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hr-iNFO Büchercheck: Monika Geier „Alles so hell da vorn“

Diesmal führt uns die Kriminalhandlung in die Pfalz, nach Ludwigshafen. Hier arbeitet Kriminalkommissarin Bettina Boll, immer in Hektik, immer im Stress, denn neben der Arbeit erzieht sie noch die zwei Kinder ihrer verstorbenen Schwester. Doch, der Reihe nach: die Geschichte beginnt in Frankfurt am Main.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Die sehr junge Prostituierte Manga empfängt in einem Frankfurter Vorort-Bordell einen Polizisten als Kunden, so weit nicht ungewöhnlich, ist er doch Stammgast und erscheint immer in voller Uniform. Doch der Besuch endet anders als sonst: Manga schnappt sich die Waffe des Polizisten, erschießt ihn, tötet auch noch einen Zuhälter und verschwindet mit dessen Auto Richtung Pfalz. Zielstrebig sucht sie im dem Dorf Höhbrücken den Schuldirektor auf und erschießt auch diesen. Dann lässt sie sich festnehmen. Und in dem Dorf fragen sich alle: handelt es sich bei der Schützin um Meggie, das Mädchen, das vor zehn Jahren spurlos aus dem Ort verschwand und jetzt Rache nimmt? Kriminalkommissarin Bettina Boll wird in die Soko berufen. Erschüttert von der Verstrickung ihres Kollegen in einen möglichen Kinderhandel-Fall, hin- und hergerissen zwischen der Arbeit und den Kindern, die sie erzieht, und abgelenkt von einem Hausverkauf, schafft sie es, die richtigen Zeugen zu befragen, die richtigen Fragen zu stellen, sich loyale Kollegen zu Hilfe zu rufen. Und am Ende den Fall aufzuklären, auch wenn nicht alle Schuldigen gefasst werden.

Wie ist es geschrieben?
Monika Geier hat einen besonderen Ton, einen eigenen Sound, böse, lakonisch, voll von schwarzem Humor, manchmal ausschweifend, an den richtigen Stellen verknappend – „Alles so hell da vorn“ ist ein Krimi auf höchstem Niveau. Er spielt in der Provinz, ist aber das Gegenteil von provinziell. Monika Geier beherrscht die Zeichnung von zum Teil skurrilen Personen, von Atmosphäre, von Gefühl und Aktion aufs allerbeste.
“Freunscht sah sie an und sagte: „Frau Boll, ich glaube, Sie haben da tatsächlich ein Detail ermittelt, das der Soko Meggie damals entgangen ist.“ Jetzt erst registrierte Lingen Bettinas Anwesenheit wirklich. Sein Blick fuhr einmal an ihr hinunter und dann voll triefender Verachtung wieder hoch. Schlampe, sagte dieser Blick. Analphabetin. Frau. „Spezialausbildung“, antwortete Bettina hochnäsig. „Glück“, fuhr Freunscht ihr von der Seite über den Mund.“

Wie gefällt es?
Für mich ist Monika Geier eine Entdeckung, eine späte, denn „Alles so hell da vorn“ ist bereits ihr siebter Fall mit Kriminalkommissarin Bettina Boll. Ich bin komplett begeistert von diesem Krimi, von der Sprache, dem subtilen Witz und der lässigen Darstellung einer chaotischen, aber äußerst klugen Kommissarin im Gestrüpp der Pfälzer Bürokratie. Unbedingt lesen!

Monika Geier: „Alles so hell da vorn“, Ariadne im Argumentverlag, 13 EUR, ISBN: 9783867542234

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LeseEule: Nicola Yoon “Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt”

Madeline ist 18 Jahre alt und hat noch nie das Haus verlassen. Ihr Leben wird seit ihrer Geburt durch einen Imundefekt bestimmt, durch den sie außerhalb des mit Luftfiltern und UV-Schutz ausgestatteten Hauses nicht überleben würde. Eigentlich kommt Madeline mit diesem Leben auch gut klar, sie hat ihre Mutter und ihre Krankenschwester und verbringt den ganzen Tag mit lesen oder lernen. 

Doch eines Tages begegnet sie Olly, der sie neugierig auf die richtige Welt macht und ihr zeigt, dass es im Leben nicht nur um Bücher geht und es sich lohnt, ab und zu mal ein Risiko einzugehen.

Mich hat das Buch sehr berührt. Die Geschichte und die Gefühle der Protagonistin wurden meiner Meinung nach sehr gut dargestellt, wodurch ich vom Buch gefesselt war und es erst wieder weglegen konnte, als ich es fertig gelesen hatte.

Das Buch von Nicola Yoon eignet sich für jeden, der gerne Liebesgeschichten liest und mal Lust auf etwas Neues, nicht so ganz klischeehaftes hat.

Wir danken LeseEule für diese Rezension!

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hr-iNFO Büchercheck: Anke Stelling „Fürsorge“

“Fürsorge“, der Titel klingt nach einem Sachbuch oder auch nach einem Ratgeber für Mitarbeiter von Pflegediensten. Aber Anke Stelling hat einen Roman geschrieben, einen ganz besonderen sogar.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Achtung! Dieser Roman packt ein Tabu-Thema an: den Inzest. Nadja heißt die Protagonistin, sie ist Ende 30, war eine berühmte Balletttänzerin und hat das Tanzen gerade an den Nagel gehängt. Sie ist eine zierliche, zeitlos schöne Frau, die sich ihr Leben lang nur über ihren Körper definiert hat. Eines Tages besucht Nadja ihre Mutter und ihren 16jährigen Sohn, der bei der Großmutter aufgewachsen ist. Um ihn hat sich Nadja nie gekümmert, sie kennt ihn nicht. Und diesem großen, muskulösen jungen Mario verfällt Nadja, wie sie noch nie einem Mann verfallen ist. Es entwickelt sich eine hemmungslose sexuelle Beziehung von ungeheurer Wucht. Am Schluss des Romans bekommt Nadja ein Kind, ist also Mutter und Großmutter zugleich.

Wie ist es geschrieben?
Anke Stellings Sprache und ihr Stil sind so kühl und distanziert wie ihre Haltung gegenüber ihren Figuren. Sie schreibt präzise und pointiert, manchmal auch spitz – aber eben mit großer Distanz aus der Sicht einer Bekannten von Nadja. Mit einem Blick für die Gründe und Abgründe ihrer Protagonisten, sehr sensibel – aber wie durch ein umgedrehtes Fernrohr. Nah und fern zugleich. Man kann sich nicht fallen lassen in diese Geschichte, die Figuren sollen dem Leser fremd bleiben. Und ab und zu schlägt die bewusste Sachlichkeit auch um in eine schräge Bosheit.
” Nadja richtet sich auf, sieht zu, wie Mario aus Jacke und Turnschuhen schlüpft. Das Geräusch, das entsteht, als der eine Schuh beim Abschütteln gegen den Bettkasten stößt, lässt Nadja kurz die Augen schließen; als sie sie wieder öffnet, ist Mario schon bei ihr. Nadja ist leicht und unnatürlich biegsam. Mario ist schwer und unnatürlich stark. Er betrachtet Nadja als eine seiner Trainingsmaschinen, dazu vorgesehen, die Funktionen seines Körpers zu verbessern.“

Wie gefällt es?
Der Roman provoziert, auch durch Fragen, die er stellt, aber nicht beantwortet. Was dürfen Mütter mit Söhnen machen? Und Söhne mit Müttern? Wie wäre es, wenn eine Vater-Tochter-Beziehung geschildert würde? Einmal wird im Roman die umstrittene Ausstellung „Körperwelten“ des Anatoms Gunther von Hagens erwähnt. In der ja menschliche Körper aufgeschnitten und plastiniert zur Schau gestellt wurden. Anke Stellings Roman arbeitet ähnlich: er zeigt das Intimste, das Innerste seiner Figuren, und trotzdem bleiben sie kühl und fremd. Und behalten ihr Geheimnis. Ich finde: Ein packender Roman!!

Anke Stelling: „Fürsorge“, Verbrecher Verlag 2017, 19 EUR, ISBN: 9783957322326

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hr-iNFO Büchercheck: Karl Ove Knausgard „Kämpfen“

Er wird gefeiert wie ein Popstar. Seine Lesungen müssen in größere Säle, in Theater, manchmal sogar Hallen verlegt werden und trotzdem immer ausverkauft. Dabei schreibt der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgard nur über sich selbst und sein wenig aufregendes Leben.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

 

Worum geht es?

Dieses Buch ist eine Zumutung – aber das war dieses autobiografische Projekt von Anfang an. „Min Kamp“ – das ist der obsessive Versuch eines Autors, durch das möglichst  genaue Beschreiben des eigenen Lebens größtmögliche Kontrolle über dieses Leben zu gewinnen. „Kämpfen“ ist der Abschluss dieses radikalen Selbstermächtigungsprojekts und zugleich ein Nachdenken über die Bedeutung dieser Bücher für das Leben ihres Autors und der Menschen, die zu diesem Leben gehören. Es besteht aus zwei Teilen: Der erste spielt wenige Tage vor der Veröffentlichung des ersten Bandes im Jahr 2009 und handelt unter anderem von den wütenden Reaktion eines Onkels Knausgards, der die Veröffentlichung unter allen Umständen verhindern wollte. Der zweite Teil schildert die Zeit vor dem Erscheinen des dritten Bandes und vor allem die schwere Depression, die Knausgards Bücher damals bei seiner Ehefrau auslösten. Zwischen diesen beiden Teilen gibt es einen fast 500-seitigen Essay über verschiedene Schriftsteller, den Holocaust, über Hitler und darüber, welche Beziehungen zwischen seinem Mein-Kampf-Werk und dem von Knausgard bestehen.

 

Wie ist es geschrieben?

Das ist in diesem Fall gar nicht so eindeutig zu sagen. Der Essay über Hitlers „Mein Kampf“ ist teilweise in einem literaturwissenschaftlichen Fachjargon geschrieben, der ein flüssiges Lesen nicht unbedingt erleichtert. Bei aller Mühe, die diese Lektüre bedeutet, gelingen Knausgard dann aber immer äußert präzise Einsichten in die Natur des Totalitären im Allgemeinen und Hitler im Besonderen:

” Hitler hat erkannt, dass Gefühle immer stärker sind als Argumente und die Stärke in einem Wir, die Sehnsucht, der Traum und die Lust auf eine Gemeinschaft unendlich viel größer ist als die Kraft, die in der Fürsorge für ein Sie liegt.“

In den autobiografischen Teilen dieses Buches  schreibt Knausgard wieder in einen schnörkellosen Stil, der jedes Ereignis und jeden Gedanken genauestens protokolliert. Das wirkt auf den ersten Blick banal, entfaltet aber sehr schnell jenen Sog, für den Knausgard von seinen Fans geliebt wird.

 

Wie gefällt es?

Ich habe mich von diesem Erzählsog mitreißen lassen. Ich bin Knausgard 1280 Seiten fasziniert gefolgt. Ja, ich habe mich ständig gefragt, was ist daran Literatur, was daran bloß das banale Leben eines Autors ? Aber genau, das ist die Frage, um die es Knausgard geht. Er will das Verhältnis von Literatur und Leben mit einer Radikalität ausloten, wie es kaum jemand vor ihm gewagt hat. Man muss an dieser Fragestellung interessiert sein – dann ist dieses Buch ein unvergleichliches Abenteuer. Für mich war es eine 1280-seitige Offenbarung – bislang das größte Literaturerlebnis dieses Jahres.

 

Karl Ove Knausgard: „Kämpfen“, Luchterhand Verlag, 29 EUR, ISBN: 9783630874159

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hr-iNFO Büchercheck: Flurin Jecker „Lanz“

Lanz ist 14. Eigentlich will er nur einen Draht zu seiner Mitschülerin Lynn. Deswegen meldet er sich in der Projektwoche seiner Schule für einen Kurs im Bloggen an. Der wird zwar von einem Lehrer geleitet, den er gar nicht ab kann. Aber was macht man nicht alles, wenn man 14 ist und genau an das Mädchen ran will, das wie eine Göttin über den Schulflur schwebt und einen bislang nicht mal wahr genommen hat?
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Flurin Jecker erzählt in seinem Debütroman also die Geschichte eines Pubertierenden. Lanz, der Lanzelot heißt, hängt in der Luft, ist unsicher. Kein Kind mehr, noch kein Erwachsener. Verschiedene Nöte plagen ihn. Er hatte noch nie einen Kuss von einem Mädchen, geschweige denn Geschlechtsverkehr. Erschwerend kommt hinzu, dass seine Eltern sich getrennt haben. Und dass beide nicht so wirklich Zeit für ihn haben, sondern mehr mit sich selbst zu tun haben. Nun sitzt er in der Schule im Projekt und weiß nicht, was er schreiben soll in seinem Blog. Verstohlen guckt er zu Lynn.
““Hey“, sagte sie, als sie abhockte. Sie tat, als wäre sie ultra die Sekretärin, die gerade viel zu tun hat. Ich dachte, dass sie hundertprozent dachte, dass ich wegen dem Blog da war, weil ich ja jetzt schon schrieb, bevor überhaupt die Lektion angefangen hatte. Ich sagte dann so im Satz „Hey“ zurück, dann schrieb ich weiter. Und das ist dann schon sehr behindert. Ich meine, ich will ja unbedingt mit ihr reden, tue dann aber so, als würde sie mich einen Scheiß interessieren. Lustigerweise hat sie die genau gleiche Taktik. Aber das heißt ja irgendwie, dass sie will, dass ich glaube, dass sie nichts von mir will. Und das ist doch ein gutes Zeichen, oder?“
Leider kommt es anders. Lynn fährt nach dem Projekt gleich in den Urlaub, kommt nicht mal zur Abschlussparty. Lanz macht einen harten Schnitt. Er haut ab von zu Hause, fährt in die Schweizer Provinz zu Verwandten, rennt mit den Jugendlichen dort über die Felder, kifft und hat Spaß.

Wie ist es geschrieben?
Lanz schreibt in seinem Blog, was er erlebt und fühlt. Der Blog ist gewissermaßen der Roman. Flurin Jacker ist also ganz nah an seinem Protagonisten. Er schreibt nicht nur aus dessen Perspektive, auch in dessen Sprache. Die Grammatik entspricht nicht immer dem Duden, bei manchen Wörtern fehlen Silben. Manchmal ist unklar, ob Ausdrücke einem Schweizer Dialekt entstammen oder Verballhornungen aus der Jugendsprache sind. Manchmal irritiert das, aber interessant ist es allemal.. Kommt wahrscheinlich darauf an, wie alt man selbst ist.

Wie gefällt es?
Mein jüngster Sohn ist 14. Ich habe Salingers „Fänger im Roggen“ gelesen und Herrndorfs „Tschick“. Aber in Flurin Jeckers „Lanz“ habe ich am ehesten die Welt meines jüngsten Sohnes wieder gefunden. Insofern habe ich in diesem Buch ein paar Momente wieder erkannt und ein paar Dinge besser verstanden. Und es hat mir Spaß gemacht, in diese Sprache einzutauchen, die nun wirklich ganz weit weg von meiner ist. Hat sich gelohnt.

Flurin Jecker: „Lanz“ , Verlag Nagel & Kimche, 18 EUR, ISBN: 9783312010226

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hr-iNFO Büchercheck: Michela Murgia Chirú

Mutter, Geliebte, Lehrerin – all das ist Eleonora für den jungen Chirú. Und keine
der drei darf in dieser ungewöhnlichen Beziehung die Oberhand gewinnen.
Was sich zwischen Eleonora und Chirú abspielt, ist sinnlich, lehrreich und
emotional höchst brisant.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Eleonora ist eine renommierte, erfolgreiche Theaterschauspielerin Ende dreißig. Sie ist attraktiv,
gebildet und weltgewandt. – Und hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Männer mit einem
besonderen Talent zu fördern. Ihr neuester Schüler ist der 18jährige Chirú, ein begabter junger
Geiger. Eleonora führt ihn in ihre schillernde Welt ein und macht ihn mit Künstlern und
Intellektuellen bekannt. Sie lehrt ihn Menschen zu lesen, ihr Verhalten, ihre Aussagen – und auf
die Details ihrer Kleidung zu achten. Sie zeigt ihm, wie wichtig es ist, sein Lebensziel zu kennen,
darauf fokussiert zu sein – und wie man es – notfalls durch Verstellung – erreicht. Aber Chirú ist
nicht der einzige, der durch diese Beziehung lernt. Denn die beiden entwickeln eine innige,
körperliche Vertrautheit, die Chirú so sehr von Eleonora abhängig macht, wie umgekehrt.

Wie ist es geschrieben?
Michela Murgia ist eine scharfsichtige Beobachterin von Menschen und Situationen – mit einem
feinen Gespür für abgründige Dialoge. Das hat sie auch ihrer Hauptfigur Eleonora mitgegeben –
ebenso wie einen ziemlich amüsanten zynischen Unterton. Perfekt geeignet um zum Beispiel die
frivole Party-Gesellschaft in der Prachtvilla eines römischen Produzenten auseinander zu
nehmen.
“Während wir weiter hineingingen, wies ich ihn diskret auf die Flut von Presseleuten auf der
Suche nach Kontakten hin, von Kritikern, Zulieferern verschiedener Presseerzeugnisse, und vor
allem auf die Dutzende kräftiger, junger Männerkörper, zweifelhafte Talente mit
unzweifelhaften Deltamuskeln, die wahllos und in alle Richtungen ihre Verführungskraft
verströmten.”

Wie gefällt es?
„Chirù“ ist die Demontage einer asymmetrischen Beziehung. Die zwischen Mentor und Schüler.
Und eine aufschlussreiche Geschichte über die Formung von Menschen. Wie werden wir zu dem,
der wir sind? Wie sehr beeinflussen uns dabei andere Personen in unserem Leben? Wenn man
Michela Murgia folgt, ist der Einfluss erschreckend groß – und manchmal fatal.
„Chirù“ ist ein kurzer und kurzweiliger Roman, der mich immer wieder zum Lächeln gebracht hat
– und zum „Mehrfach-Lesen“ von besonders geistreichen Analysen. Der leichte Hang zu Kitsch
und Pathos ist geschenkt: schließlich ist die Autorin Michela Murgia Sardin – und da ticken die
Leidenschaften nicht nur etwas anders -: kulturelle Unterschiede beleben auch den emotionalen
Lesehorizont.

Michela Murgia: „Chirú“, Verlag Klaus Wagenbach, 20 EUR, ISBN: 9783803132871

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hr-iNFO Büchercheck: Kanae Minato „Geständnisse“

Das Buch „Geständnisse“ von Kanae Minato führt uns nach Japan, zu einer Lehrerin, die wegen des Todes ihrer Tochter Rache nimmt. Eine Rache, die viele Menschen ins Unglück stürzt.
hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Yuko Moriguchi ist Lehrerin an einer Mittelschule in der Provinz, als ihre kleine Tochter Manami tot im Schulschwimmbecken gefunden wird. Ein tragischer Unfall, so das Ergebnis der Untersuchung. Aber Moriguchi hat Zweifel und findet die Wahrheit heraus: zwei Schüler ihrer Klasse haben gemeinsam Manami umgebracht. Als sie am Ende des Schuljahres ihren Abschied erklärt, berichtet sie in einer langen Rede ihren Schülerinnen und Schülern, was wirklich passiert ist. Sie nennt zwar nicht die Namen, aber alle wissen, wer die Schuldigen sind. Weil diese noch strafunmündig sind, erklärt Moriguchi zudem, in welcher Form sie den Mord rächen will: Die Täter sollen selbst nicht mehr sicher sein, noch lange zu leben. Damit setzt sie ein Drama in Gang, das sie nicht mehr unter Kontrolle hat, und das weitere Todesopfer fordert.

Wie ist es geschrieben?
Fünf Perspektiven, fünf verschiedene Geschichten, fünf Kapitel, die die Umstände des Mordes an der Tochter der Lehrerin Moriguchi erklären. Am Anfang ist es die Lehrerin selbst, die in ihrer Abschiedsrede die Wahrheit aufdeckt – doch dann gibt es auch die Wahrheiten der anderen: einer Klassenkameradin, der beiden Täter und der Mutter eines der Täter. Ein intelligentes, spannendes Konstrukt, ein Puzzlespiel, das sich im Kern um Verletzlichkeit, Zugehörigkeit, Egoismus und Anerkennung dreht und in Rache, Gewalt und Mord endet. Und am Ende scheinen alle Psychopathen zu sein, auch die Lehrerin und Mutter des Opfers.
„Nicht aus Edelmut halte ich die Identität von A und B geheim. Ich habe der Polizei nichts gesagt, weil ich der Justiz nicht zutraue, sie angemessen zu bestrafen. A hatte Manami töten wollen, war dann aber nicht der Verursacher ihres Todes, während B sie nicht hatte töten wollen und doch ihren Tod bewirkt hat. Würde ich sie der Polizei ausliefern, dann würden sie vermutlich nicht mal in eine Erziehungsanstalt kommen; ihre Strafe würde auf Bewährung ausgesetzt werden, und die ganze Sache wäre vergessen. Ich wünschte, ich könnte A unter Strom setzen und B ertränken, wie er meine Tochter ertränkt hat.“

Wie gefällt es?
„Geständnisse“ von Kanae Minato ist ein böses Buch über die Untiefen der menschlichen Psyche, über verletzte Kinderseelen und die Auswirkung von zu starken oder zu schwachen Müttern. Über den Wahn, in den man sich steigern kann, wenn man sich vernachlässigt, verlassen und verraten fühlt. Mich hat fasziniert, wie Kanae Minato das Verhalten der fünf Protagonisten seziert, es erklärt und damit verständlich macht. Und gleichzeitig überliefen mich mehrfach Schauer des Grauens angesichts der emotionalen Kälte der Täter, die doch nach nichts mehr gieren als nach menschlicher Zuneigung.

Kanae Minato: „Geständnisse“, C. Bertelsmann-Verlag, 16,99 EUR, ISBN: 9783570102909

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hr-iNFO Büchercheck: Marco Balzano „Das Leben wartet nicht“

Ninetto ist neun. Er lebt in einem Dorf auf Sizilien. Seine Familie ist arm. Zu essen gibt es oft nur Brot mit Sardellen. Wenn überhaupt. Ninetto ist abgemagert. Sein Spitznamen beschreibt das treffend: Haut und Knochen. Ninetto liebt seine Mutter, aber nach einem Schlaganfall muss sie in ein Heim. Ninetto bleibt beim Vater, der schickt ihn weg. Mit einem Bekannten aus dem Ort fährt er nach Mailand, um dort einen Job zu finden.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Marco Balzano erzählt in seinem Roman am Beispiel Ninettos die Geschichte der italienischen Kinderemigranten. Männer, die heute Ende 60 sind, wurden aus ihren Familien heraus gerissen und fanden sich nach langer Zugfahrt irgendwo in der Industrieregion um Turin, Mailand und Genua wieder. Dort lebten sie in mehr oder weniger prekären Wohnverhältnissen. Vom ersten Tag an mussten diese Kinder für ihr Überleben arbeiten. Ninetto findet einen Job als Fahrradbote bei einer Wäscherei. Natürlich wird er ausgebeutet. Als er älter wird, arbeitet er bei Alfa Romeo.
„Die Geschichte ist in zwei Minuten erzählt, da brauche ich nicht nach Wörtern zu suchen, die ich kenne. Vier Jahre am Fließband die Drehmaschine überwachen und weitere achtundzwanzig auf einem Gabelstapler – das bin ich. Jeden Tag neun Stunden pro Tag Motorteile hochhieven und sie von einem Ort zum anderen transportieren, Ende. Stopp. Ein Roboter, kein Mensch. Ein mechanischer Arm, kein schlagendes Herz…“
Ein Leben voller Enttäuschungen und Abstumpfungen, getrieben von ein wenig Hoffnung. Er heiratet, bekommt eine Tochter, setzt sich in der Gewerkschaft ein. Doch dann, als er die Tochter in den Armen eines Mannes sieht, gehen seine Emotionen mit ihm durch. Er sticht auf den jungen Mann ein, kommt ins Gefängnis. Als er wieder rauskommt, findet er sich nicht mehr zurecht.

Wie ist es geschrieben?
Marco Balzano erzählt die Geschichte konsequent aus der Perspektive Ninettos in der Gegenwart und in Rückblenden. Es ist ein einfaches und direktes Erzählen, aber dieser Ich-Erzähler hat Distanz zu sich und er ist ein poetischer Mensch. Dadurch entstehen sehr atmosphärische und zugleich dokumentarisch genaue Bilder. Es ist ein authentisches und reizvolles Erzählen. Seite für Seite gewinnt die Figur an Tiefe. Mitleid verdient sie ohnehin.

Wie gefällt es?
Ich habe „Das Leben wartet nicht“ sehr gerne gelesen. Es ist ein Roman voller Wahrheiten und echten Gefühlen. Er ist gut recherchiert. Und er hat mir ein Fenster geöffnet auf eine Welt, die ich vorher nicht kannte. Eine Welt übrigens, in der die Hoffnung bleibt. Ich finde, das ist – unterm Strich – viel.

Marco Balzano: „Das Leben wartet nicht“, Diogenes Verlag, 22 EUR, ISBN: 9783257069839

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LeseEule: Sebastian Fitzek “AchtNacht”

In Sebastian Fitzek’s neustem Thriller wird ein Alptraum zur Realität: ein Unbekannter ruft zur Todeslotterie auf. Jeder kann nominieren und jeder kann nominiert werden. Das Ziel: in der AchtNacht den ausgelosten ,,Gewinner” zur Strecke zu bringen. Als Belohnung winken 10.000.000€. Und angeblich ist das Töten dieses Menschen in dieser Nacht sogar legal und wird nicht geahndet. Benjamin Rühmann hat bis kurz vor Anbruch der AchtNacht keine Ahnung was los ist. Seine Tochter Jule, die nach einem Autounfall beide Beine verloren hat, wollte angeblich Selbstmord begehen. Er ist sich jedoch sicher, dass sie selbst nichts damit zu tun haben kann. Nun muss er auch noch versuchen die AchtNacht zu überleben. Denn wenn 10 Millionen € auf jemanden ausgesetzt sind, kann man nie wissen, wem man noch trauen kann und wem nicht…

Bei mir hat das Buch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich konnte mich teilweise gar nicht mehr davon los reißen,  so sehr hat mich die Geschichte gefesselt. Ich empfehle das Buch jedem, dem die anderen Bücher von Fitzek auch schon so gut gefallen haben und mal wieder Lust auf einen Thriller mit Gänsehautgrantie hat.

Wir danken LeseEule für diese Empfehlung!

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hr-iNFO Büchercheck: Doris Knecht „Alles über Beziehungen“

„Alles über Beziehungen“, dieser Titel klingt nach einem Sachbuch oder nach einem Beziehungs-Ratgeber. Das ist möglicherweise so beabsichtigt, aber führt uns auf eine völlig falsche Fährte: „Alles über Beziehungen“ ist der vierte Roman von Doris Knecht.
hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Viktor heißt der Protagonist, er ist Regisseur und wird demnächst 50. Ein relativ unscheinbarer Durchschnittstyp voller Minderwertigkeitskomplexe, die er mit Arroganz kompensiert. Viktor ist umgeben von einer Traube von Frauen: eine Ehefrau und zwei Ex-Frauen. Fünf Töchter aus drei Ehen. Schauspielerinnen, Mitarbeiterinnen, Frauen, die ihn bewundern oder vielleicht auch nur ausnutzen. Weil Viktor sich oft so schwach und klein fühlt, lässt er sich von ein paar Geliebten trösten. Und damit er sich nicht allzu mies vorkommt, stilisiert er sich vom Täter zum Opfer: Ein Therapeut bescheinigt ihm auf dringende Anfrage hin eine Sexsucht.
„Es ging Viktor nun mal besser, wenn Viktor auch noch mit anderen Frauen schlief, weil Viktor, das musste er sich selbst mitunter eingestehen, ein bisschen ein Narzisst war, weil er sich und seine leider nicht offensichtliche, aber wenig bestreitbare Groß- und Einzigartigkeit gerne gespiegelt sah in den Augen von Frauen, bei denen er sich noch nicht abgenutzt hatte. .. Und weil er eben hypersexuell war.“

Wie ist es geschrieben?
Witzig und sehr pointiert! Weil Doris Knecht eine intelligente Erzählerin ist, die nicht oder kaum übertreibt nicht, sondern dosiert. Sie führt Viktors Sexsucht z.B. ad absurdum, indem sie diese fast ernst zu nehmen scheint und nur durch die eine oder andere flapsige Bemerkung entlarvt. Dazu kommen eine Menge komischer Dialoge und Analysen von komplizierten emotionalen Gemengelagen. Viktor will sich z.B. an keine Geliebte binden, trennt sich sofort, wenn Ansprüche angemeldet werden. Ist aber umgekehrt total beleidigt, wenn eine Frau Schluss mit ihm macht. Er selbst ist einfach zu schwach – oder besser: zu kindlich-genusssüchtig – um klar Schiff zu machen.

Wie gefällt es?
Ich habe mich bestens amüsiert. Doris Knecht schreibt scharfsinnig, scharfsichtig, spannend und schlau. Wobei die Komik auch gebrochen wird, weil es einen ernsten Erzählfaden gibt. Magda nämlich, Viktors Frau, erfährt ja, dass er sie seit Jahren permanent betrügt. Für Magda stürzt in diesem Moment ihr ganzes Leben ein. Aber sie wächst über sich hinaus, während Viktor in seiner Egozentrik stecken bleibt. Ein bisschen böse ist dieser Roman, und sehr unterhaltend. Nicht nur für Frauen!!

Doris Knecht: „Alles über Beziehungen“, Rowohlt Verlag, 22,95 EUR, ISBN: 9783871341687

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