. Freunde verraten, Kameraden demütigen, Freundinnen treiben es mit anderen. Stabilität bietet dagegen ansatzweise die Pfadfinderschaft mit ihren Regeln, Ritualen, Rollen und Rangordnungen. Und danach das Militär. Ein Netz für Desillusionierte und Verlorene. Hier finden die verlorenen Herzen scheinbar Halt, eine Illusion von Heldentum. Und sei es auch nur, um dann in unbarmherzigen Niederlagen den Grundboden zu finden für einen neuen Lebensansatz. So geht es Nelson in den 60ern und 70ern und Trevor in den 90ern. Als Trevors Sohn Thomas nach der Jahrtausendwende im Pfadfindercamp ist, fällt auch das Pfadfindernetz in sich zusammen. Die Vorstellungen von Ehre und Pflicht, die Rituale: bestenfalls leere Hüllen. Thomas´ Mutter bringt es auf den Punkt:
„Der Welt, so scheint es, ist es heutzutage ziemlich egal, ob man ein Adler-Pfadfinder oder überhaupt ein Pfadfinder ist. Es dreht sich nur noch darum, wie viele „Follower“ man hat, wie perfekt der mit Selbstbräuner besprühte Waschbrettbauch aussieht und ob man genial genug war, ein Start-up Unternehmen an den Mann zu bringen, das auch nicht ein einziges nützliches Produkt auf die Beine gestellt hat.“
Männer sind in diesem Buch gezeichnete Wesen. Die Mütter sind die eigentlichen Heldinnen.

Wie ist es geschrieben?
Butler schreibt seine Männergeschichten mit viel Empathie für seine Protagonisten. Es sind beeindruckende Typen, die in sich in dem Buch den Staffelstab reichen. Und ihre Geschichten sind drastisch. Spannend, aber vor allem emotional. Die Leben der drei Figuren sind verkettet und fließen chronologisch ineinander, treiben sich an, die Handlung entwickelt einen Sog. Die Sprache ist eingängig, erleichtert den Lesefluss.

Wie gefällt es?
Wie in vielen US-amerikanischen Romanen sind auch hier die Charaktere zugespitzt. Manches Gute oder Böse wirkt ein wenig holzschnittartig. Mich hat das nicht gestört. Dafür sind die Figuren insgesamt zu stark. Sie können am Beispiel dieser Pfadfinderwelt gut vermitteln, wie ein Teil der amerikanischen Seele tickt, wie sie sich verändert und was sie verliert.

Nickolas Butler: „Die Herzen der Männer“ , Verlag Klett-Cotta, 22 EUR, ISBN: 978-3608983135

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hr-iNFO Büchercheck: Carlos Spottorno & Guillermo Abril „Der Riss“

Auf der einen Seite: teure Grenzzäune, modernste Technik, Schiffe, Flugzeuge und enormer Personalaufwand. – Auf der anderen Seite: Menschen, die auf der Flucht sind, die Wohlstand oder einfach nur Sicherheit suchen. Das ist „Der Riss“, den die EU-Außengrenze markiert. Und der Fotograf Carlos Spottorno und der Journalist Guillermo Abril haben ihn eingefangen – in Fotografien und Texten, die Hintergrundinformationen, Statistiken und reflektierende Kommentare liefern.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat die Graphic Novel gelesen.

Worum geht es?
Spottorno und Abril sind von Melilla, der spanischen Enklave in Marokko, in den Norden Finnlands gereist – ab 2013 über drei Jahre hinweg, von der Süd- bis an die Nordgrenze der EU. Sie waren unter anderem im größten permanenten Flüchtlingslager auf Sizilien – und waren bei einer Seenotrettung von 200 Flüchtlingen im Mittelmeer dabei.
Spottorno und Abril verlieren sich nicht in Einzelschicksalen, sondern zeigen auf, wie das Grenzregime Europas organisiert ist und wie es als großes, umfassendes System funktioniert. Sie verknüpfen die vielen Meldungen, die wir aus den Nachrichten kennen, und zeichnen ein dichtes Bild vom großen Ganzen: von einem Europa, das in einer tiefen Krise steckt, das inzwischen selbst von vielen feinen „Rissen“ durchzogen ist – verursacht von nationalistischen und populistischen Tendenzen.

Wie ist es geschrieben?
Die Machart ist ungewöhnlich und irritiert. Denn in dieser vermeintlichen „Graphic Novel“ wurde nicht ein einziger Strich gezeichnet. Spottorno hat seine Fotografien statt dessen kräftig eingefärbt und die Konturen verstärkt, so dass die Fotos aussehen wie Zeichnungen. Viele Bilder gehen einem nicht mehr aus dem Kopf: das syrische Mädchen z.B., das gerade aus dem Flüchtlingsboot gehoben wird, der junge senegalesische Mann, der seit Jahren im selbstgenähten Planen-Zelt lebt, oder die Soldaten der finnischen Grenzschutztruppe, denen bei Minus 30 Grad der Atem gefriert. Finnland verzeichnete durch die Flüchtlingskrise einen Bevölkerungszuwachs von mehr als 800%.
„Eine afghanische Familie und zwei Kameruner sind dicht gedrängt in einem Lada angekommen. Es sind seltsame Reisegefährten. Wir dürfen nicht mit ihnen sprechen, so will es das europäische Recht. Sie lassen sich vor der Grenze fotografieren. Ihre Gesichter, die warme Kleidung, der Koffer und der Schnee um sie herum sprechen für sich. Es ist, als schaue man in einen Spiegel. Wer sie anblickt, sieht in Wirklichkeit die Welt, die wir sind.“

Wie gefällt es?
Dieses Buch geht an die Nieren. An ihren Stationen entlang der EU-Grenze stoßen Spottorno und Abril immer wieder auf die „europäische Schizophrenie“ – unser moralisches Dilemma: zwischen Abschottungspolitik und Menschlichkeit. Ein Buch, das man sich anschauen sollte. Vielleicht gerade dann, wenn man denkt, das man in den Nachrichten schon alles gesehen hat.

Carlos Spottorno & Guillermo Abril: „Der Riss“, Avant-Verlag, 32 EUR, ISBN: 978-3-945034-65-1

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LeseEule – Rezension: John Greene “Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken”

Aza Holmes ist anders. Sie ist in ihrem eigenen Kopf gefangen. Ein falscher Gedanke und sie wird in die Spirale ihrer Gedanken hinabgezogen. Ihre beste Freundin ist Daisy. Daisy ist das komplette Gegenteil von Aza. Während Aza am liebsten in ihrem Toyota Corolla namens Harold durch die Stadt fährt, arbeitet Daisy in ihrer Freizeit bei Chuck-E.-Cheese und schreibt glühende Star-Wars-Fanfictions. Und trotzdem oder gerade deshalb sind die beiden aller beste Freunde.

Als der Milliardär Russell Pickett verschwindet, sehen Aza und Daisy dies als Chance, schnell an Geld zu kommen, denn auf Hinweise zu seinem Verbleib sind 100.000$ ausgeschrieben! Doch Davis, Picketts Sohn, macht Aza einen Strich durch die Rechnung. Die beiden kennen sich noch aus Kindertagen und als sie sich nun nach so vielen Jahren wieder begegnen, sind Gefühle quasi vorprogrammiert. Doch ist Aza mit ihren Zwangsneurosen überhaupt in der Lage, eine Beziehung zu führen?

Und können Daisy und Aza den verschwunden Milliardär doch noch aufspüren?

Das alles erfahrt ihr in ,,Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“, dem neuen Jugendroman von John Green.

Ich war seit der ersten Minute von dem Buch gefesselt. Ich hatte das Gefühl, bei Aza zu sein, ihre Gedanken zu hören oder mit ihr und Davis den Sternenhimmel zu beobachten. Das bemerkenswerte, ist die Bodenständigkeit und Selbstverständlichkeit der Geschichte und Charaktere. Das Buch eignet sich als tolle Ablenkung für die grauen Tage und macht sich bestimmt auch perfekt unter dem ein oder anderen Weihnachtsbaum.

Wir danken LeseEule für diese Besprechung!

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hr-iNFO Büchercheck: Friedrich Ani „Ermordung des Glücks“

„Die Ermordung des Glücks“ spielt in München, Hauptperson ist Ex-Kommissar Jakob Franck. Er hat die besondere Begabung, verständnisvoll und einfühlsam Todesnachrichten zu überbringen. Trotz Pensionierung darf er das weiterhin – und so gerät er in den Fall eines vermissten elfjährigen Jungen, dessen Leiche nach 34 Tagen gefunden wird.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Lennard Grabbe ist tot, seine Mutter Tanja verliert ihren Halt, ihren Lebensmittelpunkt, verliert auch endgültig den Kontakt zu Vater und Ehemann Stephan. Sie dreht durch, ein wenig Beistand findet sie bei ihrem Bruder, doch eigentlich existiert diese Familie seit der Todesnachricht nicht mehr. Das Glück, so sagt es ja auch der Titel des Buches, ist ermordet worden. Ex-Kommissar Jakob Franck hat diese entsetzliche Nachricht in die Familie gebracht. Er will wissen, wer Schuld hat an diesem Tod, an diesem Unglück, das zunächst so gar keine Spuren hinterlassen hat, kein Indiz, keinen Hinweis.

Wie ist es geschrieben?
Autor Friedrich Ani ist ein Meister der Psychologie: mit Ex-Kommissar Franck vertieft er sich in die Tiefen und Untiefen aller Personen, die sich um den nun toten Jungen bewegt haben. Er beleuchtet die Mutter, den Vater, einen Onkel, Nachbarn und vermutliche Augenzeugen des Mordes. Ein ungeheuer tiefgehendes Psychogramm von Personen –zum Beispiel von der Mutter Tanja Grabbe.
„Wenn sie ihn an diesem Abend ansah, hatte Franck den Eindruck, jenes Ewige Licht, das er hin und wieder in den Augen von Angehörigen als Beweis der unzerstörbaren Verbindung zu einem geliebten, toten Menschen wahrzunehmen meinte, sei in den Nächten ihrer eisigen Einsamkeit erloschen und kein Gebet, kein Lebensfreund, keine Zeitenwende könnten es je wieder entfachen.“

Wie gefällt es?
Friedrich Ani schreibt keine Thriller, keine atemlosen, aktionsgeladenen Krimis. Er ist der Autor für die leisen Töne, für die Hintergründe, die Melancholie, für die dunklen Seiten. Und die hat in diesem Fall fast jede und jeder: die Mutter, der Vater, der Onkel, niemand ist hier ohne Schuld, ohne wirklich verantwortlich zu sein an diesem so unglückseligen Tod eines elfjährigen Jungen. Es geht um Geheimnisse, das Schweigen, das Leiden, und ja, am Ende natürlich um das Unglück, das alle miteinander teilen. Trotzdem hat mich der Krimi „Ermordung des Glücks“ fasziniert, weil er nicht verzweifelt, eben nicht unglücklich macht, sondern schildert, dass Zufälle zum Verschwinden des Glücks führen können.

Friedrich Ani: „Ermordung des Glücks“, Suhrkamp-Verlang, 20 EUR, ISBN: 9783518427552

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hr-iNFO Büchercheck: Edward Docx „Am Ende der Reise“

Der britische Autor Edward Docx ist Journalist und Kritiker und hat bisher vier Romane veröffentlicht. Sein erster, „Der Kalligraph“, ist bisher auf Deutsch erschienen. Dieser Roman hat Lust gemacht auf mehr Bücher von Edward Docx, und so ist in diesem Herbst Edward sein jüngster Roman auch gleich auf Deutsch erschienen. Der Titel: „Am Ende der Reise“
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Am Ende der Reise“ ist ein Reiseroman. Aber zugleich auch ein Familienroman, denn diese Reise ist eine besondere: Louis’ Vater hat ALS und fährt mit seinem Sohn im schepprigen Familien-VW-Bus von London nach Zürich, um dort mit Hilfe der Organisation Dignitas einen begleiteten Suizid zu begehen. Unterwegs steigen noch Louis’ ältere Zwillingsbrüder zu, und im Laufe der folgenden Tage erleben die vier Männer einige kleiner Abenteuer, die sie zusammenschweißen. Und sie erfahren jede Menge intensiver Momente mit den anderen und sich selbst.

Wie ist es geschrieben?
Man könnte denken, das sei ein trauriger oder dunkler Roman. Aber das Gegenteil ist der Fall: „Am Ende der Reise“ funkelt nur so vor Lichtblicken! Edward Docx schreibt flüssig, farbig, witzig, sehr pointiert. Fast alles Traurige oder Pathetische bricht er ironisch auf. Es gibt ernste Szenen, was aber überwiegt, sind die witzigen. Die komischen Erzählungen und Situationen, die mit einem bitteren Familienhumor gespickten Erinnerungen. Und vor allem die absurden und bis zum Zynischen reichenden Dialoge unter den Brüdern.
„Was ist mit dir?“ frage ich. „Mit wem bist du zusammen?“ „Mit jedem. Mit allem. Mit niemandem.“ „Wie fühlt sich das an?“ „In geschlechtlicher Hinsicht sehr befriedigend. In intellektueller Hinsicht erfüllend. In spiritueller Hinsicht einsam.“ „Vielleicht bist du einfach ein frustrierter Monogamist.“ „Das hab ich auch schon ausprobiert. Fühlt sich an wie Sterben…..Dad, wie fühlt sich Sterben an?“

Wie gefällt es?
Es wird sehr viel geredet in diesem Roman – was sollen die Männer sonst auch tun auf ihrer Fahrt? At his best ist Edward Docx in den Dialogen. Die sind schlagfertig, scharfsinnig, spitzfindig, komisch. Oft vieldeutig, manchmal aggressiv, dann wieder sehr behutsam. Da geht es um alles, um Leben und Tod, Liebe und Glück, Zufriedenheit und Identität. Mir kommt Edward Docx’ Roman vor wie eine an langen Seilen hin und her schwingende Hängebrücke. Man blickt in den Abgrund – aber die Heiterkeit der Sprache und der spielerische Umgang mit den großen Themen tragen uns über diesen Abgrund hinweg.

Edward Docx: „Am Ende der Reise“, Kein & Aber, 25 EUR, ISBN: 9783036957654

hr-iNFO Büchercheck: John Banville „Die blaue Gitarre“

Oliver Orme ist eine bizarre Existenz. Er war Maler, ist aber an seinem Anspruch, das Wesen der Welt zu malen, gescheitert. Er hatte eine Familie. Aber seine Tochter ist gestorben, und seine Frau hat er verloren, weil er sie betrogen hat. Mit seiner Freundin klappt es auch nicht. Er hatte sie einem Freund ausgespannt. Überhaupt ist er Kleptomane. Nichts ist vor ihm sicher. Das Klauen hat für ihn eine erotische Dimension. Wie gesagt, ein bizarrer Typ. Eigentlich scheitert er immer an der Realität.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Es geht wie so oft in John Banvilles Romanen um Schein und Sein, um Realität und Fiktion, um das Trügerische in der Welt. Was ist echt, was ist Täuschung? So ist es auch bei Oliver Orme. Sein Selbstbild und die Wirklichkeit, die Innen- und die Außenwelt passen nie zusammen. Er ist ein Egoist, wenn nicht ein Narzisst. Er ist hocheloquent. Daher gelingt ihm der Selbstbetrug so gut. Er kann sich gut rausreden. Man muss ihm, dem Ich-Erzähler, eine Weile folgen, um dann Seite um Seite seine Bodenlosigkeit zu erkennen und am Ende seine Lächerlichkeit. Er, der meinte mit seiner Kunst den Durchblick auf den Kern der Welt zu schaffen, hat gar nichts begriffen. Er hat sich als Opfer stilisiert und war doch immer Täter.

Wie ist es geschrieben?
Wenn dieser gescheiterte Ich-Erzähler sein wahres Wesen hinter einer glitzernden Sprache verbergen kann, dann liegt das am Autor, der ihm diese Sprache verleiht. John Banville ist ein Wortkünstler. Bestechend eloquent, geradezu artistisch und elegant, bildmächtig. Mit wenigen Sätzen baut er gewaltige Stimmungen auf. Zum Beispiel, wenn er seinen Protagonisten einen Traum erzählen lässt.
„Ein Sturm zog auf, und vom dem Fenster unten im Parterre sah ich eine unglaubliche hohe Flut heranrollen; die riesigen Wellen, schwerfällig von der Last des aufgewühlten Sandes, überstürzten sich in ihrem wilden Drang, das Ufer zu gewinnen, und warfen sich krachend gegen die niedrige Kaimauer. Ihre Kämme waren von schmutzig weißem Gischt gekrönt, und ihre tief gekehlten, glatten Unterseiten hatten einen glasig-bösen Glanz. Sie sahen aus wie wetteifernde Hundemeuten, die eine nach der anderen angerast kamen, wutschnaubend, mit weit aufgerissenem Rachen, wie toll, und immer wieder und mit voller Wucht zurückgeschleudert wurden in die Fluten(…..) Ich frage mich, was das alles zu bedeuten hat und warum mich dieser Traum verfolgt, seit ich im Morgengrauen schweißgebadet daraus hochgefahren bin. Ich mag solche Träume nicht, solche wirren, bedrohlichen, bedeutungsschwangeren Träume voll unerklärlichen Zeichen.“

Wie gefällt es?
„Die blaue Gitarre“ ist ein ausgesprochen künstlerisches Buch. Es hat keine spannende Handlung. Ich glaube,man muss es sich erschließen. Mir ist das über die Sprache John Banvilles und die gekonnte Übersetzung gelungen. Es ist ein Buch für stille Winterabende, aber kein Schmöker, sondern ein Buch zum Genießen für Leser mit Lust auf kunstvolle Sprache.

John Banville: „Die blaue Gitarre“, Kiepenheuer&Witsch, 22 EUR, ISBN: 9783462050257

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REGIONALIA Gerhard Zimmermann “Die schönsten Wälder Hessens”

Ebenso wild wie schön sind sie, unsere Wälder! Die scheinbar unberührte Natur – gleichsam Rückzugsort und Freizeitstätte – täuscht so manches Mal über einen langen Einfluss und eine traditionsreiche Bewirtschaftung durch den Menschen hinweg.
Gerhard Zimmermann – Filmmacher und passionierter Naturfotograf – erzählt wunderschöne, faszinierende und auch überraschende Geschichten über Hessens schönste Wälder. Von der erdgeschichtlichen Entstehung über die frühere und gegenwärtige wirtschaftliche Nutzung bis hin zu Flora und Fauna spannt sich der Bogen; gekonnt hält der Autor die Waage zwischen imposantem Bildband und aufschlussreicher wissenschaftlicher Lektüre.

hr-iNFO Büchercheck: Uwe Timm „Ikarien“

Uwe Timm ist ein Schriftsteller, der die Untersuchung der deutschen Vergangenheit immer wieder mit der Erkundung der eigenen Familiengeschichte verbindet. So auch in seinem neusten Roman „Ikarien“.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
In „Ikarien“ rekonstruiert Uwe Timm die Geschichte von Alfred Ploetz, dem Großvater von Uwe Timms Ehefrau. Er war Mediziner und im 19. Jahrhundert zunächst ein begeisterter Sozialutopist. Als solcher besuchte die sogenannten „Ikarier“, eine Kommune im amerikanischen Iowa. Wieder in Deutschland wandte sich Plötz der Rassenforschung zu und wurde schließlich zum Stichwortgeber für den Massenmord der Nazis an Kranken und Behinderten im Namen der sogenannten Rassenhygiene. Was lässt einen Idealisten und Utopisten zum furchtbaren Mediziner werden, an welchen Punkt schlägt Idealismus in Menschenverachtung um – das sind die Leitfragen dieses Romans.

Wie ist es geschrieben?
Uwe Timm erzählt aus der unmittelbaren Nachkriegsperspektive, er erzählt aus der Sicht eines jungen deutschstämmigen US-Soldaten, der den Auftrag erhält, im zerstörten Deutschland die Forschungsergebnisse des Eugenikers Ploetz zu sichern. Diese Figur des Michael Hansen – wie er heißt – erlaubt es Uwe Timm, die Geschichte in klar konturierten, spannungsvollen Gegensatzpaaren zu erzählen – da ist sein Freund George, der sich bald auf das Beobachten von Vögeln beschränkt und deren Vielfalt als Gegenentwurf zum Einheitsdenken der Nazis begreift. Und da ist Wagner, der ehemalige Weggefährte von Ploetz, der zum überzeugten Sozialisten wurde und die Alternative zu NS-Ideologie vom Recht des Stärkeren so formuliert:
„Nein, es sind gerade die Schwachen, die von der Unvollkommenheit wissen, es sind die Schwachen, die in sich die Hoffnung tragen, dass die dumpfe, vor Kraft und Blut dampfende Natur nicht im Recht ist. … Es sind nicht die in Saft und Kraft Stehenden, sondern die Verstümmelten, die an sich und dieser Welt Leidenden, die das Licht der Erkenntnis mit sich tragen. Die Schwachen sind die Starken, weil sie nach Gerechtigkeit verlangen.“

Wie gefällt es?
Ikarien ist ein Roman, den ich mit großer Spannung und teilweise auch mit Bestürzung gelesen. Zu erfahren, mit welcher Überzeugung sich Mediziner gegen jedes Mitleid immunisiert haben, wie sie Kinder und Hilfsbedürftige im Dienste einer Ideologie ermorden ließen und auch nach dem Kriegsende teilweise immer noch der Euthanasie das Wort redeten, ist schockierend. Teilweise war mir dabei die Gegenüberstellung von Gut und Böse allerdings zu schematisch.
Und trotzdem, es ist ein Buch, das genau zeigt, wie eine Einstellung, die nur das Wohl des Volkes und nicht das Schicksale der Einzelnen im Blick hat, zwangsläufig in die Unmenschlichkeit führt. Insofern auch ein Buch, das sehr aktuell ist und dem ich viele Leser wünsche.

Uwe Timm, „Ikarien“, Kiepenheuer und Witsch, 24 Euro, ISBN: 9783462050486

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